Deutsche Teamsprinterinnen holen sensationell Gold bei der Bahn-WM

Deutsche Teamsprinterinnen holen sensationell Gold bei der Bahn-WM

 
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BM 27 Februar 2020

Mit den Qualifikationen in der Mannschaftsverfolgung der Frauen und Männer wurden im Berliner Velodrom die diesjährigen Bahnradsport-Weltmeisterschaften eröffnet, bevor in der Abendveranstaltung die ersten Medaillen im Teamsprint der Frauen und Männer sowie dem Scratchrennen der Frauen vergeben wurden. Die in der Vergangenheit im Teamsprint der Frauen sehr erfolgreiche Miriam Welte, die noch im letzten Jahr Bronze gemeinsam mit Emma Hinze gewann, hat ja inzwischen ihren Rücktritt erklärt, ist aber vor Ort im Pressebereich für Trackworlds2020 auf Instagram und Facebook unterwegs und wir haben uns bei dieser Gelegenheit einmal kurz mit ihr unterhalten. „Im Moment bin ich ganz entspannt, aber wenn die Mädels am Start stehen, wird das Gefühl ein anderes sein. Ein bißchen Wehmut dürfte angesagt sein, aber nach den vielen Jahren als aktive Sportlerin mit den vielen Erfolgen war es die richtige Entscheidung jetzt aufzuhören“, gab sie uns in ihrer stets sympathischen Art zu verstehen. 

Die Frauen aus Weißrussland machten mit der 4000 m Mannschaftsverfolgung den Anfang und es waren die Britinnen Elinor Barker, Katie Archibald, Eleanor Dickinson und Neah Evans, die als fünftes Team mit 4:11,871 Minuten eine starke Marke setzten, die von den US-Amerikanerinnen als achtes Team mit 4:11,229 Minuten in der Besetzung Jennifer Valente, Chloe Dygert, Emma White und Lily Williams sogar noch unterboten wurde. Für die deutsche Mannschaft in der Besetzung Franziska Brauße, Lisa Brennauer, Lisa Klein und Gudrun Stock, die zwischenzeitlich mit Bestzeit offensichtlich zu schnell unterwegs war und dann später völlig auseinanderfiel, langte es nur zu Platz 7 mit einer Zeit von 4:15,477 Minuten. Damit bleibt bestenfalls mit eher vagen Aussichten die Chance für den Kampf um Bronze bestehen.

Bei den Männern sorgte zunächst Japan für eine Überraschung, die mit 3:52,956 Minuten eine für ihre Verhältnisse sensationelle Zeit vorlegten. Aber die Briten in der Besetzung Edward Clancy, Ethan Hayter, Charlie Tanfield und Oliver Wood setzten danach gleich eine neue Bestmarke mit 3:50,341 Minuten, die sofort von den Franzosen Benjamin Thomas, Thomas Denis, Corentin Ermenault und Valentin Tabellion auf 3:49,558 Minuten verbessert wurde. Dann aber kam Dänemark, die mit Lasse Norman Hansen, Julius Johansen, Frederik Rodenberg Madsen und Rasmus Pedersen förmlich explodierten und mit sagenhaften 3:46,579 Minuten einen neuen Weltrekord (!) fuhren.

Die Deutschen in der Besetzung Felix Groß, Theo Reinhardt, Nils Schomber und Domenic Weinstein schlugen sich mit neuem deutschen Rekord von 3:50,304 Minuten ganz hervorragend, aber das reichte bei der äußerst starken Konkurrenz „nur“ zu Platz 6, dennoch blieb die Möglichkeit für den Lauf um die Bronzemedaille. „Wir sind mit dem neuen Rekord durchaus zufrieden. Er war notwendig, um in die Top Acht zu fahren und nun werden wir im Lauf gegen die Briten noch einmal alles geben und versuchen die 3:50 Minuten zu knacken“, äußerte sich Bundestrainer Sven Meyer verhalten optimistisch im Hinblick auf ein eventuelles Erreichen des kleinen Finals.  

Die Abendveranstaltung begann mit der offiziellen Eröffnung u.a durch den Präsidenten des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR) Rudolf Scharping, nachdem zuvor die Tanzgruppe „Berlin Show Dancers“ zur Einstimmung einige Kostproben ihres Könnens abgab. Für den Anfang des sportlichen Geschehens auf der Bahn sorgten dann die Frauen mit der Qualifikation im Teamsprint, für die 15 Nationen gemeldet hatten. Schnellste mit 32,461 Sekunden waren die favorisierten Russinnen Daria Shmeleva und Anastasiia Voinova vor den Chinesinnen Feifei Chen und Tianshi Zhong und den Australierinnen Kaarle McCulloch und Stephanie Morton, während die Deutschen Pauline Sophie Grabosch und Lea Sophie Friedrich 32,840 Sekunden benötigten und Fünfte wurden. Sie trafen damit  in der ersten Runde auf Kanada, die in der Qualifikation den vierten Platz belegt hatten.

Hier fuhr Pauline Sophie Grabosch mit Emma Hinze und ihre Zeit von 32,265 Sekunden war nicht nur schneller als die der Kanadierinnen, sondern es war die Bestzeit aller Teams und somit qualifizierten sie sich für das Finale um Gold gegen Australien! Und sie schafften es tatsächlich und schlugen in einem furiosen Finale die Australierinnen in 32,163 Sekunden und holten die erste Goldmedaille für den BDR, während Bronze an China ging, die die starken Russinnen niederrangen. War das ein Jubel im Rund des ansprechend gefüllten Velodroms und vielleicht ein Fingerzeig für die nächsten Tage, wo man vor allem am Wochenende mit gut gefüllten Zuschauerrängen rechnen kann. Alle drei Starterinnen haben damit endgültig für die Wachablösung der jahrelang dominierenden Kristina Vogel und Miriam Welte gesorgt und nun als nächstes die Olympischen Spiele in Tokio im Visier. „Von Lauf zu Lauf wurde es immer besser“, äußerte sich die überglückliche Pauline Sophie Grabosch, die mit diesem großen Erfolg nicht gerechnet hatte.

