Von Chemie bis Hansa, von St. Pauli bis Waldhof: Die Fußballfibel-Familie wächst und wächst …

Autor: Marco Bertram     veröffentlicht am 17 Juli 2017    
 
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Alle 14 Fußballfibeln auf einem Streich ...
Foto: Marco Bertram

Glorreiche Siege, schmerzhafte Niederlagen, heroischer Aufstieg, dramatischer Abstieg. Vom höchsten Gipfel des Glücks in die finstere Ecke der Verzweiflung. Geschichten mit Gänsehautgarantie. So lauten die ersten Zeilen der Kurzbeschreibung, die hinten auf dem Buchrücken der ersten vier Bände zu lesen ist. Herausgeber Frank Willmann verfasste diese Sätze im Herbst 2015, als vier Autoren zeitgleich an den Bänden 1 bis 4 saßen und noch niemand so recht wusste, wohin eigentlich die Reise führen würde. Gemeinsam mit dem Inhaber Bernd Oeljeschläger und der Lektorin Nelly Möller vom Verlag Culturcon medien hatte sich Frank Willmann im Frühjahr / Sommer 2015 zusammengesetzt und die Idee einer neuen Buchreihe reifen lassen. Bücher über diverse Vereine? Von Fans für Fans? Geschrieben mit Herzblut?! Fußballbücher gibt es bekanntlich wie Sand am Meer. Eine (scheinbar) ähnliche Reihe nimmt sich seit geraumer Zeit einen Verein nach dem anderen vor. Trotz verständlicher Bedenken machten sich die drei an die Arbeit und arbeiteten das Konzept aus. Die Suche nach den ersten Autoren begann. Die ersten vier Bände sollten im Herbst 2015 möglichst zeitgleich erscheinen und demzufolge auf einer gemeinsamen Lesung der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Die „Bibliothek des deutschen Fußballs“ startete mit den Fußballfibeln über den 1. FC Union Berlin, den SV Babelsberg 03, den BFC Dynamo und den FC Energie Cottbus. Inzwischen ist die Reihe der Fußballfibeln beim Band 14 - SV Waldhof Mannheim - angelangt, und die nächsten Bücher (FC Carl Zeiss Jena und FC Bayern München) stehen vor der Veröffentlichung, in Vorbereitung sind zudem etliche weitere Bände. An dieser Stelle sollen sämtliche 14 Bände einmal kurz vorgestellt werden. Da ich selber zwei Bände geschrieben hatte, wären klassische Rezensionen nicht praktisch. Von daher fasse ich jeweils kurz zusammen, was den Leser erwartet. Und ja, mit Freude gelesen hatte ich sämtliche 14 Bücher. 

1. FC Union Berlin

Jörn Luther, 1966 in Weimar geboren und seit über 20 Jahren in Berlin sesshaft, hatte sich an die Arbeit gemacht und verfasste die 154 Seiten über die Eisernen aus Berlin-Köpenick. Wie auch den anderen drei ersten Autoren wurde ihm von Verleger, Lektorin und Herausgeber gesagt: Hey, du hast beim Schreiben die völlige Freiheit! Dies und jenes sollte im Buch vorkommen, doch was Aufbau und Art des Schreibens betrifft, kann man sich als Autor voll austoben. Jörn Luther hielt sich an der Historie des Vereins. Vom FC Olympia Schöneweide zum 1. FC Union Berlin. Alles wurde im Buch aufgearbeitet. Das ewige Auf und Ab zu DDR-Zeiten, das ewige Scheitern in den 1990ern, die Zeit im Neuen Jahrtausend. Wer über die Geschichte dieses Vereins noch kein detailliertes Buch gelesen hat, dem sei diese Fußballfibel ans Herz gelegt. Vorausgesetzt, ein Mindestmaß an Interesse an den Eisernen ist vorhanden.

