Jentes „Außenlinien“: Skurriles aus Osteuropa - Mit Lesetempo 180 durch das hochspannende Buch

Autor: Marco Bertram     veröffentlicht am 13 Dezember 2017    
 
5.0 (6)
Bewertung schreiben
Artikel weiterempfehlen / teilen:
turus Fotostrecke
Cover von "Außenlinien"
Foto: turus.net

Der Zug rauscht durch die dunkle winterliche Landschaft. Das passende Ambiente für ein geniales Buch! Allein im Bordbistro sitze ich im Intercity von Amsterdam nach Berlin. Ich stieg in Minden zu, kaufte erst mal ein Weizen und ein Flammkuchen und griff anschließend wieder zum neuen Werk von Jens „Jente“ Knibbiche. Wegen Personalmangel musste in Hannover der Verkauf im Bistro beendet werden, wenig später sitze ich allein im Bistro-Wagen. Wolfsburg zieht vorbei, wenig später fährt der Zug durch Stendal. Da war doch mal was? Am heutigen Sonntag ist auf jeden Fall was. Nämlich einsetzender Schneefall, der den Bahnverkehr arg ins Schlingern bringt. Auf dem Bahnhof Minden hatte ich knapp vier Stunden Aufenthalt. Was für Trostlosigkeit. Um 20 Uhr schloss der Bäcker, im Warteraum standen die Reisenden und starrten auf die Anzeigetafel. 120 Minuten Verspätung. Der RE nach Köln fällt aus. Der IC nach Dresden kam satte drei Stunden zu spät. Hoffen und Bangen. Ich brauchte frische Luft und drehte Runden auf den leeren Bahnsteigen. Kalter Wind blies mir ins Gesicht. Allein stand ich am Bahnsteigende und starrte auf die verschneiten Gleise. Ein Güterzug donnerte vorbei. Wie muss es sein, wenn man auf der Flucht ist? Ich musste an Jentes Buch „Außenlinien“ denken. Später im IC würde ich es weiter regelrecht auffressen. Bereits auf der Hintour ins Ruhrgebiet, wo ein pralles Fußball-Wochenende anstand, saugte ich die Zeilen auf und wurde gedanklich nach Osteuropa versetzt. In die Ukraine, nach Transnistrien, nach Rumänien und nach Ungarn. Selten hatte mich der Inhalt eines Buches dermaßen gepackt.

Bereits sein Buch „Abstiegsspiel“ hatte mir außerordentlich gut gefallen. In jenem Buch blieb am Ende offen, ob der spielsüchtige Peter überlebt hatte oder nicht. Konnte er im Ausland untertauchen? Und ja, in „Außenlinien“ wird die Story fortgesetzt. Allerdings muss man das erste Buch nicht gelesen haben. Der Leser wird kurz eingeführt und erfährt, dass der Hauptprotagonist immer mehr von der Spielsucht befallen wurde, am Ende Haus und Hof verspielt hatte, sogar das Sparschwein seines Sohnes plünderte (beim Lesen dieser Passage kamen mir wirklich die Tränen) und letztendlich in arge Schwierigkeiten kam. Mit „Außenlinien“ wurde nun klar: Peter konnte sich in die Ukraine absetzen und dort ein neues Leben beginnen. In Lwiw (Lemberg) konnte Peter sich mit einem beschafften ukrainischen Pass etwas aufbauen.

Sibirien

Es bleibt jedoch nicht dabei. Die alten Geister drohen ihn einzuholen, und es beginnt eine wilde Tour quer durch ganz Osteuropa. Mit Hilfe der „Armee“ kann er sich zuerst nach Donezk und anschließend nach Transnistrien absetzen und mit Hilfe diverser krimineller Jobs über die Runden kommen. Gekonnt schildert Jente in seinem Buch sämtliche Details, und schnell merkt der Leser: Der Autor weiß, wie Osteuropa tickt. Geachtet wurde auf viele Feinheiten. Im Fall der Ukraine ließ er vor dem Druck ukrainische Freunde drüber lesen. Und das ist gut so, denn Jente Knibbiche baute auch reale Ereignisse - wie die Unruhen in Kiew / den Bürgerkrieg im Osten des Landes - mit ein. Dadurch wirkt das Geschriebene noch authentischer.

