FK Teplice vs. Zbrojovka Brno: Akrobatik beim Klatschpappenzirkus

Autor: Felix     veröffentlicht am 01 Dezember 2012    
 
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FK TepliceTeplice ist von Prag aus bequem in 90 Minuten per Zug zu erreichen. Es geht dabei stetig nordwärts, man ist fast schon wieder in Deutschland. Während der November sich in Tschechien bisher gnädig zeigte, weht hier am Bahnhof Teplice v Cechách‎ (Achtung: es gibt noch weitere Städte mit diesem Namen im Süden) schon ein anderer Wind: s ist kühl und neblig, da gebirgsnah. Der Kilometer zum Stadion führt durch ausgestorbene Gassen dieser grau und blass wirkenden Stadt.

TepliceIn das hufeisenförmige Stadion Na Stínadlech passen 18.221 Zuschauer, an der offenen Seite steht nur eine kleine Tribüne und man hat freie Sicht in Richtung Erzgebirge. Bei schönem Wetter. Heute fällt der Blick in die Landschaft aufgrund von Nebel aus. Trüb ist auch der Ausblick für den FK Teplice, denn der steckt als Vorletzter im Abstiegskampf. Daher ist heute zum letzten Hinrundenspiel bzw. letzten Ligaspiel vor der Winterpause der Eintritt für alle kostenfrei. Offiziell verlaufen sich 3.318 Zuschauer im Stadion – es gibt aber keine Kontrollen. 

TepliceWahrscheinlich wurde einfach gezählt wie viele blau-gelbe Klatschpappen (lokal auch „tleskadla“ genannt) am Eingang verteilt wurden. Irgendeinen Haken musste das mit dem freien Eintritt ja haben. Die Klatschpappe ist Symbol für sterile und kreativlose Atmosphäre wie es sie in den meisten Indoor-Sportarenen bereits gibt. Dort kennen die Fans in vielen Fällen nur zwei Anfeuerungsrufe, z.B.: „Offense!“ – klapp klapp und „Defense!“ – klapp klapp. Zum Glück hat sich das gefaltete Stück Karton in Deutschland noch nicht in anständigen Fußballstadien etabliert. 

Die Stimmung in Teplice wird der Pappe aber größtenteils gerecht: immer wieder fordert der Stadionsprecher die Fans in den Geraden auf, ihre Mannschaft anzufeuern und quäkt es durch die Lautsprecher auch schon mal vor: "Teplice! Teplice!" – klapp klapp klapp – tröt tröt.

Ultras TepliceDie etwa 100 Ultras trommeln und singen eingezäunt in der Ecke, ihr Bemühen geht aber im weiten Rund verloren. Die Atmosphäre auf der Gegengeraden, wo sich heute der Großteil der Zuschauer aufhält geht stark in Richtung Family & Friends, und es ist - trotz angespannter Tabellensituation - entspannt. Gäste sind auch vor Ort, keine 100, ebenfalls gut eingezäunt am Ende der Geraden. Sie sind im Rahmen ihrer Möglichkeiten aktiv und machen sich immer wieder bemerkbar.

BrnoAuf dem Rasen tut sich nicht sonderlich viel. Der FC Zbrojovka Brno ist als Favorit (immerhin Tabellensechster) etwas zwingender und hat kurz vor der Pause Pech, als ein Tor wegen Abseits nicht anerkannt wird. In der zweiten Halbzeit drücken dann aber durchweg die Hausherren und entscheiden das Spiel schließlich binnen sechs Minuten: nach einem feinen Flügellauf von rechts muss Ján Chocanec in der 61. Minute nur seinen Fuß in den Pass halten. Kurz darauf folgt ein Treffer von sehenswerter Akrobatik: Teplices Ajdin Mahmutovič läuft einem weiten hohen Ball in die Spitze hinterher, gleichzeitig sprintet Brnos Torhüter Martin Doležal aus seinem Kasten. Gleichzeitig erheben sich beide an der Grenze des Sechzehners weit in die Lüfte, gleichzeitig reißen sie ihr jeweils rechtes Bein hoch. Mahmutovič ist eine Zehntelsekunde schneller mit seinem Fuß am Ball und schaut noch im Flug hinterher wie sich dieser im hohen Bogen ins Tor senkt. 

Analog zur Mannschaft schalten auch die Ultras im zweiten Durchgang einen Gang hoch. Vielleicht - ich bin zwischenzeitlich umgezogen - klingen sie aus der Nähe auch einfach deutlich lauter, jetzt hallt es jedenfalls gut unter dem Dach. Die Klatschpappenanfeuerungsrufe des Stadionsprechers sind aber auch hier gut zu hören und so klappert es weiterhin: "Teplice! Teplice!"

Fotos: Felix Natschinski

> zur turus-Fotostrecke: Fußball in Tschechien

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Auf www.GroundhoppingEtc.com und www.facebook.com/GroundhoppingEtc berichtet Felix über seine Stadionerlebnisse, u.a. in Berlin, London oder Prag.

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