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Six Day Serie kollidiert mit Weltcup in Kanada

 
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BM 29 Oktober 2018
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Zwei hochkarätige Veranstaltungen im Bahnradsport, die sich überkreuzen: das kann nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Die diesjährige Six Day Serie der Profis startete in London am 23. Oktober 2018 auch mit Wettbewerben für die Frauen und Sprinter sowie für den Nachwuchs der Klasse U 21. Zwei Tage später fand der zweite Weltcup der Weltelite in Milton/Kanada statt und so mussten sich die Bahncracks entscheiden, welchem Rennen man den Vorzug geben sollte. Lukrative Sixdays, als Qualifikation für Weltmeisterschaften oder Olympische Spiele nicht zur Diskussion stehend, oder mögliche Punktausbeute beim Weltcup, um die Chance zu bekommen, bei den vorgenannten Events starten zu können?

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So waren etliche Fahrer ein wenig in der Bredouille und auch die Veranstalter der Six Day London hatten Probleme, um ein starkes Fahrerfeld zusammenzustellen. Wer verzichtet schon gern auf so starke Mannschaften wie die Belgier Kenny de Ketele/Robbe Ghys, die Spanier Albert Torres/Sebastian Mora oder auf starke Franzosen wie Morgan Kneisky/Florian Maitre, um nur einige arrivierte Rennfahrer zu nennen, die in Milton ein 30 km Madison (!) zu fahren hatten. So zogen auch die deutschen Sprinter Maximilian Levy und Robert Förstemann, vom Bundestrainer offensichtlich freigestellt, den Start in London vor, schließlich haben sie als Väter für den Unterhalt der Familie zu sorgen. 

Der Terminkalender im Bahnradsport lässt darüber hinaus auch gute Straßenfahrer mehr denn je außen vor, von denen nur wenige wie der Italiener Elia Viviani oder der Deutsche Roger Kluge den Spagat schaffen und sowohl auf der Straße als auch auf der Bahn in Spitzenränge fahren können. Es ist bestimmt nicht einfach, alle Termine zu koordinieren und durch die Globalisierung auch im Radsport ist vieles im Gegensatz zu früher kaum mehr machbar, aber dass innerhalb des Bahnradsports sich wichtige Termine überkreuzen, das sollte doch einmal von den internationalen Verbänden überdacht werden. Der vielleicht ein wenig verschmähte Sechstagesport hat mit dem Engagement der Briten mit ihrer Serie, die in dieser Wintersaison nach London, Berlin und Kopenhagen mit Melbourne, Manchester und Brisbane noch ausgeweitet wurde, einen Schritt in die richtige Richtung unternommen, insbesondere im Hinblick darauf, dass diese Events viele Zuschauer anziehen und auch über das Fernsehen gut vermarktet werden.  

Doch nun zum sportlichen Teil, der in London beim Six Day im Madison mit Roger Kluge/Theo Reinhardt und Henning Bommel/Kersten Thiele zwei deutsche Teams am Start sah und neben den obengenannten Sprintern auch den jungen deutschen Nachwuchskräften Lea Lin Teutenberg und Michaela Ebert eine Chance ermöglichte, in das internationale Geschehen einzugreifen. Ab der 4. Nacht starteten sie in diversen Wettbewerben, wobei Lea Lin Teutenberg als Fünfte im Ausscheidungsfahren am ersten Tag die beste Platzierung herausfuhr. In der Gesamtwertung unter 24 Teilnehmerinnen wurde sie am Ende 19.,  während Michaela Ebert auf Platz 23 landete. Durch Georgia Baker, Ashlee Ankudinoff und Kristina Clonan gab es einen dreifachen Sieg für Australien, wobei die Topfavoritin Kirsten Wild aus den Niederlanden hinter der Britin Emily Nelson nur Platz 5 belegte. 

