Eine Reise durch Armenien Teil I: Dem wilden Debed folgend…

P 15 Juni 2018
 
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Eine Reise durch Armenien Teil I: Dem wilden Debed folgend…

Ein unerwarteter Wintereinbruch mit gefühlt zwei Schneeflocken sorgte am Flughafen Berlin-Schönefeld für totales Chaos. Die wohl einzig vorhandene Enteisungsmaschine verhinderte durch ihre Abwesenheit den Abflug in die russische Hauptstadt. Trotz der freundlichen Hinweise, dass kein Weiterflug verpasst werden würde, konnte ich der Maschine von Moskau nach Jerewan nur noch nachschauen. Sieben Stunden Wartezeit, problemloses Umbuchen auf den Nachtflug und im weiteren Verlauf die Erkenntnis, dass eigene kleine Probleme noch kleiner werden, wenn man Geschichten anderer Leidensgenossen zu hören bekommt. Bei einem leckeren Sibirskaja wurde die Zeit am Terminal doch recht angenehm verbracht. Fast in meine Arme rannte dabei eine persische Dame aus dem fernen Iran. Wo der Ticketschalter sei, fragte sie unter Tränen. Die Aufregung dahinter war, dass Madame ihren Flug in den Iran verschlafen hatte und nun einen recht aufgewühlten Eindruck machte. Beim freundlichen Ticketmann brachten wir dann in Erfahrung, dass der nächste Flug nach Teheran am folgenden Abend um 21:00 Uhr für 386 € zu erstehen sei. Bei Suppenpreisen um die fünf Euro und ohne Visa für Russland ein teures und ärgerliches Unterfangen. Um nicht von gleichem Schicksal ereilt zu werden, sputete ich zu meinem Flieger und hob in Richtung Հայաստանի Հանրապետություն / Republik Armenien pünktlich sowie ohne weitere Zwischenfälle ab. 

Geplant war ein Kurztrip nach Ostarmenien, das heute als eigenständiger Staat zwischen Aserbaidschan, Bergkarabach, Westarmenien in der heutigen Türkei, dem Iran und Georgien liegt. Durch den Boykott seitens der beiden Nachbarn im Osten und Westen, liegt die Wirtschaft relativ am Boden. Dank der reichen Kultur und durch finanzielle Zuschüsse von den vielen Diaspora-Armeniern – mehr als zweidrittel der Armenier leben im Ausland – ist jedoch für das Überleben dieses kleinen Landes im Kaukasus gesorgt. Die 3000-jährige Geschichte, mit ihren vielen Schicksalsschlägen, lies mich oft Parallelen zum jüdischen Volk ziehen. Verfolgungen, Unterdrückungen, des eigenen Landes beraubt, nahezu in jedes Land der Erde vertrieben - dabei aber stolz, belesen und sehr eigenwillig. Dem nicht genug, ereignete sich im Jahr 1988 noch ein Erdbeben in apokalyptischer Dimension. Dieses leidgeprüfte Volk entwickelte schon früh seine eigene und etwas eigentümliche Schrift, die ihnen keiner – weder Perser, Byzantiner oder Osmanen – nehmen konnte und so die Kultur der Väter auch heute noch aktiv gepflegt und gelebt werden kann. Trotz dessen gelten die Armenier weltweit als anpassungsfähig, fast bis zur Selbstaufgabe, was in Namensänderungen bedeutender armenischer Persönlichkeiten immer wieder deutlich wurde. In einem Land, in dem Schach als Sportart Nummer eins gilt, der Holocaust – von den Armeniern selbst als Aghet bezeichnet – und die unzähligen Massaker, Übergriffe und Vertreibungen, der weltbekannte Weinbrand und Granatäpfel Symbole dieses Landes sind, war der Wunsch in dieses Land zu reisen schon früh in mir aufgekommen. 

Auf dem Zionsberg in Jerusalem wurde er greifbar. In dieser Stadt bildet das nunmehr auf wenige tausend Einwohner geschrumpfte Viertel der Armenier eines der historisch bedeutendsten der für Juden, Muslime und Christen heiligen Stadt. In der armenischen Kirche schob ich den schweren Vorhang zur Seite und stand in einer mir unbekannten Welt. Nur das Licht der Kerzen erleuchtete den Innenraum, dicke Weihrauchschwaden waberten umher und jahrtausendalte Gesänge lobpreisten die Dreieinigkeit. Im Anschluss an den Gottesdienst tranken mein Begleiter und ich ein Bier und kamen sogleich mit einem älteren Armenier ins Gespräch. Wie sich herausstellte, stammte er aus den USA und war (ist?) in seinen Jugendjahren bekennender Hippie und Atheist. Nun komme er regelmäßig ins armenische Viertel. Er wolle helfen, sich kümmern, da es ja sonst keiner mache. Er schilderte Auseinandersetzungen mit orthodoxen Juden, die sich an der Daseinsberechtigung der Armenier an diesem Ort störten und ab und an auch mit Steinen schmeißen würden. Da ich selbst ein Kreuz trug, ein Bier trank und dazu noch Deutscher bin, empfahl uns der Alt-Hippie einen Kurzbesuch ins Jüdische Viertel abzustatten. Daraufhin lachte er laut und sagte, er müsse nun zu einer weiteren Messe, es würde sich ja sonst keiner kümmern. 

