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100 Meter Tour de France - in Echtzeit und ganz analog

 
5.0 (2)
R 25 Juli 2019
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Es wird wieder heiß heute. Wir machen uns sehr früh auf den Weg. Das Ziel: Alès im Département Gard, Durchfahrtsort der heutigen Etappe der Tour. Spektakuläre Ereignisse sind bei dem Streckenverlauf nicht zu erwarten. Der Tourmalet und die Pyrenäen sind bereits vorbei, Izoard und Galibier liegen noch vor den Fahrern. Die Favoriten werden sich schonen. Aber die Tour begeistert immer.  

Die Suche nach einem geeigneten Platz an der Strecke beginnt. In der Stadt bleiben oder doch zur nächsten Bergwertung fahren? Die Straßen und Cafés von Alès sind wie ausgestorben. Gendarmerie und Polizei stehen bereits an den Kreuzungen und geben freundlich Auskunft. Neben ihnen warten die Absperrgitter auf ihren Einsatz. Die Stadt hat sich schön gemacht für die Tour. Fahnen, Poster, Blumenkübel. Ein großer, blauer Schriftzug steht im Fluss:  ALÈS LE TOUR. Zwischen ALÈS und LE TOUR ein rotes Herz.

Alès hat durch das Ende des Bergbaus eine wichtige Einnahmenquelle verloren. Neubauten in besseren Zeiten entstanden, sind heute brüchig und verblichen. Jedes dritte Geschäft wartet verwaist auf neue Gewerbetreibende. Der Charme der südfranzösischen Stadt ist noch deutlich zu spüren, jedoch scheint Alès seine besten Zeiten hinter sich zu haben. Einige Touristen drücken sich in die Schatten der immer heißer werdenden Stadt. Es ist 11.30 Uhr. Vier Stunden Zeit bis zur Ankunft der Fahrer.

12.30 Uhr. Die Straßen beginnen sich allmählich zu füllen. Familien mit Kindern, Großeltern und Nachbarn bevölkern die Straßenränder. Stühle werden ausgeklappt, Wasserflaschen verteilt. Das Café an der Ecke hat Tische vor die Tür gestellt. Jeder Platz ist bereits besetzt. Ein Fitnesscenter auf der gegenüberliegenden Straßenseite räumt 20 Spinning Räder auf den Gehweg. Die Fahrer der Tour de France sollen radelnd empfangen werden. Kinder und Senioren in blauen Shirts fahren sich warm. 

Immer wieder fordert vorbeifahrende Gendarmerie die Durchfahrt frei zu halten. Die Straßenränder sind nun voll mit Menschen. Kindergruppen in neongelben Westen trippeln aufgeregt herum. Ein Raunen geht durch die Menge. Die Werbekarawane wird in wenigen Minuten erwartet. Abrupt  ändert die Stadt ihr Gesicht. Riesige knallbunte Wagen rollen durch die Straßen, laute Musik tönt aus den Lautsprechern und junge Animateure und Animateurinnen werfen tanzend Mützen, Taschen und Tütchen mit Süßigkeiten, Keksen und Schlüsselanhängern in die Menge. Die Schlacht beginnt. Alle reißen sich um die schrillen Giveaways. Man jubelt und klatscht, freut sich über die wohltuend spritzende Erfrischung aus den Wasserschläuchen eines bekannten Trinkwasserkonzerns. Stolz zeigen die Zuschauenden ihre Beute. Lachende Gesichter mit bunten Hütchen in gelb, blau und grün.

Dann wird es wieder still. Die Werbekarawane hat die Stadt verlassen. Die Gehwege leeren sich. Erneut beginnt das Warten. Die Stille vor dem nächsten Sturm. Es ist 14.30 Uhr. Die Fahrer sind für 15.30 Uhr angekündigt. Dann das gleiche Spiel. Angespannte Ruhe, dann die ersten Begleitfahrzeuge, Polizei und Gendarmerie. Ein Jubel wie eine Welle läuft durch die Straßen. Da sind sie! Die Fahrer der Tour de France. Nur zwei Schritte entfernt rauschen sie über den heißen Asphalt, angespornt durch die freudigen Anfeuerungen der Menge. In der Spitzengruppe fünf Fahrer. 90 Sekunden später erscheint das Hauptfeld. Aufgereiht wie auf einer Perlenkette flitzen sie durch die enge Straße. Materialwagen, Motorräder mit Fotografen und Kameramännern. Ein Radioreporter berichtet live von der Tour. 

Dann ist es vorbei. Die letzten Fahrzeuge fahren vorüber. In aller Stille löst sich die Menge auf. Alle eilen in den Schatten und die Kühle ihrer Wohnungen. Kleinlaster und kräftige Männer stehen schon bereit, die Absperrgitter abzutransportieren. Alles geschieht in Windeseile. Die Autofahrer warten in aller Ruhe, bis die Kreuzungen wieder frei sind.

Die Straßen und Cafés von Alès haben sich geleert. Jetzt noch ein frisches Bier in einer Bar. Der Riesenbildschirm zeigt die Übertragung der Tour. Digitaler Hochglanz, Hubschrauberbilder, Spitzengruppe, Hauptfeld, Sprint. Angenehme Erschöpfung macht sich breit: Was für ein heißer Tag!

Text: Wolfgang Stärke / Hanna Essinger

Fotos: Wolfgang Stärke

> weitere Impressionen von der Tour de France 2019

Inhalt der Neuigkeit:
Rennbericht
Radrennen-Art:
Rundfahrt
Name des Radrennens
Tour de France
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