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Moreno de Pauw in seinem letzten Rennen mit Wim Stroetinga erfolgreich

 
5.0 (2)
BM 29 Januar 2020

Mit einem 39 Runden vor Schluss gestarteten Ausreißversuch, den sie, als noch 20 Runden zu fahren waren, mit dem Rundengewinn vollendeten, schlossen der Niederländer Wim Stroetinga und der Belgier Moreno de Pauw zu den führenden Teams Marc Hester/Oliver Wulff Frederiksen aus Dänemark, dem Favoritenpaar mit dem Franzosen Morgan Kneisky und dem Berliner Theo Reinhardt und den Österreichern Andreas Graf/Andreas Müller auf und gewannen dank der höchsten Punktzahl die 109. Six Day Berlin. Sie lagen vor der letzten Wertung noch punktgleich mit den Dänen und mit einem weiteren Vorstoß sieben Runden vor Schluss sicherten sie sich mit den letzten Punkten im Schlussspurt den Sieg vor den Dänen. Mit den Drittplatzierten Morgan Kneisky/Theo Reinhardt und den Österreichern lagen am Ende die vier Favoritenteams in einer Runde gleichauf in Front. Es war eine von etlichen Rundengewinnen geprägte Finaljagd, an der sich auch die sogenannten „kleinen“ Teams rege beteiligten. 

Diese hatten zuvor schon in der Eröffnungsjagd über 20 Minuten das Rennen bestimmt, als die Briten Stephen Bradbury/Christopher Latham vor den jungen Deutschen Richard Banusch/Sebastian Schmiedel und den immer wieder mit Kampfgeist beeindruckenden Tschechen Denis Rugovac/Ludek Lichnovsky siegten. Im Mannschaftsausscheidungsfahren dominierten dann Morgan Kneisky/Theo Reinhardt, während die Dänen Marc Hester/Oliver Wulff Frederiksen hauchdünn mit 12,670 Sekunden das Zeitfahren über 250 m vor den Polen Bartosz Rudyk/Damian Slawek, die 12,671 Sekunden benötigten, triumphierten und im spannenden Derny-Finale Andreas Graf/Andreas Müller den Sieg davontrugen.

Für den sympathischen Belgier Moreno de Pauw, der hier sein letztes Sechstagerennen fuhr und dieses mit einem Sieg abschließen konnte, war es der 8. Sechstagesieg bei 29 Sechstagerennen, eine Quote, die sich sehen lassen kann. Eigentlich viel zu früh mit 28 Jahren beendet er jetzt seine Laufbahn, um in den Polizeidienst zu wechseln und eine neue Karriere zu starten. „Zum Abschluss in Berlin gewonnen zu haben, das ist noch einmal ein schöner Moment. Als vorwiegend reiner Madison-Fahrer habe ich mich entschlossen meine Karriere zu beenden, zumal es heutzutage zu wenig Sechstagerennen gibt“, verläßt der sympathische Belgier ohne Wehmut die Szene. Sein Partner Wim Stroetinga, der nach den Siegen von 2017 und 2018 mit seinem Landsmann Yoeri Havik nun zum dritten Mal in der Hauptstadt auf dem obersten Podium stand, äußerte sich wie folgt: „Wir waren vielleicht nicht unbedingt das stärkste Team, aber dafür die Schlauesten“ und mit dieser Aussage lag er genau richtig. 

Für Publikumsliebling Theo Reinhardt, der vor dem Start bis zuletzt gar nicht recht wusste, mit wem er schließlich antritt, war der Ausgang des Rennens eher enttäuschend. „Wir haben alles probiert und haben uns nichts vorzuwerfen, dennoch Glückwunsch vor allem an Moreno de Pauw, der sich aus meiner Sicht zu früh zurückzieht“, lautete der Kommentar des Berliners, der sich mit seinem Partner mehr erhofft hatte. „Es war eine harte Woche und am Ende fehlte uns die nötige Sprintstärke“, so das Fazit von Theo Reinhardt. 

