Auch in Brandenburger Wildnis kann man sich verirren…

Auch in Brandenburger Wildnis kann man sich verirren…

 
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MB 13 November 2020

Ticket am Automaten gezogen - und rein in den Zug! Ohne großartige Vorbereitung stiegen wir zu zweit in den Regionalexpress nach Frankfurt (Oder), um in Hangelsberg auszusteigen und eine Wanderung entlang der Spree in Angriff zu nehmen. Die Entscheidung „pro Hangelsberg“ kam in allerletzter Minute, zuvor wurden noch sämtliche Möglichkeiten durchgespielt, bei denen nicht irgendein verflixter Schienenersatzverkehr im Spiel war. Ein letzter Blick auf google maps: Ah ja, alles klar. Einfach in Richtung Westen. Das Tagesziel lautete Fangschleuse.

Der Schaffner kam, knipste die Tickets und wünschte einen schönen Tag. Allerdings verlor er kein Wort drüber, dass dieser Zug ja gar nicht in Hangelsberg halten würde. Der Umstand, dass nur jeder zweite RE1 nach Frankfurt dort einen Zwischenstopp einlegt, wurde von uns in der Eile komplett außer acht gelassen. Na, was soll´s. Dann halt weiter nach Fürstenwalde und von dort aus die Tour gestartet! So blieb die Möglichkeit, sich mal in Ruhe den Stadtkern anzuschauen. Ein Bierchen auf die Hand, ein Bierchen für später. In einem uralten Lebensmittelgeschäft kurz vor der Spreebrücke, das bereits seit Generationen geführt wird, erhielten wir Gebrautes in Flaschen für einen erstaunlich schmalen Taler. 

Flotten Schrittes ging es am Ufer der Fürstenwalder Spree entlang, auf einer Bank naschten wir das erste Fläschchen Bier. Zwar war es bereits recht herbstlich frisch, doch mit der richtigen Kleidung war dies kein Ding. Wir erfreuten uns am Anblick der reizvollen Landschaft und staunten nicht schlecht, als hinter uns ein Mann mit seinem Sohn hielt und uns fragte, um welches Gewässer es sich denn zu unseren Füßen handeln würde. Wie jetzt? Es ist und bleibt die Spree! Und nun haltet Euch fest: Der gute Mann machte einen ausgiebigen Angelurlaub mit seinem Sohnemann und klapperte die verschiedensten Gewässer ab.

Wenig später wurden wir von uns entgegen kommenden Radfahrern gefragt, ob wir auch zum Fußball wollen. Ähm, nee, heute mal nicht. Zwar steht uns die Fußballleidenschaft fett auf der Stirn geschrieben, doch war an jenem Nachmittag nicht die Regionalligapartie FSV Union Fürstenwalde vs. SV Lichtenberg 47 geplant. Weiter sollte es gehen! Immer am Wasser lang. Bis Hangelsberg. Nach Möglichkeit bis nach Fangschleuse. Noch mal ein fixer Blick aufs Smartphone. Aktueller Standort angepeilt. Ah Mist, plötzlich rutschte der Balken von 47 Prozent auf 5 Prozent. Akku leer. Zumindest laut Anzeige. Blödes Ding! Zwar hatte ich einen externen Akku mit, doch war dieser auch nur zu einem Viertel aufgeladen. Zudem hatte der Stecker des Ladekabels einen Wackelkontakt. Oder wie man das auch nennen mag. Hoch den Nippel - nur dann geht Power rein. 

Macht ja nix, dann halt einfach nach Bauchgefühl. Immer nach Westen, immer dem Fluss folgen. Was sollte da schon schief gehen. Nach justieren kann man immer noch. Zwischendurch wird auch mal google maps kurz aufgerufen. Frohen Mutes erreichten wir das Wehr „Große Tränke“ und öffneten das zweite Fläschchen Gerstensaft. Auf die Freundschaft! Auf das Wandern! Auf die Brandenburgische Heimat! Wir schauten auf den abgehenden Fluss und inspizierten den dortigen Rastplatz. Mensch ja, hier müsste ich mal mit dem großen Sohn zwei, drei Nächte zelten im kommenden Frühjahr. Er wird begeistert sein. 

Für uns ging es erst einmal weiter. Aus irgendeinem Grund missachteten wir völlig den nach rechts - sprich nach Norden - abgehenden Wasserarm. Wir wollten ja der Spree weiter folgen. *Hüstel* Handy an, Handy aus, kein Empfang. Und dies sollte die kommenden drei Stunden auch so bleiben. Wir folgten dem breiten Weg und ärgerten uns ein wenig, dass er sich immer mehr vom Wasser entfernte. Nun denn, ging es halt quer durch den Wald. Wir philosophierten - wie so oft auf Wanderungen - über das Leben und begutachteten die Natur. Aber alter Schwede! Der Weg zog und zog sich. Von Gewässern war keine Spur - und etwas Appetit kam auch inzwischen auf.

