Sieger der Herzen, Analyse und kritische Worte: Rückblick auf die 68. Vuelta a España

AM 19 September 2013
 
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Madrid

La Vuelta 2013Mit einem spektakulären Finale im Herzen der spanischen Hauptstadt ging am vergangenen Sonntag die Vuelta 2013 auf der Paseo del Prado zu Ende. Auch wenn die spanischen Radsporthelden Alejandro Valverde vom Team Movistar und Joaquin Rodriguez vom Team Katusha nur die Plätze 3 und 4 in der Gesamtwertung belegten, wurden sie in Madrid gefeiert wie die Sieger der Spanienrundfahrt. Besonders der im grünen Leibchen, dem Trikot des besten Sprinters, gekleidete Valverde konnte sich den Begeisterungsstürmen und nicht enden wollenden Autogrammwünschen seiner unzähligen Fans vor dem Start der finalen Etappe in Leganes kaum entziehen. 


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Er ist der Sieger der Herzen und das mit Sicherheit nicht nur der spanischen Fans.

Vuelta

Seine sympathische Ausstrahlung, seine Geduld bei den unzähligen Autogramm- und Fotowünschen vieler Radsportfans machten ihn weit über die Landesgrenzen hinaus beliebt. Dass letztlich am Ende gerade er das grüne Trikot auf den Schultern nach Madrid trägt, macht aber auch deutlich, welch hohen Anspruch die Rundfahrt an die Akteure stellt. Für reine Sprinter sind die Etappen rar, wo sie wirklich punkten und zuschlagen können. Die letzte Etappe gehört sicherlich dazu, wenn man den Weg über die drei knüppelharten Wochen bis nach Madrid geschafft hat.

Nikias ArndtDas konnte auch der aus Buchholz i. d. Nordheide stammende Nikias Arndt bestätigen, der in seinem ersten Jahr als Profi im niederländischen Argos Shimano Team seine erste große dreiwöchige Rundfahrt in Spanien bestritt. „So langsam merkt man es doch, dass man drei extrem harte Wochen in den Beinen hat“, waren seine Worte vor dem Start. Dennoch hatte er sich für die letzte Etappe den aerodynamischen Roadsuit übergezogen und den Aerohelm aufgesetzt. „Ich will´s auf jeden Fall heute noch einmal versuchen und dann gibt es hoffentlich ein paar schöne Fotos.“ Mit einem Augenzwinkern rollte Arndt, der sein Hand- bzw. Beinwerk in der Cottbuser Kaderschmiede über die dort angesiedelte Sportschule und dem LKT Team Brandenburg unter Erfolgstrainer Michael Max, der auch Martin Reimer (Team MTN Qhubeka), Roger Kluge (Team NetApp Endura) und Michel Koch (Team Cannondale) unter seine Fittiche hatte, zum Einschreiben. Ähnliches hatte sich Robert Wagner vom niederländischen Rennstall Belkin vorgenommen. Auch er hat sich mühsam über die schweren Bergetappen und die regnerische Kälte in den Pyrenäen gequält.

MadridAls das Peloton im Zentrum von Madrid einrollte, präsentierten sich auf der achtmal zu umfahrenden Schlussrunde aber erst einmal die Fahrer der spanischen Teams. Zuerst übernahm die im Gesamtmannschaftsklassement führende Equipe Euskaltel Euskadi, die im kommenden Jahr vom spanischen Formel 1 Star Fernando Alonso übernommen wird, das Kommando und geleitete das Peloton der 144 von 186 gestarteten Fahrern über die ersten beiden Zielpassagen. Dann kam die erste Attacke des Caja Rural Seguros RGA Fahrers Javier Francisco Aramendia. Ihm folgte wenig später der italienische Astana Fahrer Alessandro Vanotti. Jetzt begann das Argos Shimano Team und das Team SKY, welches ja mit dem Norweger Edvald Boasson Hagen auch ein Mann fürs Finale in seinen Reihen hatte, das Tempo an der Spitze zu kontrollieren.

