Radrennsport ist Religion - Katechismus der Inspiration: Ausstellung in der Paterskirche

Autor: Arne Mill     veröffentlicht am 20 April 2017    
 
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Radfahrermuseum in Roeselare
Foto: Arne Mill

Seit mehreren Jahren bei Radrennen in Belgien unterwegs, ist man immer wieder aufs Neue beeindruckt, mit wie viel Enthusiasmus, mit wie viel Leidenschaft und Fanatismus aus allen Schichten der Gesellschaft der Radrennsport dort zelebriert wird. Festzelte so groß wie Messehallen säumen die Kuppen der namenhaften Anstiege, wie den Paterberg, den Koppenberg oder den Oude Kwaremont in den Vlaamse Ardennen, nach dem sogar ein Bier gebraut wird, mit prozentualem Alkoholgehalt wie die durchschnittliche Steigung des Anstieges. Mehr als zwei Dutzend Reisebusse ziehen während der Frühjahrsklassiker wie eine Prozession von Anstieg zu Anstieg, wo die Rennfahrer, für die es der Kreuzzug mit dem Kopfsteinpflaster ist, frenetisch, teils mit Fahnen und Transparenten, angefeuert werden. Legendär und tief beeindruckend war die Verabschiedung eines der ganz großen Radsporthelden Tom Boonen in diesem Jahr bei der Ronde Van Vlaanderen in Antwerpen und beim Scheldeprijs in Mol.

Roeselare

Das Radfahrermuseum in Roeselare wird momentan komplett umgestaltet und so nutzte man die Paterskirche für die Ausstellung „Radrennsport ist Religion“ in Flandern und anderswo. In zwei Parcours - Die Pilgerfahrt: Bittgang von Radsportkapellen und Der Kreuzweg: Leidensweg des Radrennens - wird auf beeindruckende Art bewiesen, warum dem so ist. „Wir waren die Götter für die Menschen, die einzigen Götter, die sie von der Nähe sehen konnten und mit denen sie sprechen konnten.“ Nahezu perfekt illustrieren die geflügelten Worte von Briek Schotte, einem der besten und gefürchtetsten belgischen Klassikerjäger, die Wahrnehmung des Radrennsports in Flandern.

Roeselare

Dabei entwickelte die Kirche erst ab Beginn des Zweiten Weltkrieges - also relativ spät - ihre positive Haltung gegenüber dem Radsport. Pater Anton van Clé gründete im Jahr 1936 das Sportapostolat mit dem Ziel die Radsportwelt unter dem Dach der Kirche einzugemeinden. Dabei wurden sowohl Rennfahrer als auch Journalisten gezielt als Missionare eingesetzt, um durch ihr vorbildliches Verhalten den anderen Rennfahrern und Radsportfans den Weg zum Glauben zu weisen. In Italien bildete Gino Bartali das ideale Aushängeschild für die Kirche, als er 1938 öffentlich verkündete, dass er die Tour nicht für den damaligen Diktator Benito Mussolini, sondern für den Papst gewonnen hat. 1989 lancierte der Vatikan sogar ein eigenes Radrennen mit dem Slogan „Amore e Vita“ (Liebe und Leben). Auf der Brust bewarben die Rennfahrer die Auffassungen des Vatikans: Für das Leben und die Liebe – Gegen Abtreibung und Euthanasie.

Roeselare

Gott ist einer von uns und aus unserer Gemeinde! Dass die Kirchen an den Wochenenden und Sonntagen oft leer blieben, ärgerte viele Pfarrer. Die Leute pilgerten stattdessen lieber zu den Radrennen, um Normalsterbliche anzubeten und zu bewundern. In den 60er und 70er Jahren übersteigt ein Radsport-Gott alle anderen und erklimmt die heiligen Stufen so hoch, wie nie einer zuvor und kaum jemand nach ihm. Eddy Mercks wurde ein persönlicher Heiligenschrein gewidmet. Im Schatten des göttlichen Wunders Mercks kämpfen die Normalsterblichen oft vergeblich um das, was der belgische Messias und Radsport Übervater für sie übrig gelassen hat.

Radrennfahrer sind im Allgemeinen der Inbegriff von Energie und Kraft. Gesunde Sportler, in der Blüte ihres Lebens, auf dem Höhepunkt ihres Könnens, gehärtet durch ihre Trainingsarbeit. Öffentliche Figuren, die von ihren Anhängern bewundert werden, an denen sich Freizeitsportler messen, die gern so wären wie ihre Vorbilder. Doch der Sport, der so zelebriert wird, ist nicht ohne Gefahren. Der Tod fährt immer mit. In den steilen serpentinenreichen Abfahrten, auch in der Ebene, auf Hochgeschwindigkeitsstrecken, bei Rückenwind im dicht gedrängten Peloton, im Zielsprint, wenn Schulter an Schulter bis zum Zielstrich mit allen Mitteln gekämpft wird, um als erster mit dem Vorderrad über die Ziellinie zu preschen. Wahrlich nicht jedem ist das Glück dabei hold. Viele unschöne Szenen begleiten das Spektakel über seine weit über hundertjährige Geschichte, die Menschen in Trauer, in Ratlosigkeit und Verzweiflung zurück gelassen hat und wohl auch weiterhin zurücklassen wird.

