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Emotionale Rückkehr nach Leipzig-Leutzsch: Spurensuche am AKS

Autor: Marco Bertram   veröffentlicht am 05 März 2012    
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Leutzsch„Schießt doch, schießt doch!“ Die Rufe haben sich in meinem Hirn eingebrannt. Leipzig-Leutzsch im Herbst 1994. Orangefarbene Ikarus-Busse vor dem alten Bahnhofsgebäude. Der etwas düstere Weg hinunter zum Stadion. Im Alfred-Kunze-Sportpark der heimische Schlachtruf „Nur ein Leutzscher ist ein Deutscher!“ Die berittene Polizei auf dem Rasen. Der deftige Faustschlag mitten ins Gesicht. All diese Dinge mischten sich im Kopf zu einem einzigen „Das war Leutzsch“, und doch stehen einzelne Momentaufnahmen wie gestochen scharfe Fotos im Geiste parat, um wieder und immer wieder abgerufen werden zu können. Worum es hier eigentlich geht? Der Reihe nach!

Bahnhof LeutzschIm Herbst 1994 stand die Partie FC Sachsen Leipzig – FC Berlin (BFC Dynamo) auf dem Programm. Im Rahmen der neu geschaffenen Regionalliga kam es nun nach den Geschehnissen am 3. November 1990 (Tod von Mike Polley) zum brisanten Aufeinandertreffen der Sachsen und Berliner. Mit gemischten Gefühlen ging es mit dem Regionalverkehr in die Messestadt. Bereits bei Ankunft tummelten sich auf dem Leipziger Hauptbahnhof eine Menge Leute der so genannten Kategorie C. „Ost-, Ost-, Ostberlin!“, hallte es quer durch den damals noch unsanierten Kopfbahnhof. Die Polizei war präsent und verfrachtete die Jungs aus Berlin in einen Zug nach Leutzsch.

FC Berlin beim FC SachsenMehr als 4.000 Zuschauer wollten das Spiel im Alfred-Kunze-Sportpark sehen. Gegenüber der Haupttribüne nahm ich inmitten gemäßigter Leipziger Fußballfreunde auf dem Dammsitz Platz. Rasch einen Film eingelegt und das Szenario auf dem Spielfeld und den Rängen fotografiert. Die Luft war elektrisiert, ja geradezu von Hass erfüllt. Kein Wunder, dass die Sachsen-Fans außer sich vor Freude waren, als den Hohenschönhausenern zwei Tore eingeschenkt wurden. Gegen Ende des Spiels machten die Gästefans mobil und rissen am vorgespannten Netz. Der Zaun wurde geentert und die Polizei zeigte auf dem Spielfeld Präsenz. Hoch zu Ross, den Helm auf dem Kopf. Ein verrückter Anblick.
Bereits während des Spiels schlug mir auf dem Dammsitz der Hass entgegen. Ein Fremder, der mit seiner Kamera den Gästeblock ablichtet? „Da gibt´s nichts zu fotografieren! Das ist nur Scheiße!“, wurde mir erklärt. Ich blieb stur und ließ mich nicht abbringen. Ein paar gesprochene Worte outeten mich letztendlich als waschechten Berliner. Vor den Toren des AKS warteten bereits drei Leipziger auf mich. Drinnen tobte munter der Berliner Mob, draußen gab es in der unfairen 1:3-Situation böse was aufs Auge. „Du scheiß Berliner!!“ Aus der Kalten mal eben mit der Faust zugeschlagen. Das hatte gesessen.

Polizei im AKSWahrscheinlich hätten sie sich richtig warm geprügelt, wenn nicht gerade der Berliner Anhang von der Polizei in Richtung Bahnhof Leutzsch begleitet worden wären. Die Leipziger ließen ab, und ich schloss mich nun der Berliner Reisegesellschaft an. Sicher ist sicher. Allerdings hieß nun auch: Mitgefangen, mitgehangen. Wie bei einem Schweigemarsch ging es den Weg hinauf zum Bahnhof. Dort brach es aus den Jungs heraus. All die Wut und der Hass auf Grund des tragischen Todesfalls wenige Jahre zuvor. Die Situation wurde unübersichtlich. Rennerei. Rangeleien. „Schießt doch, schießt doch!“ Mit diesen Worten wurden die behelmten Einsatzkräfte angebrüllt.
Auf dem Bahnhof wurde ein IC zu einer Notbremsung gezwungen, indem ein paar Leute auf die Gleise sprangen. Dichter Qualm hüllte die Bahnsteige ein. Alles lief ab wie in einem Film. Für mich völlig surreal. Faszinierend und beängstigend zugleich. Die schmerzenden Wangenknochen hatte ich zwischenzeitlich vergessen. Irgendwann gelang es der Polizei, die BFCer in einen Doppelstockzug zu verfrachten und zum Leipziger Hauptbahnhof zu bringen, wo ein Sonderzug wartete. Sich abzuseilen gelang nun nicht mehr. Mit rein in den Sonderzug und schauen, wie an den Türen mit der behelmten Ordnungsmacht mächtig gerangelt wurde. Unvergessen, wie ein Berliner Hooligan sich einen Feuerlöscher griff und die Polizisten einnebelte. Das Drama in meinem Gesicht wurde am nächsten Morgen sichtbar. Blau, geschwollen und schmerzhaft war das Andenken an den AKS in Leutzsch. Die Wunde heilte ab, die Erinnerungen blieben bis heute frisch.