Bei den Sprintern beherrschten Maximilian Levy und Robert Förstemann in den sechs Nächten die Szene, die zunächst Robert Förstemann dominierte, der nach zwei Nächten vor Maximilian Levy in Führung lag. Danach drehte Maximilian Levy den Spieß um und erzielte dabei eine Bestzeit von 10,004 Sekunden für die 200 m, die nicht mehr zu toppen war. Der Sieg in der Gesamtwertung vor Robert Förstemann und dem Russen Shane Perkins war ihm  nicht mehr zu nehmen.

Am Sonntagabend ging dann ein spannendes Sechstagerennen, bei dem an jedem der fünf Nächte ein anderes Team an der Spitze lag, mit der Final-Jagd über 60 Minuten zu Ende. Zu  Beginn dieser Jagd lagen die vier Teams Leigh Howard/Kelland O’Brien aus Australien, Roger Kluge/Theo Reinhardt, die Niederländer Yoeri Havik/Wim Stroetinga und die Briten Christopher Latham/Andrew Tennant, die nach der 5. Nacht sogar alleinige Spitzenreiter waren, rundengleich in Führung. Aber drei Bonusrunden für ihre Gegner aufgrund von vorderen Platzierungen und damit vergebenen Punkten in den drei Disziplinen Mannschaftsausscheidung, Rundenzeitfahren und Derny-Finale sorgten für das Überschreiten der 400 Punkte-Marke und für eine Konstellation, die ein furioses Finale versprach. 

20 Runden vor Schluss sorgte ein Sprintsieg von Wim Stroetinga dafür, dass die Niederländer mit den Deutschen und den Australiern runden- und punktgleich in Führung lagen, bevor die Briten nochmals ihre Chance suchten und attackierten. Sie schafften es letztlich nicht mehr mit dem entscheidenden Rundengewinn, aber sie beeinflussten die Punktevergabe für die später drei Erstplatzierten nicht unwesentlich, als sie ihnen 10 Runden vor Schluss den Sprintsieg wegschnappten. In der vorletzten Runde wurden Christopher Latham/Andrew Tennant, die insgesamt ein bravouröses Rennen fuhren, vom jagenden Feld eingeholt und dann bewies einmal mehr Wim Stroetinga seine enorme Spurtstärke, gewann den letzten Sprint und durfte sich mit seinem kongenialen Partner Yoeri Havik als Sieger der London Six Day feiern lassen. Für die Weltmeister Roger Kluge und Theo Reinhardt blieb am Ende der dritte Platz hinter den starken Australiern Leigh Howard und Kelland O’Brien übrig, wobei noch zu bemerken ist, dass diese Final-Jagd mit den meisten Rundengewinnen in der letzten Stunde überraschend von den jungen Belgiern Jules Hesters/Otto Vergaerde vor den Österreichern Andreas Graf/Andreas Müller gewonnen wurde und das zweite deutsche Paar Henning Bommel/Kersten Thiele die Six Day auf Platz 11 beendete.

Beim zweiten Weltcup in dieser Saison in Milton/Kanada gab es für den Bund Deutscher Radfahrer (BDR) insgesamt zwei Silbermedaillen, während Großbritannien mit vier Gold-, drei Silber- und zwei Bronzemedaillen den Medaillenspiegel eindeutig dominierte. Großer Lichtblick im Bereich des BDR war auf alle Fälle die junge Sprinterin Emma Hinze, die gemeinsam mit Miriam Welte im Teamsprint startete und dabei sensationell erst im Lauf um Gold den Australierinnen Kaarle McCulloch und Stephanie Morton unterlag, nachdem sie zuvor in der 1. Runde gegen die Ukraine mit der zweitbesten Zeit von 32,782 Sekunden gewonnen hatten. In der Qualifikation war Miriam Welte noch mit Pauline Sophie Grabosch gestartet, mit der sie die viertschnellste Zeit unter 17 Teams herausgefahren hatte. 