03

SV Babelsberg 03

An Band 2 der Reihe hatte sich Rico Noack gewagt. Er ist Diplom-Politologe und ist der Meinung, dass auch der Fußball und das Drumherum politisch sein dürfen. Das Buch ist dreigeteilt. Nach der Geschichte des Vereins werden unvergessliche Spiele vorgestellt, im Anschluss dreht sich alles um die Anhängerschaft aus der Filmstadt. In der Rubrik „Spiele“ findet man erwartungsgemäß Schilderungen vom Schönberger Kessel, vom DFB-Pokalspiel gegen Hertha BSC sowie von den Heimspielen gegen die Weinroten aus Berlin Hohenschönhausen und den 1. FC Lokomotive Leipzig. Und ja, Rico ist auch der Meinung: „Cottbus, wir müssen reden!“ Zu Wort kommen lässt er in seinem Buch unter anderen Jörg Englbrecht (ehemaliger Sprecher des Fanbeirates), Fabian Fritz (St.Pauli-Ultra) und Thoralf Höntze (Leiter der Marketing-Abteilung bei Nulldrei).

Leutzsch

BFC Dynamo

Bei einem Bier fragte mich Frank Willmann, ob ich bereit wäre, die Fußballfibel über den BFC Dynamo zu schreiben. Klar doch! Zwar habe ich keinen Kindheitsverein - der aktive Fußball begann für mich erst mit dem Fall der Mauer im Alter von 16 -, doch bekanntlich verfolge ich das Geschehen beim BFC Dynamo bereits nun mehr seit über einem Vierteljahrhundert hautnah mit. Über die Jahre hinweg fanden sich viele feste Freunde, und der Einblick in das Gesamtgeschehen ist recht tief. Wie es sich anfühlt, in Leipzig ein fettes blaues Auge verpasst oder in einem proppenvollen Auswärtsblock von der rein marschierenden Polizei eine satte Ladung Pfefferspray aus einem Meter Entfernung in die Auge gesprüht zu bekommen, durfte ich unter anderem in den wilden 1990ern und zu Beginn des Neuen Jahrtausends erleben. Kurzum: Auch wenn ich seit 2009/10 deutschlandweit meist im Innenraum tätig bin, so kenne ich die Fan-Perspektive recht gut und machte mich somit an die Arbeit. Ähnlich wie Jörn Luther arbeitete ich akribisch die Historie ab und ließ gedanklich vor allem die Europapokal-Schlachten aufleben. Wichtig war mir stets der Blick über den Tellerrand, sprich auf die jeweilige Gesamtsituation im DDR-Fußball. Genauer betrachtet wurde auch der lange Weg zurück in die Regionalliga. Verknüpft wurde das Ganze mit eigenem Erlebten, wie das erste Spiel in Leipzig-Leutzsch im Herbst 1994 oder die Fahrt mit den Casuals nach Magdeburg im Mai 2015…

1995

FC Energie Cottbus 

Für mich persönlich ein erster Knaller! Cottbus? Graue Maus?! Denkste! Der Autor Jens Batzdorf (1977 in Cottbus geboren) brachte mit viel Witz einiges aufs Papier. Seit 1987 ist er Energie-Fan, seit 1994 hatte er kein Heimspiel, zwischen 1998 und 2014 sogar kein Punktspiel verfasst. Auch er teilte das Buch in Blöcke ein. 1966 bis 1990. Die Zeit nach der Wende. Die Jahre in 1. und 2. Bundesliga, und dann von 2003 bis 2015 einmal Fußballhimmel und zurück. Jens setzte weniger auf historische Details, sondern mehr auf Anekdoten. Und von diesen hatte er als Allesfahrer reichlich! Ich persönlich fand die Abschnitte aus DDR-Zeit und den 1990ern am spannendsten. Auswärts mit der BSG, Wendewirren, Cottbus international, Bonbon-Aleks rettet Energie. „Cottbuser Bier! Trinkste eens, schiffste vier!“ Da ich Jens bei der gemeinsamen Buchvorstellung im BAIZ kennenlernen durfte, kann ich nur sagen: Dufter Typ, duftes Buch!

