Überragender Emil Herzog holt einzige Goldmedaille für den BDR

Überragender Emil Herzog holt einzige Goldmedaille für den BDR

 
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BM 30 September 2022

Die Bilanz des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR) bei den Straßenweltmeisterschaften im entfernten Australien liest sich gut: jeweils einer Gold- und einer Silbermedaille stehen drei Bronzemedaillen gegenüber und damit belegt Deutschland im Medaillenspiegel immerhin Rang fünf. Einschränkend muss aber festgehalten werden, dass ausschließlich Medaillen im Nachwuchsbereich erkämpft wurden, was zwar einerseits die gute Nachwuchsarbeit unterstreicht, aber andererseits ging der Elitebereich dieses Mal völlig leer aus.

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Der vor kurzem erklärte Rücktritt von Lisa Brennauer bei den Frauen, die aus unterschiedlichen Gründen erfolgten Nichtteilnahmen von Spitzenathleten wie Lennard Kämna, Nils Politt, Maximilian Schachmann, Simon Geschke oder Max Walscheid konnten in diesem Bereich nicht adäquat kompensiert werden, wenn auch Liane Lippert bei den Frauen mit dem vierten Platz im Straßenrennen ein herausragendes Ergebnis erzielte. Sie war die stärkste Fahrerin des Feldes und musste am Ende mit dem undankbaren vierten Platz zufrieden sein. War es taktisches Verhalten, zu wenig Risikobereitschaft oder Angst vor der eigenen Courage: die sympathische Sportlerin aus Friedrichshafen hatte dem Rennen ihren Stempel aufgedrückt, um am Ende leider leer auszugehen.

 

Ein Beispiel von Cleverness gepaart mit unbändigem Siegeswillen bot die bereits 39-jährige Niederländerin Annemiek van Vleuten, die mit gebrochenem Ellenbogen (!) das 164,3 km lange Rennen in Angriff nahm und am Ende mit einer Sekunde vor einer 11-köpfigen Verfolgergruppe ins Ziel kam und Straßenweltmeisterin wurde. Nicht unbedingt ein Ruhmesblatt für alle anderen, von denen keine die Situation der Niederländerin ausnutzen konnte. Lotte Kopecky aus Belgien auf Platz zwei, die Italienerin Silvia Persico als Dritte und die unter Wert geschlagene Liane Lippert hatten allesamt das Nachsehen. Für Liane Lippert war es der zweite vierte Platz bei diesen Weltmeisterschaften, nachdem sie schon als Teil  der Mixed-Staffel diesen Platz belegt hatte. 

 

Herausragender Athlet des BDR war der erst 17-jährige Junior Emil Herzog, der seinem hervorragenden dritten Platz beim Einzelzeitfahren nun den Weltmeistertitel im Straßenrennen folgen ließ. Was hat dieser junge Athlet vom Team Auto Eder in dieser Saison alles erreicht? Gesamtsiege bei der Internationalen Cottbuser Junioren-Etappenfahrt, dem Course de la Paix Juniors, bei der Ain Bugey Valromey Tour und beim Grand Prix Rüebliland, dazu der deutsche Meistertitel im Straßenrennen, diverse Etappensiege bei Rundfahrten sowie Siege bei Eintagesrennen wie dem Giro di Primavera und dem Grand Prix West Bohemia, all diese Erfolge unterstreichen sein enormes Potenzial, das er in der kommenden Saison beim US-amerikanischen Continentalteam Hagens Berman Axeon ausschöpfen will. 

 

Nun der grandiose Sieg im 135,6 km langen WM-Straßenrennen, wo er mit offensiver Fahrweise überzeugte und im Zweierspurt den Portugiesen Antonio Morgado auf Platz zwei verwies, während der Belgier Vlad van Mechelen die Verfolger mit 55 Sekunden Rückstand ins Ziel führte und Bronze gewann. „Ich kann es kaum glauben, mir fehlen die Worte, es klingt alles so unecht“, waren die ersten Worte von Emil Herzog am Ziel. „Ich brauche bestimmt ein paar Tage, um den Erfolg realisieren zu können“, fuhr er fort. 

