Tony Martin verabschiedet sich mit Gold im Teamzeitfahren

Tony Martin verabschiedet sich mit Gold im Teamzeitfahren

 
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BM 23 September 2021

Beim Mixed Relay der Radweltmeisterschaften 2021 über insgesamt 44,5 km von Knokke-Heist nach Brügge hat sich ein ganz Großer des internationalen Radsports verabschiedet: der vierfache Weltmeister und 10-malige Deutsche Meister im Einzelzeitfahren Tony Martin hat mit der Goldmedaille gemeinsam mit seinen Teamkameraden Nikias Arndt und Max Walscheid sowie den überragenden Frauen Lisa Brennauer, Lisa Klein und Mieke Kröger nunmehr das Rennrad an den berühmten Nagel gehängt. Ein Abschluss einer Laufbahn, die mehr als bemerkenswert verlaufen ist und kein besseres Ende finden konnte.

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Ohne die Leistung seiner Teamkameradinnen, die in der zweiten Hälfte des Teamzeitfahrens den zu diesem Zeitpunkt zweiten Platz der starken Männer noch pulverisierten, schmälern zu wollen, ist dieser Erfolg besonders dem immer hilfsbereiten Teamplayer Tony Martin zu gönnen, der im Auditorium von Brügge von den Journalisten mit Standing Ovations verabschiedet wurde. Eine beispielhafte Karriere mit vielen Erfolgen aber auch zum Teil schweren Stürzen hat nun ein Ende gefunden und der den Journalisten stets zugewandte, gebürtige Cottbuser kann auf eine mehr als erfolgreiche Laufbahn zurückblicken.

Als Trainee bei Gerolsteiner hatte 2005 seine Profilaufbahn begonnen, bevor er zum  Thüringer Energie Team wechselte und gleich die Thüringen-Rundfahrt sowie den deutschen Meistertitel im Einzelzeitfahren der U 23 gewann. Ab dem Jahre 2008 fuhr er bis 2011 für das US-amerikanische Team High Road, das auch unter Columbia-HTC oder HTC-High Road in der World Tour unterwegs war. Es folgten Omega Pharma-Quick-Step bzw. Etixx-Quick Step (2012 bis 2016), Team Katusha Alpecin (2017/18) und zuletzt drei Jahre beim Team Jumbo-Visma, wo er stets bei großen Rundfahrten als Chef de Route vorbildliche Arbeit für seinen Kapitän Primoz Roglic verrichtete. 

Nicht zu vergessen sind dabei auch seine fünf Etappensiege bei der Tour de France, zwei Etappensiege bei der Vuelta a Espana sowie sein Gesamtsieg bei Paris-Nizza im Jahre 2011. Er hat in seiner langen Laufbahn 21 Grand Tours bestritten, war bei 10 Klassikern am Start und hat insgesamt 67 Siege errungen, darunter allein 46 beim Einzelzeitfahren. „Man soll eigentlich immer aufhören, wenn es am schönsten ist und so war dieses perfekte Rennen beim Mixed Relay auch dank unserer starken Frauen genau der richtige Tag dafür“, war Tony Martin einfach nur glücklich und dankte seinem kompletten Team, das so für ihn gekämpft hatte. Der immer bescheidene und zurückhaltende Musterprofi war besonders stolz auf die Anerkennung seiner Gegner, die ihm nach dem Rennen zum Sieg und zu seiner gesamten Karriere gratulierten. „Eine Ehre für mich, die fast noch mehr wiegt als eine Goldmedaille“, durfte Tony Martin sich freuen, dessen letztes Weltmeistertrikot und die dazugehörige  Medaille einen Ehrenplatz zu Hause bekommen werden. 

Nach der ersten Hälfte des Rennens lagen die Männer mit starker Leistung auf Rang 2 hinter den Italienern mit dem Weltmeister im Einzelzeitfahren Filippo Ganna, die 19 Sekunden schneller waren. Aber deren Frauen büßten den Vorsprung ein und mussten sich am Ende mit der Bronzemedaille begnügen, nur äußerst knapp mit einem Vorsprung von 5/100  Sekunden auf die starken Schweizer-/innen. Die deutschen Frauen fuhren ebenfalls die zweitbeste Zeit wie die Männer, aber die dominierenden Niederländerinnen konnten den Rückstand ihrer Männer, die als Siebte mit 42 Sekunden hinter den Italienern und 22 Sekunden hinter den Deutschen ins Ziel kamen, nicht mehr wettmachen. Am Ende war der Jubel beim deutschen Team grenzenlos und für Tony Martin ging der Traum eines weiteren Weltmeistertitels in Erfüllung. „Es war eine Superwoche für mich auch mit dem 6. Platz im Einzelzeitfahren, worauf ich mich noch einmal speziell vorbereitet hatte“, kann er mit seinem Abschied vom Renngeschehen mehr als zufrieden sein und wird hoffentlich den Ruhestand im Kreise seiner Familie in vollen Zügen genießen.

