Deutsche Frauen bei Bahnradsport-WM eine Klasse für sich

Deutsche Frauen bei Bahnradsport-WM eine Klasse für sich

 
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BM 26 Oktober 2021

Die Bilanz der Weltmeisterschaft im Bahnradsport konnte für den Bund Deutscher Radfahrer (BDR) kaum besser ausfallen! Im Velodrome Couvert Regional Jean Stablinski von Roubaix, benannt nach dem ehemaligen französischen Straßen-Weltmeister von 1962, dem Sieger der Vuelta a Espana von 1958 und fünffachen Etappensieger der Tour de France, waren es insbesondere die Frauen, die sowohl im Kurzzeit- als auch im Ausdauerbereich die Akzente setzten. Aber auch bei den Männern war durchaus wieder eine Aufwärtstendenz im Kurzzeitbereich zu verzeichnen, wo Joachim Eilers Bronze im 1000 m Zeitfahren holte und gemeinsam im Teamsprint mit Stefan Bötticher, Nik Schröter und Marc Jurczyk eine zweite Bronzemedaille gewann. 

Darüber hinaus verpasste Stefan Bötticher als Vierter eine weitere, mögliche Bronzemedaille im Sprint, als er gegen den Franzosen Sebastien Vigier den ersten Lauf um Platz drei relativ souverän gewann, um dann nachträglich aus nicht ganz nachzuvollziehenden Gründen relegiert zu werden. Nach dem erneuten Sieg im zweiten Lauf ging es dann in einen Entscheidungslauf, den der Deutsche aber leider verlor. 

 

Die Frauen sahnten mit 6x Gold, 2x Silber und 1x Bronze so richtig ab und sorgten mit den beiden Medaillen der Männer für Platz 1 im Medaillenspiegel! Insgesamt 11 Medaillen waren eine Ausbeute, die das hervorragende Ergebnis des Vorjahres im Berliner Velodrom noch um einiges übertraf. Damals hatten die Athleten und Athletinnen des BDR 4x Gold, 1x Silber und 3x Bronze geholt und Platz zwei hinter den Niederlanden belegt. Herausragende Athletinnen in Roubaix waren die erst 21-jährige Lea Sophie Friedrich, die mit drei Goldmedaillen (Keirin, 500 m Zeitfahren und Teamsprint mit Emma Hinze und Pauline Grabosch) sowie Silber im Sprint hinter ihrer Teamkameradin und Titelverteidigerin Emma Hinze glänzte und im Ausdauerbereich die in diesem Jahr auch auf der Straße hervorragende Ergebnisse einfahrende Lisa Brennauer, die seit Jahren auch auf der Bahn immer wieder Sensationelles leistet.

 

Dabei schlug sie im Finale der 3000 m Einerverfolgung ihre Teamkameradin Franziska Brausse, während mit Mieke Kröger eine weitere Deutsche Bronze holte und das Podium mit den deutschen Farben komplettierte. Alle drei holten gemeinsam mit Laura Süßemilch auch Gold in der 4000 m Mannschaftsverfolgung, wo sie die Italienerinnen distanzierten und ihren erst vor kurzem errungenen Europameister-Titel in gleicher Besetzung bestätigten. Der Olympiasieg mit Franziska Brausse, Mieke Kröger und Lisa Klein, die verletzungsbedingt danach auf weitere Einsätze verzichten musste und durch Laura Süßemilch hervorragend ersetzt wurde, war ein weiteres Highlight in der Karriere von Lisa Brennauer, die mit 33 Jahren offensichtlich auch für die Zukunft weiterhin fokussiert und motiviert erscheint.

 

Während die Leistungen von Lea Sophie Friedrich nach Erkrankung, die sie kurz vor der Weltmeisterschaft eine Woche außer Gefecht gesetzt hatte, einfach nur als sensationell zu bezeichnen sind, durfte man in der Mannschaftsverfolgung auch erneut die Performance von Laura Süßemilch bewundern, die nach dem Ausfall von Lisa Klein die vermeintliche Lücke mit bemerkenswerter Leistung geschlossen hat. Wer ist diese junge, 24-jährige Frau, die die Mannschaftsverfolgung als ihre Lieblingsdisziplin auf der Bahn angegeben hat. 