 

Ebenfalls zwei Medaillen bei diesen Weltmeisterschaften errang die 22-jährige Ricarda Bauernfeind aus Ingolstadt in der Klasse U 23. Wie schon beim Einzelzeitfahren, so war auch das Straßenrennen integrierter Bestandteil des Eliterennens der Frauen. Der 20. Platz von Ricarda Bauernfeind mit nur 13 Sekunden Rückstand auf Annemiek van Vleuten war ein souveräner Auftritt unter 126 Teilnehmerinnen, von denen 78 ins Ziel kamen. Damit war Ricarda Bauernfeind zweitbeste Deutsche und das reichte zur zweiten Bronzemedaille in der Klasse U 23 hinter der Neuseeländerin Niamh Fisher-Black und der Britin Pfeiffer Georgi. „Das Rennen war zu Beginn nicht allzu schnell, aber durch die lange Distanz ist es sehr hart geworden. In den letzten zwei Runden hatte ich wirklich zu kämpfen, um in der Gruppe zu bleiben. Leider hat es für Liane Lippert nicht für eine Medaille gereicht, denn sie war definitiv die stärkste Fahrerin im Peloton. Dass ich dann am Ende Bronze gewinnen konnte, obwohl der Fokus nicht auf der Klasse U 23 sondern auf der Elite-Wertung lag, hat mich umso mehr gefreut“, ließ Ricarda Bauernfeind uns wissen und war mehr als zufrieden mit ihren Auftritten bei diesen Weltmeisterschaften.

 

Im Straßenrennen der männlichen U 23 war der BDR als einziger Verband mit sieben Fahrern vertreten und hatte damit zahlenmäßig die besten Voraussetzungen für ein gutes Abschneiden. Sie erreichten auch alle das Ziel, aber für ihre Bemühungen wurden sie letztlich nicht belohnt. Immer in vorderster Front des Feldes vertreten, schaffte es Hannes Wilksch in eine sechsköpfige Ausreißergruppe, die zeitweise bis zu drei Minuten Vorsprung herausfuhr. Er gehörte zu den verbliebenen drei Fahrern, die erst 26 km vor dem Ziel vom Feld gestellt wurden, kämpfte aber unverdrossen weiter, um für Michel Hessmann die Chance auf eine gute Platzierung zu wahren. Mit nur drei Sekunden Rückstand kam Michel Hessmann in einer größeren Gruppe als 11. und bester Deutscher Ins Ziel, wo sich der Kasache Yevgeniy Fedorov im Zweiersprint souverän gegen den Tschechen Mathias Vacek durchsetzte und Weltmeister wurde. Bronze gewann der norwegische Weltmeister im Einzelzeitfahren Sören Waerenskjold, der damit zu denjenigen gehörte, die bei diesen Weltmeisterschaften zweimal auf dem Podium standen. 

 

Zu zwei Titeln schaffte es im australischen Wollongong die Britin Zoe Bäckstedt, die nach ihrem Triumph im Einzelzeitfahren nun auch das Straßenrennen dominierte. Nach 1:36 Minuten Vorsprung auf die Zweitplatzierte Justyna Czapla im Zeitfahren, waren es an ihrem 18. Geburtstag dieses Mal nach einer langen Alleinfahrt 2:07 Minuten, die die auf den Plätzen folgenden Eglantine Rayer aus Frankreich und Nienke Vinke aus den Niederlanden zurücklagen. Die Dominanz der Britin war beeindruckend, gegen die auch die deutschen Teilnehmerinnen nichts ausrichten konnten. Aber sowohl Jette Simon als 14. als auch Justyna Czapla auf Rang 15 boten ein gutes Rennen und kamen mit der ersten großen Verfolgergruppe ins Ziel.  

