Hart aber unfair: ARD und Plasberg "gewaltig" am Thema vorbei

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„Gewaltige Leidenschaft - wer schützt den Fußball vor seinen Fans?“ Mit diesem markanten Titel wollte Frank Plasberg und die ARD die jüngsten Vorfälle (Pyro und Platzsturm) beim Relegationsspiel zwischen Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC in einer Diskussionsrunde aufarbeiten und hinterfragen. Am Ende wurde es ein Talk ohne Tiefe geprägt von gefährlichem Halbwissen einer schlecht besetzten Runde: Johannes B. Kerner (Moderator), Reinhard Rauball (Präsident Ligaverband DFL), Oliver Pocher (Comedian), Katja Winkelmann (Fan von Borussia Dortmund), Frank Richter (Polizeihauptkommissar / stellvertretende Chef der Gewerkschaft der Polizei) und Dirk Bierholz (Leiter des Düsseldorfer Fanprojekts). Wo waren eigentlich die Vertreter der Ultrà-Gruppierungen? Wo saßen die Befürworter von Pyrotechnik?

Es hätte ehrlich und konstruktiv - beispielsweise zum kontrollierten Abbrennen von Pyro - werden können, es wurde aber ein wörtliches „herumgeeiere“ um den wahren Kern. Das lag zum Einen am Fehlen von entscheidenden Protagonisten wie beispielsweise Mitgliedern der Ultra-Szene oder Leuten, die sich wirklich in der Fankultur auskennen und natürlich an der Entschlossenheit das Thema richtig anzugehen. Stattdessen saß mit Johannes B. Kerner Plasbergs Konkurrent auf der Bank, der auch nichts unversucht ließ seine fast unglaublichen Halbweisheiten unter das Volk zu streuen und die Talk-Show für seine Selbstdarstellung zu nutzen. Es war die JBK-Bewerbungsshow, denn die Championsleague wird aber kommenden Saison im ZDF zu sehen sein und nicht bei Kerners (noch) Sender Sat1.
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Auch Oliver Pocher – Comedian, Moderator und Fan von Hannover 96 – sonst immer zu lockeren Sprüchen aufgelegt sah kaum Land gegen die ölige Rhetorik von Herrn Kerner, machte aber mit ihm gemeinsame Sache als es gegen den anwesenden Leiter des Düsseldorfer Fanprojekts Dirk Bierholz ging. Man konnte fast Mitleid mit Bierholz bekommen, so tapfer schlug er sich gegen die Moderatoren-Kombo, die zugab Fußballspiele nur auf der Haupttribüne ihres Vereins zu verfolgen, aber sich im Gegenzug sicher war, dass es Gewalt von Polizisten gegen Fans nicht gibt (Zitat Kerner: "Immer dieses Bullen-Bashing"). Dabei müsste doch vor allem Pocher als Hannover-Fan gerade zu dieser Thematik etwas sagen können. Denn am 23. Oktober 2011 marschierte die vollausgerüstete Staatsmacht vor dem Spiel von Hannover 96 gegen Bayern München in den Heimfanblock N16 um nach Pyrotechnik zu suchen. Sie bahnte sich den Weg mit dem massiven Einsatz von Schlagstöcken und Pfefferspray. Es gab mehrere verletzte Fans. Gefunden wurde aber nichts. Zu diesem Vorfall und auch zu anderen Themen sagte Pocher nichts, wohl zu sehr eingeschüchtert von JBK, der zum Thema Polizeigewalt von seinem selbstherrlichen Haupttribünenplatz auch direkt loslederte:  Er könne es einfach nicht glauben, dass Polizisten einfach mal so zum Knüppel greifen. „Ich glaube einfach nicht, dass ein 20-jähriger Polizeimeister dies tut“

