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Six Day Berlin: Kneisky & Reinhardt übernehmen Führung vor vollen Rängen

 
5.0 (3)
BM 27 Januar 2020

Nach zwei sportlich ansprechenden Nächten mit einer Steigerung der Zuschauerzahl laut Veranstalter auf 8.800 in der Freitagnacht, war nun der Samstag als Höhepunkt angesagt. Erstmals waren auch die in Berlin so beliebten Steher an der Reihe, die zum Ende der Veranstaltung noch einmal ein Highlight setzen sollten. Dabei stellte sich aber durchaus die Frage, ob die Zuschauer zum späten Zeitpunkt noch zahlreich vertreten sind, denn schon die ersten beiden Nächte zeigten deutlich, dass das zum Teil sehr fachkundige Publikum relativ wenig Stehvermögen hat. Schon gegen 22.00 Uhr verließen viele Besucher das Velodrom und das, obwohl die Veranstaltung sogar vor Mitternacht beendet war. Woran liegt das, musste man sich als alter Kenner der Szene fragen und fand darauf keine schlüssige Antwort. Statistisch gesehen soll die Altersstruktur stark gesunken sein, d.h. das Publikum ist erheblich jünger geworden. Ist es nur neugierig auf ein erhofftes Spektakel und geht dann hinterher noch in die Disco, wo die Party erst kurz nach Mitternacht beginnt?

Disco gibt es doch auch hier, wo der ehemalige Radprofi Marcel Barth, bekannt als „BallerBarth“, für tolle Stimmung sorgt. Allerdings wäre sein Auftritt im Innenraum aus unserer Sicht weitaus spektakulärer, um die Zuschauer „mitzunehmen“ und richtige Partylaune zu erzeugen. So sitzt er mehr oder weniger unerkannt im Bereich der Jury und der Moderatoren, eine etwas unglückliche Lösung, wobei er mit seiner Musikauswahl allerdings durchaus überzeugen kann. Auf jeden Fall ist die Einbeziehung des stets gut gelaunten Marcel als ein gelungener Schachzug zu betrachten.

Der sportliche Teil kam natürlich in dem früher als „Goldene Nacht“ bezeichneten dritten Tagesabschnitt nicht zu kurz und auch am Familiensonntag ging es hoch her. Zunächst stand der dritte Abend unter dem Motto „Hüttengaudi im Velodrom“ im Fokus und er begann nach zwei Punktefahren für die U 19 und die U 17 mit einem Madison der U 23 über 30 Minuten mit heißen Positionskämpfen, in denen es die Deutschen Laurin Drescher/Tim Torn Teutenberg gegen die internationale Konkurrenz aus Dänemark und den Niederlanden erneut schwer hatten. Sie konnten aber ihren dritten Platz in der Gesamtwertung hinter den Dänen Frederik Egehus/Marcus Sander Hansen und den Niederländern Yentl Ruijmgaard/Philip Heijnen behaupten und so die Spannung für die letzte Austragung am Sonntag aufrecht erhalten. 

Schon zu diesem frühen Zeitpunkt war die Halle gut besucht, die Youngster sorgten auch für die perfekte Einstimmung auf den Abend, der ein volles Haus versprach. In der U 19 lagen in der Gesamtwertung die Dänen Frederik Erringsö/Oliver Heine in Führung, nachdem die Deutschen Yannick Andrä/Domenick Wolf im Madison über 20 Minuten die Nase vorn hatten. Auch in der U 17, die mit dem Madison über die gleiche Distanz ihren Wettbewerb abschlossen, gab es spannenden Sport mit einem deutschen Team als Gesamtsieger: Luca Kasnya vom RSV-Team HOEB.ike und Nicolas Zippan vom RSV Königswusterhausen/Wildau dominierten unter sechs rundengleichen Teams mit der mit Abstand höchsten Punktzahl und das große Talent Nicolas Zippan war einfach nur happy nach dem Rennen. 