Einige Jahre später saß ich nun im Lada-Niva und rollte von Jerewan kommend in Richtung Nordspitze Armeniens und Grenzregion zu Aserbaidschan und Georgien. Entlang der Klosterstraße erreichte ich Spitak – der Kleinstadt im Epizentrum des fürchterlichen Ereignisses von 1988. Vorbei an der silbernen Kirche aus Blech oder Metall, zum Gedenken an das große Beben und der vielen Opfer, rollte ich an Schafherden sowie durch steppenartige Landschaft. In und um die alte Kathedrale Odzun wird das Land der Steine grün, verwunschen und mystisch. Dem wilden Debed folgend, vorbei an der Industriestadt Alaverdi, durchbrach ich nach einigen Aufsetzern und Beschwerden des Ladas die Wolkendecke und fand mich im Plattenbaugebiet der Ortschaft Sanahin wieder. Quietschend hielt ich vor einer kleinen Garage, worauf sogleich fünf Typen am Auto standen und sich über den spontanen Besuch sichtlich freuten. Kaum war das Fenster runter gekurbelt, hatte ich schon eine große Gabel mit feinstem Grillfleisch vor meiner Nase. Der Grillmeister mit seinem breiten Lächeln nickte zustimmend. Abziehen, aufessen und nach dem Weg fragen. Dahinten, durch das Viertel, dort sei das im Jahr 966 gegründete Kloster. Seit 1994 als UNESCO Weltkulturerbe anerkannt, steht es oberhalb der kleinen Ortschaft. Das direkt am Kloster liegende Hotel hat schon lange ausgedient. Dieser Eindruck verfestigt sich bei einer Reise durch Armenien wieder. Alte, für vermutlich touristische Zwecke, angelegte Infrastruktur - ob der vielen Seilbahnen, Restaurants oder Straßen wegen - vermodert und wartet auf Instandsetzung.

Zum Schlafen wählte ich die Ortschaft Haghpat in der Provinz Lori. Hier steht erneut ein Kloster aus dem 10. Jahrhundert. Wieder schwarze Quader, schimmernde Gänge und Grabsteine. In Stein geritzte Botschaften und die Ausstrahlung einer alten und ehrwürdigen Person. Die Klöster Armeniens leben zwar zumeist nicht mehr durch aktives Mönchswesen, jedoch füllt die Vergangenheit jegliche Räume dieser Klöster mit Seele. In Haghpat komme der örtliche Priester nur einmal monatlich zur Heiligen Messe. 

 

Zum Abendessen sollte selbstgebrannter Schnaps aus Kornelkirschen sowie Cognak und Bier die Energie dieses Ortes verstärken. Selten sah ich solche Grüntöne! Mit dem Blick über die weite Landschaft und den umherziehenden Wolken wähnte ich mich fernab von der mir bis dahin bekannten Welt. Unterstützt wurde dies auch noch als ein kleiner Junge seine Haussau unter Anfeuerungsrufen des Vaters nach Hause führte. So deckten der Nebel und die Wolken das Kloster und Dorf in einen verwunschenen Schlaf. Am Morgen zog dieser ab und die vielen Obstbäume blühten in voller Pracht. Nur Hundegebell war zu hören. Kühe liefen friedlich grasend durchs Dorf und der Lada Niva quietschte wieder durch die armenische Landschaft und verabschiedete sich von diesem Kloster und der speziellen Atmosphäre. 

