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Baufresse zu Gast in Kreuzberg: Skurrile Zeitreise in die 80er am Heinrichplatz

 
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MB 21 Februar 2019
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Der Lesebühnen-Dino Andreas Gläser gab sich am vergangenen Freitagabend die Ehre in der Kreuzberger Kneipe „Goldener Hahn“. Aufmerksam wurde ich auf diese Lesung Dank seiner Rundmail. Kannste mal machen, dachte ich mir und düste, nachdem ich die beiden Jungs ins Bett gebracht hatte, mit der U-Bahn gen Kreuzberg. Pünktlichkeit war einmal. Seitdem ich Kinder habe, komme ich abends eher selten mit einer Punktlandung zu einem Termin. Die Schose wird gewiss nicht in diesem Kreuzberger Schuppen pünktlich starten, dachte ich mir und suchte gelassen am Heinrichplatz die Lokalität. Zuerst glotzte ich ein wenig erschrocken in den falschen Laden. Modern und voller Shisha rauchender Türken und Touris. Nee, oder? Quatsch jetzt, zehn Meter weiter war ich richtig. Hinein in die gute Stube!

Ich hatte mir extra nen Mantel angezogen. Vielleicht würde man ja bei der Lesung wichtige Persönlichkeiten treffen. Verleger, Autorenkollegen, Großindustrielle. Mit der vom Fußball gewohnten schwarzen Wind- und Sturmbrecher-Jacke wollte ich mal nicht kommen. Wenngleich man in Kreuzberg weiß Gott nicht mit dieser Jacke auffallen würde. Anders als gedacht fing die Lesung bereits an. Beziehungsweise hielt Erik, der Organisator des Ganzen, eine lange Eröffnungsrede. Ich öffnete die Tür, trat ein und prallte gegen eine Wand aus Zigarettenqualm. 

Mein lieber Herr Gesangsverein, wo war ich denn hier gelandet?! Was für eine Kneipe! Ein Stück Kreuzberg der 1980er hatte sich hier erhalten. Ich stand mit meinem Mantel wie Falschgeld quasi noch halb in der Tür und wurde angestarrt. Ein Fremder! Ein Tourist!? Verpiss dich bloß! Nicht willkommen! Hau ab! Ich fühlte mich nicht wirklich wohl. Aber das kannte ich ja aus Leipzig-Leutzsch und Zwickau. So lange es nicht aufs Maul geben würde, war alles im grünen Bereich. Ich lauschte eine Viertelstunde, legte dann die Klamotten ab, und dann war es Zeit für ein erstes Bier.

Das Eis brach. Dass ich Andreas Gläser gut kenne, war für die Anwesenden schnell erkennbar. Doch kein dummer Tourist, der nur Fotos machen möchte von der Lokalität, in der die Zeit komplett stehen geblieben ist. Egal an welche Wand man schaute: Fotografieren verboten! Am späteren Abend traute sich ein Mann dann doch ein paar Bilder zu knipsen. Die Ansage der Frau am anderen Ende des Tischs am Fenster hatte sich gewaschen! 

Zum Abbruch der Veranstaltung kam es nicht. Andreas Gläser, der 1965 in Ost-Berlin geboren wurde und dem genau in meinem Geburtsjahr 1973 eine Kniescheibe verrutschte, las querbeet aus seinen Werken. „Der BFC war Schuld am Mauerbau“, „DJ Baufresse“, „Zonenschläger“ und „Bambule Berlin“. Herzerfrischende Texte aus dem Osten der Stadt für die alteingessenen Zuhörerschaft in Kreuzberg. Das war schon eine Wonne! Eine Frau warf wütend einen Stuhl um und verließ die Kneipe, andere kriegten sich nicht mehr ein vor Lachen. Der eine maulte, andere feierten gut ab. Wer ein Stück ehrliches Berlin kennenlernen möchte, der schaue bei einem Konzert oder einer Lesung im „Goldenen Hahn“ vorbei. 

In das Inventar kann man sich sofort verlieben. Die Liebe steckt im Detail. Eine Wachstuchtischdecke mit Hühnern drauf. Eine Gitarre an der Wand. Auf der anderen Seite unübersehbar ist für jeden zu lesen: „Apricose-Creme-Kackbraun Du Scheinkassenbrille! Heizpilz auf Milchkaffee (to go)“. Und bitte nur nicht wundern, wenn es am anderen Ecke des Tresens zu einem lautstarken Streit kommt. Die Dame hinter dem Ausschank klärt das Ganze resolut mit deutlichen Worten. Auch nicht wundern, wenn jemand am Zwischengang zum Klo minutenlang steht, vor sich hinstarrt und flucht. Das kann passieren, das legt sich wieder. Der „Goldene Hahn“ ist ein Schmelztiegel des alten Kreuzbergs, so wie man es aus den 80ern und 90ern kennt. Nur mal kieken, ist dort nicht. Lässt man sich nieder und wird nicht blöde, kommt man gewiss schnell ins Gespräch und hat einen duften Abend. Und ach ja, meine Fotos habe ich wirklich mit Bedacht angefertigt… ;-)

Fotos: Marco Bertram

> zur turus-Fotostrecke: Berliner Impressionen

> zur offiziellen Seite des Autors Andreas Gläser (baufresse.de)

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Olle Baufresse

G
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Ihr seid mir Horten. :-:

H
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Danke, Samba-Marco!

A
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