Lok

1. FC Lokomotive Leipzig

Dass jede Fußballfibel wahrlich anders gestrickt ist und es kein festes Schema gibt, ist an Band 5 über die „Loksche“ prima erkennbar. Der „Freundeskreis Probstheida“, bestehend unter anderen aus den Autoren André Göhre (der „Geschichts-Onkel“), Jens-Peter Hirschmann und Marko Hofmann, strickte das Werk in folgender Form: Zum Auftakt gibt es vier Kapitel über die Geschichte, den historischen Zeitstrahl, die Vereine und Logos im Wandel der Zeit und den 1. FC Lok in Zahlen. Im Anschluss folgt die Rubrik „Schon gewusst?“. Von der höchsten Zuschauerzahl und dem skurrilsten Funktionär über die schönste Niederlage und dem unerotischsten Foto bis hin zur größten Lebenslüge. Nach diesem Block folgen ein Blick hinter die Kulissen, das Lok-ABC und abschließende Zeilen zur blau-gelben Liebe. Ganz klar, wer dieses Buch gelesen hat, weiß einiges mehr über den Verein aus Probstheida.

Chemie

BSG Chemie Leipzig

Wieder völlig anders ran ging der Autor der BSG Chemie Leipzig Fußballfibel. Alexander Mennicke, aktives Mitglied der Diablos und „Regisseur“ von der Zaunkrone aus, geht ans Eingemachte. Wer dermaßen tief drin steckt in der Fanszene, der hat auch einiges zu berichten. Dass er seine Arbeit hervorragend gemacht hat, beweist die Resonanz. Die erste Auflage ist ausverkauft. Genauso wie Jens Fuge mit seinem grandiosen fetten Wälzer „Steigt einen Fahnenwald empor“ traf Menne genau den Leutzscher Geschmack. Als Nicht-Chemiker muss man das Buch nicht klasse finden. Das ist auch völlig mumpe, denn die Chemie-Fans zogen größtenteils den Hut und verschlungen die Zeilen. Und Fakt ist, Menne kann sehr gut schreiben. In seiner Fußballfibel wechselt er mal eben die Perspektiven und bringt den Leser so richtig dicht ran ans Geschehen. Volltreffer! 

FCM

1. FC Magdeburg

Und der Nächste bitte! Na, das passt doch! Jens „Jente“ Knibbiche machte sich an die Arbeit und formulierte die 158 Seiten über den 1. FC Magdeburg aus. Da mir sein 2014 erschienenes Buch „Abstiegsspiel“ sehr zugesagt hatte, stand für mich außer Frage, dass dieses Werk gut werden würde. Gesagt, getan. Jente arbeitete die beeindruckende Historie des Vereins ab - Europapokalsieg 1974 inklusive. Eingebettet hat Jente das Ganze in einem Rahmen. Eine Auswärtsfahrt. Der Erzähler macht sich auf den Weg zum Bahnhof. Im heiß umkämpften Grenzgebiet zwischen Blau-Weiß und Rot-Weiß. Magdeburg und Halle. Jede Auswärtssause behaftet mit erheblichen Risiken. Als er endlich im Zug sich niederlassen kann, schließt er die Augen und beginnt seine FCM-Zeitreise. Schwerpunkt im Buch sind die Magdeburger Fanszene sowie Revierkämpfe und Rivalitäten. Es gab den einen oder anderen Kritiker, dem die Schilderungen zu unreflektiert erschienen, ich dagegen sage: Mir haben auch diese Episoden gefallen. Wenn man Jente kennt, muss man sagen: Diese Fußballfibel ist eben ein echter „Jente“. Punkt. Aus. Lesen!

