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Re: Unterwegs im Land der Pharaonen 08 Feb 2008 13:02 #7498

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9.-19.Tag: Assiut - Assuan

Nach etwas mehr als 1000 km enlang des Nil, bin ich quasi am Ende angekommen. Assuan is die suedlichste Stadt Aegyptens. Kurz hinter der Stadt beginnt der 1971 fertig gestellte Nasser-Stausee, der den Nil auf einer Laenge von 550 km aufstaut.

Der NIl ist die Lebensader Aegyptens. Zu beiden Uferseiten erstreckt sich ein 5-25 km breiter gruener Fruchtstreifen, auf dem von Zuckerrohr, Bananen, Orangen, diversen anderen Fruechten und Gemuese alles waechst und gedeiht. Gleich hinter diesem gruenen Streifen beginnt, wie mit einem Lineal gezogen, die Wueste. Durch den Bau des Nasser-Stausees konnte, durch verschiedene Bewaesserungssysteme, die Anbauflaeche um 25% gesteigert und das ganze Jahr ueber beweirtschaftet werden.

Auf den Feldern arbeiten Maenner, Frauen und Kinder. Der Einsatz von Maschinen ist aber sehr begrenzt. Der Ese ist, wie zu Zeiten der Pharaonen, noch immer ein wichtiges Transportmittel. Man haelt eben an Traditionen fest.

Von Assiut bis Qena stand ich wieder unter staendiger Polizeibegleitung. Teilweise wurde ich sogar bis ins Hotel eskortiert. Und in Sohag durfte man das Hotel sowieso nur unter Polizeischutz verlassen. Was dann aber hinfaellig war, da nach einer laengeren Wartezeit kein Polizist aufkreuzte, der mit mir durch die Stadt laufen wollte. Also durfte-/musste ich ohne Begleitung mich der "Gefahr" aussetzen. Gleichzeitig muss ich aber sagen, dass ich mich zu keinem Zeitpunkte hier in Aegypten unsicher oder bedroht gefuehlt habe. Es ist nur laestig, dass man oft von der Polizei begleitet wird, insbesondere, wenn sie mit ihren alten knatternden Wagen direkt hinter einem oder sogar neben mir herfahren.

Ds Poizeiaufgebot ist so hoch, wie ich es noch in keinem anderen Land gesehen habe. Vor vielen Hotels, allen Kirchen und Kloestern und oeffentlichen Gebaueden stehen die Personen in Uniform. Die wichtigsten Verkehrsknotenpunkte wie Kreuzungen, groessere Plaetze oder Bruecken unterliegen sowieso ihrer Kontrolle. Fast hermetisch abgeriegelt sind die Sehenswuerdigekeiten, zu denen der Pauschaltourist in Konvois gefahren wird. Solche Konvois bestehen aus 5-10 Reisebussen und mehreren Kleinbussen, die "verteidigt" werden von einem Polizeiwagen mit 4 Personen, wovon 2 ueblicherweise auf der Ladeflaeche schlafen. Soll man hier schon von Polizeistaat sprechen?

Die Sache mit den Konvois hat aber auch positive Seiten, zumindest fuer mich. Denn wartet man, dass die Konvois die Tempel wieder verlassen, hat man alle Sehenswuerdigkeiten fuer sich alleine, abgesehen von den Polizisten, die dort herumlungern.

Diese 3000-4000 Jahre alten Tempelanlagen aehneln sehr unseren heutigen Kathedralen. Ausgerichtet in Ost-West-Richtung betritt man die Anlage durch ein bis zu 35m hohes und 80m breites Eingangstor, dahinter breitet sich ein Hof aus, an den sich ein grosser Saal mit einer von zahlreichen Saeulen getragenen Decke anschliesst. Den Abschluss bildet das Sanktuar umgeben von verschiedenen Kapellen. Die Waende sind dekoriert mit Steinmetzarbeiten, die das Leben der Goetter und Pharaonen schildern.

Auf den Krach, den die Muezinne hier machen, insbesondere am Freitag bin ich in meiner letzten Mail schon eingegangen. Der Islam praegt hier den ganzen Tagesablauf. Im Fernsehen laeuft den ganzen Tag Programme, auf denen Koranverse vorgetragen werden. Wen das interessiert, der kann sich auf www.quran.tv weiter informieren. Und dieser Tage sass ich in einem Internet Cafe, als ploetzlich der Bildschirm dunkel wurde und eine Moschee erschien. Sekunden spaeter ertoente von draussen auch schon der Ruf des Muezin. Als Nichtmuslim konnte ich die ESC-Taste druecken und zurueck zu meiner Seite kehren - den Ruf des Muezin konnte ich leider nicht abstellen. Man lebt hier ganz nach dem Motto "Alles ist Schicksal und Bestimmung" und wenn wir nur fleissig glaeubig sind, dann wird Gott uns schon aus unserem Schlamassel rausholen - und wenn nicht in diesem Leben, dann wenigstens im naechsten.

Mein Hotel hier hat auch eine Bar, die liegt etwas versteckt und als ich den Rezeptionisten nach der Bar fragte, antwortete er mir hinter vorgehaltener Hand ganz leise "Bier?" und zeigte mir den Weg. In dem kleinen Hinterhof fand ich dann auch die Bar, ich war der einzige Gast - zumindest westliche, die anderen Gaeste waren alle "Scheichs" und auf den Tischen vor ihnen tuermten sich die leeren Bierflaschen. Einige waren schon jenseits von Gut und Boese und so kann ich nur verstehen, dass der Islam den Konsum von Alkohol verteufelt. Soviel zum Thema Alkohol.

Das waere es fuer heute.

