Bereits in der neunten Klasse hatte man zumeist einen Lehrvertrag in der Tasche. Für mich würde die Ausbildung zum Elektromonteur bei den Fotochemischen Werken Berlin - ein Betrieb des großen ORWO-Kombinats Wolfen - auf dem Programm stehen. Für die EOS hätte es so oder so nicht gereicht. Mein Notenschnitt von 2,3 war nicht gut genug, zudem spielten politische Gründe eine Rolle, dass es mit Abitur und Studium nicht klappen würde. Westverwandte, Mitglied in der evangelischen Kirche - allein diese beide Punkte genügten in der DDR, um für die EOS nicht zugelassen zu werden.
Sicher, es lag etwas in der Luft, doch noch verlief der Schulalltag an der POS komplett normal. Interessant wurde es ab Frühjahr 1989. Die Kommunalwahlen im Mai 1989 waren das erste Schlüsselerlebnis. Viele DDR-Bürger verweigerten die Wahl entweder komplett oder strichen die Wahlzettel komplett durch. Trotzdem wurden wie immer die berühmten "99 Komma etwas Prozent" verkündet. Es rumorte im Land und auch unter den Schülern kam es zu Diskussionen im Staatsbürgerkundeunterricht. Immer mehr wurden Lehrer mit provokanten Fragen aus der Reserve gelockt.
Anfang Juni stand auf dem GST-Platz bei Waldesruh noch ein Pionier- und FDJ-Manöver auf der Programmliste. Während zeitgleich in Peking das chinesische Militär auf dem Platz des Himmlischen Friedens den Volksaufstand gewaltsam niederschlug, mussten wir auf der staubigen Wiese Krieg spielen und uns in Wettkämpfen messen.
Unruhig ging es schließlich in die Sommerferien. Zwischen Ungarn und Österreich wurde der Eiserne Vorhang geöffnet, in den deutschen Botschaften sammelten sich hunderte DDR-Flüchtlinge. Die ersten Klassenkameraden schmiedeten bereits erste Ausreisepläne. Man wusste ja nicht, wie lange das ungarische Schlupfloch offen bleiben würde. Letztendlich sah man alle Kumpels Anfang September 1989 auf dem Pausenhof der 10. POS wieder. Allerdings war nichts mehr wie es einmal war. Den Lehrern fiel es schwer, den Lehrplan einfach durchzuziehen. Es gab reichlich Gesprächsbedarf. In der Parallelklasse war ein Mädchen über Nacht weg. Ihre Familie war in den Westen gereist. Um Ruhe reinzubringen, wurden Ausreisewillige, die einen Antrag gestellt hatten, schleunigst abgeschoben - wenn gleich einige gar nicht mehr wollten, weil abzusehen war, dass sich in Kürze eh einiges fundamental ändern würde.
In den Fluren unserer Schule hängte ich im September und Oktober 1989 erste provokante Wandzeitungen auf. Ich testete mit ein paar Freunden die immer weicher werdenden Grenzen aus. Es gab harsche Kritik, wir wurden von den Lehrern ins Gebet genommen, doch ernsthafte Folgen hatte unser forsches Verhalten nicht mehr. Am 9. Oktober besuchte ich mit einem Freund den Gottesdienst und die Mahnwache in der Gethsemanekirche in Berlin Prenzlauer Berg. Bischof Gottfried Forck forderte die DDR-Führung auf, "deutlich und glaubhaft Schritte einzuleiten, damit […] eine demokratische und rechtsstaatliche Perspektive für die DDR gefunden wird."
Es folgten ein paar Veranstaltungen des Neuen Forums und die riesige Demonstration gegen Gewalt und für verfassungsmäßige Rechte, Presse-, Meinungs- und Versammlungsfreiheitauf dem Alexanderplatz am 04. November. Beeindrucke Erlebnisse, die gar nicht so schnell verarbeitet werden konnten. Nun ging es Schlag auf Schlag. Die Maueröffnung am 9. November hatte ich allerdings verschlafen. Übermüdet ging ich an jenem Abend früh ins Bett, erst am kommenden Morgen erfuhr ich auf dem Pausenhof, dass die ersten Kumpels bereits nachts auf dem Ku´damm kräftig gefeiert hatten.
Der Unterricht wurde gestrichen. Mit der S-Bahn ging es rüber zum Bahnhof Zoo. Eine Tüte voll Süßigkeiten aus dem Supermarkt und ein Bummel zum Wittenbergplatz. Meine Begeisterung hielt sich in Grenzen, faszinierender fand ich ein paar Tage später die Straßen von Kreuzberg.
Genau mit jenem Klassenlehrer fuhren wir Ende Juni 1990 auf einen Zeltplatz, um gemeinsam die Schulzeit ausklingen zu lassen. Am 01. Juli rauchten wir Zigaretten, die wir mit 5-Ostmark-Scheinen umwickelten. So viel Provokation und Spaß musste noch einmal sein.
Zu welcher Gruppe ich gehörte? Schwer zu sagen. Ich fand diese Lebensphase einfach nur geil und extrem spannend. Ich trat schon mal mit BW-Stiefeln die Seitenscheiben eines schrottigen, abgestellten Autos ab und spielte mit den Kumpels wilde Sau, doch letztendlich wusste ich: Um irgendwie voranzukommen, muss ich irgendwo neu starten.
Im August 1991 packte ich die Sachen und zog für drei Jahre nach Leverkusen. Ausbildung bei Bayer zum einen, Fußball und Reisen zum anderen. Die ersten Jahre nach dem Fall der Mauer wurden das Fundament für spätere Tätigkeiten, doch auch die emotionale Zeit vor dem Herbst 1989 war die Basis für spätere Projekte: Die Wanderung an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze im Sommer 2003, die Wanderausstellung zum Thema Grenze im Frühjahr 2005, meine Hilfe bei der Ausarbeitung des Iron Curtain Trails von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer von 2005 bis 2009...
> Erinnerungen an die Kinderferienlager der DDR
Fotos:
- Klassenlehrer mit Gasmaske beim ZV-Kurs
- Berufsberatung in der DDR
- Neubau der 10. POS
- Statut der Freien Deutschen Jugend
- Alexanderplatz mit Brunnen, 70er Jahre
- Wahlkampf im Frühjahr 1990
- Friedrichstraße mit Ikarusbus, 1991
- der Autor im Sommer 1991 ... ;-)