Hansa

F.C. Hansa Rostock

Die Vorstellung, noch eine weitere Fußballfibel schreiben zu dürfen, ließen große Freude, aber auch Bauchschmerzen aufkommen. Mir war völlig klar, dass dies nicht jedem munden würde. Klar, immer wieder hatte ich betont, dass ich keiner Fanszene angehöre und dass ich eben nicht vom Papa in Kindertagen zu Verein XY mitgenommen wurde. Andererseits ist es kein Geheimnis, dass es nicht nur eine emotionale Nähe zu Weinrot gibt, sondern auch zu Blau-Weiß-Rot. Ich dachte an das geniale Auswärtsspiel in Köln-Müngersdorf im Frühjahr 1992, an das megageile Spiel im Berliner Olympiastadion im Herbst 1995, an die Rostocker Fandemo in Hamburg im Frühjahr 2012 und ich dachte nicht zuletzt an die Fahrten an die Küste in den 1990ern, als Segelscheine gemacht wurden und die Lokalitäten in Rostock aufgesucht wurden. November 1999. Segel gesetzt. Ab auf hohe See! Windstärke 11 und meterhohe Wellen. Schiffbruch. Seenotrettung vor Holland. Das alles bewog mich, das Wagnis einzugehen und auch diese Fußballfibel zu verfassen. Und so wird das Buch sogleich mit der Sturmfahrt auf dem Achtmeterboot und dem parallel stattfindenden Heimspiel der Kogge gegen den HSV (3:3) eingeleitet. Ich brachte die persönlichen Erlebnisse ein und beschäftigte mich mit der Historie von der Ostzonenmeisterschaft bis zur Gegenwart. Den Blick aus der Tiefe der Fanszene gewähren indes Uwe Busch, Hannes Elster, Heiko Neubert und Torsten „Rosti“ Völker, die etliches zusammengetragen haben.

Sturm

1. FC Nürnberg

„Ya Basta!“ und „Der Daggl“ dürfte den meisten ein Begriff sein. Für das Nürnberger Szenemagazin war Benjamin Wolf einige Jahre tätig, sein 2011 ins Leben gerufenes Fanzine gibt er mit seinen Mistreitern bis heute heraus. Eine Fußballfibel über den „Glubb“? Der 1982 geborene Benny schien bei der Suche nach einem passenden Autor eine gute Wahl. Doch, was heißt schien? Benny ist der Volltreffer! Mehr Leib und Seele geht nicht! Einige Zeit war Benjamin Wolf Mitglied bei den Ultras Nürnberg und kennt sich demzufolge bestens aus. Benny nimmt uns mit auf eine sehr persönliche Tour durch die Historie des 1. FC Nürnberg. Was für eine Achterbahnfahrt! Was für Emotionen! Ich persönlich hatte bis dato nicht sooo viele Berührungspunkte mit diesem Verein, doch Dank dieses Buches wurde mir der Club um einiges näher gebracht. Erste Runde Bukarest, auferstanden aus Ruinen, die Kaiserburg, das Interview mit der „Banda Di Amici“ und zum Abschluss bei Traudl - allesamt Texte, die sehr nahe gehen. 1a zum Lesen, und fast noch besser zum Zuhören, wenn Benny bei einer Lesung die Zeilen vorträgt!

