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Auf Kristina Vogel ist Verlass: Die Ausnahmeathletin rettet in Hongkong die Ehre des BDR

Autor: Bernd Mülle     veröffentlicht am 18 April 2017    
 
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Kristina Vogel holt Gold in Hongkong
Foto: Arne Mill

Nach dem enttäuschenden Start bei den Bahnradsport-Weltmeisterschaften in Hongkong mit nur einer Bronzemedaille, für die wieder einmal die Kurzzeitathleten in Gestalt von Kristina Vogel und Miriam Welte im Teamsprint verantwortlich zeichneten, sorgte am zweiten Tag die Anwesenheit des Präsidenten des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR), Rudolf Scharping, offensichtlich für Motivation im deutschen Lager. Der Präsident, sonst nicht immer bei wichtigen Wettkämpfen anwesend, konnte sich umgehend über die Silbermedaille im Scratchrennen der Männer über 15 km durch Lucas Liss freuen, der lediglich dem Polen Adrian Teklinski den Vortritt lassen musste und den Briten Christopher Latham auf den Bronzerang verwies. Es sollte aber dennoch im Ausdauerbereich die einzige Medaille für den BDR bleiben, wenngleich es durchaus einige Lichtblicke zu verzeichnen gab.

Liss

Der gemeinsam mit Großbritannien errungene vierte Platz im Medaillenspiegel unter 16 Nationen lässt das Gesamtergebnis dieser Weltmeisterschaften für den BDR mit insgesamt fünf Medaillen noch in einem erträglichen Rahmen erscheinen. Es ist aber nicht zu übersehen, dass für die Medaillenausbeute fast ausschließlich nur die Frauen im Kurzzeitbereich sorgten und die Medaille von Lucas Liss letztlich die einzige im Männerbereich war. Die alles überragende Kristina Vogel glänzte mit den Titeln im Sprint, wo sie in zwei Läufen souverän gegen die Australierin Stephanie Morton gewann, und im Keirin, als sie im Finallauf gegen die Kolumbianerin Martha Bayona und die Belgierin Nicky Degrendele die Oberhand behielt. Ihre kongeniale Partnerin im Teamsprint Miriam Welte überzeugte einmal mehr im 500 m Zeitfahren mit der Silbermedaille hinter der Russin Daria Shmeleva, während die junge Pauline Sophie Grabosch mit einem ausgezeichneten fünften Platz unter 21 Starterinnen ebenfalls einen sehr guten Eindruck hinterließ.

Vogel

Im Sprint fuhr Kristina Vogel in der Qualifikation zunächst die drittbeste Zeit hinter Stephanie Morton und der späteren Bronzemedaillengewinnerin Wai Sze Lee aus Hongkong und auch der 8. Platz von Pauline Sophie Grabosch war bei ihrer ersten WM-Teilnahme bei den Frauen ein Achtungserfolg. Dagegen erreichte Emma Hinze nur den 23. Platz unter 29 Teilnehmerinnen und schied dann im Sechzehntelfinale gegen die Russin Daria Shmeleva aus. Als 19-jährige hat sie die Zukunft aber ebenso noch vor sich wie die gleichaltrige Pauline Sophie Grabosch, die in dieser Runde gegen  Olena Starikova aus der Ukraine siegreich war. Für Kristina Vogel, die sich durch den dritten Rang direkt für das Achtelfinale qualifiziert hatte, war die Kanadierin Kate O’Brien dort keine Hürde, während Pauline Sophie Grabosch gegen die Russin Anastasiya Voinova ausschied und mit dem 10. Platz im Endergebnis im Bereich ihrer Möglichkeiten blieb.

Vogel

Im Viertelfinale distanzierte Kristina Vogel die Ukrainerin Lyubov Basova in zwei Läufen, wobei sie im zweiten Lauf nur hauchdünn siegte, als sie den Vorstoß ihrer Gegnerin fast zu spät konterte und mit letzter Kraft doch noch den Zielstrich als erste überfuhr. Nicht einfach war das Halbfinale gegen die Lokalmatadorin Wai Sze Lee, aber mit ihrer ganzen Routine und Spritzigkeit war sie in zwei Läufen nicht zu schlagen. Das Finale (s.o.) schien dann fast nur noch Formsache für die Erfurterin zu sein, die damit bei den Frauen neben zwei Goldmedaillen bei Olympischen Spielen (2012 und 2016) ihren insgesamt 9. (!) Titel bei Weltmeisterschaften errang. Ein weiterer Titel als „Deutschlands Sportlerin des Jahres“ sollte doch in diesem Jahr im Bereich des Möglichen liegen! Wie hoch ihr Stellenwert mittlerweile ist, zeigt auch die Tatsache, dass sie jetzt in Hongkong neben dem Belgier Kenny de Ketele in die Athletenkommission des Weltverbandes UCI gewählt wurde. 

