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Haben Sechstagerennen noch eine Zukunft? Gent, Bremen und Berlin verbreiten Optimismus

 
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BM 28 Januar 2020

Sechstagerennen früher und heute, da hat sich im Laufe der Jahre doch vieles geändert. Ich verfolge die Sechstagerennen und den Radsport im allgemeinen seit vielen Jahren und die vielen Oldies unter den Radsportfans stimmen oft das legendäre „früher war alles besser“ an, doch das trifft nicht immer den Kern des Ganzen. Es war im Jahre 1896, als im New Yorker Madison Square Garden das erste Sechstagerennen gestartet wurde und dann auch in Berlin im Jahre 1909 in den Ausstellungshallen am Zoologischen Garten zum ersten Mal die Räder rollten. Damals sprach man noch von „Zweier-Mannschaftsfahren“, das seit je her als Kernstück der Sixdays gilt, wobei die Jagden zwar nicht schneller als heute waren, aber dafür um einiges länger.

Es gab darüber hinaus viele Wertungsspurts, die für die Punkte sorgten, die bei Rundengleichheit entscheidend waren. Daran hat sich bis heute nichts geändert, aber die Punkte werden jetzt durch viele Rahmenwettbewerbe wie Jagden, Dernyrennen, Einzel- und Mannschaftsausscheidungsfahren, Rundenrekordfahren vergeben. Dazu sind im Rahmenprogramm Rennen für Frauen angesagt, die Sprinter und Steher kommen auch zu Wort, so dass von den Sechstagefahrern heute weitaus weniger Kilometer zurückzulegen sind.

Die fuhren damals noch 145 Stunden, traditionell immer von Donnerstag um 22.00 Uhr bis Dienstag um 23.00 Uhr, wobei zwischen 6.00 Uhr früh bis 12.00 Uhr mittags Neutralisation herrschte, aber dennoch immer ein Fahrer einer jeden Mannschaft auf der Bahn sein musste, meist Zeitung lesend und locker mit einem Bein radelnd. Da wurden weit mehr als 3.000 km zurückgelegt im Gegensatz zu heute, wo die Profis etwas weniger als ein Drittel an Kilometern absolvieren. Das ist sozusagen „Schnee von gestern“ und heute nicht mehr vorstellbar. Im allgemeinen sind die Rennen heute schneller und spannend sind sie nicht weniger, aber es bleibt leider zu konstatieren, dass die Anzahl der Sechstagerennen in den letzten Jahren erheblich zurückgegangen ist. 

Beschäftigungen für Bahnprofis in diesem Bereich sind somit rar gesät, so dass etablierte Sechstagefahrer wie zum Beispiel der Belgier Moreno de Pauw keine andere Möglichkeit mehr sehen, als schon relativ frühzeitig ihre Karriere zu beenden. Wichtig wird sein, dass in nächster Zeit der geänderte UCI-Kalender vielleicht den Sechstageveranstaltern in die Karten spielt, denn über Nachwuchs braucht sich die Szene nicht zu beklagen, was gerade hier in Berlin deutlich zu spüren ist.

In Gent ist immer Radsport total angesagt, im Mutterland des Radsports findet heute eigentlich das am stärksten besetzte Sechstagerennen statt, in Bremen geben sich Sport und Show die Hand und die kurze Bahn von 166 m Länge verspricht spannenden Sport mit vielen Rundengewinnen. Hier haben die Veranstalter die richtige Mischung gefunden, die alte Traditionen mit Neuem verbindet. In Berlin wurde nach längerer Pause im Jahre 1997 das Sechstagerennen im neuen Velodrom wiederbelebt, als Heinz Seesing 17 Jahre Regie führte, den Staffelstab an Reiner Schnorfeil übergab, der dann die Sechstage-GmbH im Jahre 2015 an die britische Madison Sports Group veräußerte, die daraufhin eine sogenannte Sixday-Serie mit London, Amsterdam, Berlin, Kopenhagen und einem Finale auf Mallorca installierte.   

Davon sind heute nur noch London und Berlin übrig geblieben, während im letzten Jahr die Dreitagerennen in Melbourne, Hongkong, Manchester und Brisbane in die Serie aufgenommen wurden. Ob der Weg letztlich zu den Dreitagerennen führt und die Sechstagerennen aussterben? Man will es nicht hoffen und der Geschäftsführer Valts Miltovics gab in der heutigen Pressekonferenz zu verstehen, dass auf jeden Fall auch im nächsten Jahr in Berlin gefahren wird. „Nach dem guten Wochenende sind wir vor dem Schlussabend glücklich und zufrieden, vor allem auch mit dem sportlichen Verlauf. Wir sind stolz auf die Berliner Zuschauer, die für eine sensationelle Stimmung sorgen, wie man auch heute sehen kann. Letztendlich entscheiden sie ja, ob die Veranstaltung gelungen ist und dazu tragen auch die vielen  Sponsoren bei, die für eine recht bunte Fahrfläche gesorgt haben. Wir haben sogar schon Nachfragen weiterer Sponsoren für das kommende Jahr“, äußerte sich der Geschäftsführer hoffnungsvoll.

Eine Neuerung verkündete er auch noch: das Rennen wird vom 09. – 14. Februar 2021 stattfinden und damit erstmals in der Geschichte der Berliner Sechstagerennen von einem Dienstag bis zum Sonntag. Es wird spannend sein, wie das Publikum das annimmt und ob der Schlusstag dann auch als Familiensonntag veranstaltet wird. Auch James Durbin, der CEO der Madison Sports Group, bestätigte, dass Berlin weiterhin aufgrund seiner Tradition nicht aus dem Sechstagekalender wegzudenken ist, der in den nächsten sechs bis acht Wochen bekannt gegeben wird. Über einen weiteren Vertrag über 2021 hinaus soll wohl demnächst verhandelt werden, wobei an einen Zeitraum von 2022 bis 2027 gedacht wird. „Berlin wird im Rahmen der Serie das Aushängeschild neben London sein und es sollen auch wieder Rennen in den Monaten November, Dezember und Januar dazukommen“, gab James Durbin bekannt, ohne schon konkrete Beispiele nennen zu können. 

Man kann nach diesen Aussagen nur hoffen, dass der Fortbestand der Sixdays gesichert werden kann. Wenn dann noch die Fahrerfelder aufgewertet werden können und vielleicht bei einem Abend wie dem Hüttengaudi mal ein entsprechender Star wie zum Beispiel Andreas Gabalier engagiert wird, dann braucht man sich für die Zukunft keine Sorgen zu machen.

Der guten Ordnung halber sei zum Abschluss noch erwähnt, dass am morgigen Dienstag ein spannendes Finale zu erwarten ist. Die Dänen Marc Hester/Oliver Wulff Frederiksen führen nach der 5. Nacht nach Punkten vor den Österreichern Andreas Graf/Andreas Müller, während der Franzose Morgan Kneisky mit dem Berliner Lokalmatadoren Theo Reinhardt vor Wim Stroetinga/Moreno de Pauw (Niederlande/Belgien) mit jeweils einer Runde Rückstand folgen. Bei den Sprintern baute Maximilian Levy seine Führung weiter aus, im Sprint-Wettkampf der Frauen mit dem Sieg von Miriam Welte im Keirin führt Emma Hinze und bei den Stehern holte sich der Niederländer Reinier Honig den Gesamtsieg. 

Bericht: Bernd Mülle

Foto: Arne Mill / frontalvision.com

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Inhalt der Neuigkeit:
Rennbericht
Radrennen-Art:
  • Bahnradsport
  • Six Days
Name des Radrennens
Berliner Sechstagerennen
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