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Burgenland Wielkopolskie? Nö. Aber kein weißer Fleck!

 
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M 21 Oktober 2019
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Mein Interesse an Geschichte ist trotz Studiengangwechsels nie wirklich gesunken oder gar ganz gefallen. Ganz im Gegenteil. Wahrscheinlich war die Welt, in der zum 100. Mal der kalte Krieg oder Zweite Weltkrieg in einer universitären Lehrveranstaltung durchgekaut wurde, nicht für mich gemacht. Regionale Geschichte stand in den seltensten Fällen auf dem Plan. Bis heute schaut man sich eher die Wirtschaftsgeschichte der Niederlande an oder ähnlichen Firlefanz. Die behandelten Themen waren zumeist die Steckenpferde der Dozenten, obwohl die Archive voll mit ungeöffneten Akten sind. Der ländliche Raum vermag außerdem noch mit einer Vielzahl von Bodendenkmälern aufzuwarten. Wozu soll man dann von den abstrakten Themen abweichen? Alte Schriften im Original lesen? Wie kann man nur? In dieser Welt fragte ich dann einen Studenten der Geschichte, ob er nicht mal Lust hätte, sich die Burgen oder weitere sich im Gelände befindende Relikte selbst an Ort und Stelle anzusehen. „Ich mag lieber in Monographien und Sammelbändern schmökern.“ Das ist keine Überraschung, bei dem Klientel, was sich in den Unis tummelt.

Wenig überraschend habe ich mir dann hier sogleich die Komplettierung der Burgruinen in Wielkopolskie vorgenommen. Es gibt dazu ein paar Seiten, die idiotensichere Karten anbieten. Langweilig, aber nun gut. Na dann begebe ich mich doch mal auf die Suche nach den Ostereiern! Räumlich liegen die interessanten nicht touristisch genutzten Burgen fast ausschließlich im Osten von Wielkopolskie schon fast kurz vor Łódź. Also arbeiten wir uns einfach von West nach Ost durch.

Die Burgenwelt ist in der Region sehr überschaubar. Sie steht in keinem Vergleich zu Kujawien und Pommern, aber, dass es hier gar nichts gibt, wäre übertrieben.

Den Beginn macht die Burg der Klaudyna Potocka. Ihre Lage ist es wahres Highlight. Poznań ist von viel Grün umgeben. Gleich hinter dem südlichen Gewerbegebiet beginnt der Wielkopolskie-Nationalpark. Zu diesem allein müsste ich mal was verfassen. Da gibt es ebenso viele spannende Sachen zu entdecken. Das Auto wird bei Mosina am Waldrand abgestellt und dann beginnt die Wanderung. 

Das GPS zeigte schon über sechs Kilometer an, 1000 Zecken waren passiert und 10.000 Bäumen hinter mir gelassen, als sich mein Augenpaar an dem Anblick der besagten Burg erfreute. Schaut man auf das Foto, dann sagt jeder Unwissende: „Och, wie romantisch!“. Aber ich bin nicht der einzige, der in Poznań wohnt und Bock auf eine Wanderung hat. Es gab keine Minute an diesem Nachmittag, in der nicht irgendwer dort Pause machte. Die Insel im Górecki-See – schon das ist ein Hindernis - ist privates Gelände und somit für den Burgtouristen fast so unerreichbar wie für den Nachwuchs-Groundhopper  der Länderpunkt DDR. Wer denkt, dass die Burg aus dem Mittelalter stammt, der irrt sich gewaltig. Im 19. Jahrhundert wurde sie errichtet. Na klar, genau in der Romantik! 

Die Namenspatronin wurde übrigens ein paar Kilometer weiter in Kórnik geboren. Kórnik mit dem erhaltenen weißen Schloss und Arboretum gilt als touristisches Zentrum von Wielkopolskie. Wenn wir schon bei den offiziellen Burgen sind, dann will ich Interessierten ausnahmsweise auch die Burg auf der Lednicki-Insel an Herz legen. Für einen wirklich schmalen Taler kann man per Personenfähre (!) zur genannten Burg geschippert werden. Dort hat man dann mindestens so lange Aufenthalt, bis die nächste Fähre naht. Die Burg ist nationales Erbe der Polen und die erste Burg des Piasten-Geschlechts. Ich hoffe, jetzt ist es klar, warum Piast Gliwice den Beinamen Piast trägt. Viel gibt es auf der Insel nicht zu sehen, aber das wenige dort ist extrem beeindruckend.

Der nächste Haltepunkt ist Wyszyna. Wir befinden uns hier schon 108 km hinter Poznań. Mehr als ein Turm ist von der Burg aus dem 16. Jahrhundert nicht übrig geblieben. Bekannter ist die Holzkirche im Ort und damit eine weitere Geschichte, die ich mal beleuchten müsste. Und weiter geht es Richtung Osten. Nun kommt die Stadt Koło. Kurz vor und kurz dahinter gibt es je eine gotische Burg.

Malerisch schön auf einer künstlich geschaffenen Anhöhe befindet sich die Königsburg von Kazimierz III. Sie liegt auf einem Mäander der Warta. Ihr Zerlegen verdankt sie dem Aufbau eines Klosters in der Nähe. Unentwegt kreisen schwarze Raben wie Wächter um den verbliebenen Turm. Die Atmosphäre dort ist gespenstisch. Einfach mal selbst erleben! Der Zustand der im 14. Jahrhundert errichteten Burg ist wesentlich besser als ihr etwas später errichteter Nachbar in Borysławice Zamkowe.

Das Bauwerk war ebenso imposant wie das bei Koło. Leider ist nur der Eingangbereich erhalten. Traurig aber wahr: Die Burg befindet sich bedauerlicherweise auch auf privatem Grund und ist touristisch daher unerschlossen. Ohnehin müsste man irgendwie trockenen Fußes durch den Burggraben. Ich denke, auch der Blick von weitem auf die Reste der Burg unweit der Landstraße 92 macht was her.

Alle liegen Burgen zwar relativ dicht an der heut unbeliebten Trasse nach Warszawa, erkennen tut man sie allerdings nur, wenn man schon fast vor ihnen steht. Und so schlecht sind sie nicht. Ein Ausflug lohnt sich, auch wenn man an einem Tag schon alle schaffen kann.

Wer noch Lust hat, kann sich mit den kommerziellen Attraktionen vergnügen oder nach den zahlreichen Slawenburgen suchen die Seite dafür: https://mapy.zabytek.gov.pl/nid/).

Fotos: Michael

> zur turus-Fotostrecke: Impressionen aus Polen

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