Im Frauenbereich gab es aber noch zwei Lichtblicke zu verzeichnen, für die Gudrun Stock als 9. der 3000 m Einerverfolgung mit neuem deutschen Rekord von 3:34,325 Minuten und Charlotte Becker mit dem 5. Platz im Punktefahren über 25 km sorgten. Dabei spielte Charlotte Becker ihre ganze Erfahrung aus, als sie sich auf den Schlussspurt konzentrierte und diesen mit doppelter Punktzahl (10 Punkte) für sich entschied. Mit zwei Gewinnrunden waren hier die Britin Elinor Barker auf Platz 1 und die US-Amerikanerin Sarah Hammer nicht zu bezwingen. Deren junge Landsmännin Chloe Dygert holte sich in überlegener Manier den Titel in der Einerverfolgung und fuhr dabei rund 10 Sekunden schneller als Gudrun Stock. Während im erstmals ausgetragenen Madison der Frauen, das die Belgierinnen Lotte Kopecky/Jolien D’Hoore gewannen, keine deutsche Mannschaft am Start war, hingen die Trauben für Tatjana Paller im Omnium zu hoch. Mit einem 20. Platz unter 22 Teilnehme-rinnen fuhr sie der Konkurrenz hinterher, die allerdings mit der Britin Katie Archibald, der Niederländerin Kirsten Wild und der Australierin Amy Cure auf den Podiumsplätzen auch übermächtig war.

Niederlag

Bei den Männern gab es abgesehen von den bereits bekannten Ergebnissen des Vierers und der Teamsprinter auch den einen oder anderen Lichtblick, aber auch einiges Pech zu konstatieren. Großartig schlug sich zunächst Max Niederlag im Sprintwettbewerb, als er in der Qualifikation mit 9,665 Sekunden hinter dem Russen und späteren Weltmeister Denis Dmitriev unter 33 Startern einen tollen zweiten Platz belegte, der ihn direkt ins Achtelfinale brachte. Allein 19 Fahrer blieben unter 10 Sekunden, da hatte Eric Engler als zweiter deutscher Starter mit 10,083 Sekunden auf Platz 26 sich gerade noch für das Sechzehntelfinale der besten 28 qualifizieren können. Dort war für ihn gegen den Briten Ryan Owens aber bereits Endstation, während Max Niederlag im Achtelfinale gegen den starken Briten Callum Skinner gewinnen konnte. Im Viertelfinale kam dann das Aus für Max Niederlag, der gegen Ryan Owens im notwendig gewordenen dritten Lauf wegen eines angeblichen Fahrfehlers distanziert wurde. Der 5. Platz am Ende des Sprintturniers war dennoch aller Ehren wert.

Eilers

Unglücklich verlief die WM auch für Joachim Eilers, der als Titelverteidiger im 1000 m Zeitfahren und Keirin angetreten war. Zunächst belegte er in der von dem Franzosen Francois Pervis gewonnenen Qualifikation gerade noch Rang 8 im Zeitfahren mit 1:01,272 Minuten und qualifizierte sich ebenso für das Finale der besten Acht wie Maximilian Dörnbach auf Platz 7 mit 1:01,253 Minuten. Dagegen schied der junge Marc Jurczyk als 18. unter 27 Startern mit 1:02,118 Minuten aus. Im Finale behielt dann Maximilian Dörnbach seinen 7. Platz, während sich Joachim Eilers leicht auf 1:01,221 Minuten steigern konnte und damit auf Rang 5 einkam. Dieser Wettbewerb, in dem auch im Finale Francois Pervis Bestzeit fuhr und nach zuletzt 2015 zum vierten Mal den WM-Titel errang, zeigte einmal mehr, dass die internationale Spitze immer mehr zusammenrückt und nur Bruchteile von Sekunden über Sieg und Niederlage entscheiden. Im Keirin schafften weder Joachim Eilers noch Maximilian Dörnbach oder Marc Jurczyk die Direktqualifikation für die zweite Runde, die nur die jeweils ersten Beiden der vier Läufe erreichten. In den Hoffnungsläufen setzten sich dann aber Marc Jurczyk und Joachim Eilers als jeweilige Laufsieger durch, während Maximilian Dörnbach als Zweiter seines Laufes ausschied. Der talentierte Marc Jurczyk schaffte als Zweiter in der zweiten Runde den Einzug ins Finale, dagegen schied der Titelverteidiger unglücklich in seinem Lauf aus, weil er einen Gegner am Vorbeifahren behindert haben soll und zurückgesetzt wurde. Das kleine Finale um Platz 7 gewann Joachim Eilers dann mit Wut im Bauch, während Marc Jurczyk im großen Finale auf Platz 6 einkam, das etwas überraschend Mohammed Azizulhasni Awang aus Malaysia als Sieger sah, der erst durch das Missgeschick von Joachim Eilers ins Finale kam und damit erster Weltmeister aus Malaysia in einer olympischen Disziplin wurde.