Zwischenkommentar von turus.net Autor Marco Bertram: "Mit Verlaub, Herr Kerner, es wird genügend Menschen geben, die in ihrem Leben noch nie einen ernsthaften Kontakt mit der Polizei, geschweige mit der BFE, etc. gemacht haben. Allerdings wirken solche Aussagen wie ein verbaler Faustschlag ins Gesicht der Fußballfans, die Woche für Woche durch unser Land fahren. Egal, ob in der Bundesliga oder in der Oberliga. Fakt ist: Fahre ich mit meinem Fahrzeug direkt auf den VIP- oder Presseparkplatz des jeweiligen Stadions, trinke in den Stadionräumlichkeiten einen Kaffee und setzte mich auf die Haupttribüne, bekommt man von all den Begleiterscheinungen nichts, aber auch wirklich nichts mit! Ich – damit meine ich jetzt wirklich mich! Was für ein Unterschied allein, ob ich als Pressevertreter auf der Tribüne sitze oder im Innenraum nahe des Gästebereichs stehe. Es ergeben sich völlig andere Einblicke, wenn man nicht nur den „Mob“ aus der Ferne sieht. Begleitet man Fans in der Bahn und den öffentlichen Verkehrsmitteln, so tut sich – gerade in den unteren Ligen - noch was ganz anderes auf!

Freier Zugang für Gästefans in den anderen Städten? Selten der Fall. Komplette Abrieglung. Empfang am Bahnhof. Einkesselungen. Überfüllte Shuttle-Busse. Lange Wartezeiten auf irgendwelchen Vorplätzen. Egal, ob bei Kälte oder Hitze. Eine strapaziöse Angelegenheit für beide Seiten. Für Fans bzw. Ultras und Beamte in voller Montur. Ob es möglich sei, sich diesem Vorgang zu entziehen? Häufig nicht! Nicht mal als autofahrender Gästefan. Häufig (zum Beispiel in Rostock) wird vorgeschrieben, sein Fahrzeug am Bahnhof abzustellen, um anschließend mit den zugreisenden Gästefans die von der Polizei begleiteten Sonderbusse zu nutzen.
Unberechtigte Polizeieinsätze? Gab es in den vergangenen 20 Jahren (aus eigener Erfahrung) einige zu sehen. Knüppel aus dem Sack, Pfefferspray aus kürzester Distanz gezielt in die Augen. Alles gesehen, alles erlebt, alles bereits selbst am eigenen Leib gespürt. Nicht von der Pressetribüne aus, sondern als Medienvertreter, der sich an die Nahtstelle begibt. Also sorry, solche Worte wie bei „Hart aber fair“ muss ich mir als Fan und Journalist nicht anhören. Emotion hin, Emotion her."

Frank Richter der stellvertretende Chef der Gewerkschaft der Polizei brachte emotional das Thema Polizeigewalt ins Rollen und befürwortete die Taktik der Beamten (am Beispiel von Hertha BSC) nach einer Pyroshow den Fanblock zu stürmen, obwohl es gerade dann die meisten Verletzen auf beiden Seiten geben könnte. Zitat: Nachdem die Polizei beim besagten Spiel in Düsseldorf im Hertha-Block eingeschritten ist, war „dort Ruhe“. Die Sicherheit in den Stadien müssen zudem auf den Stand einer Profiliga gesetzt werden, so Richter. Was das heißen soll? Noch mehr Polizei? Polizei statt Ordnerdienst? Wenn er diesen Punkt meinte, so wurde dieses Konzept bereits beim Oberligaspiel Fortuna Chemnitz gegen 1. FC Lokomotive Leipzig umgesetzt. Statt der Ordner in Warnwesten standen dort nämlich ab der 75. Minute behelmte Einsatzkräfte der Polizei vor dem Gästebereich. Richter war kein Mann für eine Talkshow, so verstrickte er sich im Laufe seiner provokanten Argumentation in Widersprüche und berichtete am Ende sogar das nur fünf Prozent der Polizeieinsätze im Stadion stattfinden. Ja aber ging es in der Talkrunde nicht um Vorfälle im Stadion? Warum wurde Herr Richter dann überhaupt eingeladen?

