Linda Riedmann holt einzige WM-Medaille im Straßenrennen für den BDR

Linda Riedmann holt einzige WM-Medaille im Straßenrennen für den BDR

 
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BM 28 September 2021

Der Bund Deutscher Radfahrer (BDR) kann mit der Medaillenausbeute insgesamt (1x Gold, 2x Bronze) bei den diesjährigen Radweltmeisterschaften in Belgien halbwegs zufrieden sein, auch wenn sich nicht alle Erwartungen erfüllt haben. Besonders in den Straßenrennen gab es nicht viel zu holen und vor allem der so heiß ersehnte Titel bei den Profis nach dem legendären Sieg von Rudi Altig im Jahre 1966 hat sich ein weiteres Mal nicht realisieren  lassen. Umso mehr gewinnt die Bronzemedaille im Rennen der Juniorinnen durch die amtierende Europameisterin Linda Riedmann an Bedeutung, die ein starkes Rennen ablieferte und dafür am Ende auf dem Podium stand.

Es waren die Britinnen, die von Beginn an dem 75 Kilometer langen Rennen der Juniorinnen, das durch hohes Tempo, vielen Angriffen und auch Stürzen geprägt war, ihren Stempel aufdrückten. Sie waren auch verantwortlich für die Vorentscheidung, als zunächst Flora Perkins und dann Zoe Backstedt attackierten, der nur noch die US-Amerikanerin Kaia Schmid folgen konnte. Die Beiden harmonierten gut und bauten ihren Vorsprung sukzessive aus, um am Ende mit 57 Sekunden Vorsprung den Zielstrich zu erreichen. Hier ließ die 17-jährige Zoe Backstedt, Tochter des Paris-Roubaix-Siegers von 2004 Magnus Backstedt und der britischen Meisterin von 1998 im Straßenrennen Megan Hughes sowie Schwester von Elynor Backstedt, der kleinen, 18-jährigen Kaia Schmid im Zweierspurt keine Chance und holte sich den Titel, nachdem sie im Einzelzeitfahren schon Silber gewonnen hatte. 

„Das Rennen war durch die vielen engen Straßen sehr hektisch und die Britinnen haben das Rennen sehr schnell gemacht. Ich war nicht in der richtigen Position, als die entscheidende Attacke von Zoe Backstedt erfolgte, um mitzufahren und habe gedacht, die beiden Führenden kommen nicht durch und wir können sie noch einholen. Ich war schon ein wenig genervt, dass ich die falsche Entscheidung getroffen habe und da nicht mitgekommen bin. Meine Teamkollegin Selma Lantzsch hat dann noch versucht, das Loch zuzufahren, aber es gab keine Unterstützung von anderen Teams. Anfang der letzten Runde hat uns das Motorrad den Vorsprung der Spitzengruppe angezeigt und mir war klar, dass es nur noch um Bronze geht. Ich habe dann am Berg nochmal angegriffen, es entstand ein kleines Loch mit ein, zwei anderen Fahrerinnen, aber die Gruppe lief nicht. Am Ende war es ein halbwegs großes Feld und ich wusste, dass die Zielgerade recht lang ist und dann habe ich mich aus  dem Windschatten aus sechster oder siebter Position durchs Feld gemogelt und am Ende Bronze gewonnen. Zuerst war ich etwas enttäuscht, dass ich nicht mit der Spitzengruppe mitgefahren bin, aber jetzt bin ich zufrieden und freue mich über die Medaille“, schilderte uns Linda Riedmann ihren Eindruck vom Verlauf des Rennens.

Für Linda Riedmann heißt es jetzt, sich voll auf die kommende Saison zu konzentrieren, wo sie für das niederländische Team Jumbo-Visma Women fahren wird. Sie hat vor kurzem  einen Zweijahresvertrag unterschrieben und trifft dort u.a. auf ihre deutsche Teamkollegin Romy Kasper, die ihr mit ihrer langjährigen, internationalen Erfahrung zur Seite stehen wird. 