Unmittelbar nach dem Rennen konnte sie auch einige Freudentränen nicht vermeiden. Sie hat nach einer längeren Durststrecke wieder ein Leistungsniveau erreicht, das gemeinsam mit ihren Teamkameradinnen für die Zukunft noch einiges verspricht. „Wir sind drei schnelle Fahrerinnen, das kam uns heute entgegen“, sagte Lea Sophie Friedrich und war einfach nur glücklich, nachdem sie beim Finallauf nur von außen mitfiebern konnte. Kristina Vogel und Miriam Welte waren ebenfalls happy und freuten sich mit den Weltmeisterinnen. „Ich hätte nicht erwartet, dass es bei dieser Heim-WM schon mit dem Titelgewinn klappt“, gab auch die explosive Emma Hinze zu verstehen. „Das gibt Motivation für die kommenden Aufgaben“, fügte sie hinzu und alle Drei mussten sich den vielen Fragen der Journalisten stellen und bewiesen auch dabei ein großes Stehvermögen.

Im Teamsprint der Männer setzten zunächst die Australier Thomas Cornish, Nathan Hart und Matthew Richardson mit 42,996 Sekunden eine erste Bestmarke, die die Briten mit  Ryan Owens, Jack Carlin und Jason Kenny mit 42,471 Sekunden unterboten. An deren Zeit kamen die Deutschen Eric Engler, Stefan Bötticher und Maximilian Levy mit 43,140 Sekunden nicht heran und für sie blieb am Ende der 7. Platz übrig, der zum Erreichen der nächsten Runde ausreichte, aber schon deutlich machte, dass insgesamt für die Deutschen die Trauben recht hoch hängen werden. Den Höhepunkt bildete der Auftritt der Niederländer Roy van den Berg, Harrie Lavreysen und Matthijs Büchli, die sensationelle 41,987 Sekunden benötigten und nicht mehr zu schlagen waren.

Die Niederländer setzten dann noch einen drauf, fuhren in der ersten Runde mit Jeffrey Hoogland für Matthijs Büchli mit 41,275 Sekunden einen neuen Weltrekord, der von Deutschland mit 41,871 Sekunden seit 2013 gehalten wurde. Für die Deutschen reichten diesmal 43,144 Sekunden „nur“ zum letztlich 6. Platz, aber mehr hatte man auch vorher kaum erwartet. Im Finale um Gold ließen sich die Niederländer den Titel von Großbritannien nicht mehr nehmen und pulverisierten ihren Weltrekord nochmals auf phantastische 41,225 Sekunden, wobei Bronze an Australien ging, die Frankreich auf den undankbaren vierten Platz verwiesen.

Im Scratchrennen der Frauen über 10 km wurden die ersten Medaillen dieser WM vergeben und dieses Rennen begann recht verhalten, es galt zunächst das Rennen zu kontrollieren und dann im richtigen Moment einen eventuellen Vorstoß zu wagen. Der blieb aus und bei verschärftem Tempo in den letzten sechs Runden war es einmal mehr Kirsten Wild aus den Niederlanden, die aus führender Position und mit glänzender Übersicht ihren Gegnerinnen keine Chance ließ. Die Silbermedaille ging an die US-Amerikanerin Jennifer Valente, während die Portugiesin Maria Martins Bronze gewann und die junge Deutsche Lena Charlotte Reißner den 16. Platz belegte. Es war bereits der 7. Titel für Kirsten Wild bei Bahnweltmeisterschaften, welch herausragende Leistung der Grand Dame aus den Niederlanden, Chapeau!

Die erste Runde in der Mannschaftsverfolgung startete mit dem Duell Großbritannien gegen den deutschen Vierer, der zunächst klar führte und dann ebenso wie die Frauen in der Qualifikation völlig auseinanderfiel und den Sieg den Briten überlassen musste. Die zu knackenden 3:50 Minuten wurden dabei mit 3:53,577 Minuten klar verfehlt und mussten eigentlich nur Frust im deutschen Lager erzeugen. Der letztlich 7. Platz für das deutsche Team, die zu Dritt und dabei jeweils einzeln die Ziellinie überquerten, hat eindeutig für Ernüchterung gesorgt. Ganz anders dagegen die Dänen, die in ihrem Lauf gegen die Italiener ihren Weltrekord vom frühen Nachmittag noch einmal auf 3:46,203 Minuten verbesserten und damit im morgigen Finale um Gold gegen Neuseeland favorisiert sind. Es scheint so, dass ein weiterer Rekord möglich ist! Um Bronze fahren die eigentlich vorher favorisierten Australier gegen die starken Italiener, die als Unterlegene im Lauf gegen die Dänen mit 3:46,513 Minuten ebenfalls eine phantastische Zeit fuhren. 

Die Stimmung am ersten Tag im Velodrom war nicht nur aufgrund der siegreichen deutschen Teamsprinterinnen sehr gut, vielmehr wurden die vielen Weltklassezeiten vom fachkundigen Publikum gebührend honoriert. So kann es weitergehen, dann wird diese Weltmeisterschaft allen in bester Erinnerung bleiben.

Bericht: Bernd Mülle

Fotos: Arne Mill / frontalvision.com

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