Stellvertretend für die normalen Fans sollte Katja Winkelmann (Anhängerin von Borussia Dortmund) stehen, die seit 1999 ins Stadion (auf die Süd) geht und immerhin positiv über die Aktionen Ultras (Pyro ausgenommen) sprach. Allerdings sei an der Stelle mit Nachdruck noch einmal gefragt: Warum saßen in der Talkrunde keine jüngeren Fußballfans und Vertreter diverser Ultrà-Gruppierungen, die sich Spiel für Spiel an den emotionalen Brandherden befinden? In den Kurven, in den Gästekäfigen, in den Sonderzügen oder in den Einkesselungen der Polizei? Denn Frau Winkelmann  - ohne Ihr nahe zu treten - wirkte sehr hilflos in der Männerrunde vor allem auch da Herr Kerner zunehmend die Leitung der Show übernahm und auch Dirk Bierholz förmlich in die Gewalt-Ecke drängen wollte. So sprach Kerner von einer „neuen Qualität“ und nannte sogleich die Beispiele Karlsruher SC, Fortuna Düsseldorf und den Platzsturm bei Borussia Dortmund während der Übergabe der Meisterschale. Um das Ganze zu unterstreichen, wurde zur Überraschung noch ein ganz anderes Beispiel herangezogen: Einen Überfall von Anhängern des SV Waldhof Mannheim auf einen Fanbus von Darmstadt 98. Denn diese Sache ging nicht groß durch die Medien, so Kerner. Was dagegen eine Milliarde Menschen auf der ganzen Welt auf den Bildschirmen live verfolgen konnten: Das Finale der UEFA Champions League. FC Bayern München gegen den Chelsea FC. Eine TV-Übertragung mit unglaublicher Wirkung. Und dann zu Beginn der zweiten Halbzeit? Bengalos. Gezündet von zehn, zwölf, fünfzehn Fans. Nebelschwaden im Stadion. Gesehen von allein 20 Millionen Zuschauern in Deutschland. „Zehn Bums-Dumme, die denken, das sei ihre Veranstaltung“, so Kerner.

Gewiss, gewiss. Fußballfreunde in allen Ecken der Welt mussten diese „Schande“ sehen und werden sich mit Abscheu vom Bildschirm abgewendet haben. Ganz besonders die eingefleischten Fans und Ultras in Italien, der Türkei, auf dem Balkan, in Osteuropa. Pfui, werden sie gedacht haben. Welch ein widerliches Spektakel liefern diese Bayern-Fans?! Aber mal im Ernst! Pyrotechnik ist in den deutschen Stadien verboten. Die entsprechenden Fans wird man mit Leichtigkeit ausfindig gemacht haben. Fertig, gut. Aber bitte schön sollte man nicht derartig übertreiben. Worum ging es denn? Um Krawalle auf den Rängen? Oder um ein paar Bengalos, die im Rahmen des Möglichen kontrolliert von den Münchner Fans abgebrannt wurden? Schon wieder diese Schublade: Pyrotechnik ist gleich Randale? Wenn dem so sei, ist allerdings Fakt: Beim Abschlusstraining des FC Bayern München gab es schwere Ausschreitungen, denn am Rande des Platzes wurde Pyrotechnik gezündet. Das war Vorfreude? Oder bayerische Emotion? Soll man über die Doppelzüngigkeit lachen?

