105. Auflage der Tour de France mit 11 Deutschen: Aussichten auf Etappensiege sind vorhanden

Autor: Bernd Mülle     veröffentlicht am 06 Juli 2018    
 
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Pressekonferenz zum Tour-Start
Foto: Arne Mill

Nach den neuen Bestimmungen der UCI sind in diesem Jahr bei den Grand Tours nur noch acht Fahrer pro Mannschaft zugelassen, so dass auch bei der am kommenden Samstag beginnenden Tour de France das Starterfeld bei 22 teilnehmenden Mannschaften statt 198 erstmals nur noch 176 Fahrer umfasst. Die Anzahl der deutschen Starter hat sich dabei auch von 16 auf 11 Fahrer reduziert, die mit unterschiedlichen Ambitionen ins Rennen gehen werden. Leider nicht dabei sind so starke Klassementfahrer wie Emanuel Buchmann vom Team BORA-hansgrohe, im letzten Jahr immerhin 15. der Gesamtwertung, oder der Berliner Maximilian Schachmann von Quick-Step Floors, dem verständlicher Weise nach seiner beeindruckenden Fahrweise beim diesjährigen Giro d’Italia eine Pause gegönnt wird. 

So liegt das Hauptaugenmerk der deutschen Starter wieder einmal auf die Sprintankünfte bei den Flachetappen, wofür vor allem Andre Greipel, Marcel Kittel und auch John Degenkolb in Frage kommen. Insgesamt sind in diesem Jahr 3.351 Kilometer zurückzulegen und da es zu Beginn kein Einzelzeitfahren gibt, haben die Sprinter die Chance nach der 1. Etappe ins Gelbe Trikot zu schlüpfen. Für Andre Greipel vom Team Lotto Soudal, der derzeit mit sechs Saisonsiegen an der Spitze der deutschen Fahrer rangiert und die Erfahrung aus 15 Grand Tours mitbringt, eine Gelegenheit als erster Träger des Gelben Trikots bei seiner achten Tour de France-Teilnahme ausgezeichnet zu werden und damit das Dutzend seiner Etappensiege in Frankreich voll zu machen. Unterstützung findet er wie so oft in seinem Team in erster Linie von seinem langjährigen Freund und Weggefährten Marcel Sieberg, der die große Schleife bereits zum neunten Mal in Angriff nehmen wird. Für den kongenialen Anfahrer liegt der Focus hauptsächlich auf die Sprintankünfte, wo er stets dafür sorgt, dass Andre Greipel in die richtige Position gefahren wird. 

Gleich zu Beginn bekommt Andre Greipel Konkurrenz vor allen Dingen von seinem Landsmann Marcel Kittel vom Team Katusha-Alpecin, der mit bisher 14 Etappensiegen bei fünf Tourstarts aus deutscher Sicht am erfolgreichsten ist. Er hat zwar mit seinen Landsleuten Tony Martin, Nils Politt und Rick Zabel tatkräftige Unterstützung in seinem Team, aber der bisherige Saisonverlauf mit „nur“ zwei Etappensiegen für den Modellathleten bei Tirreno-Adriatico stellt keine optimale Ausbeute dar, so dass er sich vor Tourbeginn eher bescheiden gibt. „Das Ergebnis mit fünf Tagessiegen im Vorjahr wird sich kaum wiederholen lassen, ein Sieg ist aber wie immer das Ziel“, gab sich Marcel Kittel zurückhaltend. Der Katusha-Zug läuft offensichtlich noch nicht perfekt, ohnehin durch den Ausfall des verletzten Österreichers Marco Haller geschwächt. 

 

Für Tony Martin gilt es in erster Linie bei seiner zweiten Grand Tour in dieser Saison Akzente beim Einzelzeitfahren der 20. Etappe über 31 km zu setzen und darüber hinaus auf der hammerharten 9. Etappe von Arras nach Roubaix über 154 km mit 15 (!) Pflastersektoren auf der Höhe zu sein. Bei seiner 10. Teilnahme in Frankreich wäre ein Etappensieg für den Deutschen Meister im Einzelzeitfahren schon wichtig, um seine in diesem Jahr eher bescheidene Ausbeute an Topplatzierungen zu verbessern. Jeweils zum zweiten Mal dabei sind Nils Politt und Rick Zabel, die in erster Linie Helferdienste zu verrichten haben und dabei auch für den russischen Klassementfahrer Ilnur Zakarin kräftig in die Pedalen treten werden. Vielleicht ergibt sich auch für Rick Zabel als spurtschnellen Fahrer ein ums andere Mal die Möglichkeit, in die Top Ten zu fahren, während wir über den Auftritt von Nils Politt insbesondere bei der Etappe nach Roubaix mehr als gespannt sind. 

 

Ein sehr erfahrener Teilnehmer ist Marcus Burghardt vom deutschen Team BORA-hansgrohe, der bei seiner ebenfalls 10. Teilnahme sich wieder ganz in den Dienst des Weltmeisters Peter Sagan aus der Slowakei stellt und bei den Sprintankünften dabei eine wichtige Rolle spielen wird. Ob er seinem Etappensieg aus dem Jahre 2008 auf der Fahrt nach Saint-Etienne noch einen zweiten zufügen kann, bleibt abzuwarten, doch mit dem gerade 35 Jahre alt gewordenen vorjährigen Deutschen Straßenmeister ist immer zu rechnen, besonders dann, wenn er es einmal in eine Fluchtgruppe schafft, die vom Hauptfeld nicht mehr eingeholt wird.  

