Six Day London: de Ketele / de Pauw besiegen die Topfavoriten Cavendish / Wiggins

BM 01 November 2016
 
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Six Day London: de Ketele / de Pauw besiegen die Topfavoriten Cavendish / Wiggins

Der Auftakt zur diesjährigen Sechstagesaison und damit auch zu einer neuen Six Day Serie mit den Städten Amsterdam, Berlin und Kopenhagen fand im Londoner Lee Valley Velodrome mit einer ausgezeichneten Besetzung statt. An der Spitze die Topfavoriten aus Großbritannien, Mark Cavendish und Bradley Wiggins, die Anfang März des Jahres an gleicher Stelle Weltmeister im Madison wurden und das Weltmeistertrikot als Mannschaft 1 beim Sechstageauftakt trugen. Zu den vermeintlich stärksten Gegnern zählten die Sieger des letztjährigen Londoner Sechstagerennens Kenny de Ketele/Moreno de Pauw aus Belgien sowie die Deutschen Leif Lampater/Marcel Kalz und die spanischen Europameister Albert Torres/Sebastian Mora.

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Kalz

Aus der ersten Nacht gingen fünf rundengleiche Teams hervor mit den beiden Deutschen als Leader, die die meisten Punkte auf ihr Konto gebracht hatten. Zwei zweite Plätze in der Mannschaftsausscheidung hinter Kenny de Ketele/Moreno de Pauw und im Mannschaftszeitfahren über 250 m hinter den Schweizern Tristan Marguet/Claudio Imhof hatten für ausreichende Punkte gesorgt. Während die amtierenden Europameister aus Spanien auf Platz 13 mit zwei Verlustrunden schon ins Hintertreffen geraten waren, lagen mit den starken Australiern Callum Scotson/Cameron Meyer und den Niederländern Yoeri Havik/Wim Stroetinga, die die erste Jagd der Sixdays gewannen, zwei Teams in der Nullrunde, mit deren überaus starken Fahrweise man nicht unbedingt gerechnet hatte. Schwer in Tritt kam das zweite deutsche Team mit Christian Grasmann/Maximilian Beyer, die ebenfalls zwei Verlustrunden in Kauf nehmen mussten und dabei unter den 16 Mannschaften an vorletzter Stelle lagen. 

Leif Lampater/Marcel Kalz glänzten in der 2. Nacht durch zwei Siege in den Zeitfahr-disziplinen über 250 bzw. 500 m, als Anfahrer Leif Lampater seinen Teamkameraden ideal in Szene setzte und Marcel Kalz mit seiner enormen Schnelligkeit die Bestzeiten realisierte. In der Jagd über 45 Minuten verloren sie aber eine Runde und so mussten sie sich am Ende der Nacht mit Platz fünf zufriedengeben, während die Belgier Kenny de Ketele/Moreno de Pauw dank des höchsten Punktekontos die Führung vor den Siegern der Jagd Mark Cavendish/ Bradley Wiggins sowie Callum Scotson/Cameron Meyer und Yoeri Havik/Win Stroetinga übernahmen. Mit den Wettbewerben Longest Lap –auch schon in der 1. Nacht ausgefahren-und der Mannschaftsausscheidung „Win & Out“ fanden in dieser Nacht zwei spektakuläre Rennen statt, die bislang auf europäischen Sechstagebahnen unbekannt waren. Bei der Longest Lap sind Stehversuche wie bei den Sprintern gefragt, bevor der Startschuß erfolgt und dann nur eine Runde gesprintet wird. Fahrer, die vor dem Startschuß die Ziellinie mangels Stehvermögen überfahren, scheiden dabei vorzeitig aus. Bei der Ausscheidung „Win & Out“ zählt nicht wie beim normalen Ausscheidungsfahren das Hinterrad beim Überqueren der Ziellinie, sondern der jeweils in der Ausscheidungsrunde führende Fahrer darf das Rennen beenden und erhält die höhere Punktzahl gegenüber seinen Kontrahenten.

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Die Belgier behielten ihre Führung auch in der 3. Nacht, als aber nur noch Mark Cavendish/Bradley Wiggins in der gleichen Runde lagen. Sehr stark fuhren die Australier Callum Scotson/Cameron Meyer als Sieger der 45 Minuten-Jagd, aber da die Belgier und die Briten die 200-Punktegrenze überschritten, erhielten sie eine Bonusrunde, die die Australier um lediglich acht Punkte verfehlten. Die Spitzenposition nahmen Kenny de Ketele/Moreno de Pauw auch nach der 4. Nacht ein, allerdings lagen sie nunmehr ganz allein mit höchster Punktzahl und dazu noch Rundenvorsprung vor den Briten und den Australiern in Führung. Sieger der Jagd wurden in dieser Nacht die Franzosen Morgan Kneisky/Benjamin Thomas vor den Spaniern Albert Torres/Sebastian Mora und der immer besser harmonierenden zweiten deutschen Paarung Christian Grasmann/Maximilian Beyer, die gemeinsam mit den Briten Andrew Tennant/Christopher Latham auf dem vierten Platz eine Runde Vorsprung vor den Top-Teams hatten. Letztere hielten sich im Mannschaftszeitfahren über 250 m schadlos, als sie Leif Lampater/Marcel Kalz auf den zweiten Platz verwiesen. Die beiden Deutschen wurden dafür Gesamtsieger des 500 m Mannschaftszeitfahrens, das sie mit einer Durch-schnittsgeschwindigkeit von 67,265 km/h vor den Dänen Alex Rasmussen/Casper Pedersen gewannen. 

