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Maurice Ballerstedt: Vize-Europameister auf dem Weg nach oben

 
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BM 14 August 2019
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Was war das für ein Auftritt von Maurice Ballerstedt bei der Europameisterschaft im niederländischen Alkmaar? Der 18-jährige, im zweiten Jahr bei den Junioren unterwegs, hat bei der EM im Straßenrennen seinen hervorragenden Leistungen in dieser Saison die Krone aufgesetzt. Beim Einzelzeitfahren, das der Italiener Andrea Piccolo gewann, erzielte er zwar „nur“ den 9. Platz als bester deutscher Fahrer, aber beim Straßenrennen wurde er nur von Andrii Ponomar aus der Ukraine besiegt und holte sich damit die Silbermedaille vor Andrea Piccolo, der dieses Mal mit Bronze vorliebnehmen musste. Schon recht früh fuhr Maurice Ballerstedt mit seinem Teamkameraden Marco Brenner in einer siebenköpfigen Spitzengruppe, deren Vorsprung von rund 30 Sekunden nicht mehr eingeholt wurde. „Erst Rücken-, dann Bauchschmerzen, ich wollte schon aufhören“, bekannte der Berliner, der mit unglaublicher Energieleistung zwar den ausgerissenen Ukrainer nicht mehr stellen konnte, aber den Dreierspurt um Silber für sich entschied. 

Bei unserem Gespräch im Rahmen der Deutschen Bahnmeisterschaften hatte der selbstbewusste Fahrer des SC Berlin schon durchblicken lassen, dass er sich für die EM einiges vorgenommen hat. Ob nun im Einzelzeitfahren oder im Straßenrennen, eine Medaille sollte es schon sein, hatte er sich uns gegenüber geäußert, ohne dass er dabei überheblich wirkte. Aber dass er dann mit einem derartigen Paukenschlag aufwartet, das war nun doch nicht unbedingt zu erwarten, auch wenn die deutschen Junioren in diesem Jahr insgesamt schon im Nationencup, bestehend aus fünf Rundfahrten und drei Eintagesrennen, eine dominierende Rolle spielten. 

Wer ist dieser junge Mann eigentlich, wann hat er mit dem Radsport angefangen und wie sieht er seine vielversprechende Zukunft? Als Schüler hat er im Jahre 2010 beim RSV Blankenfelde mit dem Radsport begonnen, nachdem er zuvor andere Sportarten wie Fußball, Schwimmen oder Karate ausprobiert hatte. Die Eltern spielten dabei keine Rolle und setzten ihn auch nie unter Druck. „Zuerst lief es gar nicht so gut im Radsport, ich war nur Durchschnitt, aber es hat Spaß gemacht und meiner Entwicklung insgesamt gut getan“, äußerte sich Maurice Ballerstedt, der dann im Jahre 2015 zum SC Berlin wechselte und dort jetzt sein fünftes Jahr absolviert. „Zum SC Berlin geholt hat mich mein Freund Yannik-Marcel Stehlin, mit dem ich meine ersten Schritte gemeinsam beim RSV Blankenfelde unternommen hatte. Beim SC Berlin stimmt alles, was Training, Management und Material betrifft und so zog ich von Rangsdorf nach Grünau, habe gerade die Flatow-Oberschule abgeschlossen und absolviere bei meinem Verein ein einjähriges Praktikum. Meine derzeitigen Vereinstrainer sind Hans Scheibner und Markus Wähner, darüber hinaus ist jetzt auch Lennart Klein aus Köln für mich als Trainer zuständig, mit dem ich ständig in Kontakt bin“, fuhr der Berliner fort. Begeistert äußerte sich auch Hans Scheibner über das große Talent: „Maurice kann Rennen lesen, richtige Entscheidungen treffen und hat ein Auge für Rennsituationen“.    

30 Siege hat Maurice Ballerstedt in seiner bisherigen Laufbahn erzielt, darunter als bislang bedeutendsten den GP Luxembourg, wo er mit einem spektakulären Alleingang für Furore sorgte und die Äußerung von Hans Scheibner bestätigte. „Am Berg hatte sich eine sechsköpfige Spitzengruppe 40 km vor dem Ziel mit den beiden Deutschen Michel Heßmann und Marco Brenner abgesetzt, da schien der Zug für mich schon abgefahren. Ich fühlte mich aber gut, habe einfach noch einmal Gas gegeben und versucht, die Spitzengruppe zu erreichen, was mir gelungen ist. Die anderen zeigten sich in dem Moment  überrascht, so dass ich weiterfuhr und keiner mir folgte. Mit 1:05 Minuten Vorsprung vor dem Niederländer Hidde van Veenendaal erreichte ich im Alleingang das Ziel und meine Teamkameraden Michel Heßmann auf Platz 5 und Marco Brenner auf Platz 7 sorgten für ein tolles Ergebnis für uns. Einer für alle und alle für einen heißt unsere Devise, wo keiner ein Problem damit hat, wenn der andere siegt. Wir sind eine verschworene Gemeinschaft und verstehen uns prächtig“, gab uns Maurice Ballerstedt Einblick in die sehr gut harmonierende Juniorenauswahl des Bund Deutscher Radfahrer (BDR), die auch  deshalb in dieser Saison so herausragende Ergebnisse erzielt hat. 