 

Mit zwei Fahrern vertreten ist das zweite deutsche Team Sunweb, das Nikias Arndt (2. Teilnahme) und Simon Geschke (6. Teilnahme) ins Rennen schickt. Kapitän ihres Teams ist der Niederländer Tom Dumoulin, der nach seinem Sieg beim Giro d’Italia 2017 und dem diesjährigen zweiten Platz in Italien nun zum fünften Mal die Tour de France in Angriff nimmt und einen Podiumsplatz anpeilt. Ob er die Form vom Giro konservieren konnte ist schwer einzuschätzen und die Konkurrenz ist um einiges stärker einzuschätzen als beim Giro. Die beiden Deutschen sind jedenfalls als Helfer gefordert und dabei gilt es auch dem Australier Michael Matthews zu unterstützen, der nur allzu gern sein Grünes Punktetrikot aus dem Vorjahr verteidigen möchte. Für den schnellen Nikias Arndt, auch ein bekannt guter Zeitfahrer, sollte durchaus die Möglichkeit bestehen, bei den Sprintankünften vorne mitzumischen, während der gebürtige Berliner Simon Geschke als guter Bergfahrer wieder einmal glänzen könnte, nachdem er im Jahre 2015 auf der Etappe von Digne-Les-Bains nach Pra-Loup im Alleingang seinen bislang spektakulärsten Sieg herausgefahren hatte. 

 

Für den erfahrenen Paul Martens aus dem niederländischen Team LottoNL-Jumbo ist es die vierte Teilnahme in Frankreich, wo er sich ganz in den Dienst der Niederländer Robert Gesink, Dylan Groenewegen und Steven Kruijswijk sowie des starken Slowenen Primoz Roglic stellen wird. Bei insgesamt acht Grand Tours hat der in Rostock geborene und seit 2007 jetzt in Belgien lebende Paul Martens als Dritter beim Giro d’Italia 2013 auf der 5. Etappe von Cosenza nach Matera seine bislang beste Platzierung erreicht, die er gern noch einmal toppen würde. 

Ein anderer Fahrer hat schon 11 Grand Tours bestritten, darunter fünfmal die Tour de France, aber er hat noch immer keinen Etappensieg dort errungen. Es handelt sich hierbei um John Degenkolb vom Team Trek-Segafredo, dem Klassikerspezialisten aus Oberursel, der nicht weniger als sechsmal auf den zweiten Platz sprintete und in diesem Jahr endlich den ersten Etappensieg anvisieren möchte. Auch er ist ein Kandidat für die Etappe nach Roubaix, ein Pflaster, das ihm mit seiner Fahrweise durchaus entgegenkommt. Wenn es ihm dieses Mal gelingen sollte und er einen Etappensieg herausfährt, dann hätte er bei allen drei Grand Tours einen Sieg gelandet. Beim Giro 2013 gewann er die 5. Etappe, während er bei der Vuelta a Espana schon 10 Etappensiege feiern konnte.  In der laufenden Saison hat er bislang zwei Siege in Spanien am Anfang des Jahres eingefahren, danach wurde er im Frühjahr durch eine Schleimbeutel-Verletzung im Knie zurückgeworfen. Sein zweiter Platz bei der Deutschen Straßenmeisterschaft in Einhausen am vergangenen Wochenende lässt hoffen, dass er zur rechten Zeit in Form gekommen ist. Er selbst setzt sich nicht unbedingt unter Druck, ist relativ entspannt und locker, so dass ihm insbesondere nach seinem guten Auftritt bei Paris-Roubaix einiges zuzutrauen ist. Mit der Tour de Suisse hat er sich seriös vorbereitet und so geht er mit guten Aussichten in die Große Schleife, die ihm den ersehnten Tagessieg bringen soll. 

Es sind in diesem Jahr nur 66,5 km Zeitfahren angesagt inklusive des über 35,5 km führenden Mannschaftszeitfahrens auf der 3. Etappe. Die 353,9 km Anstiege mit insgesamt 53 Bergwertungen und die 15 Kopfsteinpflaster-Abschnitte über insgesamt 21,7 km werden schon für die eine oder andere Vorentscheidung sorgen. In die Alpen führt die 10. Etappe mit den an den nächsten beiden Tagen folgenden Bergankünften in La Rosiere und Alpe d’Huez, bevor es danach in die Pyrenäen geht. Dabei wird eine nur 66 km lange Etappe mit drei langen Anstiegen und der Bergankunft am Col de Portet den Fahrern alles abverlangen und die Sprinter werden Mühe haben, im Zeitlimit zu bleiben. Nach weiteren Bergriesen wie dem Tourmalet und dem Aubisque haben dann die verbliebenen Sprinter noch in Paris eine weitere von insgesamt acht Gelegenheiten, ihre schnellen Beine wirbeln zu lassen. 

Bericht: Bernd Mülle         

Fotos: Arne Mill (frontalvision.com)

 

Inhalt der Neuigkeit:
Ausblick
Radrennen-Art:
Rundfahrt
Name des Radrennens
Tour de France
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