Schoene Gruesse aus dem sonnigen Assuan

Bernhard

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Unterwegs im Land der Pharaonen 08 Feb 2008 13:00 #7497

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Tagbuch von einer Ägypten-Reise

von Bernhard Niebaum


Hallo liebe Leute,

an dieser Stelle füge ich ein Ägypten-Tagbuch ein, das mir Bernhard Niebaum per Mail zugeschickt hat.
Im Herbst 2000 trafen wir uns einmal in Ulaan Baatar mitten in der Mongolei. Er war gerade mit dem Rad quer durch Asien unterwegs.
Zur Zeit ist er im Land der Pharaonen unterwegs...

Viel Spaß beim Lesen wünschen Bernhard & Marco




1. - 8. Tag: Kairo - Assiut

Jetzt bin ich in Assiut, worueber mein Reisefuehrer schreibt: "..mit seinem Ruf als Islamistenhochburg ist Assiut kein Ort fuer Touristen, ... selbst fure den 150 m kurzen Weg vom Bus- zum Zugbahnhof bekommt der Tourist einen Aufpasser zur Seite gestellt...".

Fuenf Jahre ist es her, dass ich das letzte Mal auf Tour war, hoechste Zeit also, dass ich mal wieder das Rad aus dem Keller hole. Dieses Mal entschied ich mich fuer das Land der Pharaonen - Aegypten.

Letzten Dienstag bin ich morgens um 1:25 Uhr in Kairo gelandet. Das Hotel hatte ich ausnahmsweise schon von zu Hause aus gebucht. Zum Preis von 9.43 Euro gab es dazu noch einen Flughafentransfer. Die Fahrt zum Flughafen ins Zentrum von Kairo glich einem Ausscheidungsfahren bei der Formel 1. Ueberholt wird wo es geht (manchmal auch wo es eigentlich nicht geht, eben ganz Formel 1) und zur besseren Taeuschung des Gegners faehrt man am Besten ohne Licht. Wozu auch, der Mond scheint doch. Rotes Ampellicht bedeutet noch lauter und laenger hupen und Allah bitten, dass der Seitenverkehr schon anhaelt.

Zwei weitere Tage habe ich dann noch in dieser lauten, hektischen und chaotischen Stadt verbracht. Was hier wie, warum, wie lange und wie laut gehupt wird, das habe ich noch in keiner Stadt erlebt. Das groesste Unglueck eines aegyptischen Autofahrers ist es, wenn seine Autohupe nicht mehr funktioniert. Und zu all dem Gehupte kommt dann noch der regelmaessige Ruf des Muezzin von seinem Minarett. Und damit man den Autoverkehr uebertoenen kann, bedient man sich jetzt der Lautsprecher. Und Minarette mit Lautsprechern gibt es reichlich.

Ich habe den Freitag (islamische Sonntag) genutzt, um dem Chaos zu entfliehen. Und tatsaechlich um 7 Uhr gehoerten die Strassen mir noch fast alleine. Den richtigen Weg zu finden ist nicht weiter schwierig, der Nil gibt die Richtung vor. Durch eine brettebene Landschaft unterstuetzt von einem kraeftigen Rueckenwind geht es ziemlich schnell Richtung Sueden.

Die oftmals 4-spurige Strasse muss ich mir mit allem Teilen, was fahren oder laufen kann: LKW, Busse, Pickups, PKWs, Motorraeder, Fahrraeder, Eselkarren, Handkarren, Eseln, Einheimischen. Wobei nicht immer eindeutig ist, ob hier Rechts-oder Linksverkehr herrscht. Aber auch hier gilt: Wer lauter hupt hat vielleicht Recht.

Eines muss man den Menschen hier aber lassen. Sie sind alle freundlich. Oft schallt mir ein "Hello" oder "Welcome" entgegen. Sie sind alle sehr hilfsbereit und entgegenkommend. Es passiert immer wieder, dass man zum Tee eingeladen wird.

Das Wohl der Touristen liegt der Staatsmacht ganz besonders am Herzen, lebt doch die Wirtschaft zum ganz grossen Teil vom Tourismus. Einige Abschnitte duerfen deshalb nur in Poliziebegleitung zurueckgelegt werden, zu gross ist das Risiko auf islamische Terroristen zu treffen. Aus diesem Grunde gibt es unterwegs immer wieder Polizei Checkpoints. Erreiche ich so einen Checkpoint ist die die Aufregung erst einmal gross, was soll man jetzt mit dem Touristen machen, der auf dem Fahrrad daher kommt. Warum sitzt der denn nicht im Reisebus? Zunaechst wird mir mitgeteilt, dass ich mal 5 aegyptische Minuten (etwas 45-60 europaeische Minuten) zu warten haette. In dieser Zeit wird eifrig hin und her telefoniert und irgendwann kommt dann ein Polizeiwagen mit 4 Mann Besatzung, der mich eskortiert. Wie bei einem Einzelzeitfahren bleibt der Wagen dann immer hinter mir. Nach 15-20 km wird gewechselt und eine andere Besatzung ist an der Reihe. Das klappt meistens ohne laengere Wartezeiten. Oft werden in einer Zigarettenpause nur Neuigkeiten ausgetauscht. Kurz vor der Ortsgrenze ist dann aber Schluss mit der Begleitung - ist es der Polizei zu gefaehrlich in die Terroristenhochburgen zu fahren? Hier in Assiut, wie auch schon in Minia ist jedenfalls von einer Bedrohung nichts zu spueren - zum Glueck. Ich kann mich ohne Aufpasser frei bewegen.

Das waere es erst einmal aus einem Land mit einer uralten Kultur

Bernhard

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