„Wir beide sind schon seit der U 13 Freunde, kennen uns gut und wurden durch den Bund Deutscher Radfahrer (BDR) für Berlin nominiert. Die Bahn habe ich weiterhin im Visier, wo ich meine Titel im Punktefahren, Madison und Mannschaftsverfolgung in diesem Jahr verteidigen möchte. Auch auf der Straße werde ich für den  BDR Einsätze fahren, u.a. die internationale Radjugendtour Oststeiermark“, äußerte sich Nicolas Zippan hoffnungsvoll zu den kommenden Aufgaben. Der sechste Platz in der Gesamtwertung war für die Berliner vom Marzahner RC 94 Felix Fleischmann/Paul Quabs auf ihrer Heimatpiste aller Ehren wert.

Für die Frauen, Sprinter und Sechstageprofis ging es dann Schlag auf Schlag vor -laut Veranstalter waren es 10.500 Zuschauer- ausverkauftem Haus. Das begeistert mitgehende Publikum erlebte rassigen Sport, der zum Teil mit Standing Ovations honoriert wurde. Die Britinnen Elinor Barker/Katie Archibald gewannen schließlich die Gesamtwertung, nachdem sie am letzten Tag sowohl das Scratchrennen durch Katie Archibald als auch das Madison gewannen. Bei den Sprintern setzte Maximilian Levy noch einen drauf, als er in allen drei Rennen (Rundenrekordfahren, Sprint und Keirin) siegreich war und seine Führung in der Gesamtwertung ausbauen konnte. Da konnten sich auch die Hauptakteure nicht zurückhalten und boten ihr Bestes in zwei Jagden, die Morgan Kneisky/Theo Reinhardt (Frankreich/Berlin) und die Dänen Marc Hester/Oliver Wulff Frederiksen gewannen. Letztgenannter Däne unterlag dann im Dernyrennen hauchdünn gegen einen entfesselten Andreas Müller aus Österreich, während der zweite Lauf hinter den kleinen Motoren von Theo Reinhardt beherrscht wurde, der Moritz Malcharek hinter sich ließ. Dessen Partner Bryan Boussaer aus Belgien – beide liegen an letzter Stelle der Gesamtwertung – verzeichnete ein erstes Erfolgserlebnis, als er das Punkterennen für sich entschied, während sein Landsmann Moreno de Pauw an der Seite des Niederländers Wim Stroetinga in der Mannschaftsausscheidung triumphierte. Am Ende des dritten Tages lagen mit Morgan Kneisky/Theo Reinhardt, Wim Stroetinga/Moreno de Pauw, Marc Hester/Oliver Wulff Frederiksen und den Österreichern Andreas Graf/Andreas Müller vier Paare rundengleich in Führung, die den Sieg am Dienstag unter sich ausmachen werden.

Erstaunlich war der letzte Wettbewerb des Abends: immer noch gut gefüllte Ränge verfolgten die sieben Steher, die erstmals bei den diesjährigen Six Day Berlin in Erscheinung traten. Das hatte es in den letzten Jahren so nicht gegeben, da waren die meisten Zuschauer schon auf dem Heimweg, aber am Samstag hatte das Publikum erstaunliches, einen Tag zuvor nicht vorhandenes, Stehvermögen und das hinterließ dann auch beim Geschäftsführer Valts Miltovics ein strahlendes Gesicht. Den Stehern mit dem Sieger Daniel Harnisch aus Leipzig vor Europameister Reinier Honig aus den Niederlanden konnte die Begeisterung der Zuschauer nur recht sein!

