Jugenderinnerungen: Die letzten Monate in der DDR Hot

Autor: Marco Bertram     veröffentlicht am 25 April 2011    
 
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Marco Bertram als 14-jähriger
Foto: Marco Bertram

altSchuljahr 1989/90. Die 10. Polytechnische Oberschule "Helene Weigel" in Berlin Mahlsdorf. Ich gehörte zum Jahrgang, der in der Deutschen Demokratischen Republik zum letzten Mal sein 10.-Klasse-Abschlusszeugnis erhalten hatte. Von September 1980 bis Ende Juni 1990 besuchte ich die POS und erlebte dort letztendlich hautnah mit, wie die DDR langsam aber sicher in sich zusammenbrach. Als ein Schuljahr zuvor im September 1988 die ersten Schulstunden der 9. Klasse begannen, war noch nichts davon zu spüren, dass bereits ein Jahr später das gesamte System kippen würde. Mit einem Fahnenappell wurde wie gewohnt das neue Schuljahr eingeläutet.


altSatte acht Wochen Sommerferien lagen hinter einem. Die letzten beiden Jahre an der POS brachen an. Anschließend würden Ausbildung und Wehrdienst bei der NVA folgen. Oder doch lieber Dienst bei den Spatensoldaten?
Bereits in der neunten Klasse hatte man zumeist einen Lehrvertrag in der Tasche. Für mich würde die Ausbildung zum Elektromonteur bei den Fotochemischen Werken Berlin - ein Betrieb des großen ORWO-Kombinats Wolfen - auf dem Programm stehen. Für die EOS hätte es so oder so nicht gereicht. Mein Notenschnitt von 2,3 war nicht gut genug, zudem spielten politische Gründe eine Rolle, dass es mit Abitur und Studium nicht klappen würde. Westverwandte, Mitglied in der evangelischen Kirche - allein diese beide Punkte genügten in der DDR, um für die EOS nicht zugelassen zu werden.

altDas erste Halbjahr der 9. Klasse verlief völlig normal. Aufhorchen ließen die Proteste Oppositioneller bei der Rosa- Luxemburg-Demonstration im Januar 1988. Die Arbeitsgruppe für Staatsbürgerschaftsrecht hatte im Vorfeld dazu aufgerufen, sich mit kritischer Stimme am Umzug zu beteiligen. Unvergessen die Zitate von Rosa Luxemburg auf den Plakaten: "Die Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden", "Der einzige Weg zur Wiedergeburt – breiteste Demokratie" und "Wer sich nicht bewegt, spürt die Fesseln nicht. R. L."
Sicher, es lag etwas in der Luft, doch noch verlief der Schulalltag an der POS komplett normal. Interessant wurde es ab Frühjahr 1989. Die Kommunalwahlen im Mai 1989 waren das erste Schlüsselerlebnis. Viele DDR-Bürger verweigerten die Wahl entweder komplett oder strichen die Wahlzettel komplett durch. Trotzdem wurden wie immer die berühmten "99 Komma etwas Prozent" verkündet. Es rumorte im Land und auch unter den Schülern kam es zu Diskussionen im Staatsbürgerkundeunterricht. Immer mehr wurden Lehrer mit provokanten Fragen aus der Reserve gelockt.

altDas Wehrlager und der Lehrgang in Zivilverteidigung standen bereits in der 9. Klasse - bei uns also im Frühjahr 1988 - auf dem Programm. Etliche Jungs aus der Klasse verweigerten die Teilnahme am Wehrlager. Auch ich gab an, auf Grund des Glaubens nicht am Wehrlager teilnehmen zu können. Die Lehrer übten gewaltigen Druck aus, waren jedoch letztendlich machtlos. Mit den Mädels mussten wir an der Schule am Lehrgang für Zivilverteidigung teilnehmen. Mit Klebeband mussten wie die Fenster im Keller abdichten und einen atomaren Angriff simulieren. Beim Erste-Hilfe-Kurs mussten Brandwunden und Brüche behandelt werden. Auf dem Sportplatz wurden F1-Granatenattrappen und nachgebaute Panzerfäuste geworfen. Ein paar Jungs weigerten sich prompt. Was hatte dies schließlich mit Zivilverteidigung zu tun?

