Er ist der erfolgreichste aktive Sechstage-Fahrer und so war es nur selbstverständlich ihm zu Ehren eine spektakuläre Abschiedsshow im Züricher Hallenstadion zu zelebrieren. Dort wo alles vor 15 Jahren begann. Franco Marvulli wird auf die große Bühne des Züricher Hallenstadions gerufen, er nimmt in einem bequemen Ledersessel Platz und auf der Leinwand, wie in seinem Kopf, beginnt ein Film anzulaufen. Der 19-järige Marvulli startete im Winter 1997/98 an der Seite des Franzosen Daniel Hubschwerlin zum ersten Mal bei den Amateuren (U23). Die beiden landen auf dem 14. und letzten Rang mit 47 Runden Rückstand. Stunden später gegen fünf Uhr in der Früh siegen Bruno Risi und Kurt Betschart vor 8.000 Zuschauern und ausverkauftem Haus im Rennen der Profis.
Im darauffolgenden Jahr siegt er an der Seite von Adrian Strüby bei den Sixjours de l´Avenir im Amateurrennen von Grenoble. Dieser Sieg verschafft ihm einen Startplatz im Profifeld beim Züricher Sechstagerennen. Entgegen den Ratschlägen seines Bahntrainers ergreift er die Chance und zahlt gehörig Lehrgeld. Wieder der letzte Rang mit 42 Runden Rückstand auf die Sieger … natürlich wie im Vorjahr Bruno Risi und Kurt Betschart. 1999/00 muss er beim Münchner Sechstagerennen völlig überfordert aussteigen und erholt sich nicht bis zu seinem Heimrennen in Zürich. Er verzichtet auf einen Start und reist zu Freunden nach Australien, um sich zu erholen und auf die neue Saison vorzubereiten.
2000 steht ganz im Zeichen von Olympia, wo er sich für die Einerverfolgung qualifiziert. In Sydney belegt er in 4:34:000 Minuten Rang 15. Den Sieg holte im Finale Robert Bartko gegen Jens Lehmann in olympischer Rekordzeit 4:18,515 Minuten. Seit 2001 hat Marvulli mit Alexander Aeschbach einen neuen Partner an seiner Seite. Beide sollen das alte Traumpaar Risi/Betschart entzaubern und kommen mit reichlich Vorschusslorbeeren, einem Sieg beim WC in Manchester und als Gewinner des Sechstagerennens von Grenoble, nach Zürich. In der zweiten Nacht gehen Marvulli und Aeschbach in Führung, doch in der letzten 100 km Américaine werden sie von der Realität eingeholt. Am Ende ist es für beide Rang 9 mit 19 Runden Rückstand.
Die alte Holzpiste muss dem Umbau des Züricher Hallenstadions weichen. Das Ende für den Wädlitempel. In der neuen modernen Mehrzweckarena wird es weder eine Bahn noch Sechstagerennen in Zukunft geben, so die Hallenstadiondirektion. Franco Marvulli holt seine erste WM Goldmedaille in der damals zum ersten Mal ausgetragenen Disziplin Scratch. In der darauffolgenden Saison 2003/04 wird Franco Marvulli Weltmeister im Scratch und im Madison an der Seite von Bruno Risi. Dabei profitiert er vom Pech seines Landsmannes Alex Aeschbach, der beim Training für die Bahn WM in Stuttgart vom Bus angefahren wird. Einen Monat später holt er den EM-Titel im Omnium. Im Winter etabliert er sich auch in der Six Day Szene. Er siegt in Grenoble, in Stuttgart und wird zweiter in Berlin.
2004 holt er an der Seite von Bruno Risi die Silbermedaille im Madisonrennen von Athen hinter O´Grady und Brown. Im Winter 2006/07 wird das Sechstagerennen in Zürich unter der Leitung von Max Hürzeler, Ueli Gerber und Urs Freuler neu aufgelegt. Für das 50. Züricher Sechstagerennen wird extra eine Bahn eingebaut. Kurt Betschart ist inzwischen zurückgetreten und so finden Marvulli und Risi wieder zusammen. Sie gewinnen mit einer Doublette auf den letzten 30 Runden gegen das Duo Bartko/Keisse.
Weitere Siege an der Seite von Bruno Risi in Stuttgart, Kopenhagen und Hasselt folgen. Am Ende der Saison führt Marvulli die Jahreswertung an. 2007/08 holt Franco Marvulli acht Siege trotz Kreuzbandriss, den er sich bei einem Treppensturz zugezogen hat. Legendär sind die Bilder, wo er auf Krücken beim Berliner Sechstagerennen zu seinem Fahrrad humpelt und trotz der Verletzung mit Bruno Risi den Sieg holt. Bei den Olympischen Spielen von Peking kriselt es zwischen Risi und Marvulli gewaltig. Sie werden nur elfte.
2009/10 beendet Bruno Risi seine Karriere und spannt für sein letztes Rennen im Züricher Hallenstadion noch einmal Franco Marvulli ein. Sie sind wieder versöhnt und holen Risis 60. Sieg. Im Winter 2011/12 holt er seinen letzten Sieg in Zürich. An der Seite des Belgiers Iljo Keisse gelingt die Revanche gegen Bartko Hondo aus dem Vorjahr.
Insgesamt hat er 33 Siege auf seinem Konto davon 19 an der Seite von Bruno Risi und 7 an der Seite von Alexander Aeschbach.
Das Publikum in Zürich hatte sicherlich auch 2013 fest mit einem Platz auf dem Podium gerechnet, doch der angeschlagene Marvulli kann seine Top Leistung nicht abrufen. Dafür liefert er im Rundenrekordfahren an der Seite seines WG-Partners Rocket Men Tristan Marguet die perfekte Show und sie fahren Abend für Abend die Bestzeit.
Für seine unkonventionelle und lockere Art wird er vom Publikum nicht nur in Zürich geliebt und von seinen Rennfahrerkollegen hoch geschätzt. Und so regnet es noch einmal Goldlametta vom Hallendach und der Song „Show Must Go On“ dringt nahezu übermächtig aus den Lautsprechern. Momente, die nicht nur bei Franco Marvulli viele Emotionen frei werden lassen. Das Züricher Publikum spendet stehend Applaus und bei Franco Marvulli rollt die eine oder andere Träne übers Gesicht. Später sagt er: „Ich habe trotz alledem meine Entscheidung über meinen Rücktritt nicht bereut, sonst hätte ich diesen Moment nicht erleben können.“
Franco Marvullis Zukunft wird mit Sicherheit nicht langweilig werden. Im Moment sitzt er im Flugzeug nach Australien, wo er trainieren und noch ein Rennen in Queensland fahren wird. Sein allerletztes Rennen wird er Anfang Februar in Kopenhagen fahren.
Danach möchte er Kindern an Schweizer Schulen beim lernen helfen. Er hat zusammen mit seine Lebensgefährtin ein Programm entwickelt, wie man Kindern beim Lernen für Prüfungen hilft und ihnen die Angst nimmt. Dabei fließen viele Parallelen und Erfahrungen mit ein, die er während seiner erfolgreichen Laufbahn als Bahnradsportler gesammelt hat.
Alles Gute Franco, bleib so locker wie du bist, dann werden die Kinder sicherlich, genau wie dein Sechstagepublikum, eine Menge Spaß mit Dir haben.
Fotos: Marco Bertram (Peking 2008), Arne Mill
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