> zur turus-Fotostrecke: Leutzscher Fußball / AKS

LeutzschSeit 1994 war ich nicht mehr vor Ort in Leipzig-Leutzsch. Zwar folgten im neuen Jahrtausend noch ein paar Partien im Zentralstadion gegen die SG Dynamo Dresden und den 1. FC Lokomotive Leipzig, doch in den Alfred-Kunze-Sportpark hatte es mich nicht wieder verschlagen.
Über 17 Jahre später bot sich nun bei einem Abstecher nach Leipzig die Gelegenheit zum damaligen Schauplatz zu fahren. Bewusst wollte ich nur das leere Stadion sehen, um in aller Ruhe die bautechnischen Detail begutachten zu können. Bei mildem Frühlingswetter ging es mit der Regionalbahn in Richtung Weißenfels vom Leipziger Hauptbahnhof nach Leutzsch. Der Zug macht einen kleinen nördlichen Bogen und erreicht Leutzsch nach zehn Minuten Fahrtzeit. Gespannt wartete ich auf den alten Bahnhof. Jedoch folgte prompt die Ernüchterung. Was ist das? Ein nagelneuer unüberdachter gesichtsloser Bahnsteig. Der Blick verlor sich an einer Lärmschutzwand. Nichts war zu erkennen. Etwas orientierungslos observierte ich die Gegend. Wo sind die Anhaltspunkte? Der schmale Weg zum Stadion? Ein Stück weiter gab ein Wegweiser die Richtung an. „Leutzscher Holz – Vereinsgaststätte der SG Leipzig Leutzsch e.V. 300 Meter“. Mit einem schwarzen Farbbeutel hatte jemand das Schild beworfen.

AKSQuer durch das Wohngebiet – am Eingang zur Haupttribüne stand ich plötzlich vor dem Stadion, das gegenwärtig von zwei Leutzscher Vereinen genutzt wird: Von der BSG Chemie Leipzig und der SG Leipzig-Leutzsch. Die ersten Mannschaften beider Klubs sind derzeit in der Sachsenliga (sechste Spielklasse) angesiedelt.
„Alfred-Kunze-Sportpark“. Grün und weiß steht es am Eingang auf der Seite gegenüber der alten überdachten Tribüne geschrieben. Der Eingang zum Gästeblock befindet sich noch exakt der gleichen Stelle wie im Herbst 1994. Auch sonst ist das Stadion bautechnisch ziemlich unverändert. Allerdings bekam alles eine frische Farbe. Das markante zweistöckige Gebäude war damals trist, heute erstrahlt es in einem frischen Weiß. Erneuert wurden zudem Sitzschalen und Zäune. Apropos Sitzschalen: „Das mutwillige Zerstören einer Sitzschale kostet bei uns nur 100 Euro“, ist auf einem leicht verwitterten Schild zu lesen.

AKSDer Alfred-Kunze-Sportpark ist gewiss sehenswert und von der Bauform einmalig. Die Mauer im großen Stehblock hinter dem Tor ist grün angemalt. Ein großes „Leipzig-Leutzsch“ prankt in weißen Lettern auf der großen Fläche. Links und rechts die historischen sowie die aktuellen Vereinsembleme. Auf dem Dammsitz der Hauptribüne ist auf den Sitzschalen „CHEMIE LEIPZIG“ zu sehen.
Am Eingang des besagten zweistöckigen Gebäudes des AKS hängt noch ein Schild mit den Öffnungszeiten des FC Sachsen Leipzig. Mittwoch war stets geschlossen. Die jetzige Geschäftsstelle der SG Leipzig Leutzsch befindet sich ein Stück weiter in einem neuen Container. Die Geschäftsstelle der BSG Chemie bezog einen kleinen alten Steinbau. Kuriose Welt in Leutzsch. An der wettergeschützten Rückseite einer Holzhütte hängt noch ein Plakat mit den Spielansetzungen vom 28. Juli 2010 und 04. August 2010. Gegner waren der FC Middlesbrough und der 1. FC Union Berlin. Der Anlass: Die Feierlichkeiten zu 111 Jahren Leutzscher Fußball. Ein Jahr später starb der FC Sachsen Leipzig. So bitter kann Fußballgeschichte sein.