Der einzige, der in dieser Runde versuchte, wirklich differenziert zu betrachten, war der Leiter des Fanprojektes Dirk Bierholz von Fortuna Düsseldorf. Auch er beklagte, dass immer wieder alles zusammengewürfelt werde. Schließlich gab es von Fortuna-Seite keine Randale, sondern einen friedlichen Platzsturm freudestrahlender Leute. Eine Minute zu früh – der Haken an der Geschichte. Allerdings wurde die gegnerische Kurve nicht angegangen. Zudem betonte Dirk Bierholz, dass wir in Deutschland mit die sichersten Stadien haben. Nicht zu vergessen seien all die positiven Aspekte beim deutschen Fußball. Bei bestimmten Risikospielen müsse man Angst haben, entgegnete Frank Richter von der GdP. Gewalttätige Fans müsse man separieren, Gewalttäter seien zudem keine Fans und auch keine Ultras. Und gegen diese Verbrecher müsse man konsequent vorgehen. Mit welchem Rezept, ließ der Mann von der Polizeigewerkschaft offen. Es schien, als seien für ihn eine Zero-Tolerance-Politik und massive Polizeieinsätze in den Blöcken der richtige Weg. Mildere, sachlichere, differenziertere Worte dagegen von Rauball. Lobende Worte für abgehaltene Sicherheitskonferenzen und beschleunigte Verfahren. Diese zeigen jedoch bei den Ultras wenig Wirkung, so Pocher. Abschreckung zeigen im Prinzip nur die Polizisten. Als Beispiel zog er den Polizeieinsatz im Chelsea-Block im Rahmen des CL-Finales heran.

Nur der Dialog sei der richtige Weg, warf Dirk Bierholz der sich längst aus der JBK-Schlinge befreit hatte ein. Leider waren Vertreter der Fangruppierungen selten bei solchen Konferenzen mit eingeladen. Zudem seien auch Fans von unangemessenen Polizeiaktionen betroffen. Er brachte das „Gesülze“ der anderen Mitstreiter sinnvoll auf den Punkt: Nur wenn sich alle und zwar wirklich alle also Fans, Sicherheitskräfte und Verein zusammensetzen, können Veränderungen angestoßen werden. Aber solange der „normale“ Fan nichts wert ist oder um es mit den Worten des DFL-Präsidenten Reinhard Rauball zu schreiben „subventioniert durch die VIP-Plätze“ wird, wird sich nichts ändern. Rauball hatte auch nicht wirklich große Momente in der Show. Aussagen wie „... denn unser Fußball gehört nur den echten Fans!“, dürften auch einige BVB-Anhänger verschrecken: Wer sind die echten Fans? Schon wieder diese Grundsatzfragen: Was zeichnet einen echten Fan aus? Vor allen Dingen: Wer legt so etwas fest? Die Vorstände der Bundesligisten? Die DFL und der DFB? Das Fernsehen?

Der echte Fan?! Meint Herr Rauball die Fans der 80er und 90er Jahre in Kutte und mit Bierchen in der Hand? Oder meint er das brave Sitzpublikum, das sich im offiziellen Fanshop ausstattet und schon mal 50 Euro für eine Eintrittskarte hinlegt? Oder sind die echten Fans diejenigen, die ihr Team Woche für Woche begleiten und in den Gästeblöcken für Stimmung sorgen? Falls Herr Rauball diese meint, sollte er mal mit jenen (und nicht nur mit ausgewählten) ein ausführliches Gespräch führen.

Fazit zum Schluss: Ein Talkrunde die gänzlich am Thema vorbeiging und bei der über Leute gesprochen wurde, die nicht mitdiskutieren durften, und in der ein Moderator (JBK) sich als Selbstdarsteller profilieren durfte und in der der eigentliche Moderator Frank Plasberg am Ende sogar gestand fast nie zum Fußball zu gehen. Dazu bleibt nur eines zu sagen: Hart aber unfair!  Während Plasberg  seine Chance verspielt hat, hat die ARD heute eine zweite Chance und zwar in der Talkshow „Menschen bei Maischberger“ zum Thema „Kicker, Kohle, Krawalle: Wer regiert König Fußball?“. Das Line up verspricht aber auch hier nichts Gutes: Udo Lattek, Kai Pflaume, Rolf Töpperwien, Maria Basler, Marijke Amado, Werner Schneyder.

Foto: Fandemo 2010 in Berlin

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