Unterwegs Fanzine aus Österreich: Retro-Serie, gehaltvolle Interviews und berühmte Stoffe

Autor: Marco Bertram     veröffentlicht am 16 September 2016    
 
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Cover vom Unterwegs Fanzine
Foto: turus.net

Unterschätzt, gnadenlos unterschätzt. Ich bin mir sicher, das Fanzine „Unterwegs“ von Josef Gruber wird von zahlreichen Fußballfreunden unterschätzt. Das trifft auch auf mich zu, als ich vor geraumer Zeit einen in Wien abgestempelten Umschlag aus dem Briefkasten entnehmen durfte. Vier Hefte des „etwas anderen Fanzine aus Österreich“. Ich müsse diese Hefte mal lesen und anschließend meine Meinung abgeben. Na klar doch! Allerdings überzeugten mich die Hefte auf den ersten Blick nicht allzu sehr. Bei den Ausgaben 10b und 11 war sogar das Cover in schwarz-weiß gehalten. Richtig old school. Und im Innern gibt es sowieso nur schwarz-weiße Kost zu sehen. Ich gebe es zu, ich war inzwischen ein wenig verwöhnt. Die Jungs von „Republikflucht“ taten ihren Anteil. Viele hübsche farbige Fußballfotos. Mit viel Rauch und Action. Im Netz wird man zwar täglich überflutet mit farbiger Räucherware und sehenswerten Aktionen, doch auf Papier hebt sich das Ganze halt ab. Mitgenommen auf die nächste Fußballsause. Im Zug die neuesten Ausgaben von „45 Grad“, „Blickfang Ultrà“ und „Republikflucht“ aufgefressen. Und da alles so schön rotiert und ständig etwas Neues hereinflattert - von der eigenen Arbeit ganz zu Schweigen - purzelten die vier Ausgaben von „Unterwegs“ erst einmal hinten runter.

Zu unrecht, wirklich zu unrecht! Ich habe die vier Hefte mitgenommen in den Urlaub. Bei Pausen während all der Wanderungen in den polnischen Bergen las ich Kapitel für Kapitel - und schnell kam ich zum Fazit: Voilà! Gute Ware! Schlichte Verpackung - viel Gehalt. So lässt sich das in einem Satz festhalten. Meine persönlichen Favoriten: Die Berichte aus der Retro-Serie „Anno Dazumal“ sowie die Hintergründe zu einigen „berühmten Stoffen“. So wurde in der Ausgabe 10a geklärt, wann es denn wohl beim SK Rapid den ersten Doppelhalter gab. Vor allem: Wer hatte wohl dieses gute Stück angefertigt? Es wurde am 20. November 1996 beim Auswärtsspiel bei Fenerbahce ein Doppelhalter mit der Aufschrift „Ultras Rapid“ gesichtet. Es folgten aber zwei „Aber“. War es wirklich der erste Doppelhalter? Oder wurde der Doppelhalter mit dem „1899“ von Roman bereits früher gemalt? Die Hintergründe dazu sollen selbstverständlich an dieser Stelle nicht verraten werden. Selber lesen! In der Ausgabe Nummer 11 wurde thematisch nachgelegt. In dieser geht es um die berühmte Fahne von Legia mit der Aufschrift „Zyleta jest zawsze z wami“ (Die „Zyleta“ / Rasierklinge ist immer dabei“. Und ja, man glaubt es kaum, die erste Fahne (einfacher Leintuch und Malstifte) wurde in Warschau bereits im April 1985 hergestellt. Auch hierzu verschafft Josef Gruber in Form eines Interviews mit einem Legia-Fan Klarheit.

Unterwegs

Das Länderspiel zwischen Österreich und der DDR am 15. November 1989, die Europacup-Spiele des SK Rapid gegen den RFC Lüttich im November 1989, die Partien gegen Inter Mailand im September 1990 sowie die Rapid-Spiele gegen Petrolul Ploiesti im September 1995 - beim Lesen der Rückblicke schlägt das Herz des Fußballnostalgikers höher. Dabei spielt es keine Mandoline, ob alles bis ins letzte Detail perfekt ausformuliert ist oder ob hier und da doch ein Tippfehler vorhanden ist. Richtig stark sind auch die Interviews. So wurden unter anderen ausführliche Gespräche mit einem Kibice von GKS Szombierki Bytom, mit einem Haudegen des BFC Dynamo und einem alten Hasen des Magdeburger Block U geführt. Jedes Interview ist auf seine Art eine richtig gute Hausnummer. Und weiter ging es in Nummer 10a: Teil 2 des Interviews mit dem „deutschen Teamchef“, ein Interview mit der Brigade Sopron (Ungarn) und ein Exklusiv-Interview mit einem überaus erfahrenen Belgrad-Reisenden (man wird ahnen, wer gemeint ist). Allesamt gewähren tiefe Einblicke in die jeweiligen Fanszenen. Allein diese Interviews sind der Kauf dieser Hefte wert!

Im Prinzip könnte das „Unterwegs“ nur aus diesen Rubriken bestehen. Spielberichte wie die über ETO Györ vs. IFK Göteborg oder VSE St. Polten vs. Botev Plovdiv erscheinen im Vergleich ziemlich banal. Aber stop! Einen richtig interessanten aktuellen Spielbericht gibt es unter anderen in der Ausgabe Nummer 11 zu lesen: Das Landesliga-Duell zwischen KE Srbija 08 vs. SV Albania, das im Februar 2015 von offiziell 1.250 Zuschauern (rund 850 Gästefans) besucht wurde. Die Randereignisse nutzte die anwesende Polizei mal wieder zu einem martialischen „Übungseinsatz“. 

Unterwegs

„Seit 1996“. Der Aufdruck auf dem Cover zeigt es an, das „etwas andere Fanzine aus Österreich“ gibt es bereits seit nun mehr 20 Jahren, allerdings gab es zwischendurch eine richtig lange Pause. Kein Wunder also, dass vielen Fußballfreunden in Deutschland das „Unterwegs“ nicht wirklich ein Begriff ist. Zumal sich Josef Gruber im Web recht rar macht. Eine Zeitlang wurden Leseproben und Fotos in einem Blog präsentiert, die Präsenz wurde jedoch wieder deutlich heruntergefahren. Im aktuellen Blog gibt es quasi nur Infos zu den Heften. Auf der Facebook-Seite das gleiche Spiel. Kein Wunder, dass die Resonanz nicht wirklich groß ist. Die Resonanz im world wide web benötigt Josef allerdings gar nicht, denn die Hefte sind so oder so fix ausverkauft. Verkauft werden diese nur im Direktvertrieb, es erfolgt kein Verkauf im Hause „Blickfang Ultrà“ oder beim „NOFB-Shop“. 

Was für ein gigantisches Privatarchiv Herr Gruber besitzen muss, kann man erahnen, wenn man einen Blick auf seinen youtube-Kanal wirft. Bei „awentura2009“ werden nach und nach weitere Perlen online gestellt. Neben aktuellen Videos gibt es alte Filmchen zu sehen. So zum Beispiel vom Duell Dinamo Zagreb vs. Hajduk Split (2004/05) und dem Derby CSKA Sofia vs. Levski Sofia (2006/07). Ganz klar, wer Fragen hat zum Fußball in Italien, auf dem Balkan, in Polen und selbstverständlich in Österreich, der ist bei Josef Gruber an der richtigen Adresse!

> zum Blog von „Unterwegs“

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