 

Auf meinem Weg zurück nach Jerewan steuerte ich das altehrwürdige Wehrkloster und heutigem Zankapfel zwischen Armenien und Georgien – Achtala - an. Ungewöhnlich und einzigartig für armenische Kirchen und Klöster sind die hier erhaltenen vielen Fresken an den Wänden. Sie weisen deutlich auf einen byzantinischen Einfluss hin. Vom Kloster aus blickt man zu drei Seiten Schluchten herab. Alte Mütterchen sammeln Blumen und Kräuter. Andere Dorfbewohner fragen nach Mitfahrgelegenheiten und erhoffen sich mitunter eine kleine Spende für ihr Handgemachtes. Und wie so oft bei Gottesdiensten in diesen Sakralgebäuden mit ihren grauen dunklen Steinquadern, bleibt einem nichts anderes übrig als zu staunen und einfach still zu verweilen, während der Gesang den Raum mit Atmosphäre füllt. 

 

Aber auch der Klang des Duduks – insofern man in dessen Genuss kommen sollte - erzählt von Geschichten vieler unzähliger Schicksale. Er eröffnet einem das Tor in die Welt der tiefen Melancholie und gleichzeitigen Hoffnung auf ein positives Schicksal. So passt die armenische Flöte zutiefst in diesen Landstrich des letzten Zipfel Europas. Das Grün der Wiesen, der weite Blick über die unzähligen Täler, die von Leid und Freude gezeichneten dunklen Gesichter, der blaue und so nahe Himmel – das alles zusammen eröffnet dagegen visuell die Tiefe und Seele des armenischen Landes und seiner Bevölkerung. Am klarsten auf den Punkt gebracht ist dies in Bezug auf die Nationalflagge und ihrer Farbzusammenstellung. In der armenischen Verfassung heißt es dazu, „Das Rot symbolisiert das armenische Hochland, den andauernden Kampf der armenischen Bevölkerung um das Überleben, die Erhaltung des christlichen Glaubens, Armeniens Unabhängigkeit und Freiheit. Das Blau symbolisiert den Willen des armenischen Volkes unter einem friedlichen Himmel zu leben. Das Orange symbolisiert das kreative Talent und die hart arbeitende Natur der armenischen Bevölkerung.“

Entlang der aserbaidschanischen Grenze werden Militärposten häufiger, die Straßen immer löchriger und die vielen Lastwagen legen sich zentimetergenau in die vielen Kurven. Am Fenster ziehen Berge, Täler, Seen, wieder tiefgrüne Wiesen und viele blühende Obstbäume vorbei. Hier und da ein Armeekonvoi und oft Polizisten auf der Suche nach Temposündern. In sinnflutartigen Regengüssen erreichte ich die Kleinstadt Idschewan. Diese Ortschaft an der Aghstafa hat etwa 15.000 Einwohner und liegt sehr nahe der aserbaidschanischen Grenze. 

Beim Betreten der zentrumsnahen Kirche Nerses Shnorhali, benannt nach eben diesem bedeutenden Katholikos, Theologen und Dichter, zeigte ein Finger auf mich und gab mir zu verstehen, dass ich stehen bleiben solle. Der Priester lief auf mich zu, begrüßte mich herzlich und fragte woher ich komme und weshalb ich nach Armenien gereist sei. Vor allem hierher, in diese alte Handelsstadt, die nicht umsonst bis 1961 Karawansarai hieß. Etwas lebendige Geschichte ist noch auf dem Markt zu spüren, der sich durchs Zentrum zieht. Bauern bieten hier alle möglichen Gemüsesorten an und sind in wilde Gespräche vertieft. An den Straßenrändern wird wie so oft in diesem Land gegrillt während viele Autos mit iranischen Kennzeichen vorbeirauschen. Der Priester, sichtlich interessiert über meine Reiseeindrücke, warnte mich noch rasch vor der Gefahr türkischer Einwanderer in fremde Länder und wünschte mir Gottes Segen.

 

Bevor ich mein Lager aufschlug, verschlug es mich noch in das Kloster Haghartsin, nahe der Stadt Dilidschan. Diese Region gilt auch als Schweiz Armeniens. An Schweine- und Kuhherden vorbei, schlängelte ich mich in das tief im Wald versteckte Kloster, welches ebenfalls aus dem 10. Jahrhundert stammt. Mittlerweile kann man ohne Probleme mit dem Auto direkt vor das ungewöhnlich renovierte Gelände der Klosteranlage fahren. In Vorbereitung auf das nahe Osterfest, waren Mönche, Novizen und die doch recht vielen Besucher in heller Aufregung und Vorbereitung. Ich hingegen legte mich nach einem Glas Wein zur Ruhe und bereitete mich auf weitere Fahrten durch das Land der Steine vor. 

Fotos: P. Schoedler

> zur turus-Fotostrecke: Armenien 

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Armenien
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Mir persönlich die georgische Mentalität angenehmer ... aber der Kaukasus egal wo, einfach Wahnsinn!

H
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K
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