Kersten Thiele

Eine erfreuliche Leistung in der 4000 m Einerverfolgung bot auch Kersten Thiele mit einem guten 9. Platz unter 26 Startern, der dabei in der Qualifikation die gute Zeit von 4:20,052 Minuten fuhr, während Jasper Frahm mit 4:26,078 Minuten den 21. Platz belegte. Weltmeister wurde der bislang relativ unbekannte Australier Jordan Kerby, der in der Qualifikation die tolle Zeit von 4:12,172 Minuten fuhr und sich im Finale souverän gegen den Italiener Filippo Ganna durchsetzte, der im vorigen Jahr im Duell mit Domenic Weinstein den Titel errungen hatte.

Im Punktefahren über 40 km war es der Australier Cameron Meyer, der als einziger zwei Gewinnrunden herausfuhr und mit 76 Punkten überlegener Weltmeister wurde. Für den deutschen Teilnehmer Lucas Liss blieb ohne Rundengewinn und nur drei erspurteten Punkten ein 14. Platz übrig, der einmal mehr die Defizite im Ausdauerbereich offenbarte. Nicht viel anders verlief das Madison, dass die starken Franzosen Morgan Kneisky/Benjamin Thomas mit 45 Punkten vor den Australiern Cameron Meyer/Callum Scotson mit 41 Punkten und den Belgiern Kenny de Ketele/Moreno de Pauw mit 32 Punkten für sich entschieden und für die Deutschen Henning Bommel/Theo Reinhardt mit einer Verlustrunde nur der 9. Platz am Ende zu registrieren war. 

Meyer

Der Omniumwettbewerb sah zu Beginn im Sratchrennen Maximilian Beyer auf einem guten 4. Platz unter 21 Startern, der dann Platz 7 bei den Temporunden erreichte und als Fünfter des Ausscheidungsfahrens vor dem abschließenden Punktefahren mit 94 Punkten auf Platz drei hinter dem Spanier Albert Torres mit 112 Punkten und dem Franzosen Benjamin Thomas mit 104 Punkten lag. Dem Berliner verließen aber die Kräfte, er musste eine Verlustrunde in Kauf nehmen und verbaute sich damit alle Chancen für eine scheinbar mögliche Medaille und fiel noch auf den 9. Platz des Gesamtklassements zurück. Der Franzose gewann schließlich den WM-Titel im Omnium mit 149 Punkten knapp vor dem Neuseeländer Aaron Gate mit 147 Punkten und Albert Torres mit 138 Punkten und holte sich damit in Hongkong zwei Goldmedaillen. 

welte

Als Fazit für den BDR bleibt festzuhalten: Man ist noch einmal mit einem blauen Auge davongekommen und kann insgesamt noch zufrieden sein. Die Vierer nur im Hinblick auf die nächsten Olympischen Spiele in Tokio zu formen kann aber nicht der Weisheit letzter Schluß sein, zumal Weltmeisterschaften vom Leistungsniveau deutlich höher einzuschätzen sind und die Förderung des Sports nicht nur auf Olympia ausgerichtet ist. Es sollte doch möglich sein, die vorhandenen Defizite rechtzeitig zu erkennen und entsprechend entgegenzusteuern, ohne dafür mehrere Jahre zu benötigen. International hat sich zwar das Leistungsniveau enorm verbessert, aber gerade im Ausdauerbereich des BDR scheint es dagegen kaum Fortschritte zu geben. Man kann zum Beispiel nur neidisch nach Australien blicken, wo die Talente nur so sprießen und diverse Nobodys die sonstige Weltelite immer wieder erstaunen lassen. Auch wenn der Medaillenspiegel nicht das Nonplusultra ist, so zeugen doch sagenhafte 11 Medaillen von dem hohen Leistungsniveau der Australier.

Bei der Bahn-Europameisterschaft im Oktober im Berliner Velodrom ist der BDR mehr denn je gefordert!   

Text: Bernd Mülle

Fotos: Arne Mill (frontalvision.com)

> zur turus-Fotostrecke: UCI Bahn-WM 2017

Inhalt der Neuigkeit:
Rennbericht
Radrennen-Art:
Bahnradsport
Name des Radrennens
UCI Bahn-WM
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