EBahnhof Leutzschs geht allerdings weiter – und das am Besten gemeinsam. Überall sind Aufkleber mit einem grünen Ausrufezeichen zu finden: „Gemeinsam für Leutzsch!“ Ein Graffiti ziert die Wand einer alten Halle: „Tradition seit 1899“ Links das Logo der BSG, rechts das Logo der SG.
Reichlich Fotos auf dem Speicherchip, frische Eindrücke im Kopf. Eine Frage stellte sich jedoch: Wo ist der alte, markante Bahnhof? Er war leicht zu finden. Der Weg, auf dem damals die BFCer in Polizeibegleitung entlangliefen, war fix auszumachen. Fast alles wie damals. Und da tauchte am Ende des Weges auch das mittlerweile still gelegte Bahnhofsgebäude auf. Bilder klickern sich im Geiste durch. Über 17 Jahre – wo ist all die Zeit geblieben? Ein Gefühl der Erleichterung machte sich indes breit. Ich war froh, dass der Bahnhof noch nicht komplett abgerissen wurde. Ein Haufen Schutt oder traurige Fundamente wären an diesem emotionalen Nachmittag dann doch zu viel...

> zur turus-Fotostrecke: Leutzscher Fußball / AKS

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Gesendet: 06 Mär 2012 08:52 von Marco Bertram #18396
Marcos Avatar
Hallo,

besten Dank für das Feedback.
Stimmt, rechts ist das Logo des FC Sachsen Leipzig:
www.turus.net/fotostrecke/sport/chemie-l...sportpark-11063.html
Hm, wo genau sich jetzt die Geschäftsstelle der BSG weiß ich nicht, ich hatte halt nur das Schildchen an der besagten Steinbaracke gesehen.

Zur Sitzplatztribüne: Auf den Satelliten-Aufnahmen von google kann man noch prima das "Sachsen Leipzig" erkennen. Wie kam es denn, dass eine Nacht vor dem Derby mal einfach so die Sitzschalen ausgewechselt werden konnten? Wer hat denn die Befugnis dazu?

Auf jeden Fall ist das Thema sehr spannend und wir bleiben mit Sicherheit dran.

Beste Grüße
Marco
Gesendet: 05 Mär 2012 20:38 von ChristianS #18395
ChristianSs Avatar
Dass die Geschäftsstelle der BSG in der kleinen Steinbaracke "nebenan" ist, ist meines Wissens nicht ganz richtig. Dort war sie mal, mittlerweile ist sie jedoch im großen Gebäude im obersten Stockwerk.
Gesendet: 05 Mär 2012 17:44 von Chemiker mit Hackebeil #18394
Chemiker mit Hackebeils Avatar
Der Schriftzug "CHEMIE LEIPZIG " prangt erst seit 1 Nacht vorm Derby Chemie-SGLL (Nov 2011)auf den Sitzschalen des Dammsitzes. Irgendwelche Heinzelmänchen haben das bis dahin dort stehende "SACHSEN LEIPZIG" abgeändert, was natürlich den Anhang der SGLL überhaupt nicht schmeckte.Wenn man die Fotos genau anschaut sieht man noch einige dunklere Stellen beim "CHEMIE" Schriftzug.
Noch eine kleine Berichtigung: "Ein Graffiti ziert die Wand einer alten Halle: „Tradition seit 1899“ Links das Logo der BSG, rechts das Logo der SG" -> des rechte Logo ist das des FC Sachsen .Das SGLL Logo sieht ähnlich aus , allerdings nur zweifarbig und der Aussenkreis Rechts offen.
Allgemein kann festgehalten werden das sich BSG Chemie und SGLL nicht grün sind obwohl oder gerade weil beide Fangruppierungen früher zum FC Sachsen gegangen sind. Das warum und wieso ist eine eigene Seitenfüllende Geschichte die man vielleicht mit einem Satz von Aschenputtel umschreiben kann: "Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen" .........
Gesendet: 05 Mär 2012 12:56 von Unglaublich #18393
Unglaublichs Avatar
Lok nur in der fünften Liga, Chemie und SG Leutzsch in der sechsten Liga. Der lachende Vierte? Der Brauseklub. Wenn man nicht mal im Leutzscher Holz recht bald die Kräfte bündelt, wird es in Zukunft leider nur RB als echte Macht geben...

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