Anfang Juni stand auf dem GST-Platz bei Waldesruh noch ein Pionier- und FDJ-Manöver auf der Programmliste. Während zeitgleich in Peking das chinesische Militär auf dem Platz des Himmlischen Friedens den Volksaufstand gewaltsam niederschlug, mussten wir auf der staubigen Wiese Krieg spielen und uns in Wettkämpfen messen.
Unruhig ging es schließlich in die Sommerferien. Zwischen Ungarn und Österreich wurde der Eiserne Vorhang geöffnet, in den deutschen Botschaften  sammelten sich hunderte DDR-Flüchtlinge. Die ersten Klassenkameraden schmiedeten bereits erste Ausreisepläne. Man wusste ja nicht, wie lange das ungarische Schlupfloch offen bleiben würde. Letztendlich sah man alle Kumpels Anfang September 1989 auf dem Pausenhof der 10. POS wieder. Allerdings war nichts mehr wie es einmal war. Den Lehrern fiel es schwer, den Lehrplan einfach durchzuziehen. Es gab reichlich Gesprächsbedarf. In der Parallelklasse war ein Mädchen über Nacht weg. Ihre Familie war in den Westen gereist. Um Ruhe reinzubringen, wurden Ausreisewillige, die einen Antrag gestellt hatten, schleunigst abgeschoben - wenn gleich einige gar nicht mehr wollten, weil abzusehen war, dass sich in Kürze eh einiges fundamental ändern würde.

altIn den Fluren unserer Schule hängte ich im September und Oktober 1989 erste provokante Wandzeitungen auf. Ich testete mit ein paar Freunden die immer weicher werdenden Grenzen aus. Es gab harsche Kritik, wir wurden von den Lehrern ins Gebet genommen, doch ernsthafte Folgen hatte unser forsches Verhalten nicht mehr.
Am 9. Oktober besuchte ich mit einem Freund den Gottesdienst und die Mahnwache in der Gethsemanekirche in Berlin Prenzlauer Berg. Bischof Gottfried Forck forderte die DDR-Führung auf, "deutlich und glaubhaft Schritte einzuleiten, damit […] eine demokratische und rechtsstaatliche Perspektive für die DDR gefunden wird."
Es folgten ein paar Veranstaltungen des Neuen Forums und die riesige Demonstration gegen Gewalt und für verfassungsmäßige Rechte, Presse-, Meinungs- und Versammlungsfreiheitauf dem Alexanderplatz am 04. November. Beeindrucke Erlebnisse, die gar nicht so schnell verarbeitet werden konnten. Nun ging es Schlag auf Schlag. Die Maueröffnung am 9. November hatte ich allerdings verschlafen. Übermüdet ging ich an jenem Abend früh ins Bett, erst am kommenden Morgen erfuhr ich auf dem Pausenhof, dass die ersten Kumpels bereits nachts auf dem Ku´damm kräftig gefeiert hatten.
Der Unterricht wurde gestrichen. Mit der S-Bahn ging es rüber zum Bahnhof Zoo. Eine Tüte voll Süßigkeiten aus dem Supermarkt und ein Bummel zum Wittenbergplatz. Meine Begeisterung hielt sich in Grenzen, faszinierender fand ich ein paar Tage später die Straßen von Kreuzberg.

