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| Rückblick: Ferienlager und Klassenfahrten in der DDR |
| Magazin - Gesellschaft |
| Geschrieben von: Marco Bertram |
| Montag, 22. Juni 2009 um 13:40 |
|
Fahrten mit der Schulklasse waren prima und immer lustig. Mit den Kumpels und Freunden der Schulklasse der Polytechnischen Oberschule ging es fast jährlich für ein paar Tage irgendwo hin. Gemeinsam mit dem Klassenlehrer oder der Klassenlehrerin und ein paar Elternteilen fuhren wir nach Dresden, Bad Doberan, zum Kloster Chorin oder nach Thale in den Harz. Ein Besuch eines Konzentrationslagers oder einer sozialistischen Gedenkstätte als Pflichtprogramm sowie wirklich spannende Freizeitgestaltung wie eine Nachtwanderung oder eine Heuschlacht standen auf dem Programm. Klassenfahrten damals waren mit Sicherheit den heutigen Klassenfahrten ähnlich. Freundschaften wurden gefestigt, Dummheiten wurden angestellt und so ab der 7. Klasse warf man erste ernsthafte Blicke auf die Mädels...
Jedoch völlig einmalig und nicht vergleichbar mit heutigen Jugendfahrten oder Jugendcamps waren die Betriebsferienlager in der DDR. Ohne verblümt in (N)-Ostalgie zu verfallen, bin ich mir sicher, dass diese Ferienlager etwas wirklich einmaliges waren. Fast jeder Volkseigene Betrieb (VEB) in der DDR hatte irgendwo im Land ein Betriebsferienlager, in dem während der achtwöchigen Sommerferien die Kinder der Mitarbeiter für wenig Geld zwei Wochen verbringen konnten. In der Regel durfte man ab der 2. Klasse in solch ein Ferienlager fahren. Die Altersobergrenze lag bei zirka 14 Jahren.
Ich weiß noch genau, als ich das erste Mal in das Betriebsferienlager der Fotochemischen Werke Berlin (ORWO) fuhr. Das Ferienlager Julius Just befand sich nicht weit weg von Berlin in Eggersdorf nahe Strausberg. DiBereits in der S-Bahn nach Strausberg flennten die ersten Kinder und bekamen Heimweh. Die anderen freuten sich auf zwei Wochen elternfreie Zeit. Ich gehörte der zweiten Gruppe an. Zu Fuß ging es vom S-Bahnhof Strausberg eine halbe Stunde lang bis zum Gelände des Betriebsferienlagers in Eggersdorf. Das Ferienlager war überschaubar. Etwa 120 Kinder waren pro Fahrt vor Ort. Viermal reisten Kinder der Werksangehörigen während der Sommerferien an und ab. Auf dem Gelände in Eggersdorf gab es ein älteres Hauptgebäude mit Küche und Speisesaal, ein Anbau für die Mädchen und mehrere Holzbaracken für die Jungen. Die Kinder wurden je nach Alter in Gruppen eingeteilt. Jede Gruppe hatte einen Gruppenleiter, die meist jüngere Mitarbeiter des Betriebs waren.
Die Tage waren straff durchstrukturiert, doch als Kind empfand man dies überhaupt nicht schlimm. Ein wenig ärgerlich war die Mittagsruhe zwischen 13 und 15 Uhr, doch auch in den Doppelstockbetten der Holzbaracken konnte man genug Unfug treiben. Man erzählte sich Geschichten oder stiftete eine Kissenschlacht an. Wer über die Stränge schlug, musste sich draußen an einen Baum stellen. Das galt auch nachts. Völlig ungezogene Kinder mussten auch schon mal von ihren Eltern abgeholt werden, doch das passierte in der Regel ziemlich selten. Fast jeder wusste, wie weit man gehen konnte. Die zwei Wochen im Ferienlager fühlten sich an wie eine Ewigkeit. Positiv betrachtet. Besonders die erste Woche war so spannend und gespickt mit so vielen Eindrücken. Gegessen wurde in Gruppen in einer langen hölzernen Veranda. Der eigentliche mit dem alten Parkettfußboden Speisesaal wurde für das Bergfest und andere Veranstaltungen genutzt.