Neben dem hervorragenden 6. Platz von Tony Martin im Einzelzeitfahren konnte auch der 11. Platz von Max Walscheid imponieren, der sich im letzten Jahr in dieser Disziplin stark verbessert hat. In dem Weltklassefeld von 55 platzierten Fahrern verteidigte der Italiener Filippo Ganna seinen Titel aus dem Vorjahr äußerst knapp mit 6 Sekunden Vorsprung vor dem Belgier Wout van Aert und dessen jungen Landsmann Remco Evenepoel, der 44 Sekunden zurücklag. Für den amtierenden Europameister Stefan Küng aus der Schweiz blieb am Ende nur der 5. Platz übrig, eine Platzierung, die dem ehrgeizigen Schweizer nicht gerade froh gestimmt hat.  

Nach Beendigung der Wettbewerbe im Einzelzeitfahren kann aus deutscher Sicht ein weiterer Medaillengewinn durch die 18-jährige Antonia Niedermaier konstatiert werden, die nach ihrer Silbermedaille bei der Europameisterschaft der Juniorinnen nun auch Bronze hinter der Russin Alena Ivanchenko und der Britin Zoe Backstedt holte. „Ich bin sehr glücklich über diese Medaille, die meine Leistung bei der Europameisterschaft bestätigt hat“, gab die junge deutsche Athletin zu Protokoll, die ja vom Skibergsteigen kommt und erst seit diesem Jahr Radrennen bestreitet. Auch der 12. Platz der zweiten deutschen Teilnehmerin Selma Lantzsch, die nach der Hälfte der Distanz von insgesamt 19,3 km noch als Neunte platziert war, konnte mehr als zufriedenstellen. 

Bei den männlichen Junioren siegte der Däne Gustav Wang, den wir bereits bei der Internationalen kids-tour Berlin im Jahre 2015 kennengelernt haben. In der Altersklasse U 13 wurde er damals Vierter der Gesamtwertung und hat da schon sein Potenzial angedeutet. In Belgien nun folgte sein erster großer, internationaler Erfolg im 22,3 km langen Einzelzeitfahren, das er vor dem Briten Joshua Tarling und dem favorisierten belgischen Europameister Alec Segaert gewann. Im Feld der 77 platzierten Fahrer belegten die beiden deutschen Teilnehmer Luis-Joe Lührs (im kommenden Jahr bei BORA-hansgrohe unter Vertrag) und Moritz Kärsten (fährt 2022 für das Development Team DSM) die Plätze 18 und 20 und blieben damit im Rahmen ihrer Möglichkeiten.

Im Rennen der Frauen über 30,3 km triumphierte die 34-jährige Niederländerin Ellen van Dijk und holte sich nach 2013 ihren zweiten Weltmeistertitel im Einzelzeitfahren. Nach dem Gewinn der Europameisterschaft im Straßenrennen war das schon ihr zweiter internationaler Titel in diesem Jahr. Die starke Schweizerin Marlen Reusser, immerhin aktuelle Europameisterin im Zeitfahren, lag am Ende 10 Sekunden zurück, während Annemiek van Vleuten aus den Niederlanden als Dritte 24 Sekunden preisgeben musste. Hinter der bereits 46-jährigen Zeitfahrspezialistin Amber Neben aus den USA, waren der 5. Platz von Lisa Brennauer und der 7. Platz von Lisa Klein aller Ehren wert, die für den Bund Deutscher Radfahrer (BDR) ein sehr gutes Ergebnis erzielten. „Ich bin überglücklich, ein Traum wurde wahr, diese Disziplin ist meine Leidenschaft“, konnte Ellen van Dijk ihren Erfolg kaum fassen. 

Für Dänemark gab es dann noch einen zweiten Weltmeistertitel im Rennen der Klasse U 23, die ebenfalls 30,3 km zurückzulegen hatte. Es siegte mit Johan Price-Pejtersen der amtierende Europameister, der seine Zeitfahrqualitäten ein weiteres Mal unterstrich. Auf den Plätzen folgten der Australier Luke Plapp und der Belgier Florian Vermeersch, die 10 bzw. 11 Sekunden Rückstand aufwiesen, wobei als bester Deutscher Michel Hessmann einen guten 8. Platz belegte. Für den Berliner Maurice Ballerstedt, der für die kommende Saison beim Profiteam Alpecin-Fenix einen Vertrag über drei Jahre abgeschlossen hat, reichte es nur zu einem Platz im Mittelfeld (28.), womit er selbst nicht zufrieden war. „Ich bin zu langsam losgefahren und habe zu spät gemerkt, dass mehr drin gewesen wäre“, gab der Berliner seine Unerfahrenheit zum Ausdruck. Aber die zweite Chance für ihn kommt ja noch am Freitag beim Straßenrennen, wo seine Chancen auf eine vordere Platzierung nicht unrealistisch sind.

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Bericht: Bernd Mülle   

Fotos: Arne Mill / frontalvision.com

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