Glubb

FC Rot-Weiß Erfurt

Und gleich der nächste Knaller! Nun wirkt es fast, als wenn ich jedes Buch lobhudele, doch ganz ehrlich, die Fußballfibel über den FC Rot-Weiß Erfurt ist wirklich der Brüller! Müsste ich mich entscheiden und meinen bisherigen Favoriten benennen, so träfe es wohl das Buch von Matthias Klaß. Und es gab keine Vorschusslorbeeren. Ich kannte den Autor nicht, ich habe null Verknüpfungen zum Verein. Völlig unvoreingenommen ging ich an dieses Buch. Zugegeben, ich erwartete - ähnlich wie bei Energie Cottbus - nicht soooo viel, doch auch dieses Mal wurde ich völlig überrascht! Es spielt gar keine Rolle, ob man nun als Leser mächtig viel mit RWE (Ost) anfangen kann. Der Humor von Matthias Klaß (und vom Gastautor Christian Lenke) ist goldig. „Was kommt aus Berlin? Banan´ un Apfelsin´!“ Besonders die Kapitel aus DDR-Oberligazeiten und den 1990ern lassen des Lesers Herzen höher schlagen. 1994 auswärts beim FC Berlin im Sportforum. „… herrschte ebenfalls gruseligste Zombiruhe im weiten Rund. Doch jetzt! Ja! Endlich! Nun, da nur noch etwa 15 Minuten zu spielen waren, löste sich aus einem Zuschauerpulk der Kurve gegenüber eine Gruppe von ca. 50 Männern und nahm Kurs auf die Gegengerade, ganz offensichtlich mit dem Ziel Gästeblock. Beoutfittet waren diese Herrschaften fast genauso wie die Jugendtourist-Reisegruppe, mit der wir zum Stadion gepilgert waren. Und deren eisige Mienen hellten sich nun endlich auf. Sie fingen an zu applaudieren. Geschlossen. Im Takt. … Eine beinah sentimentale Szene, für deren Schönheit der uniformierte Eskort-Service des Berliner Senats keinerlei Sinn besaß.“ Dies mal nur als Beispiel. Ich hatte beim Lesen des Buches gut gefeiert. Ein Prachtstück. Über Erfurt. Wer hätte das gedacht?!

erfurt

1. FC Köln

Na, nun wird es kompliziert. Köln? Ich war gespannt, lebte ich doch von 1991 bis 1994 in Leverkusen. Knackige Berichte über die Jungs aus dem 38er Block? Ich liebte vor 25 Jahren das Ambiente im alten Müngersdorfer Stadion. Ich hatte quasi eine Dauerkarte für den Gästeblock. Der Adrenalinkick schlechthin. Schauen, was die jeweiligen Vereine so mitbringen. Und eine Etage über einem die schlagkräftige Garde aus Cologne. Na, wenn es ähnlich heiter wird wie in der Erfurt-Fußballfibel - dann ist doch alles geritzt. Die Buchvorstellung fand in Berlin statt, da der 1970 in Rendsburg geborene Autor Andreas Merkel in der Hauptstadt wohnhaft ist. Der Torwart der deutschen Autorennationalmannschaft las vor großer Kulisse (keine Effzeh-Fans, doch dafür zahlreiche Autoren-Kollegen), und ich dachte, ich sei im falschen Film. Merkel sprengte die Reihe. Eine Fußballfibel mal ganz anders. Geschrieben wurde das Werk während der Europameisterschaft 2016 in zehn Tagen. Und eigentlich geht es eher darum, wie er dieses Buch anfertigte. Zehn Kapitel. Zehn Tage. Zehn Namen. Von Horn und Rudnevs über Poldi und Overath bis hin zu Hectors Freundin und Schumacher. Ich war überrascht. Die Zuhörer jubelten und ich verstand quasi nur Bahnhof. Ich musste dieses Buch erst einmal setzen lassen, dann nahm ich es mit auf eine Zugfahrt und las es in einem Rutsch durch. Meine Unschlüssigkeit blieb zwar, doch meine Meinung zum Buch änderte sich. Es hat was. Zwar kein Humor à la Erfurt, doch von der Schreibe her selbstverständlich eine gute Hausnummer. Das sehen auch einige andere so, denn es bekam in „11 Freunde“ eine bombige Rezension und wurde nun sogar von Ronald Reng zum „Fußballbuch des Jahres“ nominiert. Und wie heißt es? „... das herausragende Fußballbuch der Saison 2016/17. Merkel schreibt nicht aus dem Stadion, sondern aus dem REWE-Supermarkt …“