Vormittags gab es meist Programm auf dem Gelände. Sport und Spiel oder Zeit zur freien Verfügung. Wer Durst hatte füllte sich Pfefferminztee mit Zitrone ab. Nachmittags ging es häufig an den nah gelegenen Bötzsee. Im nahen Bach durfte man auch schon mal Flusskrebse fangen und den Küchenfrauen schenken. Wichtiger Bestandteil war selbstverständlich das Neptunfest, bei dem Kinder ausgesucht und eingefangen und anschließend "getauft" wurden. Es gab eine widerliche Brühe zu trinken und feuchten Sand in die Badehose.
Für Kinder waren diese Ferienlageraufenthalte wirklich gut und lehrreich. Man lernte, sich in anfangs völlig fremden Gruppen einzuordnen und schaute während der zwei Wochen über den heimischen Tellerrand hinaus. Nicht immer war das Ferienlager Zuckerschlecken. Mitten in der Nacht gab es öfters Probe-Feueralarm. Barfuß und im Schlafanzug hatte man so schnell wie es ging draußen auf dem kalten Asphalt vor dem Hauptgebäude anzutreten. In Gruppen und nicht als wilde Horde. Die langsamste Gruppe bekam vom Lagerleiter mächtig was zu hören. Um halb drei in der Nacht. Die Sirene erinnerte ganz scheußlich an einen Fliegeralarm und der körnige Asphalt schmerzte auf den zarten Kinderfußsohlen. Bibbernd standen die Gruppen vor dem Gebäude und warteten sehnsüchtig auf die warmen Betten.
Wie gesagt, wer es nachts mit dem Unfug übertrieb, musste auch draußen antreten. Doch dann allein. Im Dunklen. An einem Baum. Eine halbe Stunde lang. Wer dort als Kind zwischen Gebüsch und finsteren Eichen verharren musste, bekam es natürlich mit der Angst zu tun. Zumal gerade zuvor in den Baracken die fürchterlichsten Horror-Geschichten von Hochbett zu Hochbett geflüstert wurden. Es kursierten die Gerüchte, dass ein Kindermörder sein Unwesen trieb und dass bissige Hunde des Nachts nach Beute suchten. Beliebt war auch immer wieder die Anekdote, dass ein Jugendlicher einen Draht über eine Landstraße gespannt hatte und somit ein Motorradfahrer geköpft wurde. Ohne Kopf soll er noch hunderte Meter gefahren sein. Fürchterlich. Die Jüngeren in der Baracke hielten sich die Ohren zu und verkrochen sich ins Bettzeug.
Vor dem Hauptgebäude wurde nicht nur beim nächtlichen Probealarm angetreten, sondern auch zum Fahnenappell, der ab und zu stattfand. Ohne Frage, ging es ziemlich stramm zu. Einen wichtigen Stellenwert hatten die sportlichen Aktivitäten. Kaum ein Kind konnte sich beklagen, dass es nicht genügend ausgelastet war. Sportfeste, Nachtwanderungen und Radtouren standen an der Tagesordnung. Und das war durchaus gut so. Manch ein Kind lernte Aspekte kennen, die es von zu Hause überhaupt noch nicht kannte. Im Betriebsferienlager lernte man schnell, was es hieß, in der Gemeinschaft Spaß zu haben, und was es hieß, sich unterzuordnen und anzupassen.
Dreimal fuhr ich in den Sommerferien ins Ferienlager nach Eggersdorf. Manche Kinder traf man im nächsten Jahr wieder. 1985 erhielt ich die Möglichkeit, in ein Ferienlager in den Thüringer Wald zu fahren. ORWO Wolfen unterhielt dort ein kleines Betriebsferienlager. Kurioserweise habe ich keine einzige Erinnerung an diesen Aufenthalt. Nichts. Wirklich nichts. Kurios. Um so fester hat sich mein Aufenthalt in Breege auf Rügen ein Jahr darauf eingeprägt. Zwanzig Berliner Kinder von FCW / ORWO Berlin durften in das große Hauptlager von ORWO Wolfen fahren. Da mein Vater Schichtarbeiter war, durfte ich solche Sonderfahrten auf Wunsch mitmachen. Ich hatte Sehnsucht nach Eggersdorf, doch dort konnte ich ja nächstes Jahr wieder hinfahren.
