Sixdays Bremen 2018: Wenn die Schüler die VIP-Gäste sind - ein Konzept mit Zukunft

Autor: Marco Bertram     veröffentlicht am 15 Januar 2018    
 
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Tag der Schulen bei den Sixdays Bremen
Foto: Arne Mill

Begreifen, anfassen, mit eigenen Augen sehen. Für Jugendliche und vor allem für Kinder ist dies das A & O. Möchte man den Nachwuchs an Sportarten heranführen - ganz gleich, ob als Zuschauer oder als Aktiver -, so muss die Begeisterung geweckt werden. Vor allem in einer Zeit, in welcher der Profisport sich immer mehr von der Basis entfernt, ist es wichtig den Kindern und Jugendlichen die gesamte Palette des Sports zu zeigen. Sport - das ist eben nicht nur die 1. Fußball-Bundesliga vor dem Fernseher oder vom teuren Sitzplatz einer modernen Arena aus. Sport - das ist viel mehr. Sind wir mal ehrlich, was können in der Gegenwart die meisten Kids mit Bahnradsport anfangen? Nimmt man sie nicht einmal an die Hand und nimmt sie mit in die Halle, so wird die Begeisterung wohl kaum entfacht werden. Ich persönlich kann mich noch sehr gut dran erinnern, als wir unseren größeren Sohn das erste Mal ins Berliner Velodrom mitgenommen hatten. Am Familientag stand sein Mund offen. Er kam aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Die Lichtshow, die Sprinter sowie die Derny- und Steher-Rennen. Das was er auf den Rängen und auf der Bahn geboten bekam, war für ihn als Dreijähriger unfassbar. Er hatte Gänsehaut - ich hatte als stolzer Papa vor Rührung feuchte Augen. Jetzt möchte er jedes Jahr mitkommen. Zumindest punktuell ist somit die Begeisterung für den Radsport geweckt.

Bremen

Und was das Begreifen und Anfassen betrifft, so ist bei ihm als inzwischen Achtjähriger unschwer erkennbar: Beim Fußball mag er derzeit mehr die unterklassigen Spiele, bei denen man als Zuschauer nach dem Spiel auch mal an die Spieler herankommt. Wo noch etwas mehr Nähe zur Basis herrscht, wo der Spieler XY nach Abpfiff eine Limo trinkt (oder auch mal ein Bierchen) und am Grillstand anzutreffen ist. Womit wir wiederum ganz gut den Bogen zurück zum Bahnradsport schlagen können. Was gab es früher für legendäre After-Race-Partys! Die Fahrer waren in bestimmten Lokalitäten anzutreffen, und es war möglich bei einem frisch Gezapften ins Gespräch zu kommen. Radsport-Fans, die mitunter quer durch Europa reisten, um möglichst viele Sechstagerennen zu besuchen, liebten die Nächte an der Bar. Inzwischen haben sich die Zeiten ein wenig geändert. Schaut man sich in Bremen nach den Rennen im Hotel um, so gehen die meisten Fahrer brav auf die Zimmer und ruhen sich für den nächsten Tag aus. Mit einem Bierchen oder Cocktail in der Hand wird man die meisten nicht antreffen.

Bremen

Auf der einen Seite ja auch verständlich. Umso wichtiger jedoch ist es, Möglichkeiten der persönlichen Bindung zwischen Zuschauern / Radsport-Fans und den Aktiven zu schaffen. Und was bietet sich in Bezug auf Kinder und Jugendliche bei einem Sechstagerennen besser an als Familiennachmittage und ein Tag der Schulen? Gibt es einen Familientag sowohl in Bremen als auch in Berlin, so wird die Idee, eine extra Vormittagsveranstaltung für Schulklassen anzubieten, nur bei den Sixdays Bremen umgesetzt. Wie diese Veranstaltung angenommen wird, durfte am heutigen Montagvormittag wieder bestaunt werden.

Kinder

Kurz vor zehn bildete sich am Haupteingang der ÖVB-Arena eine große Traube. Schubweise strömten die Klassen in die Arena und fluteten die Gänge, die Ränge und den Innenraum. Besonders die jüngeren Schüler staunten nicht schlecht, als sie - zum Teil wohl zum ersten Mal in ihrem Leben - im Innenraum standen. Große Augen. Erinnerungsfotos wurden angefertigt. Der perfekte Schachzug: Die Schüler haben freie Platzwahl. Die VIP-Bereiche dürfen belegt werden. Und das wird wahrlich gut angenommen. Bei Saft und Knabbereien machten sich viele erst einmal an den Tischen gemütlich. Andere Schulklassen schauten sich das Ganze indes von oben an. Sixdays statt Schule! Wenn das kein gelungener Vormittag ist! Und als die Durchsage kam „Ihr dürft hier richtig laut sein!“, brach bei vielen Kids endgültig das Eis. Nachdem die Lichtershow mit der Musik von „Klangfeld“ bestaunt wurde, „eroberten“ die einen die Gänge der Arena und wuselten umher und widmeten sich die anderen schon mal den Fahrern, die sich warm machten. Selfies und Autogramme waren gefragt. Und ja, es war wunderbar anzuschauen, wie die Kinder in kleinen Trauben um die Sprinter standen und sich die Autogrammkarten signieren ließen und reichlich Fragen stellten.