MadridBoasson Hagen, der auf der Vuelta bereits zweimal am Podiumsspitzenplatz vorbeigeschrammt war, wollte unbedingt im Finale von Madrid noch einmal ganz oben stehen. Er wurde bislang nur einmal auf der 19. Etappe als aktivster Fahrer geehrt, wo er allein mit dem Österreicher Georg Preidler vom Team Argos Shimano in einer Fluchtgruppe unterwegs war. Zwei Runden vor Schluss machten die Sprinterteams den Sack zu und atmeten die beiden Ausreißer förmlich ein. Das Argos Schimano Team formierte sich mit dem deutschen Sprinter Nikias Arndt an der Spitze. Der Zug funktionierte perfekt. Kein Wunder, schließlich haben die Niederländer ja den vierfachen Tour de France Etappensieger von 2013 Marcel Kittel und den fünffachen Etappensieger der Vuelta aus dem vergangenen Jahr John Degenkolb in ihren Reihen. Da wissen sie natürlich genau, wie ein Sprinterzug perfekt anzufahren ist. Sie lieferten Arndt an der 300 Meter Marke auf Platz 1 ab. Auf gleicher Höhe war auch der Magdeburger Robert Wagner mit vorn.

VueltaAm Hinterrad von Nikias Arndt hatten sich die beiden erfahrenen Sprinter Michael Matthews vom Team Orica GreenEdge aus Australien und der US Amerikaner Tyler Farrar vom Team Garmin Sharp festgesaugt. An der 100 Meter Marke schossen die beiden am jungen Deutschen vorbei, dem auf der langen Zielgeraden die Kräfte verließen. „Ich muss in Zukunft deutlich mehr an meiner Explosivität und Schnellkraft arbeiten, wenn ich die besten Sprinter der Welt in Schach halten will.“ So das überaus selbstkritische und objektive Fazit von Arndt nach dem Rennen. Dennoch zog der in Cottbus wahlbeheimatete Youngster eine positive Gesamtbilanz seiner ersten großen dreiwöchigen Landesrundfahrt. „Ich hatte mir im Vorfeld einen Platz unter den Top 5 auf einer Etappe vorgenommen und die Ankunft in Madrid als persönliches Ziel gesteckt.“ Herausgesprungen sind letztendlich ein vierter Platz auf der 5. Etappe von Sober nach Lago de Sanabria und ein hervorragender dritter Rang im großen Finale in Madrid.

AndorraDie Vuelta a España konkurriert ja schon seit den vergangenen Jahren mit dem Giro de Italia. Dass in diesem Jahr mit Alejandro Valverde ausgerechnet ein ausgewiesener Bergfahrer das Trikot des Besten Sprinters auf seinen Schultern trägt, zeigt den hohen Anspruch und das bergige Terrain über das sich die Spanienrundfahrt bewegt. „Das hier ist eigentlich keine Rundfahrt für reine Sprinter.“, sagte Nikias Arndt vor dem Start der letzten Etappe. Für ihn, der von Statur, Größe und Leistungsvermögen eher für die Klassiker und kürzeren Rundfahrten gebaut ist, war das Terrain auch extrem anspruchsvoll und es ging eher darum wertvolle Erfahrungen bei so einer großen Rundfahrt zu sammeln. Um so höher sind die fünf Etappensiege von John Degenkolb aus dem vergangenen Jahr einzuschätzen.

MadridVon der Organisation und Stimmung stand die Vuelta der Frankreichrundfahrt gerade in den letzten Tagen in nichts nach. Die Akteure wurden bei den drei letzten Bergankünften vom ersten bis zum letzten Fahrer genau so frenetisch gefeiert und angefeuert wie bei der großen Schleife durch Frankreich. Der Höhepunkt war mit Sicherheit die Ankunft auf dem Alto de L´Angliru und das Finale in der Madrider Innenstadt, wo hunderttausende Radsportfans versammelt waren und für eine einzigartige Atmosphäre sorgten. Die achtmal zu umfahrende Schlussrunde entlang des Paseo del Prado und die Gran Via hinauf, führte durch die beeindruckende Kulisse des Madrid der Bourbonen und ist durchaus mit der Schlussrunde der Tour de France auf der Champs Élysées in Paris oder der beim Velothon Berlin auf der Straße des 17. Juni zu vergleichen.

Die Siegerehrung auf der riesigen Freisichtbühne in Richtung der Puerta de Alcalá auf der Plaza de Cibeles sorgte für einen würdigen Abschluss der Gesamtveranstaltung mit vielen tollen und nachhaltigen Erinnerungen und Bildern der Vuelta 2013.