Das Betriebsferienlager in Breege war eine Erfahrung wert. Rund 700 Kinder und Jugendliche waren dort vor Ort. Rund 700 Kinder und Jugendliche aus dem Süden der DDR. Und wir 20 Ostberliner als Sondergruppe mittendrin. Das war nicht leicht, aber zugleich durchaus interessant und lehrreich. Wir 20 Ostberliner waren eine fest zusammengeschweißte Gruppe, die eigentlich komplett ihr eigenes Ding machte. Gegessen wurde im großen Speisesaal in Schichten. Über Lautsprecher wurden die einzelnen Gruppen aufgerufen. Auch den Geburtstagskindern wurde über Lautsprecher am frühen Morgen gratuliert. Bereits in Eggersdorf feierte ich einmal meinen 10. Geburtstag. Damals war ich Mittelpunkt des gesamten Tages. Mein 13. Geburtstag war in Breege nicht wirklich Mittelpunkt. Am Morgen staunte ich nicht schlecht, als insgesamt vier Namen aufgerufen wurden. Jeden Tag der gleiche Ablauf. Fließbandarbeit.
1987 wurde es wieder nichts mit dem gemütlichen Ferienlager in Eggersdorf. Ich erhielt die einmalige Möglichkeit mit einer kleinen Gruppe nach Polen zu fahren. Dort bekämen wir eine eigene Unterkunft würden jedoch auch Kontakt zu polnischen Jugendlichen aufnehmen. Ich sagte zu. Zwei befreundete Zwillinge, mir aus Eggersdorf bekannt, fuhren auch mit. Es ging nach Warschau und dann hoch nach Mikoshevo bei Gdansk an der Mündung der Weichsel. Ein Besuch in der Gedenkstätte KZ Stutthof stand auf dem Programm sowie Stadtspaziergänge auf eigene Faust in der Altstadt von Gdansk. Wir staunten nicht schlecht, als man uns etwas Taschengeld in die Hand drückte und uns viel Spaß wünschte. Wir aßen kiloweise Eis und kauften schwarz-weiß Fotos von "Bravo"-Postern und deckten uns mit Ansteckern ein. Was es in Ostberlin nicht gab, konnte man sich an den Ständen in Gdansk besorgen. Wir waren 14 und es war für uns das Paradies. In den 80er Jahren durfte man als DDR-Bürger nicht frei in die VR Polen reisen, bei Kindern und Jugendlichen wurden Ausnahmen gemacht.
Zwei Dinge blieben ganz besonders in Erinnerung. In Läden und Restaurants gab es so gut wie kein Fleisch zu kaufen. Für uns wurde im Restaurant ein Schnitzel serviert. Für uns war das äußerst unangenehm, weil alle anderen im Restaurant zu uns herüber schauten. Des Weiteren werde ich niemals vergessen, wie in der Warschauer Innenstadt zwei Milizangehörige mit grauer Lederjacke und Gummiknüppel einen Obdachlosen verprügelten. Ich war schockiert. So etwas hatte ich noch nie zuvor mit eigenen Augen gesehen.
1988 wäre ich als 15-jähriger ein letztes Mal ins Ferienlager gefahren. Entweder noch einmal nach Polen oder ins geliebte Eggersdorf. Eigentlich. Da es jedoch in letzter Zeit in den Baracken der Ferienlager häufig zu sexuellen Handlungen zwischen den heranwachsenden Jugendlichen kam, wurde die Altersgrenze kurzerhand auf 14 heruntergesetzt. Die beiden Zwillinge durften noch einmal nach Polen fahren. Ich nicht. Die schlechte Nachricht kam erst wenige Wochen vor den Sommerferien. Ich war geschockt. Das erste Mal in meinem Leben war ich für etwas zu alt. Auch das war eine wertvolle, wenn gleich schmerzvolle Erfahrung. Mit meinen Eltern besuchte ich Bekannte auf einem Grundstück an einem See bei Prieros. Ein Stück weiter befand sich am Ufer des Sees ein Ferienlager. Die typischen Lagergeräusche wurden vom Wind dumpf herüber getragen und erinnerten mich jeden Tag daran, dass ich ja eigentlich ...
