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Volles Haus und exzellenter Sport sorgen in Gent für richtiges Sechstageflair

 
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BM 18 November 2019
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Mit einem spannenden Finale und dem ersten Sechstagesieg des Belgiers Robbe Ghys an der Seite seines erfahrenen Landsmannes Kenny de Ketele endete das in der heutigen Zeit wohl spektakulärste Sechstagerennen, das alljährlich im legendären `t Kuipke von Gent stattfindet. Die Verantwortlichen des Sechstagerennens führen dort die jahrelange, gute Arbeit des leider im April dieses Jahres verstorbenen Sechstagekaisers Patrick Sercu in seinem Sinne unverändert fort, in dem das sportliche Geschehen eindeutig im Vordergrund steht. Auch die diesjährigen Zesdaagse Vlaanderen-Gent, bereits die 79. Austragung, knüpften an die vergangenen Jahre nahtlos an und verlangten den Radstars so einiges ab. 

In keinem anderen Rennen wird derzeit ein so volles Programm für die Profis geboten wie im `t Kuipke, wo noch die alte Berliner Sportpalast Atmosphäre zu spüren ist. Jeden Abend Sport pur mit zehn bis zwölf Wettbewerben für die Protagonisten, die dem fachkundigen Publikum Rennen vom Feinsten bieten. So sollte es auch wieder in diesem Jahr sein, wo der erste Abend bei hervorragender Stimmung in der Halle gleich beim Punkterennen mit einem Sieg des Lokalmatadors Iljo Keisse an der Seite seines britischen Partners Mark Cavendish endete. Letzterer sorgte dann allerdings beim Rundenzeitfahren für eine Schrecksekunde, als er nach erfolgter Ablösung stürzte, dabei zwar keine ernsthaften Verletzungen erlitt, aber dennoch der Abend für ihn beendet war. 

Viel schlimmer erwischte es dagegen den jungen Belgier Gerben Thijssen, der beim Supersprint mit dem Dänen Oliver Wulff Frederiksen kollidierte und dabei schwer zu Fall kam. Nicht nur die Zuschauer waren ob des Sturzes geschockt, der Belgier musste bei Bewusstsein auf der Bahn behandelt werden, ehe er ins Krankenhaus kam, wo drei kleine Hirnblutungen sowie Rippenbrüche und der Bruch des Schlüsselbeins diagnostiziert wurden. Nach diesem Sturz wurden nach sieben gefahrenen Disziplinen die restlichen vier Wettbewerbe abgesagt und der Abend vorzeitig mit der Führung der Belgier Jules Hesters/Otto Vergaerde vor fünf rundengleichen Teams, darunter auch die deutschen Weltmeister Roger Kluge/Theo Reinhardt, beendet. 

In der folgenden Nacht bestimmten die Weltmeister das Rennen, als sie die 45-minütige Jagd gewannen und den Grundstein legten für ihre alleinige Führung in der Gesamtwertung. Auch Mark Cavendish war wieder dabei und überzeugte mit einem Sieg beim Dernyrennen, während durch den Ausfall von Gerben Thijssen und einer Erkrankung von Roy Pieters vorübergehend ein neues Team mit den Belgiern Jonas Rickaert und Moreno de Pauw gebildet wurde. Letzterer fuhr hier sein letztes Genter Sechstagerennen und wird sich zum Jahresende vom aktiven Sport zurückziehen, um sich mehr seiner kleinen Familie widmen zu können. Seine enorme Schnelligkeit unterstrich der sympathische Moreno de Pauw hier noch einmal beim 500 m Zeitfahren, das er an vier Abenden für sich entschied und auch das Rundenrekordfahren am letzten Tag noch einmal dominierte. 

Nach der dritten Nacht lagen sechs Mannschaften in einer Runde vorn, wobei Kenny de Ketele/Robbe Ghys mit einem winzigen Punkt vor den Niederländern Yoeri Havik/Jan-Willem van Schip und den unerwartet starken Jules Hesters/Otto Vergaerde das Feld anführten. Als einzige Mannschaft ohne Bonusrunde lagen Roger Kluge/Theo Reinhardt auf Platz sechs, da sie im Punktesammeln sich wenig hervortaten, aber in den Jagden immer eine tonangebende Rolle spielten. Der folgende Freitagabend war dem ehemaligen belgischen Sechstagekaiser Patrick Sercu gewidmet, der nicht weniger als 88 Sechstagesiege erzielt hatte, darunter allein 11 in Gent. Eine 60-minütige Jagd wurde ihm zu Ehren ausgetragen, nach der nur noch vier Teams an der Spitze übrig blieben und Kenny de Ketele/Robbe Ghys ihre Führung weiter behaupteten. Dazu reichte ihnen der zweite Platz in dieser Jagd hinter den Siegern Mark Cavendish/Iljo Keisse, die ihre Siegesansprüche erstmals eindrucksvoll untermauerten. 