Pauline Sophie Grabosch und Emma Hinze bestritten auch den Sprintwettbewerb, in dem Emma Hinze in der Qualifikation der 40 Teilnehmerinnen über die 200 m mit 10,709 Sekunden die drittschnellste Zeit erzielt hatte und auch Pauline Sophie Grabosch mit 10,850 Sekunden als Zehnte ins Sechzehntelfinale kam. Während sie sich dort gegen Jessica Salazar aus Mexiko klar durchsetzte und ins Achtelfinale kam, hatten die ersten Vier der Qualifikation dieses auf direktem Wege schon erreicht. Die beiden Deutschen setzten sich auch im Achtelfinale durch, als Emma Hinze gegen Jessica Lee aus Hongkong und Pauline Sophie Grabosch gegen die Niederländerin Laurine van Riessen gewannen. Nachdem Emma Hinze im Viertelfinale Kaarle McCulloch ausgeschaltet hatte und Pauline Sophie Grabosch an der Russin Daria Shmeleva gescheitert war, ließ sich die sich enorm steigernde Emma Hinze im Halbfinale gegen die Russin den Sieg in zwei Läufen nicht nehmen. Damit stand sie nahezu sensationell im Finale um Gold, das sie dann aber gegen die derzeit in überragender Form fahrende Wai Sze Lee aus Hongkong verlor. Zu erwähnen ist in diesem Zusammenhang auch der 7. Platz von Emma Hinze im Keirin als Siegerin des kleinen Finales.  

Der Rest der deutschen Mannschaft war von den Medaillenrängen weit entfernt, dennoch gab es einige Lichtblicke, die für die Zukunft hoffen lassen. Dazu zählen neben dem sechsten Rang von Moritz Malcharek im Omnium, der auch im Scratch und im Madison mit Leon Rohde zum Einsatz kam und nunmehr zum Stamm der Nationalmannschaft gehören sollte, auch die Zeiten des BDR-Vierers der Männer, der mit Jasper Frahm, Felix Groß, Leon Rohde und Domenic Weinstein in der Qualifikation mit 3:58,942 Minuten zwar nur Platz 8 belegte,  dann aber in der 1. Runde die Neuseeländer in 3:56,546 Minuten hinter sich ließ. Bei der breiten Spitze in dieser Disziplin, die von den superstarken Dänen in 3:53,499 Minuten gewonnen wurde, reichte die gute Zeit des BDR dennoch nicht für den Lauf um die Medaillenränge, so dass nur Platz 7 übrig blieb. 

Im Kurzzeitbereich blieben die Deutschen bei den Männern dieses Mal ohne Medaillenchancen, wobei man sich im Teamsprint mit Nik Schröter, Eric Engler und Joachim Eilers als Neunte noch nicht einmal für die 1. Runde qualifizieren konnte. Die Sprinter Eric Engler und Maximilian Dörnbach schieden im Sechzehntelfinale aus und auch im Keirin scheiterte Maximilian Dörnbach früh im Hoffnungslauf. Eine etwas ernüchternde Bilanz für unsere Sprinter, die sich hoffentlich beim dritten Weltcup in Berlin steigern können.

Wenn auch ohne Medaille und stets im Schatten der Männer vollbrachten die Frauen im Ausdauerbereich, insbesondere in der Mannschaftsverfolgung, ganz hervorragende Leistungen. Wie hat es in diesem Bereich, als erstmals vier statt drei Frauen den Wettbewerb bestritten, eigentlich begonnen? Bei der Weltmeisterschaft 2014 gab es den ersten Vierer-Wettbewerb, den Stephanie Pohl, Mieke Kröger, Lisa Küllmer und Gudrun Stock in der Zeit von 4:43,279 Minuten absolvierten und damit Platz acht belegten. An Stelle von Lisa Küllmer war ein Jahr später Charlotte Becker aus Berlin dabei, die schon 2008 eine Bronzemedaille in der Mannschaftsverfolgung mit Verena Jooß und Alexandra Sontheimer errungen hatte. Platz sieben und eine enorme Zeitverbesserung auf 4:30,122 Minuten waren die Folge und die Arbeit des Bundestrainers Andre Korff schien sich langsam auszuzahlen. Mit Platz 10 in der gleichen Besetzung bei der Bahn-WM 2016 und Platz 14 in 2017 (letzter Platz!) mit Tatjana Paller, Charlotte Becker, Franziska Brauße und Gudrun Stock in mäßigen 4:36,287 Minuten ging es erneut nicht vorwärts, bis eine gewisse Lisa Brennauer ihre Liebe zum Bahnrennsport wieder entdeckte. Der BDR hatte dabei auch die Iniative ergriffen mit der Maßgabe, dass die vom Bund geförderten Kadersportler sich für internationale Bahnwettkämpfe zur Verfügung stellen sollten. 