Ich hätte heulen können. Um so mehr wurde mir bewusst, welch tolle Erfahrung die Aufenthalte in den Betriebsferienlagern war ... (M. Bertram)
Wer war auch im Ferienlager in Eggersdorf oder Breege?
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Diskutieren (6 Posts)
| Andreas Lux |
Rückblick: Ferienlager und Klassenfahrten in der DDR
Mar 04 2010 13:47:23 Ich bin durch Zufall hier drauf gestoßen. Ich las och nich einmal den Text durch und schon war mir klar, welches Empfinden gemeint ist. Auch ich war in einigen Pionier- (Cramonshagen ndl. Schwerin), Ferien- (Spreewald-Lübben), Betriebs- (Usedom, Name leider vergessen oder Schwimmlager (Alt Jabel bei Dömitz).
In allen empfand ich das gleiche Ich bin Jahrgang 1976 Andreas |
#13652 |
| Ingo |
Rückblick: Ferienlager und Klassenfahrten in der DDR
Feb 18 2010 18:47:48 Es war schon eine sehr schöne zeit ware selbst im Ferienlager auf Usedom - Korswandt
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#13516 |
| Gabi |
Rückblick: Ferienlager und Klassenfahrten in der DDR
Dec 29 2009 18:56:12 ich war mehrere male im ferienlager. das war so eine schöne zeit. erinnere mich sehr gerne daran zurück. sowas gibts heute nicht mehr.
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#12935 |
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Rückblick: Ferienlager und Klassenfahrten in der DDR
Oct 27 2009 08:45:38 Das kann ich mir vorstellen, daß Marco hat als kleiner Bengel eine Menge Spaß hatte. ich fuhr in Polen leider nicht ins Ferienlager...
Gruß Magdalena |
#12321 |
| Fritze |
Rückblick: Ferienlager und Klassenfahrten in der DDR
Oct 26 2009 21:03:33 Ooooooooooooooh, mir werden vor Sehnsucht die Augen feucht. Mensch, wie war das schön damals. Wenn man nur für einen Tag die Zeit zurückdrehen könnte.. *seufz*
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#12315 |
| Tobi |
Rückblick: Ferienlager und Klassenfahrten in der DDR
Oct 22 2009 09:42:47 In der DDR war fast alles was mit Kindern und Jugend zu tun hatte, besser als in der Gegenwart. Kinderferienlager war optimal für die Erziehung und Freizeit des Nachwuchses. Ja auch ich erinnere mich gern an diese Zeit zurück. Ich war von KWO nach Malchin ins Lager gefahren.
VG Tobi |
#12283 |
Artikel-Kommentare
Im Forum diskutieren. (6 posts)


Fragt man die Leute, die in der DDR ihre Kindheit verbracht haben, was denn die schönsten Erinnerungen aus dieser Zeit sind, werden viele antworten: Schulklassenfahrten und Betriebsferienlager. Blicke ich - Jahrgang 1973 - auf Kindheit und Schulzeit zurück, muss auch ich sagen, die Aufenthalte in den Ferienlagern waren mit die intensivsten und schönsten Erlebnisse. Die Erfahrungen, die ich dort gemacht hatte, prägten meine gesamte Kindheit. Grund genug, im turus Magazin mal diese Zeit etwas genauer zu beleuchten und zu hinterfragen, was denn eigentlich so schön an dieser Zeit war.
Ich weiß noch genau, als ich das erste Mal in das Betriebsferienlager der Fotochemischen Werke Berlin (ORWO) fuhr. Das Ferienlager Julius Just befand sich nicht weit weg von Berlin in Eggersdorf nahe Strausberg. Di