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94. Minute im Brisanzduell: Babelsberger Hammerschuss ins Chemnitzer Herz

Autor: Marco Bertram     veröffentlicht am 01 Dezember 2012    
 
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CFCZwei Stunden zuvor. Der Blick auf die Ränge des Karl-Liebknecht-Stadions besagte, dass es dieses Mal weniger Zuschauer sein würden als beim letzten Aufeinandertreffen am 03. März dieses Jahres. Damals wurden 3.230 Zuschauer Zeuge eines torlosen Unentschieden, das unter den Zuschauern trotz der fehlenden Treffer für eine erhöhte Betriebstemperatur gesorgt hatte. Nasskaltes Wetter mit einsetzendem Schneeregen sorgte dafür, dass beim Wiedersehen nur 2.703 Zuschauer ins Karli gelockt wurden. Auch der Gästebereich war dieses Mal weniger gefüllt als letztes Mal. Rund 400 CFC-Fans sorgten indes trotzdem für recht passable Stimmung.

FI99Während die angereisten Chemnitzer Fußballfreunde im Rahmen der Aktion 12:12 in der Anfangsphase des Spiels weitgehend stumm blieben, ignorierte das Babelsberger Filmstadt Inferno 99 diese Aktion und unterstützte das Team von der ersten Minute an. Laut, knackig, in gewohnter Form. Bei Anpfiff gab es ein Spruchband mit der Aufschrift „Vielfalt ist Stärke!“ und einen Konfetti-Regen zu sehen. Eine halbe Stunde vor dem Spiel wurde auf Höhe des FI 99 eine Werbebande eingeweiht: „Nulldrei gegen Homophobie“. Auf optische und verbale Provokationen in Richtung Chemnitzer Fans wurde während der ersten Viertelstunde komplett verzichtet. 

PyroHitzig wurde es nach den ersten 12 Minuten und 12 Sekunden dann so oder so. Nachdem wie in vielen anderen Stadien mit dem Herunterzählen die Protestaktion der Chemnitzer Fans beendet wurde, ertönte wieder der gewohnte Gesang aus dem Gästebereich. Inmitten der singenden Fans entzündete ein weiblicher Fan mit Kapuze relativ freistehend eine bengalische Zylinderflamme und hielt diese hoch. Erstaunte Gesichter ringsherum. Völlig allein bot sie die kleine Pyro-Aktion dar und tauchte dann unter. Gewiss war das Ganze keine große Sache. Verboten bleibt jedoch verboten, Job bleibt Job: Die Ordner versuchten die Zündlerin ausfindig zu machen. In der Folgezeit kam es im Gästebereich zu einem Gerangel zwischen Fans und Ordnern. Polizei rückte an und versuchte die Situation zu beruhigen.

ChemnitzAuch hinter der Gästetribüne kam es am Eingangsbereich zu Rangeleien und Verbalgefechten. Es kam zu Festnahmen. Zwei halb vermummte Fans legten indes eine filmreife Flucht hin und rannten die Straße Alt Nowawes hinunter. Mit dem Fahrzeug entgegengekommene Polizisten nahmen augenblicklich die Verfolgung auf. Einer der beiden Flüchtenden konnte in Sichtweite festgenommen werden, der andere verschwand aufs Erste in einer Nebenstraße. Im und vor dem Gästeblock hatte sich die Situation inzwischen beruhigt. Nicht zuletzt dadurch, dass Fans untereinander halfen, die Gemüter abzukühlen. Zurückhalten, klärende Worte, entschiedenes dazwischen gehen. 

KarliAuf dem Rasen gab es inzwischen eine recht interessante Partie zu sehen, die völlig ausgeglichen war und Möglichkeiten auf beiden Seiten parat hatte. Klingeln wollte es bis zur Pause noch nicht, torlos ging es demzufolge zum Pausentee. Traditionell wird in Babelsberg häufig in der zweiten Halbzeit ein Schippchen draufgelegt. Sowohl auf dem Rasen als auch auf den Rängen. So waren schon bald auf der Gegengerade die ersten Spruchbänder zu sehen. Nach den Themen Homophobie und Fan-Kodex sollten die Gästefans eine knackige Ansage bekommen.

FI99Gerade wurde die an die Chemnitzer Fans gerichtete Botschaft ausgewickelt, da schossen die Gäste prompt den Führungstreffer. Verzögertes Jubeln bei den Himmelblauen. Wirklich Tor? Kein Abseits? Oder irgendetwas anderes? Die Sache war amtlich. 1:0 für Chemnitz in der 57. Minute. Torschütze war Benjamin Förster, der aus rund zehn Metern den Ball über Nulldrei-Keeper Löhe gehoben hatte. Nahtlos wurde nun die Babelsberger Botschaft rübergebracht: „Manche Leute haben nichts im Leben als eine Staatsbürgerschaft. Und eine/n Cousin/e 1. Grades.“ Dazu ein Bildchen. Ein Chemnitzer mit einer Frau im Arm. Über ihrem Bauchnabel ein Tattoo. Zwei gekreuzte Hämmer. Der Feind aus Aue als Geliebte. 

LöheDas Spiel war nun erst richtig eröffnet. Babelsberg gegen Chemnitz birgt in der Tat eine gewisse Brisanz. Freundschaftlich ging es in der Vergangenheit wahrlich nicht zu. Auf dem Rasen versuchte Nulldrei sein Glück, doch gab es trotz Überlegenheit im Mittelfeld kaum ein Durchkommen. Die Chemnitzer kamen bei einigen Kontern der Entscheidung sehr nahe, doch nicht zuletzt Dank Keeper Löhe blieb es aus Babelsberger Sicht beim knappen Rückstand. Apropos Löhe. Dieser eilte in der Schlussphase bei einem Freistoß mit nach vorn und versuchte in der Chemnitzer Abwehr für Unruhe zu sorgen. In der Nachspielzeit blieb er dann doch lieber im eigenen Kasten. In der 93. – oder war es sogar die 94. Minute? – fuhr Babelsberg nach einer heiß diskutierten Schiedsrichterentscheidung nahe der Mittellinie einen letzten Angriff in Richtung Chemnitzer Tor. Richtung ist der richtige Begriff, denn bereits weit, weit vor dem Strafraum zog wie eingangs erwähnt der Held des Tages stramm ab. Was für ein Kracher! Erinnerungen an das legendäre Bielefeld-Spiel am Ende der vergangenen Saison wurden wieder wach. 

BabelsbergKeine Frage. In Babelsberg erlebt man was! Nur schade, dass am Samstagnachmittag nicht einmal die 3.000-Zuschauer-Marke geknackt wurde. Solche Spiele hätten ein größeres Publikum verdient. Vollere Ränge wird es sicherlich in zwei Wochen geben, wenn der FC Hansa Rostock mit seinem Gefolge im Karli die Visitenkarte abgibt. Es sei denn, der einbrechende Winter macht dem Ganzen einen Strich durch die Rechnung. Bereits gegen Chemnitz stoben Mitte der zweiten Halbzeit die Schneeflocken umher...

Fotos: Sandy Hartenstein, Ricardo Lichtenfeld, Marco Bertram

> zur turus-Fotostrecke: SV Babelsberg 03

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