altAus Staatsbürgerkunde wurde fix Gesellschaftskunde. Spontane Lehrstoffänderungen gab es auch in den Fächern Geschichte und Geografie. Als Schüler ließ man sich nun nichts mehr sagen, doch totales Freidrehen war jedoch auch nicht angesagt. Die Abschlussprüfungen standen noch an - und da wollte man es sich nicht komplett mit den Lehrern verscherzen. Dass ich in der mündlichen Mathematik-Prüfung beim Klassenlehrer die Note 1 bekommen hatte - trotz all meiner politischen Provokationen - grenzte an ein Wunder und zeugte von der Charakterstärke des Lehrers, der bis zum Schluss an die Vorteile des Sozialismus eisern geglaubt hatte.
Genau mit jenem Klassenlehrer fuhren wir Ende Juni 1990 auf einen Zeltplatz, um gemeinsam die Schulzeit ausklingen zu lassen. Am 01. Juli rauchten wir Zigaretten, die wir mit 5-Ostmark-Scheinen umwickelten. So viel Provokation und Spaß musste noch einmal sein.

altDas blanke Chaos empfing mich in der Ausbildung zum Energieelektroniker. Von meinem Lehrbetrieb wurde ich bei der EBAG (später auch Bewag) untergebracht. Berufsschule am Ostbahnhof, praktische Ausbildung am Schiffbauerdamm  - genau dort, wo heute RTL und Reuters sitzen. Was für eine bunte, verrückte Ausbildungsklasse! Das gesamte Spektrum der Jugend Ostberlins. Hooligans des BFC Dynamo, NPD-Funktionäre, Mitglieder der Republikaner und Punks sowie Jungs, die einfach nur Lust auf Spaß und Action hatten. Vermittelter Lehrstoff - gleich Null. Lehrwerkstatt? Ein einziger Hort alberner Jungs, die sich kabbelten und Werkzeuge versteckten. Der alten Ausbilder-Garde blieb nichts anderes übrig, als immer wieder die Jungs einzeln ins Büro zu rufen, um dort eine kräftige Ansage zu machen.
altTrotzdem, die Sache blieb ein Witz. Der Zusammenbruch der DDR hatte auch das Ausbildungssystem komplett ins Wanken gebracht. Es schien, jeder junge Ostberliner tobte sich einfach nur nach Herzenslust aus. Der eine bastelte sich ein Crossmaschine, der andere ging zur NPD-Versammlung, der eine hing in den neu eröffneten Kellerclubs ab, der andere ging sich beim Fußball nach Herzenslust kloppen. Am Samstag zu Union. Richtig auf die Fresse! Oder mit dem BFC nach Greifswald? Geiles Ding! Die Stories bekam man am Montagabend brühwarm präsentiert.
Zu welcher Gruppe ich gehörte? Schwer zu sagen. Ich fand diese Lebensphase einfach nur geil und extrem spannend. Ich trat schon mal mit BW-Stiefeln die Seitenscheiben eines schrottigen, abgestellten Autos ab und spielte mit den Kumpels wilde Sau, doch letztendlich wusste ich: Um irgendwie voranzukommen, muss ich irgendwo neu starten.

altMit meinem Vater stand ich am 3. Oktober 1990 vor dem Berliner Reichstag und trank zwei kleine Fläschchen Sekt. Die große Euphorie des Herbstes 1989 war bereits verflogen, doch sicherlich war der Abend ein bewegender Moment.
Im August 1991 packte ich die Sachen und zog für drei Jahre nach Leverkusen. Ausbildung bei Bayer zum einen, Fußball und Reisen zum anderen. Die ersten Jahre nach dem Fall der Mauer wurden das Fundament für spätere Tätigkeiten, doch auch die emotionale Zeit vor dem Herbst 1989 war die Basis für spätere Projekte: Die Wanderung an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze im Sommer 2003, die Wanderausstellung zum Thema Grenze im Frühjahr 2005, meine Hilfe bei der Ausarbeitung des Iron Curtain Trails von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer von 2005 bis 2009...



> Erinnerungen an die Kinderferienlager der DDR


Fotos:
- Klassenlehrer mit Gasmaske beim ZV-Kurs
- Berufsberatung in der DDR
- Neubau der 10. POS
- Statut der Freien Deutschen Jugend
- Alexanderplatz mit Brunnen, 70er Jahre
- Wahlkampf im Frühjahr 1990
- Friedrichstraße mit Ikarusbus, 1991
- der Autor im Sommer 1991 ... ;-)

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Rührend.

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