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Katastrophenwinter 1978/79: Als in Waldesruh das Gebälk bedrohlich knirschte

 
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MB 07 Januar 2019
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Der Gang zum Klo war im Winter ohnehin eine Katastrophe, der heftige Schneefall zum Jahreswechsel 1978/79 machte alles noch viel schlimmer. Besser gesagt, unmöglich. In der Küche wurde ein gelber Eimer aufgestellt. Der Boden wurde mit etwas Wasser gefüllt, und schon konnte dieser als Toilette genutzt werden. Wie gesagt, in der Küche! Andere Möglichkeiten gab es nicht. Meine Eltern hätten ja den Eimer wohl kaum ins Wohn- oder Schlafzimmer gestellt. Dazu muss gesagt werden, dass es in unserem kleinen Holzhaus keine Tür zwischen Küche und Wohnzimmer gab. Aus Platzgründen wurde diese bereits kurz nach dem Einzug im Sommer 1974 entfernt. Aus heutiger Sicht wirkt das Szenario abstrus. Während die anderen im Wohnzimmer die Nachrichten oder einen Film auf dem alten sw-Fernseher schauten, strullerte nebenan einer von uns in den gelben Eimer, den mein Vater von den Fotochemischen Werken Köpenick (ORWO) mitgebracht hatte.

Aber gut, wir hatten damals andere Sorgen. Mit leichtem Durchfall saß ich (damals fünf Jahre alt) am Silvestertag 1978 am hölzernen Wohnzimmertisch und spielte mit einem zu Weihnachten geschenkt bekommenen Bauernhof. Es grummelte in meiner Magengegend, und beim nächsten Pups wurde der Frottier-Schlafanzug (ich wusste gar nicht, dass „Frottier“ so geschrieben wird) in der Popo-Gegend ein wenig nass. Nicht so schlimm, sagte meine Mama. Wie gesagt, es gab andere Sorgen. Während das Grummeln im Bauch nur von mir hörbar war, verhielt es sich mit Knarren und Ächzen unseres Daches schon ganz anders. Sorgenvoll warfen meine Eltern einen Blick in Richtung Decke. Der Schneefall war rekordverdächtig, und es wollte einfach nicht mehr aufhören zu schneien. 

Unser damaliges Holzhaus in Waldesruh vor den Toren Ost-Berlins wurde einst Ende der 1930er als Sommerhaus errichtet und erst zu DDR-Zeiten nach und nach ausgebaut und winterfest gemacht. Irgendwann - noch vor unserem Einzug - bekam es eine Veranda und hinten einen Schuppen. Die Genehmigung für den Anbau eines Badezimmers erhielten meine Eltern von der Gemeinde erst Anfang der 80er Jahre, 1984 wurde schließlich der Plan in die Realität umgesetzt. Aus Gasbetonsteinen wurde der Anbau errichtet. Und meine Eltern ließen sich nicht lumpen. Innen wurde alles mit lackiertem Holz verkleidet, das Bad erhielt eine Badewanne, und im Intershop im Hotel Metropol an der Friedrichstraße wurden die verchromten Armaturen eingekauft. Nach einem Jahrzehnt der totalen Schlichtheit sollte es nun ein geräumiges Badezimmer mit allem und dran gaben. Da konnte selbst der Westbesuch nur staunen!

Aber bis dahin?! Zum Plumpsklo mussten wir draußen einmal um das Haus. Dort wo der Schuppen stand, gab es eine Art Kammer, in der bei jeder Witterung das Geschäft verrichtet werden durfte. Da die alte Dame im Nachbargarten auch Kleintiere und Hühner hielt, kamen häufig die Ratten zu Besuch und buddelten sich mitunter sogar eine Röhre in den sandigen Kasten, in dem der Kackeimer stand. In aller Regelmäßigkeit musste im Garten ein Loch gebuddelt werden, um den großen Metalleimer entleeren zu können. Eine Latrine wie im Dreißigjährigen Krieg wollten meine Eltern schließlich auch nicht haben. Das Sitzen als solches war schon okay, und die Kammer wurde auch mit waschfester Tapete und einigen Postkarten ausgeschmückt. Mit einem Haken konnte man die Tür von innen verschließen. Kurzum: Man hatte wahrlich sein stilles Örtchen. Nur im Winter war das Ganze dann überaus unangenehm. 