Glocke

Als sportliches Programm gab es am Tag der Schulen eine 45-minütige Jagd der U23, ein Rundenrekordfahren der Sprinter sowie zwei Derny-Läufe und ein abschließendes Punktefahren über 50 Runden der U23 zu sehen. Damit es nicht beim reinen „Sehen“ blieb, gab es zwischendurch auf der Bühne drei Talkrunden. Zu Wort kamen Theo Reinhardt als Vertreter des Radsports, die Basketballprofis Dominique Johnson und Adrian Breitlauch von den Eisbären Bremerhaven sowie Fußball-U17-Nationalspieler Pascal Hackethal, der beim SV Werder Bremen (U19) unter Vertrag steht. Geklärt wurde unter anderen die Frage, wie als Leistungssportler das tägliche Training und die Schule in Einklang gebracht werden kann. Schließlich sei ein Plan B sehr wichtig. Eine Sportlerkarriere könne aufgrund einer schweren Verletzung urplötzlich schneller beendet sein als einem lieb sei, und da sei der besagte Plan B sehr nützlich. Wie man einen Tag organisieren und strukturieren kann, erklärte Theo Reinhardt. Der Trainingsplan bestimme ganz klar den Tagesablauf, doch auf der anderen Seite dürfen Erholung und das Abschalten nicht zu kurz kommen. In seinem Fall seien Spaziergänge und die Zeit mit seinem Sohn der optimale Ausgleich. Und ja, ab und an sollte man auch zu den Süßigkeiten greifen! Eine Äußerung, die bei den meisten Schülern gewiss Gehör fand.

werder

Als schließlich die U23-Fahrer und Sprinter wieder auf die Bahn kamen, ermutigte der Hallensprecher noch einmal die Schüler, lauter zu sein. Das sei ganz klar zu leise. Dies sei schließlich kein Geschichtsunterricht. Gesagt, getan. Die rund 1.500 anwesenden Schülerinnen und Schüler feuerten die Sprinter an, die das Rundenrekordfahren absolvierten. Dieses konnte René Enders, für den die Sixdays Bremen 2018 den Abschied vom aktiven Radsport bedeuten, mit der besten Zeit gewinnen. Leider nicht mehr dabei ist der tschechische Sprinter Tomas Babek, der sich mit Enders sicherlich noch einige spannende Duelle geliefert hätte. Am Freitag riss bei Babek die Kette, und beim folgenden Sturz hatte er sich das Schlüsselbein gebrochen. Für ihn wurde kurzfristig der niederländische Sprinter Sam Ligtlee nach Bremen geholt.

autogramm

Was im Allgemeinen die Wettbewerbe betrifft, so wird bei den diesjährigen Sixdays Bremen wieder großartiger Sport geboten. So durfte am gestrigen Sonntag in Bremen zum ersten Mal ein Madison der Frauen bestaunt werden. Es ging über 180 Runden mit neun Wertungen, und die Frauen zeigten eine beeindruckende Leistung. Sehr erfreulich: Auf der engen Bahn kam es beim Frauen-Madison zu keinen Stürzen. Gewinnen konnten diesen Wettbewerb Marit Raaijmakers und Kirsten Wild aus den Niederlanden. Zweite wurden Julie Leth (Dänemark) und Christina Birch (USA), auf einen hervorragenden dritten Platz fuhren die beiden deutschen Fahrerinnen Anna Knauer und Lin Teutenberg. Auf der anschließenden Siegerehrung ließen sämtliche Fahrerinnen den Emotionen freuen Lauf und den Sekt mächtig schäumen. Das waren Bilder, die man wahrlich gern sieht. Und eins dürfte klar sein, der dritte Platz von Anna Knauer und Lin Teutenberg beim Madison dürfte eine klare Empfehlung für kommende Aufgaben, wie zum Beispiel die Bahn-Weltmeisterschaften 2018 im niederländischen Apeldoorn und der Weltcup 2018 vor heimischer Kulisse im Berliner Velodrom, sein. Die beiden haben prima zusammengefunden, und auf dem Zettel des Bundestrainers André Korff dürften Knauer und Teutenberg nun ganz oben stehen!

Frauen

Sehr zur Freude des Publikums ist auch bei den Profi-Teams der Männer für reichlich Spannung gesorgt. Auch wenn auf der kurzen Bahn in Bremen recht schnell Runden herausgefahren werden können, so liegen die führenden Teams in der Gesamtwertung verdammt eng beieinander. So befinden sich mit Kenny de Ketele & Theo Reinhardt (Team SWB), Achim Burkart & Yoeri Havik (Team X-Tip / Die Spielemacher), Wim Stroetinga & Robbe Ghys (Team Der Installatör) sowie Christian Grasmann & Jesper Morkov (Team ÖVB) in der Nullrunde. In der Gesamtwertung nur eine Runde dahinter liegen derzeit Leigh Howard & Morgan Kneisky (Team Schulenburg). Weniger erfreulich: Im ersten Rennen des Sonntags kam es zu einem Unfall, bei dem Achim Burkart (und Michele Scartezzini im Ausgang der Haake Beck Kurve stürzten. Während Burkart mit leichten Abschürfungen davon kam, musste der Italiener zur Untersuchung ins Krankenhaus gebracht werden. Am Abend konnte er jedoch in die ÖVB Arena zurückkehren. Ob er am heutigen Abend wieder in die Pedalen treten kann, ist allerdings noch offen.

Stroetinga

Weiter im Programm geht es am heutigen Abend. Die Tore der ÖVB Arena öffnen um 18:30 Uhr. Los geht´s um 18:45 Uhr mit dem 45-minütigen Finale des U23 Cup.

Text: Marco Bertram

Fotos: Arne Mill

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Inhalt der Neuigkeit:
Rennbericht
Radrennen-Art:
Six Days
Inhalt über die Teams:
KED Stevens Berlin
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Immer wieder eine schöne Veranstaltung! Ich komme 2019 wieder!

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