Don

Als Leser fiebert man von Seite zu Seite. Punktuell wurde der Fußball mit eingebaut. Im Fall der Ukraine die Europameisterschaft 2012, bei der der Hauptprotagonist nach langer Zeit mal wieder auf Landsleute trifft und mit ihnen ins Gespräch kommt. Das Buch benötigt nicht lange, bis es richtig Fahrt aufnimmt. So geht es bereits ab Seite 40 voll zur Sache. Peter besichtigt am Rande von Donezk eine verlassene Fabrikanlage, hört plötzlich Stimmen, muss sich verstecken und wird von oben ungewollt Zeuge eines verabredeten Kampfes zwischen zwei verfeindeten Hooligan-Gruppen, bei dem mit äußerster Brutalität vorgegangen wird. Nachdem die Schläger abziehen, treffen unten in der Ruine ein paar Junkies ein, welche die Luke zum Dach schließen. Gefangen auf dem Dach sucht Peter nun einen Weg nach unten - es bleibt nur ein alter Kaminschacht. Es soll nicht zu viel verraten werden. Nur so viel: Der Autor ist nun in seinem Element und lässt den Hauptprotagonisten Peter richtig leiden. Oha, nun wird es arg. Der Wahnsinn nimmt seinen Lauf. Einer Ratte wird sogar der Kopf abgebissen. Das Beschreiben menschlicher Abgründe - und das ohne Handbremse. Gut so!

Rumänien

Apropos Wahnsinn. Ging es in „Abstiegsspiel“ um die Sucht rund um die klimpernden und dudelnden Spielautomaten, so geht es nun um Drogen. Auf der irren Tour durch die Ukraine, Transnistrien, Rumänien, Ungarn und die Slowakei kommt Peter immer wieder in Kontakt mit den verschiedensten Drogen. Gekrönt wird das Ganze mit Crystal Meth in einem tschechischen Kaff. Die geschilderten Rauschzustände und Wahnvorstellungen sind perfekt beschrieben, die im Buch von Peter aufgesuchten Ruinen, Hütten und Keller lassen Gänsehaut aufkommen, die beschriebenen Personen, mit denen er zu tun hat, sieht man als Leser im Geiste vor sich. Zum Ende hin wird der Fußball thematisch verstärkt eingeflochten. Als der Protagonist endlich wieder deutschen Boden betritt, stattet er dem Regionalligaspiel FSV Zwickau vs. 1. FC Magdeburg einen Besuch ab. Das Cover lässt es erahnen, wer das erste Buch gelesen hat, weiß es sowieso schon: Peter ist - genauso wie der Autor - glühender FCM-Fan.

Ruine

Der IC rauscht durch die Nacht. Irgendwo zwischen Stendal und Berlin. Was für eine gespenstische Ruhe im Zug! Nur das Rattern der Räder ist zu vernehmen. Schwach heben sich draußen die verschneiten Nachbargleise in der Finsternis ab. Erstaunlich, wie sich plötzlich die Luft im Bistro abgekühlt hatte. Schnell eine Weste über und dann weiter lesen! Bücher auf Reisen lesen - perfekt. Solch ein Werk abends in einem verlassenen Bordbistro lesen - megaperfekt! Eigene Erinnerungen an Zugreisen quer durch Osteuropa und durch Sibirien vermischen sich mit dem Gelesenen. Skurrile Begegnungen, weite Landschaften, viel Herzschmerz und Sehnsucht. Jeder Leser wird aufgrund des eigenen Backgrounds andere Empfindungen beim Lesen spüren. Fesseln dürfte dieses Werk die meisten - da bin ich mir absolut sicher! Von daher gibt es eine absolute Kaufempfehlung von mir! Klar, ich kenne Jente persönlich, doch ist dies kein Freundschaftsdienst. Dass das Leben die Wege kreuzen lässt, ist echt ein Ding - aber sicherlich kein Zufall.