Ich erzählte meinem Begleiter von meiner abstrusen Wanderung durch den kanadischen Banff Nationalpark im Sommer 1993, bei der ich einst denkbar knapp mit dem Leben davon kam. Mit viel zu wenig Proviant marschierten wir zu zweit mit Zelt und Rucksack durch die Berge der Rocky Mountains und hätten in einem Tal fast einen fatalen Fehler begangen. Noch einen Bogen nach Norden schlagen oder doch „direkt“ weiter in Richtung Lake Louise? Wir entschieden uns damals für die kürzere Route und waren am Ende auch so am Ende jeglicher Kräfte. Ausgezehrt und wie in Trance erreichten wir mit allerletzter (!) Kraft die Bergstation vor Lake Louise. 

Ganz so hart wurde es kürzlich in den Brandenburgischen Wäldern nicht, doch zeigte sich, dass man auch als alter Wanderfuchs nicht alles auf die leichte Schulter nehmen darf. Eine Nacht im dunklen herbstlichen Wald irgendwo zwischen zwei Flussläufen muss schließlich auch nicht sein. Was wir komplett außer acht gelassen hatten, war der Fakt, dass am besagten Wehr rechts die eigentliche Spree abging, die uns auch nach Hangelsberg geführt hätte. So aber befanden wir uns quasi im „Niemandsland“ zwischen der eigentlichen Spree und dem Oder-Spree-Kanal, wussten jedoch nichts von unserem Glück. Wie gesagt, in Gedanken grob vorbereitet hatten wir uns für die Wanderung von Hangelsberg nach Fangschleuse. In jenem Fall wären wir der Spree nach Süden gefolgt, dann nach Westen abgebogen und einen Bogen zurück nach Nordwesten geschlagen.

Im aktuellen Fall waren wir jetzt allerdings komplett überfragt. Kein Empfang, keine Ahnung. Klar, die richtige Himmelsrichtung hatten wir im Kopf, doch an welcher Wegkreuzung müsste man gen Norden abbiegen? An solch einer Kreuzung stießen wir auf zwei Pilze suchende Männer, die ihr Fahrzeug ganz in der Nähe auf dem Waldweg abgestellt hatten. Wie jetzt? Hangelsberg? Hier sei man völlig falsch. Würde man einfach so nach Norden laufen, würde man ans Wasser stoßen und nicht weiter kommen. Völlig fatal bei einbrechender Dunkelheit. Ein Blick auf die Uhr. Sooo lange sei es ja nicht mehr hin bis zum Sonnenuntergang. „Soll ich Euch fix rausfahren? Ist kein Ding!“, fragte uns einer der beiden Pilzsucher. Ich lehnte entschieden ab. Soweit wollte ich es nicht kommen lassen. Was wir benötigten war nur eine verlässliche Wegbeschreibung. Und diese bekamen wir auch. Man wollte wohl auf Nummer sicher gehen und führte uns über eine Stromtrassenschneise und das Forsthaus Kribbelake nach Kirchhofen. Von dort aus könnten wir der Straße nach Mönchwinkel, Siedlung Spreetal und Hangelsberg folgen. Es sei ein echter Ritt noch, aber sicher genug, um in der Dämmerung das Ziel zu erreichen.

In der Tat machte die vorgeschlagene Route einen deutlichen Schwenk nach Süden, und von Kirchhofen bis Hangelsberg erwartete uns noch ein echter Riemen. Irgendwo vor Mönchwinkel - in der Magengrube wummerte bereits der beachtliche Hunger (im Rucksack war nur eine Flasche Wasser) - näherte sich allerdings von hinten ein Fahrzeug. Die beiden Pilzsucher waren es und fragten: „Und wollt Ihr jetzt einsteigen?“ Da wir quasi den Wald auf eigenen Füßen verlassen hatten und nur noch öden Asphalt vor uns hatten, nahmen wir die Einladung dankend an. Wo es was zu Futtern gäbe? Im Restaurant „Zum Forsthaus“! Gebongt! Dort bitte absetzen! Gesagt, getan - und beim Reingehen bereits zweimal Entenbraten und zwei frische Schwarzbier bestellt. 

Keine Frage, auf den nächsten Touren wurden wieder eine Landkarte aus Papier, ein Messer, ein paar Riegel und eine kleine Taschenlampe mitgenommen. Man kann nie wissen, wie blöd es kommen kann. Und der externe Akku? Bitte schön immer auf 100 Prozent… Sport frei!

Fotos: Marco Bertram

> zur turus-Fotostrecke: Wanderungen im Berliner Umland / Brandenburg

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