VueltaSo ist es um so trauriger und überaus schade, dass von alldem nichts nach Deutschland durchgedrungen ist. Auch in den Radsportforen wurden leider nur nichtssagende Fotos verwendet, die dem was sich vor Ort in Wirklichkeit abgespielt hat, in keinster Weise gerecht werden. Man hatte den Eindruck, dass immer nur das verwendet wurde, was am billigsten ist und nichts kostet. Dabei bot die Vuelta nun wirklich reichlich Stoff, städtische und landschaftliche Kulisse für spannende und interessante Geschichten auch abseits der Strecke. Denn schließlich sind die großen Landesrundfahrten ja auch immer eine Präsentation der vielen Landstriche, Städte, Gemeinden und auch unterschiedlichen Kulturen des Landes durch das sie den nicht nur Radsportinteressierten führen. Gerade hier ist Spanien natürlich ein Mekka an Vielfalt. Schon aufgrund seiner geschichtsträchtigen Vergangenheit und auch Gegenwart. Angefangen aus der Zeit, als der Süden des Landes noch von den Mauren besetzt war über die spanische Hochzeit der Konquistadoren bis in die Gegenwart von den Autonomiebestrebungen der Regionen Baskenland und Katalonien im Norden. Die unberührten ursprünglichen Küstenlandstriche Kantabriens bis hinunter in den touristisch fast vollständig erschlossenen Süden.

Spanien lohnt sich und gerade zu der Zeit, wenn die Vuelta durch das Land rollt. Neben den vielfältigen landschaftlichen und kulturellen Highlights gibt es unzählige kulinarisch Spezialitäten in den verschiedensten Regionen des Landes zu entdecken, die zudem zu erschwinglichen Preisen erlebt und genossen werden können. Die Menschen sind überaus freundlich, hilfsbereit und versuchen eher Probleme aus dem Weg zu räumen anstatt sie künstlich aufzubauen.

VueltaAnders als bei der Tour de France werden die Straßen erst 20 Minuten bevor das Fahrerfeld durchrollt gesperrt und direkt nach dem Rennen für den Verkehr wieder frei gegeben. Es ist also durchaus möglich, die Fahrer zwei-, dreimal je Etappe an der Strecke zu sehen. Für diejenigen, die also im September noch ein paar Tage Resturlaub oder gar ihren Sommerurlaub bis dahin aufgespart haben, ist die Vuelta a España eine Reise wert. Wer sein Rennrad mit dabei hat, umso besser. Nicht nur die schweren Pyrenäenpässe treiben einem die Schweißperlen auf die Stirn. Auch die Gebirgszüge, wie die Sierra de Demanda oder der Parque Nacional de los Picos de Europa, die sich von Ost nach West durch den Norden Spaniens ziehen, haben es in sich. Im Süden des Landes bietet die Sierra Nevada für Kletterfreunde die entsprechende Herausforderung. Jedoch ist die Auswahl der zu befahrenden Straßen recht begrenzt.

HornerEs gibt also reichlich Stoff und Geschichten rund um die Vuelta auf und abseits der Strecke zu berichten. Warum bitteschön ist das einzige, was den deutschen Schreiberlingen dazu einfällt, die Geschichte eines Kommunikationsfehlers zwischen Christopher Horner, der USADA und den von der USADA beauftragten spanischen Dopingkontrolleuren am Morgen nach der letzten Etappe, die soweit der Wahrheit entfremdet wurde, dass dem US Amerikaner ein „Missed Test“ unterstellt und er indirekt des Dopings verdächtigt wurde?! Es ist, soll und wird hier nicht unser Anliegen sein, Christopher Horner in Schutz zu nehmen, ihn zu verteidigen oder seine Leistung in Anbetracht seines Alters zu bewerten. Die Frage ist doch vielmehr:

Warum schickt die USADA ausgerechnet nach dem Rennen die Dopingkontrolleure zu Horner, der als Gesamtführender der Rundfahrt eh jeden Tag kontrolliert wurde, seit dem er das rote Leibchen auf seinen Schultern getragen hat?