Vor 7.800 Zuschauern ging damit wieder ein Sechstagerennen zu Ende, das die Veranstalter zu durchaus positiven Aussagen veranlaßte. Die Publikumsresonanz mit insgesamt 50.500 Zuschauer bewegte sich auf dem Niveau der beiden letzten Jahre und die sportlichen Leistungen konnten zum Teil richtig begeistern und wurden mit Standing Ovations bedacht. „Wir freuen uns auf die 110. Austragung, die vom 09. bis zum 14. Februar 2021 zur Austragung kommt und erstmals an einem Dienstag beginnt und mit dem Finale am Sonntag endet“, kündigte ein zufriedener Geschäftsführer Valts Miltovics an. Wir sind gespannt, wie dieser Termin vom Publikum angenommen und ob dann der so beliebte Familientag vielleicht auf den Samstag verlegt wird. Etliche Lücken auf den Zuschauerrängen gerade am Schlussabend aber auch am Donnerstag und Montag sind für die Zukunft nicht außer Acht  zu lassen.

Der Schlussabend hatte wieder mit den Rennen des Nachwuchses begonnen, wobei die letzte Austragung des Berlin Cups der U 19 mit dem Madison über 40 Minuten einen ersten Höhepunkt darstellte. Die bislang führenden Dänen Frederik Erringsö/Oliver Heine wollten sich den Gesamtsieg nicht mehr nehmen lassen und mussten dabei besonders die Paare Yannick Andrä vom SV Aufbau Altenburg und Domenik Wolf vom SSV Gera sowie die sich seit Beginn des Wettbewerbs am vergangenen Samstag gut in Szene setzenden Berliner Robin Ruhe/Henning Sage vom Marzahner RC 94 beachten. Beide Teams versuchten noch einmal alles, um dem Rennen noch eine Wende zu geben, aber die Dänen waren einfach zu stark und clever und gaben den Gesamtsieg nicht mehr aus der Hand. „Es gibt keine Ausreden, die Dänen waren an allen vier Tagen am stärksten und so haben sie verdient gewonnen. Mit dem zweiten Platz sind wir absolut zufrieden“, meinte Yannick Andrä, während sein kongenialer Partner Domenik Wolf ergänzte: „Ende Dezember war ich mit grippalem Infekt krank, bin dann in Bremen gefahren und war danach wieder krank, so dass ich hier bei den Jagden hinten heraus immer einige Probleme hatte“. Beide Youngster fahren für das STEVENS Juniorenteam Thüringen, wobei Yannick Andrä seinen Fokus mehr auf die Bahn richtet.

Zufrieden konnten auch Robin Ruhe//Henning Sage sein, die an allen Tagen ein kampfbetontes, starkes Rennen ablieferten und einen ausgezeichneten dritten Platz im Endergebnis erreichten, der so nicht unbedingt vorauszusehen war. 

Auch die Sprinter standen am letzten Tag im Blickpunkt, wo ein starker Maximilian Levy mit 12,202 Sekunden im Rundenrekordfahren eine persönliche Bestzeit aufstellte und darüber hinaus auch den Sprint gegen den Tschechen Tomas Babek gewann, der wiederum im Keirin erfolgreich war. Mit 287 Punkten siegte Maximilian Levy in der Gesamtwertung und erzielte damit seinen insgesamt 9. Sieg in Berlin vor Tomás Babek. Die beiden Nobodys Nien Hsing Hsieh aus Taiwan und Esow Alban aus  Indien, mit denen wir noch ein kurzes Gespräch führten ( s.u. ), belegten unter den sieben Sprintern die Plätze fünf und sechs, wobei der Inder im Keirin stark fuhr und am Schlusstag Dritter wurde.

Bei den Frauen dominierte im Sprintwettbewerb von Anfang an die 22-jährige Emma Hinze, die mit 160 Punkten klar die Gesamtwertung vor der erst 20-jährigen Lea Sophie Friedrich und Pauline Grabosch gewann. Einen Farbtupfer setzte die erst 19-jährige Polin Nikola Sibiak als Vierte. „Es ist toll hier im Velodrom, die Stimmung ist sehr gut und ich hoffe, demnächst auch bei der Weltmeisterschaft hier dabei zu sein“, gab sie uns während eines Aufwärmtrainings zu verstehen. Für die in ihrer Laufbahn überaus erfolgreiche Miriam Welte hieß es Abschied nehmen von der Bühne des Radsports. Im September 2019 hatte sie bereits ihren Rücktritt verkündet und nahm die Gelegenheit gern wahr, sich im Velodrom von ihren Fans noch einmal zu verabschieden. Da war der letzte Platz im Endstand ohne vorheriges Training und nur knapp hinter der jungen Niederländerin Hetty van de Wouw nur eine Nebensache, die sie locker verschmerzen konnte.

