„Bild und Heimat“-Postkarten der DDR: Kleine Details wecken wunderschöne Erinnerungen

Autor: Marco Bertram     veröffentlicht am 01 Juni 2018    
 
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Von schräg unten rauscht der grüne Doppelstockzug nach Stralsund, oben rechts schlägt die Fähre von Saßnitz nach Trelleborg einen Bogen. Zudem tuckert der Regionalzug quer über die Insel Rügen. Mir gefiel als Kind diese Dynamik auf der bebilderten Landkarte der Insel Rügen. Stundenlang studierte ich die eingezeichneten Details und ließ das Kopfkino rattern. Der Ausflugsdampfer, der soeben den Strelasund verlässt und im Greifswalder Bodden Fahrt aufnimmt. Das Segelboot vor der Insel Vilm, die kreisenden Möwen über der Tromper Wiek und vor Dranske. Die Badenden an den Stränden von Sellin, Binz und Schaabe. Der Mähdrescher bei Gingst, der Überlandbus bei Gustow, die Kuh auf Lebbin, der im Gehölz stehende Hirsch bei Putbus…

Beim Betrachten der Postkarten des DDR-Verlages „Bild und Heimat“ mit Sitz in Reichenbach (Vogtland) könnte ich auch nach über 30 Jahren noch sagen, was ich damals beim Anschauen der einzelnen Bilder gedacht und gefühlt hatte. Von den 1950ern bis Ende der 1980er wurden zahlreiche von Hand beschriftete und bebilderte Landkarten von Urlaubsregionen in der DDR angefertigt. Manche Motive wurden von Zeit zu Zeit noch einmal neu aufgelegt. Auch ich mochte die 71 Zeichnungen von Alfred Hoppe aus Leipzig mit Abstand am meisten, und die Postkarte von der Insel Rügen war mein absoluter Favorit. Die angesprochene Dynamik bei diesem Motiv ist hervorragend. Fähre und Eisenbahn scheinen gegen den Uhrzeigersinn um die Insel Rügen zu sausen. 

Marco

Und klar, die Erinnerungen an eigene Urlaubsfahrten mit den Eltern wurden beim Betrachten der Postkarten aufgefrischt. Die Fahrten in den grünen Doppelstockzügen, die Tour im weißen Skoda auf der vor Greifswald zweispurigen Fernverkehrsstraße 96 / 96a. Als Kind war ich immer ganz baff von diesem Straßenabschnitt. Rügen! Im Sommer 1983 verbrachten meine Eltern mit mir zwei Wochen in Binz, im Sommer 1986 folgte ein Aufenthalt im riesigen ORWO-Betriebsferienlager in Breege / Juliusruh. Im Juli 1989 ging es nochmals nach Breege / Juliusruh, doch dieses Mal fuhr ich mit meinen Eltern in eine Ferienwohnung. Es war der letzte gemeinsame große Urlaub mit meinen Eltern, und ich war immer genervt, wenn sie mit mir zum FKK-Strand an der Schaabe fuhren. Allein der Begriff „Schaabe“ und dann das Nacktherumliegen den ganzen Tag! Nicht mein Ding gewesen. Unter dem Strich waren jedoch alle drei Ferien auf Rügen phantastisch und unbeschwert.

DR

Im Sommer 1982 ging es runter in den Thüringer Wald nach Bad Blankenburg. Folglich hatte ich die Karte von dieser Region damals als Andenken mitgebracht. „Thüringer Wald III“ wurde allerdings nicht von Alfred Hoppe, sondern von Karl Köhler gezeichnet. Interessanterweise wurde sein Nama damals nicht hinten auf der Postkarte vermerkt, den Unterschied erkannte ich trotzdem auf Anhieb. Auf der Landkarte eingezeichnet ist auch Großbreitenbach, das damals von Ilmenau aus mit dem Zug erreichbar war. In den 50ern und 60ern kamen Dampflokomotiven der Baureihen 50 und 65.10 zum Einsatz. Mitte der 70er Jahre wurden diese dann jedoch von den markanten rot-weißen Diesellokomotiven der DR-Baureihe V 180 abgelöst. Nach dem Fall der Wende wurden Mitte der 90er noch die kleinen Loks der DR-Baureihe V 100 eingesetzt, bis am 30. September 1998 die Strecke offiziell stillgelegt wurde. Auf der Postkarte dampfte noch die Lok durch den Wald, bei meiner Fahrt ins Betriebsferienlager „Hohe Tanne“ in Großbreitenbach im Sommer 1985 wurden wir von der besagten Diesellok durch den Thüringer Wald gezogen.

Spannend fand ich es als Kind, dass es auch eine Postkarte von meiner Heimatregion gab. „Berlin-Müggelsee und Umgebung“. Von Waldesruh / Mahlsdorf-Süd war es schließlich nur einen Katzensprung bis Hirschgarten und Friedrichshagen. Auf der Straße nach Müggelheim wurde von Alfred Hoppe noch ein gelber Doppelstockbus mit Schnauze eingezeichnet. Der Rest war eh zeitlos. Die S-Bahnzüge änderten sich nicht, und die Straßenbahn von Rahnsdorf nach Woltersdorf verkehrt ja heute noch mit den alten Fahrzeugen. 

Heimat! Nach all den Reisen in die halbe Welt führen nun die Wege wieder verstärkt in heimische Gefilde. Ein Wanderung durch die Märkische Schweiz. Eine Fahrt zum letzten Heimspiel von Pommern Stralsund in einer Woche. Mit den Kindern mit der alten Straßenbahn zum „Drachtenturm“ in Woltersdorf, mit der Fähre von Grünau nach Wendenschloß und von dort aus zu Fuß zum Schmetterlingshorst und zur „Kuhlen Wampe“ (Krampenburg). So viel anders sind diese Touren auch nicht als damals zu meiner Kindheit. Wenn man möchte, kann man mit seinen eigenen Kindern punktuell die eigenen schönen Erlebnisse noch einmal aufleben lassen. Ausflüge, Natur, Wandern, Picknick machen, Holzhütten bauen, baden gehen. Und das nächste Mal werde ich unserem größeren Sohn die Postkarte in die Hand drücken. Er ist jetzt acht, und ich bin mir sicher, er wird sich genauso vertiefen wie ich damals vor nun mehr 35 Jahren…

Anmerkung I: Man staune! Den Verlag „Bild und Heimat“ (mit gleichem Logo) gibt es noch. Der Sitz ist nun in Berlin:

> Webseite von „Bild und Heimat“

Anmerkung II: Auf der Webseite ddr-comics wurden sämtliche Postkarten eingepflegt. Die einzelnen Karten können angeklickt werden. Aufgrund der hohen Auflösung erkennt man nun noch einige kleine Details, die einem damals als Kind mehr oder weniger verborgen blieben:

> Webseite ddr-comics.de

Anmerkung III: Ich war gerade im besagten Betriebsferienlager in Großbreitenbach, als der Grafiker Alfred Hoppe am 09. August 1985 in Leipzig verstarb. Nach über drei Jahrzehnten muss ich sagen: Er ist eine der Personen, die meine Kindheit sehr geprägt hatten. Bewusst wird mir dies allerdings erst beim Schreiben dieses Berichtes…

Fotos: Marco Bertram

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