Das war der Startschuss für Lisa Brennauer, die als starke Straßenfahrerin die Zugmaschine für einen neu aufgestellten Bahn-Vierer, für den auch Lisa Klein, die bewährte Charlotte Becker, Mieke Kröger, Gudrun Stock und Nachwuchstalent Franziska Brauße zur Auswahl stehen, bilden sollte. Bei der Bahn-Europameisterschaft 2017 in Berlin stellten Lisa Brennauer, Gudrun Stock, Charlotte Becker und Lisa Klein mit 4:25,355 Minuten in der Qualifikation einen neuen deutschen Rekord auf, doch ein Sturz in der 1. Runde der Mannschaftsverfolgung machte alle Chancen zunichte. Dann kam die Weltmeisterschaft in den Niederlanden, wo der Vierer Platz 6 in der Qualifikation mit Gudrun Stock, Charlotte Becker, Franziska Brauße und Lisa Brennauer belegte, dann in der 1. Runde Frankreich mit neuem deutschen Rekord von 4:24,369 Minuten besiegte, um am Ende einen guten 5. Platz zu erreichen. 

Bei den Europameisterschaften in diesem Jahr in Glasgow folgte der erste Höhepunkt für den Frauen-Vierer, als Mieke Kröger die junge Franziska Brauße ersetzte und in der 1. Runde trotz einer Niederlage gegen die Italienerinnen ein weiterer deutscher Rekord mit 4:23,754 Minuten erzielt wurde, den sie im Finale um Bronze nochmals auf 4:23,105 Minuten pushten und dabei die Polinnen auf Rang vier verwiesen. Dann folgte der erste Weltcup in Saint-Quentin-en-Yvelines, wo Lisa Klein für Mieke Kröger eingesetzt wurde und man nach einer weiteren Auswechslung mit Franziska Brauße für Gudrun Stock den Neuseeländerinnen in der 1. Runde unterlag, dabei aber erneut neuen deutschen Rekord mit 4:21,421 Minuten fuhr. Der letztlich vierte Platz, als man gegen Italien das Nachsehen hatte, war aller Ehren wert und unterstrich einmal mehr die absolut positive Entwicklung bei den Frauen. Die gute Form bestätigten Franziska Brauße, Charlotte Becker, Lisa Brennauer und Lisa Klein auch jetzt in Kanada, als sie in der 1. Runde nochmals deutschen Rekord mit 4:20,540 Minuten fuhren und diese Zeit sogar im Finale um Platz drei, das sie gegen Neuseeland verloren, erneut steigerten und 4:19,668 Minuten erzielten. 

Die junge Franziska Brauße war darüber hinaus in Milton auch im Omnium mit Platz 15 und im Madison an der Seite von Lisa Küllmer im Einsatz, wo beide einen ausgezeichneten fünften Platz herausfuhren. Lisa Küllmer bot auch im Scratch als Siebente eine gute Leistung, auf der sich aufbauen lässt. Jetzt verbleiben den Athleten vier Wochen Pause bis zum nächsten Weltcup im Berliner Velodrom, wo die Vorbereitungen in vollem Gange sind. 

Bericht: Bernd Mülle      

Fotos: Arne Mill

Inhalt der Neuigkeit:
Rennbericht
Radrennen-Art:
Bahnradsport
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