Das war mit Sicherheit das Highlight für den BDR in den Straßenrennen, dessen Athleten aber dennoch nicht enttäuschten, einige gute Platzierungen herausfuhren und sich stets mit kämpferischen Einsatz am Renngeschehen beteiligten. Beim Rennen der Junioren, die die Straßenwettbewerbe eröffneten, siegte der Norweger Per Strand Hagenes im Alleingang mit 19 Sekunden vor dem Franzosen Romain Gregoire und dem Esten Madis Mihkels, der weitere fünf Sekunden später das verbliebene Hauptfeld als Drittplatzierter ins Ziel führte. Einen starken 10. Platz belegte Luis-Joe Lührs, der schon früh in einer dreiköpfigen Spitzengruppe zu finden war und ebenso beeindruckte wie sein Teamkamerad Daniel Schrag, der 30 Kilometer vor dem Ziel das Finale miteröffnete. Acht Fahrer schienen das Rennen unter sich auszumachen, aber ein Sturz in der Spitzengruppe sechs Kilometer vor dem Ziel zersplitterte die Gruppe und der Norweger, der nicht davon betroffen war, zog davon. Der 18-jährige Luis-Joe Lührs, im nächsten Jahr beim Team BORA-hansgrohe unter Vertrag, konnte mit seiner Leistung mehr als zufrieden sein. Nach langer Flucht noch Zehnter zu werden, spricht für ihn, der die offensive Fahrweise liebt. 

Hektik entstand gleich zu Beginn des Rennens der Klasse U 23, als es bereits in der Neutralisation zu mehreren Stürzen kam und der offizielle Start sich verzögerte. Es war ein von vielen Angriffen geprägtes Rennen, das erst mit dem Angriff des Schweizers Mauro Schmid 17 Kilometer vor dem Ziel in die entscheidende Phase geriet, die später der Italiener Filippo Baroncini zu seinen Gunsten nutzte und als neuer Weltmeister ins Ziel kam. Die sich stark in Szene setzenden deutschen Fahrer Pirmin Benz und Michel Heßmann attackierten noch im Finale, aber der Italiener gewann mit zwei Sekunden Vorsprung vor dem Hauptfeld, das sensationell auf Platz zwei von Biniam Girmay aus Eritrea angeführt wurde, der den spurtstarken Mitfavoriten Olav Kooij aus den Niederlanden auf den Bronzeplatz verwies und die erste WM-Medaille im Radsport überhaupt für Eritrea erkämpfte. Bester Deutscher auf Platz 15 war Niklas Märkl, der laut eigener Aussage am Ende nicht mehr die Beine hatte. Der bärenstarke Michel Heßmann ging dagegen leer aus, stürzte früh, fand wieder Anschluss zum Feld, aber hatte am Ende nicht mehr ausreichend Kraft, um in die Entscheidung mit einzugreifen. Schlimmer erging es dem ebenfalls gestürzten, ambitionierten Berliner Maurice Ballerstedt, der viel Zeit verlor und mit fast 13 Minuten Rückstand ins Ziel kam. „Ein Traum geht für mich in Erfüllung und ich danke meinem Team. Wir hatten einen Plan und der ist voll aufgegangen“, waren die ersten Worte des neuen Weltmeisters Filippo Baroncini, dessen weiteren Weg wir im kommenden Jahr im Trikot von Trek-Segafredo verfolgen können, wo er bereits seit Anfang August als Trainee fährt. 

Tags darauf stand Italien mit Elisa Balsamo gleich wieder auf dem obersten Treppchen, die die Niederländerin Marianne Vos niederrang und die Polin Katarzyna Niewiadoma auf Platz drei distanzierte. Es waren 157,7 harte Kilometer von Antwerpen nach Leuven zu bewältigen, die man zunächst ruhig angehen ließ. Erst 25 Kilometer vor dem Ziel ging es in die entscheidende Phase, die von der Spanierin Mavi Garcia eingeleitet wurde und in deren Verlauf die starken Niederländerinnen dafür sorgten, dass die Spanierin wieder eingeholt wurde. In der Schlussphase auf der langen Zielgeraden waren es aber die Italienerinnen Elisa Longo Borghini mit Elisa Balsamo am Hinterrad, die die Initiative ergriffen und lediglich Marianne Vos konnte ihnen folgen, die aber am Ende das Nachsehen hatte. Für Elisa Longo Borghini blieb am Ende Platz 17 übrig, nachdem sie ihrer Landsmännin den Sprint bestens vorbereitet hatte. 