Bei U 23-Europameisterschaften hat sie schon drei Bronzemedaillen (2017-2019) gewonnen und nun ist sie bei den Frauen Europa- und Weltmeisterin geworden. „Ich denke, ich habe mich in den letzten Jahren Schritt für Schritt weiterentwickelt. Aber dieses Jahr war einfach gigantisch mit den so nicht von mir erwarteten Titeln“, äußerte sich Laura Süßemilch uns gegenüber. Unabhängig davon, sieht sie ihre langfristige Zukunft auch auf der Straße, wo sie sich einen Namen als Klassikerfahrerin machen will. „An Lisa Brennauer und Lisa Klein ist ja gut zu sehen, dass man beides machen und koordinieren kann“, scheint sie sich an die richtigen Vorbilder zu orientieren. 

 

Die Nominierung für Olympia in Tokio als Ersatzfahrerin hat sie offensichtlich motiviert, weiter zu machen, zumal sie im Winter mit Rückenproblemen zu kämpfen hatte. „Insofern war die Nominierung für mich schon ein Erfolg, wenngleich es auf der Tribüne in den Beinen mächtig gekribbelt hat“, war sie trotzdem happy wenigstens dabei zu sein. Vor den Läufen bei der Europa- bzw. Weltmeisterschaft war sie angabegemäß jeweils extrem aufgeregt, insbesondere vor der ersten Runde bei der Europameisterschaft, wo das Team erstmals in dieser Formation fuhr. „Aber wir haben immer besser zusammen gefunden und am Ende noch eine tolle Zeit erzielt. Mit einer so starken Mannschaft bei fantastischer Stimmung schon vor dem Wettkampf am Start zu stehen, war ein wunderbares Gefühl“, war sie mehr als glücklich.

 

Wie geht es nun weiter mit Laura Süßemilch, die ihren Vertrag beim belgischen Continental Team Plantur-Pura fortsetzen wird, wo sie schon vor einigen Wochen eine Verlängerung ihres Vertrages unterschrieben hat. „Das Team hat einen riesengroßen Anteil an meiner Leistungssteigerung, es läuft alles sehr professionell ab und ich konnte dabei sehr viel lernen. Durch die Rennen habe ich die nötige Rennhärte erlangt, aber auch die Kilometer bei Rundfahrten mit der Nationalmannschaft waren sehr wichtig für mich“, blickt sie  optimistisch in die Zukunft.

Durch ihren älteren Bruder, der leider aufgehört hat und sie aber gelegentlich bei Trainingsausfahrten begleitet, ist sie zum Radsport gekommen. Dennoch hat sie bereits jetzt eine feste Planung für ihre Zukunft nach dem Radsport. „Ich habe eine abgeschlossene Berufsausbildung als technische Produktdesignerin bei SHW Automotive absolviert. Die Firma hat mich extrem unterstützt, insbesondere im Hinblick darauf, Ausbildung und Radsport unter einen Hut zu bekommen. Im nächsten Jahr will ich mein nachgeholtes Fernabitur erfolgreich abschließen und tendiere dazu, noch während meiner Radsportlaufbahn ein Studium zu beginnen“, hat Laura Süßemilch ihren Blick zielbewusst ausgerichtet.

 

Diese Weltmeisterschaften waren auch durch einige Besonderheiten geprägt, woran auch die Corona Pandemie ihren nicht unerheblichen Anteil hatte. So sprang Roubaix für die turkmenische Hauptstadt Asgabat ein, deren Organisatoren im Juni wegen der Pandemie die Ausrichtung absagten. In niederländischen Radsportkreisen kam es im Vorfeld zu Verärgerungen, weil die Sprinterinnen im Teamsprint-Wettbewerb sowie die Europameister im Madison Yoeri Havik und Jan-Willem van Schip nicht in Roubaix starten durften. Sie hatten aus Gründen der Pandemie an keinem Lauf des Nationencups teilnehmen können und damit die Voraussetzung für einen Start bei der Weltmeisterschaft nicht erfüllt. Regeln hin, Regeln her: es kann aus unserer Sicht nicht sein, dass Europameister nicht automatisch auch für Weltmeisterschaften qualifiziert sind! 

Hinzu kam, dass einige Medaillenanwärter die lange Reise nach Frankreich scheuten, so dass u.a. bei den Frauen die letztjährige Gewinnerin der Bronzemedaille im  Sprint Wai Sze Lee aus Hongkong fehlte und auch Australien als Weltmacht im Bahnradsport bei den Männern lediglich mit den beiden Ausdauerfahrern Kelland O’Brien und Luke Plapp vertreten war, die durch Straßenverträge bei europäischen Teams offensichtlich  Quarantäne-Bestimmungen bei eventueller Rückreise nach Australien ausweichen konnten.