Dagegen verloren die jungen Jules Hesters/Otto Vergaerde nicht weniger als drei Runden, da Jules Hesters mit Magenproblemen zu kämpfen hatte. So waren sie in der Samstagnacht nicht mehr zum Favoritenkreis zu zählen, wo sie sogar noch eine vierte Runde preisgeben mussten. Erstmals in Führung lagen nunmehr die Belgier Tosh van der Sande/Jasper de Buyst mit 238 Punkten vor Robbe Ghys/Kenny de Ketele mit 237 Punkten und Mark Cavendish/Iljo Keisse mit 224 Punkten. Die deutschen Weltmeister auf Platz vier hatten da erst 169 Punkte und so war klar, dass es für sie nur über einen zusätzlichen Rundengewinn gehen konnte. Ein Unterfangen, das gegen die geballte belgische Konkurrenz wie schon im Vorjahr fast aussichtslos, aber aufgrund ihrer überragenden Form nicht unmöglich schien. 

Ein spannendes Finale war für den Sonntagnachmittag prognostiziert und das einstündige Finale ließ dann auch nichts zu wünschen übrig. Vorher gab es noch eine besondere Einlage in Form eines Rekordversuches über 5000 m des Belgiers Victor Campenaerts, der nach seinem Stundenweltrekord nun auch eine weitere Bestmarke aufstellen wollte. Die wurde vor 38 Jahren von seinem Landsmann Dirk Baert erzielt und nun mit 5:51,003 Minuten um nicht weniger als 22 Sekunden von Victor Campenaerts unterboten. 

Dann ging es Schlag auf Schlag weiter und im Mittelpunkt standen zunächst Roger Kluge/Theo Reinhardt, die u.a. durch ihren Sieg im Supersprint noch eine Bonusrunde erzielten und mit 202 Punkten zu Beginn der Schlussjagd allein in Führung lagen. Obwohl die Bahn mit den engen Kurven für die Deutschen nicht unbedingt von Vorteil ist, boten sie doch an allen Tagen eine ganz hervorragende Leistung, beeindruckten mit ihrer Fahrweise und bestimmten das Rennen zu jeder Zeit mit. Sie konterten einen letzten Versuch von Mark Cavendish/Iljo Keisse, waren aber dann der Gegenattacke der beiden belgischen Teams nicht mehr gewachsen, die den alles entscheidenden Rundengewinn vollzogen und sich dann ein enges Duell um die Punkte lieferten. Im letzten Sprint war es dann Routinier Kenny de Ketele, der den schnellen Jasper de Buyst niederrang und den Sieg mit fünf Punkten Vorsprung für sein Team perfekt machte.

Wieder einmal ging in Gent ein rauschendes Finale zu Ende, das ganz nach dem Geschmack der einheimischen Zuschauer mit einem belgischen Doppelsieg endete. Hut ab aber auch für Roger Kluge und Theo Reinhardt, die sich gegenüber dem Vorjahr als Vierte nunmehr als Dritte aufs Podium platzierten und mit diesem Ergebnis überaus zufrieden sein konnten.

Noch ein Wort zum Programm der Frauen und der U 23: aus deutscher Sicht waren lediglich Lea Lin Teutenberg und ihr Bruder Tim Torn Teutenberg am Start, die sich aber gut verkauften. Unter den kritischen Augen ihres Vaters Lars Teutenberg erzielte Lea Lin im 120 Runden Punkterennen am Freitag, Siegerin Shari Bossuyt aus Belgien, ebenso wie im Omnium am Samstag einen guten vierten Platz, als die Siegerin Kirsten Wild aus den Niederlanden hieß. Für den erst 17-jährigen Tim Torn, der an der Seite des Dänen Arne Birkemose an allen sechs Tagen im Einsatz war, sprang am Ende ein ganz hervorragender zweiter Platz hinter den Briten Max Rushby/Alfie George heraus, die lediglich nach Punkten die Oberhand behielten. In der Finaljagd am Sonntag über 240 Runden boten Arne Birkemose/Tim Torn Teutenberg eine überragende Leistung, siegten vor den rundengleichen Briten, konnten dabei den Punkterückstand vor dem Finale (76 gegenüber 101 Punkte) nur um sechs Punkte reduzieren, verdrängten das zweite britische Paar Oliver Stockwell/Oscar Nilsson-Julien aber noch auf den dritten Platz. Mit Tim Torn Teutenberg wächst ein riesiges Talent heran, das dem Bund Deutscher Radfahrer (BDR) in Zukunft noch viel Freude bereiten dürfte.

Bericht: Bernd Mülle 

Fotos: Arne Mill / frontalvision.com

 

Inhalt der Neuigkeit:
Rennbericht
Radrennen-Art:
Six Days
Name des Radrennens
Lotto Z6sdaage Vlaanderen-Gent
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