Beste Deutsche war einmal mehr Lisa Brennauer auf Platz 9, die damit aber eher enttäuscht wirkte. „Ich war persönlich in guter Form und alle aus unserem Team haben auch ihr Bestes gegeben“, haderte sie am Ende ein wenig damit, dass ihr vor allem die gesundheitlich angeschlagene Liane Lippert, die selbst auf diesem Kurs nicht chancenlos gewesen wäre,  nicht mehr helfen konnte.

Wie immer bei einer Weltmeisterschaft bildet zum Abschluss das Straßenrennen der Profis den absoluten Höhepunkt. Und in einem Land wie Belgien, das den Radsport liebt und lebt, sind immer wieder Superlative zu registrieren. Was sich am letzten Sonntag auf der Strecke von 268,3 km abspielte, ist mit Worten kaum zu beschreiben. Die Ausrichter sprachen von einem Zuschaueraufkommen von einer halben Million, die für beste Radsportatmosphäre  sorgten und die leider immer noch bestehende Corona Pandemie vergessen ließ. Man kann nur hoffen, dass sämtliche Zuschauer geimpft, genesen oder getestet waren, denn von Maskenschutz war nicht allzu viel zu sehen.  

Man wollte natürlich bei der Heim-WM einen der starken Belgier siegen sehen, denn mit Wout van Aert, Remco Evenepoel oder Jasper Stuyven waren vielversprechende Protagonisten am Start. Man wurde aus der Taktik der Belgier nicht ganz schlau, setzte man nun auf Supertalent Remco Evenepoel oder auf den in dieser Saison so überragenden Wout van Aert, die beide auch Rennen in Alleingängen entscheiden können. Letztendlich opferte sich der junge Belgier als Tempomacher in einer Spitzengruppe für seinen Landsmann auf, der wiederum am Ende nicht mehr die nötigen Körner besaß, um die gute Vorarbeit von Remco Evenepoel zum entscheidenden Schlag zu nutzen. Was blieb war letztlich der undankbare vierte Platz für Jasper Stuyven, der so nah vor seiner Haustür mit der Holzmedaille vorliebnehmen musste, womit die Belgier ihren Heimvorteil nicht zu nutzen verstanden. 

Anders agierten die starken Franzosen, die sich mit Attacken von Benoit Cosnefroy und später Valentin Madouas bestens in Szene setzten und an der Titelverteidigung ihres Landsmannes Julian Alaphilippe nicht unwesentlichen Anteil hatten. Grandios wie Julian Alaphilippe immer wieder auch selbst attackierte und dann zuletzt 17 Kilometer vor dem Ziel nicht mehr zu halten war. Mit ihm wurde der absolut stärkste Fahrer an diesem Tag erneut Weltmeister, der 32 Sekunden vor einer vierköpfigen Verfolgergruppe ins Ziel kam, aus der der Niederländer Dylan van Baarle die Silbermedaille vor dem Dänen Michael Valgren erspurtete. 

Die deutschen Rennfahrer hatten viel Pech: sowohl John Degenkolb als auch der Deutsche Meister Maximilian Schachmann und Pascal Ackermann schieden frühzeitig durch Stürze aus, wobei es John Degenkolb am schwersten erwischte. „Es war ein unangenehmer Sturz, bei dem ich auf den Kopf gefallen bin und mein Helm gebrochen ist“, war er letztlich froh, dass außer Hautabschürfungen und Prellungen keine schweren Verletzungen festgestellt wurden. Die atemberaubende Atmosphäre mit Gänsehautfeeling hätte nicht nur er noch bis zum Ende des Rennens miterleben wollen. Maximilian Schachmann erlitt beim Sturz zusätzlich einen Kettenschaden, der nicht so schnell zu beheben war, so dass der entstandene Rückstand nicht mehr aufzuholen war. 

So kamen nur Nikias Arndt, Georg Zimmermann und Nils Politt aus deutscher Sicht ins Ziel, allerdings hatte sich Georg Zimmermann mit offensiver Fahrweise gut behaupten können und vor allem Nils Politt nach hartem Kampf und einem vergeblichen Ausreißversuch mit dem am Ende 16. Platz ein durchaus achtbares Ergebnis erzielt. Letztlich kamen nur 68 von 193 gestarteten Fahrern aus 45 Nationen ins Ziel. 

Bericht: Bernd Mülle

Fotos: Arne Mill / frontalvision.com

 

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