Zwei Exoten im Sprinterfeld dürfen wiederkommen

Im diesjährigen Starterfeld der Sprinter tauchten zwei Fahrer auf, die den Rennen eine besondere Note gaben. Der erst 18-jährige Esow Alban aus Indien, man kennt ihn auch unter Esow Esow – so ist er auch beim Radsportweltverband UCI registriert - und der 20-jährige Mann aus Taiwan mit dem nahezu unaussprechlichen Namen Nien Hsing Hsieh haben im Wettbewerb durchaus einige Nadelstiche gesetzt, wenn sie auch noch nicht die Klasse eines Maximilian Levy oder des Tschechen Tomas Babek besitzen. Wir sprachen einmal kurz mit Ihnen und dabei machten beide einen sympathischen, lockeren Eindruck. Der Inder wurde 2014 in die National Cycling Academy aufgenommen und schon 2018 gewann er als Junior bei der Weltmeisterschaft eine erste Medaille für Indien mit Silber im Keirin.

Im letzten Jahr kamen Gold im Teamsprint, Silber im Sprint und Bronze im Keirin hinzu und nun darf sich der junge Mann im Kreise der Großen bei den Six Day Berlin präsentieren. „Ich bin froh, dass ich zu diesem Rennen eingeladen wurde, das Publikum ist toll und von Fahrern wie Maximilian Levy oder Tomás Babek kann ich viel lernen. Im letzten Jahr fuhr ich in Cottbus erstmals bei der Elite, wo ich ebenso wie in Frankfurt/Oder seit 2017 bis zum letzten Jahr jeweils im Sommer trainiert habe. Ich liebe Deutschland, es ist meine zweite Heimat und eine Ehre für mich hier erstmals starten zu dürfen“, gab der etwas an der Schulter lädierte Inder zu Protokoll, dem am letzten Tag auch eine Erkältung etwas zu schaffen machte.  Er hofft bei der kommenden Weltmeisterschaft vielleicht auch hier in Berlin starten zu können.

Der Mann aus Taiwan gehört dagegen schon seit 2018 der Trainingsgruppe von Eyk Pokorny in Cottbus an. Er hat große Ziele mit der Teilnahme an der Weltmeisterschaft in vier Wochen hier an gleicher Stelle und strebt die Olympischen Spiele 2024 in Paris an. Sein Spitzname Momo dürfte in seinem Fall einfacher und gebräuchlicher sein, auf jeden Fall gibt es da keine Probleme mit der Aussprache des Namens. Beachtenswert war schon einmal sein dritter Platz beim Grand Prix von Deutschland in Cottbus im letzten Jahr, dem er weitere gute Ergebnisse in absehbarer Zeit hinzufügen möchte. „Seit 1 ½ Jahren trainiere ich in Deutschland, der Aufenthalt wird von meinen Eltern bezahlt, da ich keine Unterstützung von meinem Verband bekomme. Die Rennen hier im Velodrom vor tollem Publikum machen einfach Spaß und ich bin stolz, hier dabei zu sein. Olympia habe ich erst 2024 im Visier und dann vielleicht sogar mit deutschem Pass. Ich liebe Deutschland und fühle mich hier sehr wohl“, blickt der Taiwanese aus Taipeh hoffnungsvoll in die Zukunft.

Beide Sprinter haben auf jeden Fall bei den 109. Six Day Berlin Akzente gesetzt und mit ihrer sympathischen Art viele Sympathien erobert. Sie stehen beide ja erst am Anfang ihrer Karriere, die sie unter den guten deutschen Trainingsbedingungen forcieren wollen. Wenn wir sie im nächsten Jahr hier wiedersehen sollten, werden sie sich bestimmt enorm weiterentwickelt haben. 

Bericht: Bernd Mülle

Foto: Arne Mill / frontalvision.com

 

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Inhalt der Neuigkeit:
Rennbericht
Radrennen-Art:
  • Bahnradsport
  • Six Days
Name des Radrennens
Berliner Sechstagerennen
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