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Eine Vorentscheidung schien in der 5. Nacht gefallen zu sein, in der die Topfavoriten Mark Cavendish/Bradley Wiggins eine überragende Rolle spielten. In den Rahmenwettbewerben hielten sie sich noch zurück, doch in der 45 Minuten-Jagd trumpften sie mit einer Überlegenheit auf, die die Frage nach den Siegern der Six Day London eigentlich schon beantwortete. Mit Rundenvorsprung gewannen sie die Jagd vor Yoeri Havik/Wim Stroetinga und Callum Scotson/Cameron Meyer sowie weiteren sechs Mannschaften, wobei die stärksten Widersacher der Briten, die Belgier Kenny de Ketele/Moreno de Pauw nur auf dem 7. Platz landeten. Somit hatten die Briten mit 317 Punkten und einer Runde Vorsprung die alleinige Führung übernommen, während die Belgier mit 327 Punkten auch punktemäßig noch zu schlagen waren. Alle anderen Teams mit zwei bzw. drei Runden Rückstand, darunter auch Leif Lampater/Marcel Kalz, kamen somit für einen Sieg in London nicht mehr in Frage.

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Nachdem am Schlusstag der Däne Marc Hester die Longest Lap gewonnen hatte, waren es Mark Cavendish/Bradley Wiggins, die im Dernyrennen über 60 Runden mit Ablösung furios auftrumpften und in einem mitreißenden Rennen die Australier Callum Scotson/Cameron Meyer auf Platz zwei verwiesen und dabei die übrigen Teams gemeinsam überrundet hatten. Nach dem Sieg ihrer britischen Landsleute Andrew Tennant/Christopher Latham im Mannschaftsausscheidungsfahren ging es in das große Finale der 60 Minuten-Jagd mit der Führung von Mark Cavendish/Bradley Wiggins, die mit 352 Punkten und Rundenvorsprung vor Kenny de Ketele/Moreno de Pauw mit 353 sowie Callum Scotson/Cameron Meyer mit 314 Punkten die besten Aussichten auf den Sechstagesieg besaßen. Die Australier hatten vor dem Finale ebenso wie Leif Lampater/Marcel Kalz noch eine Bonusrunde erhalten, doch für die Deutschen waren die jetzt zwei Verlustrunden realistisch betrachtet nicht mehr aufzuholen. 

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Die Mitfavoriten aus Belgien und Australien starteten die Jagd sofort mit Attacken, doch die britischen Weltmeister konterten mit eigenen Rundengewinnen, so dass sich die Situation nach einer längeren Ruhephase etwa 60 Runden vor Schluss unverändert darstellte. Dann nahmen die Vorjahressieger aus Belgien 28 Runden vor Schluss das Heft in die Hand und stürmten den vorausfahrenden Australiern hinterher, ließen sie stehen und vollzogen den zum Sieg notwendigen Rundengewinn, als noch acht Runden zu fahren waren. Die Briten konnten nichts mehr zusetzen, zumal sie bei der entscheidenden Attacke der Belgier eine Ablösung verpasst hatten. Der Sieg der Belgier bei sieben Punkten Vorsprung war noch nicht gesichert, aber Moreno de Pauw rang im letzten Spurt Mark Cavendish nieder und so hatten die Belgier doch noch den Sieg aus dem Feuer gerissen. „Wir sind überglücklich, das ist mein größter Sechstageerfolg“, gab Kenny de Ketele zu Protokoll und auch Moreno de Pauw war happy. „Die letzten 20 Runden waren die härtesten unserer Karriere“, sagte der Belgier, der mit seinem Partner auch enorme mentale Stärke demonstrierte.

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Auch wenn der angestrebte Erfolg für den vermeintlichen Star dieser Sixdays, Sir Bradley Wiggins, ausblieb, so war der Brite fair genug, den Sieg der Belgier anzuerkennen. „Ich bin schon enttäuscht, aber wir haben gegen wahre Sechstagespezialisten verloren“, sagte der Brite, der vor heimischer Kulisse dennoch eine brillante Vorstellung abgab. Sein Partner Mark Cavendish war stolz über die Leistung, die er mit Bradley Wiggins in diesen Tagen gezeigt hatte. Mit 380 Punkten hatten sie gegen die rundengleichen Belgier verloren, die am Ende 391 Punkte auf ihrem Konto hatten. Mit nur einer Verlustrunde landeten die enorm starken Australier Callum Scotson/Cameron Meyer auf dem dritten Podiumsplatz, während Leif Lampater/Marcel Kalz als Vierte schon drei Runden eingebüßt hatten. Für den Routinier Christian Grasmann und seinem Partner Maximilian Beyer, die gegen Ende des Rennens immer besser harmonierten, reichte es bei neun Verlustrunden zum 12. Platz unter 16 Teams. 