Nach kurzer Nacht ging es in den Familiensonntag, der für alle Beteiligten bei vollem Programm eine echte Belastungsprobe darstellte. Erneut guter Publikumszuspruch – die Veranstalter registrierten 9.700 Zuschauer - sorgte gleich zu Beginn für prächtige Stimmung, als die U 15 mit Temporunden den vierten Tag im Velodrom eröffnete. Die Sieger der beiden Läufe hießen Ben Burkhardt vom SSV Gera und Colin Rudolph vom RSV 54 Venusberg, der den starken Toni Holst vom SC Berlin auf Platz zwei verwies, während im Madison der U 19 die Dänen Frederik Erringsö/Oliver Heine siegten. Nach dem Scratchrennen der U 15 im Rahmen eines Omniums, das Niclas van der Heyden vom RC Luckau gewann, gab es den ersten Höhepunkt mit dem finalen Madison der U 23 über 40 Minuten mit einem mehr als dramatischen Verlauf, der leider durch einen Sturz der ambitionierten Youngster Laurin Drescher/Tim Torn Teutenberg (ESV Lok Zwickau/FC Lexxi Speedbike) beeinflußt wurde, die mit Nicolas Heinrich vom rad-net ROSE Team bei der Ablösung kollidierten. Ein notwendiger Radwechsel bei Laurin Drescher sorgte für ein weiteres Mißgeschick und so waren sie im Kampf um das Podium auf verlorenem Posten. 

Trotz starker Leistung von Tim Torn Teutenberg, dessen Vorstoß 50 Runden vor Schluss scheiterte, blieb am Ende für die beiden erst 17-jährigen Deutschen nur der undankbare vierte Platz in der Gesamtwertung hinter den zwei dänischen Paaren Frederik Egehus/Marcus Sander Hansen und Marckus Njor/Benjamin Hertz sowie  den Niederländern Yentl Ruijmgaard/Philip Heijnen übrig. Nachdem die letztlich Zweitplatzierten aus Dänemark erst 15 Runden vor Schluss den mitentscheidenden Rundengewinn realisieren konnten, ließen sich die Gesamtsieger mit einem fulminanten Endspurt den Sieg aber nicht mehr nehmen. Die jungen Deutschen waren natürlich enttäuscht, wenngleich sie gegen die überwiegend ältere Konkurrenz ein ganz hervorragendes Rennen lieferten. Für Tim Torn Teutenberg blieben am Ende nur schmerzende Schürfwunden an Ellbogen und Oberschenkel übrig. Ein großartiges Rennen lieferten auch die beiden Berliner Milan Henkelmann vom Berliner TSC und Elias Richter vom Marzahner RC 94, die letztlich auf dem fünften Platz landeten.

Das Hauptprogramm begann mit dem Frauensprint, wo die sympathische, mehrfache Weltmeisterin und Olympiasiegerin Miriam Welte ihr Abschiedsrennen bestreitet und sich vor allem mit ihren designierten Nachfolgerinnen wie Emma Hinze, Lea Sophie Friedrich und Pauline Grabosch noch einmal auseinanderzusetzen hatte. Nach ihrem überraschenden Rücktritt im September letzten Jahres hatte sie keine Möglichkeit mehr, sich gezielt vorzubereiten, wollte aber vor dem tollen Berliner Publikum für die jahrelange Unterstützung danke sagen und nutzte deshalb auch das Angebot vom Sportlichen Leiter Dieter Stein, hier ihre Abschiedsvorstellung zu geben.

„Mir fehlte im Training zuletzt die notwendige Motivation, so dass ich mich entschloß, den jüngeren Athletinnen Platz zu machen. Seit September war ich nicht mehr auf dem Bahnrad, da ich viele Termine wahrnehmen musste. Ich bin sicher, dass es die richtige Entscheidung war aufzuhören, trotzdem werde ich natürlich versuchen, Spaß zu haben und dafür werde ich auch mein Bestes geben“, gab Miriam Welte schon vor den Six Day Berlin bei einer Pressekonferenz zu verstehen. Unter den genannten Umständen durfte man von ihr keine Topleistungen erwarten und so kam sie gleich im ersten Wettbewerb, dem Rundenrekordfahren, nicht über den letzten Platz hinaus, als die Siegerin Emma Hinze hieß, die auch im Sprint dominierte. Im abschließenden Keirinrennen machte Emma Hinze dann mit einem langgezogenen Spurt den Hattrick perfekt und liegt damit in der Gesamtwertung klar in Führung vor Lea Sophie Friedrich. 