Dennoch war es eine gut besetzte Weltmeisterschaft, die einige Emotionen auslöste. Der Dreifachtriumph der deutschen Frauen in der Einerverfolgung ließ etliche Freudentränen  kullern, die Abschiede von so reich mit Medaillen dekorierten Sportlern wie die Niederländerin Kirsten Wild, die zum Abschluss Gold im Madison mit Amy Pieters errang und Bronze im Punktefahren gewann, oder von Kenny De Ketele aus Belgien, der Silber im Punktefahren holte und Bronze im Madison mit Robbe Ghys herausfuhr, waren ebenso emotionale Höhepunkte wie der Abschied für den viermaligen Weltmeister auf der Bahn  Morgan Kneisky aus Frankreich vor eigenem Publikum, der auch einige Tränen nicht verbergen konnte. Mit dem Weltmeister im Punktefahren Benjamin Thomas belegte er zum Abschluss noch einen guten fünften Platz im Madison, nur vier Punkte vom Bronzeplatz entfernt. 

 

Es war aber auch eine Weltmeisterschaft der Newcomer, die in den nächsten Jahren noch für Furore sorgen werden. Ein überlegener Weltmeister im Omnium mit dem Briten Ethan Hayter oder der Weltmeister im Scratch Donavan Grondin aus Frankreich, das sind Fahrer, mit denen auch in Zukunft zu rechnen ist. Dazu zählen mit dem 20-jährigen Tobias Buck-Gramcko und den jeweils erst 19-jährigen Nicolas Heinrich und Tim Torn Teutenberg auch drei deutsche Fahrer, die bei dieser Weltmeisterschaft ihren Einstieg in die Eliteklasse feierten.

Ein fünfter Platz von Tobias Buck-Gramcko mit neuem Deutschen Rekord und ein sechster Platz von Nicolas Heinrich in der Einerverfolgung waren dabei ein mehr als guter Einstand. Auch Platz 7 von Tim Torn Teutenberg im Scratchrennen war durchaus ein Lichtblick, der dann leider im gleichen Wettbewerb des Omniums zu Fall kam, sich das Schlüsselbein brach und aufgeben musste. Damit war dann leider auch eine deutsche Teilnahme am Madison geplatzt, wo für den Berliner Theo Reinhardt kein Partner mehr zur Verfügung stand. 

 

Hinter den Deutschen folgten die Niederlande und die Italiener auf den nächsten Plätzen im Medaillenspiegel. Während die Niederländer insbesondere im Kurzzeitbereich der Männer dominierten und durch Harrie Lavreysen 3x Gold (Sprint, Keirin und Teamsprint) holten und auch Jeffrey Hoogland im 1000 m Zeitfahren neben dem Teamsprint gemeinsam mit Roy van den Berg auf dem obersten Treppchen standen, überzeugten auch die Italiener mit vier Goldmedaillen. Die erstmals bei Weltmeisterschaften ausgetragenen Ausscheidungsfahren gewannen sowohl Letizia Paternoster als auch Elia Viviani und auch das Scratchrennen durch Martina Fidanza sowie die Mannschaftsverfolgung wurden eine Beute der Italiener, die leider den Verlust von 20 Rädern beklagen mussten, die nach den Verfolgungsrennen der Männer aus einem Auto gestohlen wurden. Man geht insgesamt von einem Verlust von mehreren hunderttausend Euro aus! 

Weitere Weltmeistertitel errangen der US-Amerikaner Ashton Lambie in der Einerverfolgung, die Belgierin Lotte Kopecky im Punktefahren, die Britin Katie Archibald im Omnium und die Dänen Michael Mörköv und Lasse Norman Hansen im Madison, das einen äußerst spannenden Verlauf genommen hatte und erst mit dem letzten, doppelt zählenden Wertungsspurt entschieden wurde.   

Für den BDR war es insgesamt eine überragende Weltmeisterschaft mit Ergebnissen, die in dieser Form nicht vorhersehbar waren. Man sah überall nur freudestrahlende Gesichter, insbesondere auch beim langjährigen Cheftrainer im Kurzzeitbereich Detlef Uibel, der Ende dieses Jahres seine Tätigkeit als Nationaltrainer beim BDR beendet. Aber auch Günter Schabel, seines Zeichens BDR-Vizepräsident und bei fast allen nationalen und internationalen Radsportereignissen immer mit stets guter Laune vor Ort, strahlte und zeigte sich von den Leistungen der deutschen Sportler-/innen angetan und sieht der Zukunft zuversichtlich entgegen. „Es war nicht zu erwarten, dass wir so gut abschneiden. Wir hatten eine junge Mannschaft am Start, die angekommen ist in der Elite und Hoffnung gibt für die Olympischen Spiele in Paris 2024“, gab er abschließend zu Protokoll. 

Bericht: Bernd Mülle  

Fotos: Arne Mill / frontalvision.com

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