Eilers

In den Rahmenwettbewerben ging es dagegen weniger spannend zu. Bei den Sprintern war es der Deutsche Joachim Eilers, der mit seinem Landsmann Maximilian Levy das sechsköpfige Feld von Beginn an dominierte. Dabei gewann Joachim Eilers alle sechs Zeitfahren über 200 m und schuf damit die Basis für seinen überlegenen Sieg mit 31 Punkten vor Maximilian Levy mit 43 Punkten, der sich als Sieger in drei Sprintwettbewerben auszeichnen konnte.

Bei den Frauen, die an nur drei Tagen zum Einsatz kamen, war die Britin Katie Archibald die überragende Athletin, die von den insgesamt zehn Disziplinen allein acht (!) für sich entschied. Die 16 Frauen, darunter auch die Deutschen Charlotte Becker und Alina Lange,  hatten Punkterennen, Ausscheidungsfahren, Scratchrennen und ein Zeitfahren über 250 m zu absolvieren und lediglich im Punkterennen am Samstag und im Scratchrennen am Sonntag stand mit der Tschechin Jarmila Machacova und der Britin Neah Evans eine andere Fahrerin auf dem obersten Podest. In der Gesamtwertung siegte Katie Archibald mit 15 Punkten vor ihrer Landsmännin Neah Evans mit 29 Punkten und der Dänin Amalie Dideriksen mit 48 Punkten, die gerade erst Straßenweltmeisterin der Frauen geworden war. Für Charlotte Becker und Alina Lange blieben am Ende nur die Plätze 10 und 15 übrig.

Frauen

An den ersten drei Tagen kamen auch die Fahrer der Klasse U 21 zum Einsatz, die jeweils im Madison ihr Können unter Beweis stellen konnten. Aus Deutschland waren die Berliner Sebastian Schmiedel/Max Sommerfeld vom KED-Stevens Rad Team Berlin und Moritz Augenstein von den Maloja Pushbikers am Start, der eine Paarung mit dem Österreicher Stefan Mastaller bildete. Am ersten Abend siegte die deutsch-österreichische Paarung mit 22 Punkten vor dem Briten Oliver Moors, der an der Seite des Belgiers Matthias van Beethoven auf 20 Punkte kam. Die gut mithaltenden Sebastian Schmiedel/Max Sommerfeld wurden in der gleichen Runde mit 5 Punkten gute Siebte unter den 16 Teams, die bis zu 14 (!) Runden einbüßten. In der zweiten Nacht triumphierten dann die Briten Grant Martin/Andy Brown, die mit Rundenvorsprung vor den Belgiern Jules Hesters/Bryan Boussaer siegten, während Moritz Augenstein/Stefan Mastaller und Sebastian Schmiedel/Max Sommerfeld die Plätze 5 und 7 belegten. Die dritte und letzte Austragung wurde dann eine Beute von den Niederländern Vincent Hoppezak und Maikel Zijlaard, die einen Punktsieg vor den Belgiern Jules Hesters/Bryan Boussaer herausfuhren. Während Moritz Augenstein/Stefan Mastaller erneut rundengleich Fünfte wurden, verloren die Berliner eine Runde und platzierten sich erneut als Siebte. In der Gesamtwertung waren Grant Martin/Andy Brown mit nur 9 Punkten aber einer Runde Vorsprung vorn vor den Belgiern Jules Hesters/Bryan Boussaer mit 56 Punkten, den Niederländern Vincent Hoppezak/Maikel Zijlaard mit 54 Punkten und Moritz Augenstein/Stefan Mastaller, die mit 41 Punkten einen guten vierten Platz belegten. Die Berliner Sebastian Schmiedel/Max Sommerfeld lagen am Ende auf Platz 7 zwei Runden zurück mit 17 Punkten. 

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Der Six Day Auftakt in London war recht vielversprechend und so können wir den nächsten Rennen dieser Serie mit Zuversicht entgegensehen. Die Halle war an allen Tagen sehr gut besucht, die Stimmung auf den Rängen war ausgezeichnet und die sportlichen Leistungen konnten sich sehen lassen. Auch die Übertragungen von Eurosport überzeugten durch gute Kameraführung und fachlichen Kommentaren. Erstmals bei einem Sechstagerennen ausgetragene Wettbewerbe wie die Longest Lap oder das Mannschaftsausscheidungsfahren „Win & Out“ sind als spektakulär und nachahmenswert zu bezeichnen. Dennoch haben auch die nicht zur Serie zählenden Sixdays von Gent, Rotterdam und Bremen ihren eigenen Charme und brauchen die Konkurrenz nicht zu fürchten, wenngleich einem Beitritt dieser Rennen zur Six Day Serie seitens der Madison Sports Group nichts im Wege stehen würde. 

Text: Bernd Mülle

Fotos: Arne Mill

> zur turus-Fotostrecke: Sixday London 2016

 

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Rennbericht
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Six Days
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