Warum, wenn die USADA schon Manipulation vermutet und der Meinung ist einen Test außerhalb des Rennens durchführen zu müssen, hätte es doch am ehesten Sinn gemacht, Horner direkt am Abend vor bzw. am Morgen der Alto de L´Angliru zu testen?

VueltaDies war schließlich die rundfahrtentscheidende Etappe, wo es um den Gesamtsieg ging. Spätestens seit dem umfangreichen Geständnis von Tyler Hamilton, der die Praktiken der „Alten Garde“ der US-amerikanischen Fahrer aus dem ehemaligen Umfeld von Lance Armstrong sehr genau beschrieben hat, sollte man doch auch dort endlich wissen, wann es Sinn macht, die Fahrer zu testen. Sie dann zu überführen oder nicht, um endlich den Raum für unnötige Spekulationen zu nehmen, die dem Sport weiterhin schaden. In der Selbsterklärung der USADA steht: „Alle Athleten sind unschuldig und mutmaßlich sauber, solange durch die etablierten, rechtlichen Verfahren nicht eindeutig bestimmt wird, dass sie gegen die Regeln verstoßen haben.“

Für alljene, die den Radsport in Deutschland immer noch unter Generalverdacht stellen, sei an dieser Stelle noch einmal angeführt, dass auch in den Hochzeiten des Epo- und Blutdopings kein ProTour-Team einen Jungprofi verpflichtet hat, der schon als Einsteiger dicht bis in die Haarspitzen war. Im Gegenteil: Es wurden nur Einsteiger mit Entwicklungspotential nach oben verpflichtet, die meist erst im zweiten oder dritten Profijahr, aus welchen Gründen auch immer, zu unerlaubten Mitteln griffen. Auch wenn die diesjährige Vuelta von einem fast 42-jährigen gewonnen wurde, der aus dem Umfeld des vorbelasteten US Postal Teams um Lance Armstrong kommt, wurden die meisten Etappen mit schweren Bergankünften doch von den jungen Fahrern bestimmt, die in ihrem ersten Jahr als Profi unterwegs sind.

ElissondeSchade dass man hierzulande nicht die Zeit und Muße findet über die junge Generation von Fahrern aus dem Team Argos Schimano beispielsweise zu schreiben, wie den 21-jährigen Franzosen Warren Barguil, der in seinem ersten Profijahr gleich zwei Etappen gewinnen konnte. Oder über das Team FDJ, welches mit dem 22-jährigen Kenny Elissonde und dem 25-jährigen Alexandre Geniez ebenfalls zwei Etappen gewann. Gerade das Team FDJ gilt weit über die Grenzen Frankreichs hinaus als eines der Teams, welches gegenüber Fahrern mit einer Dopingvergangenheit eine Null-Toleranz-Politik betreibt. Jüngst schied ihr prominentestes Mitglied Sandy Casar aus den Reihen des Profiradsports aus. Casar war einer derjenigen neben David Moncoutié, die auf eindrucksvolle Weise bewiesen haben, dass es auch in den dunklen Zeiten des Radsports möglich war, sauber Rennen zu gewinnen.

EZFGanz zu schweigen von den jungen deutschen Fahrern Dominik Nerz vom BMC Racing Team und Nikias Arndt vom Team Argos Shimano, die in Spanien eine hervorragende Rundfahrt absolvierten. Nerz fuhr auf den Gesamtrang 14. Ohne den Defekt, bei dem er fast zwei Minuten verlor und dem Hungerast auf der letzten Pyrenäenetappe, der ihm den 30. Rang des Tagesklassements und knapp 10 Minuten Rückstand auf die Spitzenfahrer bescherte, wäre nach oben sicherlich noch mehr drin gewesen. Aber gerade Nerz hat als junger Fahrer in Spanien bewiesen, dass er eine Menge Potential für die Zukunft besitzt und ein Fahrer für das Gesamtklassement ist. Sein hervorragendes Abschneiden in Spanien wurde vom BDR (Bund Deutscher Radfahrer) damit belohnt, dass er als Kapitän die Deutsche Mannschaft im Straßenrennen der Elite bei der UCI Rad WM in Florenz am Sonntag, den 29. September anführen wird.


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Fotos: Arne Mill

> zu den turus-Fotostrecken: 11. bis 21 Etappe La Vuelta 2013

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