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Agenten im Café, Alu im Gebüsch, Nervenkitzel in der US-Botschaft

 
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MB 23 Dezember 2019

Wie viele der Cafégäste mögen wohl Agenten, Spitzel oder ominöse Diplomaten sein, fragte ich mich, als ich meine neugierigen Blicke kreisen ließ. Die Kellnerinnen servierten die Kännchen Kaffee und Tortenstücke, durch das obere Fenster betrachtete ich die markante Waben-Fassade des nebenan befindlichen Wiratex-Gebäudes. In den 80ern saßen meine Eltern und ich häufig im Café Egon Erwin Kisch mit meiner Tante. Der Ablauf war immer derselbe. Abholen im orange gefliesten Untergeschoss des Bahnhofs Friedrichstraße mit den scheppernden Alu-Türen, ein gemeinsamer Gang zum Intershop im Hotel Metropol, anschließend ging es zum Unter den Linden gelegenen Café. Da meine Tante nach zwei Fluchtversuchen und anschließender Übersiedlung nach West-Berlin ein „Zonen-Verbot“ hatte, blieb uns nichts anderes möglich, als sie im Stadtzentrum zu treffen.

Tante Gitte, Tante Gitte, bring doch bitte… Immer wieder hoffte ich, dass sie mir Spielzeug oder eine coole Platte mitbringen würde. Aber nein, es blieb meist bei einer Jinglers-Jeans. Eine „Bravo“? Fehlanzeige! Sie wollte am Grenzübergang keinen Stress haben. 

Ende der 70er kehrten wir noch im Restaurant im Welthandelszentrum ein, später zogen meine Eltern das schummerige Café Egon Erwin Kisch vor. Stundenlang saß ich als Kind eher wortlos mit am Tisch und ging meinen Gedanken nach. Ich fixierte die Cafégäste und dachte mir verrückte Geschichten aus. Wer von ihnen würde schwarze Geschäfte betreiben und Flüchtlinge im Kofferraum mitnehmen? Wer würde wem einen gefälschten Pass für eine Flucht über ein Drittland zustecken? 

Die monatlichen Fahrten in die Stadt im weißen Skoda prägten mich. Von Hoppegarten aus düsten wir die F1 in Richtung Alex. Am Strausberger Platz fragte ich mich immer, ob das „Haus des Kindes“ wohl ein Kinderheim sei. Wenn ich nicht lieb wäre, müsse ich in solch eins gehen, wurde mir erklärt, wenn ich mal wieder Heckmeck in den vier eigenen Wänden machte.

Unterwegs war ich indes meist brav. Meine Tante lächelte mich immer an. So ein liebes Prachtkind. Tja, liebes Tantchen, ich hoffe, das nächste Mal steckt ein bisschen mehr in deinen mitgebrachten Plastiktüten. Mensch, was könnte ich eine mitgebrachte „Bravo“ ausschlachten und an der Schule für reichlich Bares an den Mann bringen. Ein Vierseiten-Poster für 20 Mark, ein Zweiseiten-Poster für einen Zehner. 

Apropos Bares. Als ich noch richtig klein war, schickte mich mein Papa am Tränenpalast immer in die Büsche. Die Tagesbesucher aus dem Westen warfen dort am späten Abend häufig ihr übrig gebliebenes Ostgeld ins Gestrüpp, da das Zurückführen des Zwangsumtausches verboten war. Ich sammelte die Alu-Münzen und Fünferscheine auf und gab sie meinen Eltern. Später in den 80ern war dies nicht mehr möglich, da Stasi und Polizei ein strenges Auge auf die Wegwerfer warf. 

Ein strenges Auge auf die Passanten warfen auch die Volkspolizisten, die in ihren grauen Uniformen vor der US-Botschaft in der Neustädtischen Kirchstraße postiert waren. Immer wieder liefen wir dort entlang, und ich bestaunte die großen Schaukästen, in denen brillante Fotos von den Nationalparks und vom neuesten Spaceshuttle zu sehen waren. Ein Metallschild weckte bei mir großes Interesse: „Library“. Diese war für DDR-Bürger öffentlich zugänglich, und jedes Mal, wenn wir an dieser vorbeiliefen, löcherte ich meine Mutter. Lass uns bitte mal reingehen! Das sei keine wirklich Idee, meinte sie. Aber wenn ich unbedingt wolle, müsse ich halt allein rein. Dies war ab dem Alter von 15 Jahren möglich. 

Gesagt, getan. Einen Tag nach meinen 15. Geburtstag spazierte ich im August 1988 stolz wie Bolle ins Botschaftsgebäude und passierte die Sicherheitsschleuse. Ich erhielt einen Bibliotheksausweis mit einem Barcode. Willkommen in der Zukunft! Meine Nummer: 275. Immer wieder fuhr ich mit der S-Bahn bis Friedrichstraße, suchte die Bibliothek auf, und zeigte den draußen stehenden VoPos den gedachten Mittelfinger. Ätsch, ich bin auf US-Territorium! Eines Tages komme ich hier einfach nicht mehr raus…

An einem Tag X wurde ich nach einem Besuch in der Botschaft von drei Lederjacken vor dem Hotel Metropol angehalten. Was ich dort in der Bibliothek suche, wurde ich gefragt. Englisch lernen, lautete meine simple Antwort. Ich ahnte, dass es irgendwann ernsthafte Probleme geben könnte. 

Dann kam der Oktober ´89. Eine Gruppe DDR-Bürger suchte Zuflucht im Gebäude, und die Bibliothek blieb vorerst für Besucher geschlossen. Die innere Aufruhr spürend passierte ich motzig die Polizeiabsperrung. Ich müsse hier durch, die ausgeborgten Bücher sollen pünktlich abgegeben werden. Die DDR-Polente kiekte nur fragend. Durch die einen Spalt geöffnete Metalltür reichte ich den Stapel Druckware durch.

Noch vor dem 9. November ´89 bedankte ich mich bei den Bibliotheksmitarbeitern für die tolle Zeit und erhielt im Gegenzug eine US-Verfassung mit Widmung vom US-Botschafter Richard Clark Barkley.  Wenige Tage später fiel die Mauer, und ich hatte den Abend im wahrsten Sinne des Wortes verpennt. Meine Tante durfte uns nun in Hoppegarten besuchen, der Tränenpalast war nun für alle zugänglich, das Café Egon Erwin Kisch war nicht mehr wirklich gefragt, und auch die Bibliothek in der US-Botschaft verlor mit einem Mal ihren Reiz. Wozu noch hineingehen, wenn mit plötzlich die ganze Welt offen stand?! Dreieinhalb Jahre später stand ich in New York auf dem World Trade Center und war überwältigt. Meine Güte, wie wahnsinnig schnell sich Zeiten ändern können. Wer hätte das einst im Café Egon Erwin Kisch geahnt…

Fotos: Marco Bertram

Info zum Autor: 

Marco Bertram wurde 1973 in Ost-Berlin geboren und ist seit 2004 als freiberuflicher Autor und Fotojournalist tätig. Er ist Mit-Herausgeber des Onlinemagazins turus.net und wanderte im Sommer 2003 gemeinsam mit Karsten Höft die ehemalige deutsch-deutsche Grenze ab.

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Ich liebe diese persönlichen Berichte aus alten Zeiten.
Ich freu mich auf das Buch

CA
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