Für die Akteure der Klasse U 13 standen zwischenzeitlich noch 20 Temporunden auf dem Programm und unter 24 Startern konnte sich Aaron Bessau vom Marzahner RC 94 vor Vivian Burkhardt von der RSG Sprinter Fredersdorf und Niclas Look von der Equipe Velo Oberland als Sieger feiern lassen. Für die jüngste Leistungsklasse im lizenzierten Radsport war dieser Auftritt vor vollen Rängen ebenso ein Erlebnis wie für die Kiddies, die mit ihren Laufrädern eine Runde im Velodrom absolvieren durften. Insgesamt wurde für die Kleinen an diesem Sonntag u.a. mit Hüpfburg und einem ADAC-Parcours, wo es für die Schnellsten als Siegerpreis ein Fahrrad zu gewinnen gab, für reichlich Abwechslung gesorgt und auch ein Weltmeister wie Theo Reinhardt musste viele Autogrammwünsche erfüllen.

Der Familiensonntag fordert auch Sprinter und Sechstagefahrer mit vollem Programm, wobei letztere mit einer 30-minütigen Jagd begannen und dann zum Abschluss des Nachmittags noch einmal ein Madison über 45 Minuten bestritten, als bislang längste Distanz bei diesen Sixdays. Die erste Jagd gewannen mit den Tschechen Denis Rugovac/Ludek Lichnovsky vor den Deutschen Richard Banusch/Sebastian Schmiedel zwei Außenseiterpaare mit Rundenvorsprung, während es in der langen Jagd zum Abschluß des Nachmittags gleich den ersten Vorstoß der Österreicher Andreas Graf/Andreas Müller gab, denen Wim Stroetinga/Moreno de Pauw und die Briten Matthew Bostock/Andrew Tennant sofort folgten, um gemeinsam den ersten Rundengewinn dieser Jagd zu vollziehen. 

Das war der Startschuss zu einer wilden Jagd, in der am Ende das Favoritenpaar Morgan Kneisky/Theo Reinhardt siegte und die Führung in der Gesamtwertung vor den mit Ihnen in einer Runde liegenden Teams Marc Hester/Oliver Wulff Frederiksen und Wim Stroetinga/Moreno de Pauw übernahmen. Nur zehn Punkte trennen die drei Spitzenteams, während Andreas Graf/Andreas Müller mit einer Runde Rückstand folgen, aber mit einer kurz bevorstehenden Bonusrunde wieder mit den führenden Teams gleichziehen könnten. Beide Dernyläufe wurden von den Außenseitern Imerio Cima aus Italien und dem Deutschen Nils Weispfennig gewonnen, der Sieg in der Mannschaftsausscheidung ging an die Briten Matthew Bostock/Andrew Tennant und das Punkterennen sah den Australier Stephen Hall in Front.

Bei den Sprintern war im Rundenrekordfahren etwas überraschend Anton Höhne der Schnellste mit 12,879 Sekunden vor Maximilian Levy, der 12,910 Sekunden benötigte. Im Sprint drehte dieser dann den Spieß um und distanzierte Anton Höhne, während der Tscheche Tomás Babek im Keirin triumphierte. Damit behauptete Maximilian Levy weiterhin seine Führung in der Gesamtwertung vor Tomás Babek und Anton Höhne. Hier scheint Maximilian Levy auf seinen insgesamt 9. Sieg bei 14 Starts im Velodrom zuzusteuern.

Bericht: Bernd Mülle

Foto: Arne Mill / frontalvision.com

Inhalt der Neuigkeit:
Rennbericht
Radrennen-Art:
  • Bahnradsport
  • Six Days
Name des Radrennens
Berliner Sechstagerennen
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