Dresden

SG Dynamo Dresden

Einmal von A bis Z. Vom „Ackis“ bis zur „Zugfahrt“. Ähnlich wie bei der Fußballfibel über den 1. FC Lokomotive Leipzig setzen sich an diesem Buch über die Sportgemeinschaft Dynamo Dresden verschiedene Autoren ran. Sozusagen Regie führte Uwe Leuthold, der 1976 in Dresden geboren wurde und unter anderen regelmäßig für seinen Dynamo-Dresden-Blog „Spuckelch“ schreibt. Es sind sehr lesenswerte bzw. wissenswerte Berichte dabei. Das legendäre Spiel bei Bischofswerda. Das Kapitel über das Dynamostadion. Die Episode über die Problemfans. Ein wenig erstaunt war ich über das Kapitel „Choreographie“, in dem es um eine Aktion im Block N3 geht. 5.000 Fans hielten große rote Karten hoch, ein klares Zeichen in Richtung K-Block. „Farbe bekennen gegen die ganzen Chaoten und Pyrofans.“ Kein Wunder, dass damals in der Fanszene die Aktion nicht gut ankam. Und demzufolge dürfte auch dieser Text nicht allzu sehr bei UD & Co. wirklich gut ankommen. Allerdings ist es halt kein Buch über die Ultras der SG Dynamo, sondern ein informatives Buch über den Verein als solches. Schade, dass diese Fibel etwas dünner daherkommt (132 Seiten), denn Erzählstoff gibt es über die SGD wohl mehr als genug.

FC St. Pauli

Einen richtigen Kanten brachten indes die Autoren Fabian Fritz und Grgor Backes heraus. Mal eben 256 Seiten zählt die Fußballfibel über den FC Sankt Pauli. Die Lektorin Nelly Möller hatte gut zu tun, und der Verleger musste bei Band 13 verständlicherweise den Preis erhöhen. Kosten die anderen Fußballfibeln allesamt 9,99 Euro, so ist der braun-weiß-rote Brocken für 12,99 Euro zu haben. Und ganz sicher, für St. Pauli-Fans ist dieses Buch jeden einzelnen Cent wert. Mitgearbeitet haben an diesem Werk neben den beiden genannten Autoren zahlreiche andere Personen, die diesem Verein sehr nahe stehen. „Mein Leben als braun-weißes Trüffelschwein:“ Aufgeteilt ist das die FC Sankt Pauli Fußballfibel in vier Blöcke: „Hamburg im Sommer - Der politische Verein“, „Hamburg im Herbst - Die sportliche Alternativen“, „Hamburg im Winter - Die aktive Fanszene“, „Hamburg im Frühling - Der Beziehungsverein“. Wer als Nicht-St.Paulianer offen für alle Fußballvereine ist und gern etwas mehr über den „Kiezklub“ erfahren möchte, der greift bei diesem Werk goldrichtig zu. Wer halt beim Blick über den eigenen Tellerrand lieber locker flockige Episoden mag, der sollte eher zu den Bänden über Cottbus, Magdeburg, Nürnberg oder Erfurt greifen.