Und wo sich gewaschen wurde? Auch in der Küche! Anfangs gab es sogar nur eine Handpumpe, mit der das Wasser aus dem Brunnen nach oben befördert wurden. Warmes Wasser gab es nur, wenn der Tauchsieder vorher zum Einsatz kam. Später baute mein Vater einen Kessel mit elektrischer Pumpe ein, so dass es zumindest in der Regel fließendes kaltes Wasser gab. Einmal die Woche wurde zudem eine verzinkte Sitzbadewanne in der Küche aufgestellt. Nachdem der Tauchsieder etliche Kannen Wasser erhitzt hatte, konnte schließlich ein Bad genommen werden. 

Im Sommer gab es immerhin die Möglichkeit, sich mit einer Schüssel Wasser draußen im Garten zu waschen. Irgendwann Ende der 70er wurde auch eine Sommerdusche errichtet. Mit von der Sonne erwärmten Wasser konnte prima an lauen Sommerabenden geduscht werden. Das könnte man sich auch heute gefallen lassen, dem Klogang im Winter trauere ich indes nicht hinterher. Der Gruselfaktor war immens. Damals gab es auf der anderen Seite der Köpenicker Allee noch keine Häuser. Einmal über die Straße - und schon konnte man den angrenzenden Kiefernwald betreten. An zwei Seiten (unser Grundstück war ein Fünfeck) grenzten Gärten, in denen sehr alte Frauen wohnten. Die Häuser wirkten selbst damals wie aus einer anderen Zeit, und überall gab es dichte Büsche und hohe Bäume. 

Bei Wind rauschten die Wipfel der Kiefern, bei Sturm kratzten auch die Äste der anliegenden Sträucher an die Fenster und Wände. Mäuse (manchmal auch Ratten, die allerdings stets erfolgreich mit Gift bekämpft werden konnten) knabberten im hinten anliegenden Schuppen, von den Spinnen und Käfern, die ein altes Holzhaus halt mit sich bringt, möchte ich erst gar nicht reden. Als Kind wird man halt einfach reingeboren und ich machte mir nicht die Platte, doch gespenstisch und schauerlich konnte es halt werden.

Ein Schauer überkam mich auch, als ich am Silvestertag 1978 die sorgenvolle Blicke meiner Eltern sah. Oh meine Güte, unser Haus stürzt ein! Du musst aufs Dach, hörte ich meine Mutter zu meinem Papa sagen. Es half nichts. Er bahnte sich draußen den Weg durch die Schneemassen und stieg mit einer Leiter auf das Dach. Mit Schaufel und Schippe schob er das Gröbste vom Dach, und vor den Fenstern türmten sich nun noch höher die Schneemassen. Während ich mit dem Bauernhof spielte, konnte ich sehen, wie mit einem Rutsch riesige Schneebrocken vor Küchen- und Wohnzimmerfenster herabsausten. Alles gut, beruhigte mich meine Mutter. 

Abends schauten wir gemeinsam die Tagesschau. Mit meinen fünf Jahren konnte ich die Ausmaße des Katastrophenwinters 1978/79 wahrlich nicht erfassen, doch Silvester und Neujahr (mein Vater musste gleich noch mal auf das Dach steigen) hatten sich fest in meinem Gedächtnis eingebrannt…

Fotos: privat, Marco Bertram

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Die sanitären Verhältnisse klingen nach 19. JAHRHUNDERT. Interessante Schilderung. Danke!

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Jener Winter war für Ost und West eine Katastrophe. Und im Februar kam es ja noch mal zu einem extremen Wintereinbruch.

K
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Damals fror sogar die Braunkohle ein...

G
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