Aileen Schweikart: eine radsportliche Blitzkarriere?

Aileen Schweikart: eine radsportliche Blitzkarriere?

 
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BM 17 Juli 2022

Einen etwas ungewöhnlichen Verlauf hat die Radsportkarriere der Aileen Schweikart genommen, die wir erst im letzten Jahr sowohl auf nationaler wie auch internationaler Ebene wahrgenommen haben. Mit ihren 26 Jahren zählt sie vom Alter her eigentlich nicht mehr zu den Talenten, wenngleich man ihr ein besonderes radsportliches Talent in keiner Weise absprechen darf.

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Wie hat sie eigentlich den Weg zum Radsport gefunden? „Ich würde mich als sportlich ehrgeizig und zielstrebig bezeichnen, habe schon immer Sport betrieben wie z.B. Skifahren oder Snowboard und mich 2017 beim Marathon in München ausprobiert. Zum Radsport kam ich erst Ende 2019, als ich als Fremdsprachenassistentin zum Deutschunterrichten nach Mallorca gezogen bin“, erzählte sie uns ihre Geschichte des Kennenlernens von Einheimischen. Sie kaufte sich ein gebrauchtes Rennrad und sprach Leute an, ob sie mit ihr Radfahren wollen. Es war ein Abenteuer, als sie Probleme mit den Klickpedals hatte und bei  einer Gruppenausfahrt bei einer Abfahrt über den Lenker abstieg. 

 

Nach durch Corona bedingter Pause kehrte sie im März 2020 nach Deutschland zurück und konzentrierte sich auf den Abschluss ihres Bachelors in Freiburg im Breisgau (Spanisch und Sport mit der Option Lehramt). „Aber ich hatte eine unglaubliche Affinität zu Mallorca entwickelt, sein Land und Leute lieben gelernt, so dass ich im Oktober wieder dorthin zurückkehrte und dort neun Monate als Deutschlehrerin arbeitete“, schwärmt sie nur so von der beliebten Insel. Nahezu untrainiert nahm sie mit einer 15-köpfigen Männergruppe den Radmarathon Vuelta a Mallorca über 312 km in Angriff, wo mehr als 5.000 Höhenmeter mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit  von 34 km/h zu bewältigen waren. Kurz über lang überzeugte man sie, etwas ernsthafter zu trainieren und so landete sie überwältigt und vollkommen ahnungslos im Büro ihres heutigen Trainers.

 

„Ich vertraute auf mein Bauchgefühl, auf meine Freunde und auf meine Passion fürs Radfahren und ließ mich auf das Abenteuer ein“, ging sie in die Offensive, stand ein halbes Jahr später bei der Deutschen Straßenmeisterschaft in Filderstadt am Start und errang einen beachtenswerten 15. Platz. Danach belegte sie in Frankreich beim Eintagesrennen La Perigord Ladies sogar einen 8. Platz. „Ich war hier sehr offensiv unterwegs, attackierte früh und oft und hielt mich konstant in der Spitzengruppe auf. Zum Ende hin war es ein Ausscheidungsrennen, bei dem ich mich gut behaupten konnte“, ließ sie uns wissen. Mit diesen Ergebnissen war sie nach eigenen Angaben  mehr als zufrieden.

 

Aileen Schweikart, in Nürtingen geboren, ist inzwischen voll fokussiert auf den Radsport, hat sich aktiv um private Sponsoren gekümmert und wird durch die Perfect Meeting GmbH  aus München unterstützt,  so dass sie das Studium mit dem Sport gut verbinden kann. Zur Unterstützung tragen auch die Familie und Freunde bei, die es ihr ermöglichen, dieser jungen Liebe und Leidenschaft zum Radsport nachzugehen. Das Programm für sie in diesem Jahr auf der internationalen Radsportbühne war schon recht vielseitig und hinzu kam noch im Frühjahr eine Covid-Erkrankung, die sie zunächst etwas ausbremste. Ihre aufsteigende Formkurve zeichnete sich bei den Deutschen Meisterschaften ab, wo sie Platz 5 im Einzelzeitfahren und Platz 6 im Straßenrennen belegte. „Insbesondere mit dem Zeitfahrergebnis bin ich sehr zufrieden, da es mein erstes Zeitfahren überhaupt war und ich materialtechnisch wenig ausgestattet war. Ich mag es aber, über die Schmerzgrenze hinauszugehen, was sich ein bisschen so anfühlt, als würde ich fliegen“, gestand sie uns auf eindrucksvolle Weise.  

