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Ganz nah dran am Bahnradsport-Geschehen: Randnotizen aus Gent

 
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BM 19 November 2018
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Es muss nicht immer nur vom sportlichen Geschehen berichtet werden: am Rande eines Sixdays sind auch Randerscheinungen durchaus erwähnenswert. So haben wir nun schon zum dritten Mal das Genter Sechstagerennens besucht und sind jedes Mal aufs Neue begeistert von einer einmaligen Atmosphäre, die sich nicht nur auf dem Lattenoval widerspiegelt. Es sind zum einen die Zuschauer, die den Innenraum bevölkern und für unglaubliche Stimmung sorgen, aber auch die Betreuer und Mechaniker sind zu erwähnen, ohne die die Fahrer aufgeschmissen wären, oder die vielen Helfer und Helferinnen, die im organisatorischen Bereich dafür sorgen, dass alles reibungslos funktioniert und dabei u.a. auch die Medien mit Ergebnissen etc. bestens versorgt werden.

Bemerkenswert ist vor allem immer wieder der Ablauf beim Genter Sixdays, wo die spannenden Wettbewerbe eng aneinander gereiht sind und den Fahrern kaum die Luft zum atmen lassen. Im ´t Kuipke, der mit seinem Outfit stark an den ehemaligen Berliner Sportpalast erinnert, wo die Zeit stehengeblieben zu sein scheint, herrscht ein einzigartiges Flair, das es so bei keinem anderen der noch bestehenden Sixdays gibt. Schon nach kurzer Anlaufzeit kann man sich im Innenraum kaum mehr einen Weg bahnen, so dicht gedrängt stehen die Zuschauer, oftmals schon im Bierrausch, der hier in Belgien bei dem guten Getränk nicht ungewöhnlich scheint. Aber das Publikum, das die Arena fast an allen Tagen zum Hexenkessel werden läßt, ist mehr als sachkundig und unterstützt natürlich in erster Linie die einheimischen Cracks. „Il…..jo oder Ken…..ny“, schallt es durch die Halle, die Stars, die seit Jahren die Szenerie in Gent beherrschen und hier in der Nähe von ´t Kuipke zu Hause sind, werden immer wieder lautstark angefeuert. Auch die nachfolgende Generation belgischer Ausnahmekönner wie Jasper de Buyst, Robbe Ghys, Jules Hesters oder ein so blutjunger Fahrer wie der erst 18-jährige Fabio van den Bossche stehen bei den Fans hoch im Kurs.

Aber nicht nur hier in der Halle kocht die Stimmung über, wenn es die Fans im Anschluss der Veranstaltung ins „De Karper“ zieht, der legendären Kneipe in der Nähe der Rennbahn, die dem Vater von Iljo Keisse gehört. Wir waren im Anschluss mit dabei und konnten uns von der außerordentlichen Stimmung überzeugen, die selbst den reserviertesten Besucher in den Bann zieht. Da wird getanzt auch auf Bänken, das Bier fließt in Strömen und die fetzige Musik aus den Lautsprechern läßt nahezu keinen unberührt. Man spricht hier nicht nur  flämisch oder französisch, auch mit der englischen Sprache kommt man mit den  Einheimischen sofort ins Gespräch und lernt dabei viele neue Menschen kennen, die äußerst aufgeschlossen schon nach kurzer Zeit vertraulich herüberkommen. Auch die deutsche Sprache wird hier gesprochen und internationale Stimmungshits u.a. von Andreas Gabalier bringen die Räumlichkeiten zum Kochen. Die ausgestellten Rennräder und die vielen Trikots, die alle von Iljo Keisse stammen, geben dem Interieur der Kneipe ein ganz besonderes Ambiente, das einmal mehr die Begeisterung der Belgier für den Radsport unterstreicht. In Deutschland einfach undenkbar, wo nur der Fußball einen entsprechenden Stellenwert genießt.

Nicht unerwähnt bei dieser Gelegenheit soll aber mal ein Mann bleiben, der als Mechaniker und auch Betreuer seit 2014, erstmals in Berlin, einen mehr als wichtigen Part sich hierbei umim Sechstagekarussell einnimmt. Stellvertretend für alle seiner Zunft handelt es sich hierbei um Tom Hesters, Vater des gerade 20 Jahre alten, belgischen Profineulings Jules Hesters, der hier erst sein drittes Sechstagerennen bei der Elite bestreitet. Ein Riesentalent, das vor allem auf der Bahn zu schönsten Hoffnungen berechtigt und hier mit seinem Landsmann Otto Vergaerde ein hervorragendes Rennen fährt. Für seinen Vater dauerte die Radsportlaufbahn nur acht Jahre, bevor er wieder das Rennrad an den Nagel hängte. Als Junior war er einmal 1986 Meister von Belgien im Madison, fuhr dann einige Zukunftsrennen, um dann nach dort nur mäßigen Leistungen seine aktive Laufbahn zu beenden. 

Im normalen Leben ist er als Restaurateur selbstständig und hat zwölf Mitarbeiter unter sich und kann sich somit für den geliebten Radsport immer wieder Zeit nehmen. Hier beim Genter Sechstagerennen ist er als Mechaniker für das Team Vergaerde/Hesters zuständig, während er sonst für Belgiens Nachwuchs der 8 bis 18-Jährigen arbeitet, die er zu den jeweiligen Rennen fährt. „Um meinen Sohn kümmere ich mich sonst im Radsport nur wenig, er muss seinen Weg allein finden und dass schafft er auch ohne mich“, verkündete der durchaus stolze Vater, der verheiratet ist und noch einen zweiten, studierenden Sohn und eine Tochter hat, die als Sportlerin akrobatische Gymnastik betreibt. Wir werden Tom Hesters im Januar bei den Six Day Berlin wiedersehen, wo er ein weiteres Mal für das Team Otto Vergaerde/Jules Hesters tätig sein wird. 

Die Spannung für den Finaltag am Sonntag in Gent ist mehr als gegeben, es scheint so, dass die belgischen Fans zumindest einen ihrer Lieblinge als Sieger feiern können, ob nun Iljo Keisse mit dem Italiener Elia Viviani an der Seite oder sogar ein kompletter belgischer Sieg durch Kenny de Ketele/Robbe Ghys oder Jasper de Buyst/Tosh van der Sande, das werden wir spätestens um 17.30 Uhr wissen. Für die stark fahrenden Weltmeister aus Deutschland, Roger Kluge und Theo Reinhardt wird bei dieser geballten Konkurrenz bestenfalls der vierte Platz möglich sein, wo sie sich noch mit den Niederländern Yoeri Havik/Wim Stroetinga ein hartes Duell liefern werden.

Bericht: Bernd Mülle

Fotos: Arne Mill (frontalvision.com)

Inhalt der Neuigkeit:
Rennbericht
Radrennen-Art:
  • Bahnradsport
  • Six Days
Name des Radrennens
Lotto Z6sdaage Vlaanderen-Gent
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