Mannheim

SV Waldhof Mannheim

Zuletzt kam Band 14 über den SV Waldhof heraus, und ich muss sagen, ich war dieses Mal besonders neugierig. Zum einen rückte dieser Verein aufgrund der Aufstiegsrundendramen in den Fokus, zum anderen gibt es nicht allzu viele Bücher über den SV Waldhof, und noch dazu habe ich meine ganz eigenen Kindheitserinnerungen an diesen Verein. Also nicht, dass ich live eine Partie gesehen hatte - das war als Ostkind auch kaum möglich -, doch der Name dieses Sportvereins hatte sich eingebrannt. Und zwar, als der Sprecher der Tagesschau am Samstagabend gegen 20:14 Uhr stets die Ergebnisse der 1. Bundesliga vorlas. Immerhin von 1983 bis 1990 waren die Mannheimer fester Bestandteil des Fußballoberhauses. Und so hieß es zum Beispiel am Abend des 21. Mai 1988: Hamburger Sportverein - Borussia Dortmund 4:3, FC Bayer 05 Uerdingen - FC Homburg 5:1, Karlsruher SC - Eintracht Frankfurt 1:1, TSV Bayer 04 Leverkusen - FC Bayern München 3:4, VfB Stuttgart - SV Waldhof Mannheim 1:1. Beim Biss in die Leberwurststulle fragte ich mich, ob „Leverkusen“ auch irgendwas mit „Leber“ zu tun hat. Und liegt Homburg gleich neben Hamburg? Und was ist eigentlich ein Waldhof? Was konnte ich mir als Ostberliner Bengel vorstellen? In der Folge schaute ich dann immer wieder, wie wohl dieser Waldhof gespielt hatte. In den frühen 1990ern bekam ich dann die Mannheimer mit eigenen Augen zu sehen. Auswärts beim SC Fortuna Köln, auswärts bei Hertha BSC. Seitdem der SV Waldhof in Oberliga und Regionalliga versunken war, hatte ich gar keine Spiele mehr gesehen. Ich hätte mich sehr gefreut, wenn Waldhof den Sprung in die 3. Liga gepackt hätte. Die Waldhof-Buben zu Gast in Rostock, Magdeburg und Chemnitz. Hätte mir gefallen. So aber bleibt erst einmal der ausführliche Blick ins neue Buch. Andi Nowey, geboren 1979 in Mannheim und seitdem Lokalpatriot, hat ganze Arbeit geleistet. Es ist äußerst interessant zu lesen, in welchen Stadien der SV Waldhof bereits gespielt hatte, was es mit der Wappen-Historie auf sich hat, und warum der Landespokal nicht wirklich das Ding der Waldhof-Fans ist. Irre ist auch die Sache mit dem zweiten Ball beim DFB-Pokalspiel in Aachen. Und richtig gut zur aktuellen China-Thematik passt das Kapitel über den Great Wall Cup, den die Mannheimer im Sommer 1984 in Fernost einheimsen konnten - und das gegen namenhafte Mannschaften. Das Kuriose: Der SV Waldhof sprang damals für die deutsche U21-Nationalmannschaft ein - und das auf Empfehlung des DFB! Nun sage einer, DFB und China - das sei ein neuer Hut. ;-) Und was das Buch von Andi Nowey betrifft: Gelungen, wirklich lesenswert!

Fibel

Weiter, immer weiter! In Arbeit bzw. in Planung sind etliche weitere Bände. Als nächstes erscheint die FC Carl Zeiss Jena Fußballfibel. Die über den FC Bayern München, den Chemnitzer FC und den 1. FC Schweinfurt werden derzeit geschrieben. Auf der Liste für 2018/19 stehen zudem etliche weitere Vereine, die abgearbeitet werden. Wir alle dürfen sehr gespannt sein!

Fotos: Marco Bertram, Arne Amberg, Marcus Hengst

> zur Facebook-Seite der Fußballfibeln

> zur Verlagsseite von Culturcon medien

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Nürnberg und Erfurt gefallen mir am besten. Magdeburg, Rostock und Chemie sind auch gut. Enttäuscht bin ich von Dresden. Da habe ich mehr erwartet. Köln habe ich nicht gelesen.

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Fibelserie

Erfurt, Chemie, Cottbus, Magdeburg und na klar die BFC Fibel janz vorne dabei! Auch wenn die politische Kaderschule der Diablos nur noch wenig mit Fussball zu tun hat, dieses Büchlein sehr lesenswert!

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mir gefällt CHEMIE AM BESTEN

TOLL geschrieben aber dein Text

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Chemie Chemie nur noch Chemie!

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