Außenlinien

Um zum Ende zu kommen: Während Jente im Ausland die Städte und Ortschaften im Detail beschreibt, lässt er es im Fall des Ruhrgebiets offen, in welcher Stadt Peter eigentlich gelandet ist. Auch der Pott wird prima skizziert, doch ist es besser, es in diesem Fall allgemein zu lassen. Die Geschichte im Buch endet jedoch nicht im Ruhrgebiet, sie geht noch ein wenig weiter. Wohin, das will ich nicht verraten… ;-)

Ganz zum Abschluss sollen ein paar richtig starke Zeilen 1:1 wiedergegeben werden. Ein beeindruckendes Beispiel dafür, wie Jente als Autor gereift ist: „Ich wusste nicht weiter. Auf dem Tisch baute ich ein Fußballfeld auf. Für die Tore verwendete ich Streichhölzer. Bei den Außenlinien, die aus Koks bestanden, gab ich mir viel Mühe., damit sie gerade waren. Eine Postkarte mit einem Fichtelbergmotiv half mir dabei. Passenderweise war der Gipfel auf dem Bild schneebedeckt. Auf den Anstoßpunkt legte ich das Meth! Ich philosophierte über mein kleines Bauwerk und sinnierte darüber, dass für kleine, alte Stadien kein Platz mehr war in diesen Zeiten. Traurig. Trotzdem durfte ich nicht mehr lange mit der Sanierung warten. Der Abriss erfolgte in wenigen Nasenzügen und die nun hell erleuchtete Arena lud zu neuen Schlachten ein. Es war Zeit, die Taktik offensiver zu gestalten. Angriff lautete die Devise! Ich musste meiner Linie treu bleiben. Sollte ich das Spiel verlieren und mit der Niederlage untergehen, musste dies mit Stolz und Würde geschehen. In meiner Gedankenwelt schrie die Situation förmlich nach Dramatik und Selbstzerstörung! …“

Chapeau! Jente, brilliant geschrieben!

 

Fotos: Marco Bertram (Russland, sowjetische Zigaretten, Rumänien, Kasernen-Ruine, Buchcover)

> Facebook-Seite von "Außenlinien"

> das Buch beim BFU-Shop

> das Buch beim NOFB-Shop

Inhalt über Klub(s):
Artikel weiterempfehlen / teilen:

Benutzerkommentare

6 Bewertungen

 
(6)
4 Sterne
 
(0)
3 Sterne
 
(0)
2 Sterne
 
(0)
1 Stern
 
(0)
Bewertung / Kommentar für den Artikel 
 
5.0  (6)
Zeige die hilfreichsten
Bewertung (je höher desto besser)
Bewertung / Kommentar für den Artikel
Kommentare
Bewertung / Kommentar für den Artikel 
 
5.0
War dieser Kommentar hilfreich für Sie? 
Bewertung / Kommentar für den Artikel 
 
5.0
War dieser Kommentar hilfreich für Sie? 
Bewertung / Kommentar für den Artikel 
 
5.0

Gekauft!

War dieser Kommentar hilfreich für Sie? 
Bewertung / Kommentar für den Artikel 
 
5.0

Gestört

Ein ganz schön gestörtes Werk aber geil zu Lesen.

War dieser Kommentar hilfreich für Sie? 
Bewertung / Kommentar für den Artikel 
 
5.0

1A

sauber!

War dieser Kommentar hilfreich für Sie? 
Bewertung / Kommentar für den Artikel 
 
5.0
War dieser Kommentar hilfreich für Sie?