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Sternenstaub zwischen grünem Laub – Poznań-Morasko

 
5.0 (4)
M 16 Dezember 2019

Ich muss gleich die Uhr zweimal zurückdrehen. Zum einen schlummern die Fotos meines damaligen Sommerabend-Spaziergangs zu einem der spektakulärsten Orten Poznańs unter der Woche schon seit Juni auf meinem Speicher, zum anderen wurde ich an meine Studienzeit erinnert. Ich sehe mich noch im Hörsaal der Uni sitzen. Die Vorlesung „Physische Geographie“ stand auf dem Plan. Nach dem Party-Donnerstag waren freitags um 7:30 die Plätze nur spärlich belegt. Vor der Klausur wurde es voller. Danach gab es noch ein obligatorisches Seminar, in das ich eigentlich nicht durfte, da die höheren Semester Vorrang hatten. Ich setzte mich einfach rein, dem Dozenten fiel es nicht auf. So konnte freitags um 12:00 pünktlich ins Fußballwochenende gestartet werden. Ein bisschen blieb von diesen physischen Sachverhalten sogar im Gedächtnis hängen. „Feldspat, Quarz und Glimmer, die drei vergess’ ich nimmer!“, ist so ein Satz, der sich fest eingeprägt hat und mir erklärt, aus was sich Granit zusammensetzt. 

Und da gibt es noch ein Thema, das jetzt erst wieder wie heißes Magma nach oben blubberte. Während ich hier in Polen Wurzeln schlug, ging es auf deutschem Gebiet beim Thema „Klima“ heiß her. So ganz habe ich das nicht verstanden, warum da so eifrig um Kohlenstoffdioxid diskutiert wurde, denn einen riesigen Einfluss auf das Klima hat doch die zyklische Veränderung der Relation der Erde zur Sonne. So hatten wir das in der Vorlesung. Bei Milankovic und der Tatsache, dass die Erde vor der nächsten Eiszeit steht, waren wir damals stehen geblieben – schon einige Jahre nach dem Millennium. 

Was soll da bei solchen Kräften das bisschen CO² ausrichten? Na ja, vielleicht ist es mit dem Inhalt der Vorlesung wie mit der deutschen Rechtschreibung. Die ändert sich ja auch alle Nase lang. Wenn wir schon bei den kosmischen Themen sind, dann möchte ich auf den Beginn des Textes verweisen. Es ist unbestritten, dass es keinen Ort in Poznań gibt, der sich so dermaßen schlagartig veränderte wie ein kleines Waldstück am Stadtrand. Ein Meteoritenschauer haute hier ordentlich rein. Dieser Ort befindet sich im Nordosten der Stadt, im eingemeindeten Dorf Morasko. 

Morasko ist so spektakulär wie Lichterfelde vor Eberswalde, machte allerdings in den letzten Jahren eine Schlagzeile durch eine versehentlich abgerissene evangelische Kirche. Das kleine Waldstück liegt westlich des Dorfes und ist über die Endhaltestelle der Straßenbahnlinie 12 erreichbar. Gute Wanderschuhe sind dabei allerdings eine förderliche Idee. In unregelmäßigen Abständen verkehrt aber auch der Bus der Linie 902 zwischen Morasko und dem Endhaltepunkt der 12er-Linie „Sobieski-Siedlung“. Egal von welcher Seite man aus die Meteorytowa-Straße entlang läuft, irgendwann trifft der Wanderfreund auf das große rote Hinweisschild zum Reservat. 

Es existiert ein schon durch seine Begrenzungen unübersehbarer Hauptweg, der an einem Krater-Sextett vorbeiführt. Ein weiterer Krater befindet sich wohl auf der anderen Straßenseite. Mir reichten schon die nördlich der Straße gelegenen. Mit Sicherheit hat es noch weitere Krater gegeben. Ackerpflug und Landwirtschaft nehmen auf solche kleinen kosmischen Relikte selten Rücksicht. Die Krater, die ich vorfand, sind jedenfalls noch mehr oder weniger gut erhalten und teilweise mit Wasser gefüllt. Der Laie könnte ohne die Info-Tafeln damit dennoch nichts anfangen. Wer denkt denn heute bei einer Grube schon an einen Meteoriteneinschlag? 

Man muss sich also vorstellen, was passierte, um zu begreifen, vor was man hier überhaupt steht. Vor ca. 5000 Jahren gelangte ein Eisen-Meteorit mit einem kleinen Germanium-Anteil – „Auf dem Mars, auf dem Mond überall ein Hesse wohnt.“ - in unsere Atmosphäre. Ein Teil verdampfte, ein weiterer zerbarst und knallte mit enormer Sprengkraft auf den Boden, sodass mehrere Krater entstanden sind, die teilweise einen Durchmesser von ca. 100 m haben.

Die aktuellsten Forschungsergebnisse unter dem Titel "Dating the Morasko meteorite fall by natural thermoluminescence of the fusion crust“ (Fedorowicz, Stankowski) sind kaum älter als drei Jahre, was zeigt, dass das Thema immer noch von Bedeutung ist. Was passiert, wenn heute solch Brocken auf die Erde knallen würde? Die Thematik nennt sich „planetare Abwehr“ und wird von NASA und ESA erst ab 2021 in medias res in Angriff genommen werden. Ob es bei diesem CO²-Anstieg dann überhaupt noch eine bewohnte Erde und mein Wielkopolskie zum Wandern gibt? 

Fotos: Michael

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Polen
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