 

Einen grandiosen Abschluss aus belgischer Sicht bildete das Straßenrennen der Elite über 266,9 km, als Remco Evenepoel einmal mehr seine große Klasse aufblitzen ließ. Nach dem Gewinn der Vuelta ciclista a Espana trat er hochmotiviert die Reise nach Australien an und erfüllte die Erwartungen der Fans seines Landes in höchstem Maße. Zunächst Bronze im Einzelzeitfahren hinter dem Norweger Tobias Foss und dem Schweizer Stefan Küng, folgte nun der Weltmeistertitel im Straßenrennen. Am Start standen 169 Fahrer aus 50 Nationen, darunter auch sechs Fahrer aus Deutschland, die am Ende aber allesamt mit dem Ausgang des Rennens nichts zu tun hatten. Ihr Bester war noch Nikias Arndt auf Platz 52 vor Jannik Steimle als 72., während der gestürzte Georg Zimmermann ebenso wie Miguel Heidemann, Jonas Koch und Nico Denz aufgaben.

 

Für einen Mitfavoriten, dem Niederländer Mathieu van der Poel, endete das WM-Rennen schon nach einer Stunde, nachdem er am Vorabend von der Polizei aufgrund eines tätlichen Angriffs im Hotel festgenommen worden war. Auf Kaution erst am frühen Sonntagmorgen freigelassen, war die Konzentration auf eine Weltmeisterschaft nicht mehr vorhanden, so dass sein früher Ausstieg nicht mehr verwunderte. 

 

Mit dem Belgier Remco Evenepoel gewann ein Fahrer die Weltmeisterschaft im Straßenrennen, der erst seit 2017 Radrennen fährt und gleich im darauffolgenden Jahr Weltmeister im Straßenrennen und Einzelzeitfahren der Junioren wurde. Dann folgte in 2019 der sofortige Übertritt ins Profilager zum Team Deceuninck-Quick Step, wo er seine ersten, bedeutenden Profisiege mit dem Gesamtsieg der Baloise Belgium Tour und dem Eintagesrennen Clasica Ciclista San Sebastian realisierte. Inzwischen stehen nicht weniger als 37 Siege zu Buche, die ihn als erst 22-jährigen eine große Zukunft verheißen. 

 

Zunächst war das Rennen von einer elfköpfigen Spitzengruppe dominiert, die einen relativ großen Vorsprung herausfuhr. Später folgte eine Gruppe von 26 Fahrern um den Slowenen Tadej Pogacar und dem Belgier Wout van Aert, die sich aber auch nicht einig waren und wieder gestellt wurden. So waren es schließlich 34 Fahrer unter Führung von Remco Evenepoel, die eine große Spitzengruppe bildeten. Dann nahm der Belgier das Heft endgültig in die Hand und verschärfte etwa 35 km vor dem Ziel das Tempo nochmals, so dass ihm nur der Kasache Alexey Lutsenko folgen konnte. Die alles entscheidende Attacke von Remco Evenepoel kam dann zehn Kilometer später, als er an der vorletzten Überquerung des steilen Mount Pleasant zum Angriff blies und den Kasachen stehen ließ. Was folgte war ein grandioses Solo des Belgiers, der mit 2:21 Minuten Vorsprung die Ziellinie überquerte und sich den Weltmeistertitel sicherte. Den Spurt der ersten Verfolgergruppe um die Silbermedaille gewann der Franzose Christophe Laporte vor dem Australier Michael Matthews. 

 

„Wir wollten als Team diese WM gewinnen, egal ob Wout van Aert oder ich. Mit dem frühen Angriff haben wir es geschafft und es letztlich auch verdient“, war Remco Evenepoel überglücklich über seinen Erfolg. Dem frischgebackenen Weltmeister wird nach seiner Rückkehr in Brüssel am kommenden Wochenende ein triumphaler Empfang bereitet werden. 

Bericht: Bernd Mülle

Fotos: Arne Mill / Bildagentur frontalvision.com

 

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