Bierchen

Die Stunde der Sünder war von Anfang an, als Ende des 19. Jahrhunderts die ersten Sechstagerennen organisiert wurden, allgegenwärtig. Die Rennfahrer waren im wahrsten Sinne des Wortes sechs Tage und Nächte im Sattel unterwegs. Beim Kampf gegen die Müdigkeit und um die Schmerzen zu lindern, die Strapazen erträglicher zu machen, wurde bereits damals sehr tief in die Trickkiste gegriffen. Das Ausmaß der Strapazen, die die Rennfahrer auf sich nehmen mussten, wurde aber erst bei der Tour de France so richtig offenbart. 

Auf Anregung des Luxemburgers Alphonse Steines war bereits 1910 der Pyrenäenpass Col du Tourmalet, damals eine schmale Naturstraße, als erster Hochgebirgspass in das Programm der Tour de France aufgenommen worden. Damals lebten in den Pyrenäen noch wilde Bären und Steines wäre bei der Inspektion des Passes fast ums Leben gekommen, doch er telegrafierte an den damaligen Tourdirektor Henri Desgrange: „Bin gut über den Tourmalet gekommen. Stop. Straße in gutem Zustand. Stop. Keine Schwierigkeiten für die Fahrer.“ Octave Lapize, der die Passhöhe als erster erklomm und später den Gesamtsieg der Rundfahrt einfuhr, schrie einen Pass später am Col d’Aubisque den Organisatoren entgegen: „Mörder seid ihr, nichts als Mörder!“

Ulle

So wundert es schließlich niemanden, dass Doping von Beginn an ein ständiger Begleiter im Radsport war und ist. Erst im Jahre 1965 wurde in Belgien als Vorreiterstaat und Pionier ein erstes Dopinggesetz erlassen. Doch geholfen hat es wenig. 1967 starb Tom Simpson während der Tour de France am Mont Ventoux. 1998 begann der große EPO-Skandal, der sich bis 2007 hinzog und mit dem der Radsport auch heute noch schwer zu kämpfen hat. Als bekanntester Dopingsünder aller Zeiten, nicht zuletzt wegen seiner großen Popularität als Rennfahrer und siebenfacher Tour de France Gewinner, ist auch der US-Amerikaner Lance Armstrong in dieser Ausstellung verewigt - mit einem Beichtstuhl - als Synonym für alle großen und kleinen Sünden, die im Radsport begangen wurden.

Museum

Das Croix de Fer, an der Stelle, wo im allgemeinen der Priester zu seiner Gemeinde predigt, zusammengeschweißt aus Waisenrädern aus dem Fahrraddepot in Gent, mehrere Meter hoch, alles überragend, zementiert den festen Glauben der belgischen Gemeinde in die Radrennsport-Religion. Dahinter aufgereiht die Gewänder der Radrennfahrer, ihre Siegerkelche, ihre Kronen und Trophäen. Im Mittelschiff, das Peloton der Radsport-Götter. Rennräder aus allen Epochen des Rennradsport-Zeitalters. Symbol für die Schwerter in ihren Kreuzzügen, mit denen sie auszogen, damals wie heute, um die Menschen an ihren Glauben zu binden.

Museum

Persönliche Anmerkung des Autors:

Egal ob religiös oder nicht. Der Text ist mit Sicherheit so formuliert, wie sich die Radsport-Gemeinde gern selbst sieht, und ich musste bei der einen oder anderen Formulierung hin und wieder in mich hinein schmunzeln. Doch der Respekt gegenüber den Generationen, die damals mit Rädern, die dem heutigen Betrachter völlig abstrakt erscheinen, und die auf Straßen und Wegen unterwegs waren, die in der Gegenwart wohl allenfalls mit dem Mountainbike in Angriff genommen würden, bleibt bis zur Radfahrergeneration der heutigen Zeit bestehen.

Roeselare

Waren es damals Räder, bestückt mit nur zwei Ritzeln, eingespeichte Holzfelgen, bei denen sich jeder vorstellen kann, wie diese bei Nässe oder im unwegsamen Gelände, in steilen Abfahrten auf Schotterpisten reagieren. Die ersten Schaltwerke, Bügelpedale mit Riemchen, der Ersatzreifen eingewickelt in Ölpapier. Trotz Hightechmaschinen aus Carbon, um ein Vielfaches leichter als die schweren Stahlrösser damals, aerodynamisch geformte Rahmen und Anbauteile, Roadsuites und Aerohelme - die Anstrengungen und Strapazen sind geblieben und auch heute noch nach Rennen, wie der Flandernrundfahrt, Paris Roubaix oder den harten Bergetappen der drei Grand Tours, in den Gesichtern der Rennfahrer zu erkennen.

Text & Fotos: Arne Mill

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