 

Seit dem 03.08.2021 steht Aileen Schweikart beim spanischen UCI Team Bizkaia Durango unter Vertrag, nachdem sie mit ihrem 15. Platz bei der nationalen Meisterschaft im Straßenrennen aufgefallen war. In diesem Jahr war nun nach zwei kleineren Rundfahrten der Giro d’Italia Donne mit immerhin 10 Etappen die erste richtige Herausforderung für sie, die sie letztlich mit Bravour meisterte. „Ich habe mich hart und konzentriert auf den Giro vorbereitet und bin rein physisch in sehr guter Form an den Start gegangen. Mir fehlte zwar Rennerfahrung, aber alles andere, um so eine Rundfahrt bestreiten zu können, wie Potenzial, die notwendige Begeisterung und die mentalen und physischen Voraussetzungen waren vorhanden. Ich wurde von Tag zu Tag selbstbewusster und sicherer und fieberte gerade den Bergetappen entgegen, wo ich mich leichter im Feld positionieren kann“, war sie für den weiteren Verlauf des Giro sehr optimistisch. Mit dem 14. Platz auf der 8. Etappe und letztlich dem 18. Platz in der Gesamtwertung erzielte sie zwei Topergebnisse in einem Feld von Weltklasseathletinnen. 

Für Aileen Schweikart waren nach eigenen Aussagen die Tage wunderschön, eine herrliche Atmosphäre, wunderschöne Landschaften und tolle Menschen beeindruckten sie. „Für mich bedeutet das Rennradfahren Passion, Gemeinsamkeit erleben, Grenzen überschreiten und mein eigenes Können immer wieder aufs Neue auszutesten. All das hat mir der Giro vor Augen geführt und so hoffe ich, dass ich mit der richtigen Förderung international noch viel erreichen kann. Mein Dank gilt meinem Team Bizkaia Durango, das es mir ermöglicht, an internationalen Rennen teilzunehmen“, ist sie auch erfreut über die Unterstützung all derer, die sie auf ihrem Weg begleiten. Sie will sich auf jeden Fall weiterentwickeln, leider stehen aber nur noch zwei Rennen in Frankreich und die La Vuelta in Spanien in diesem Jahr auf ihrem Programm. Ein Traum wäre es für sie, wenn sie in Zukunft ihre Nation einmal bei Europa- und Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen vertreten dürfte. 

 

Ein Highlight beziehungsweise ihren Lieblingsmoment vom diesjährigen Giro wollte sie uns noch gern mitteilen: „Auf der letzten Etappe nach etwa 50 km stürzte ich schwer und kann mich weder an den Sturz noch an die restlichen 40 km erinnern. Meine liebe Teamkollegin Alba Teruel, nur daran erinnere ich mich, sah mich am Boden liegen –mein Helm und mein Rad BH Ultralight waren zerstört- und gab mir ihr Fahrrad, mit dem ich die letzten 40 km absolvierte. Sie selbst musste auf ein Ersatzrad warten und kam 10 Minuten nach dem Peloton ins Ziel. Zu diesem Zeitpunkt war ich schon im Krankenwagen und auf dem Weg zum MRT ins italienische Krankenhaus. Dieses Beispiel an Humanität und Teamgeist hatte ich so zuvor noch nie erfahren“, war sie ihrer spanischen Teamkameradin mehr als dankbar.

Wir haben hier eine äußerst sympathische Athletin kennengelernt, der wie für die Zukunft nur alles Gute wünschen können. Auf jeden Fall werden wir ihren weiteren Weg verfolgen und schauen gespannt auf die Vuelta, die ja quasi ein Heimrennen für sie darstellt.

Bericht: Bernd Mülle

Fotos: Arne Mill / frontalvision.com

 

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