Es läuft in diesem, seinem letzten Jahr bei den Junioren ausgezeichnet für Maurice Ballerstedt, der im Hinblick auf eine spätere Profilaufbahn im März und April bei Gent-Wevelgem mit einem guten 9. Platz und bei Paris-Roubaix auf Klassikerspuren unterwegs war. „Es war ein großes Gefühl, bei diesen Rennen am Start zu stehen, wo die Begeisterung der Fans riesengroß ist. So eine Atmosphäre habe ich noch nie erlebt“, war Maurice Ballerstedt mehr als beeindruckt. Nach einem zweiten Platz bei Eschborn-Frankfurt belegte er auch diesen Platz in der Gesamtwertung des Course de la Paix, wurde jeweils Dritter in der Gesamtwertung der LVM Saarland Trofeo mit einem Etappensieg sowie beim Einzelzeitfahren der Trophee Centre Morbihan in Frankreich und auch beim GP General Patton in Luxemburg. Das alles sind Ergebnisse, die aufhorchen lassen und so dürfte er für eine spätere Laufbahn als Profi für einige Rennställe interessant werden. „Durchstarten wie ein Remco Evenepoel ohne den Schritt in die U 23 wird es bei mir nicht geben, ich werde mich sukzessive entwickeln und vielleicht habe ich eine Chance in einem Development Team, um dann später ganz oben dabei zu sein und vielleicht ein Rennen wie Paris-Roubaix einmal zu dominieren. Das wäre ein lohnenswertes Ziel, das mir als Allrounder vorschwebt, mal sehen, wo letztlich die Reise hingeht“, gab er zu Protokoll, der lieber die internationalen Einsätze fährt als zum Beispiel die nationalen, die einfach von der Konkurrenz her nicht so stark einzuschätzen sind. „Das soll nicht überheblich klingen, aber stärkere Konkurrenz motiviert mich einfach noch mehr. Es ist wie im Training: ich trainiere zu 80% allein mit einem 36-37er Schnitt, mit dem die meisten nicht mithalten können, aber nur so kann ich meine Leistungen im Rennen dann auch steigern“, ist sich Maurice Ballerstedt sicher, dass er den richtigen Weg einschlägt. 

Viel Zeit bei seinen radsportlichen Aktivitäten bleibt für etwaige Hobbys nicht, aber da steht er in seinen Kreisen nicht allein da. „Die Einsätze in der Nationalmannschaft mit meinen tollen Kameraden machen einfach auch Spaß und ansonsten ist auch einmal Feiern mit Freunden im entsprechenden Rahmen angesagt. Dem Radsport ist derzeit alles untergeordnet und auch für meinen späteren, beruflichen Werdegang habe ich noch keine konkreten Vorstellungen“, ist er schon auf das nächste große Ereignis fokussiert. Er trainiert im Schnitt fünf Tage in der Woche jeweils drei bis fünf Stunden und hofft so auch bei der kommenden Straßenweltmeisterschaft Ende September in Yorkshire dabei zu sein, obwohl die Konkurrenz im eigenen Team schon sehr groß ist. Für den Berliner steht bei den Weltmeisterschaften aber eher das Straßenrennen im Fokus, wo er sich größere Chancen als beim Einzelzeitfahren ausrechnet.

Sein Vorbild ist Maximilian Schachmann, der einst als Junior im Jahre 2012 die Bronzemedaille im Einzelzeitfahren holte. Schafft Maurice Ballerstedt es ihm nachzueifern und auch als Junior bei einer WM in die Medaillenränge zu fahren? Es wäre ihm zu gönnen und die Voraussetzungen nach den bislang überzeugenden Leistungen sind durchaus gut. „Vor vier Jahren hätte ich nicht zu träumen gewagt, dass es so gut läuft. Ich bin super glücklich, gehe die weiteren Rennen ganz entspannt an, wenngleich man nie zufrieden ist und sich immer wieder neue Ziele setzt“, äußerte er sich abschließend. 

Mit Maurice Ballerstedt wächst ein Rennfahrer heran, der mit seinem Talent, seinem enormen Trainingsfleiß und dem dazugehörigen Glück es noch weit bringen kann. Der sympathische Berliner sollte für weitere Highlights in der Lage sein und dem deutschen Radsport noch viel Freude bereiten können. Wenn nichts Unvorhergesehenes passiert, sollte sich der vorgezeichnete Weg nach oben realisieren lassen.

Bericht: Bernd Mülle  

 

Fotos: Arne mill / frontalvision.com 

Inhalt der Neuigkeit:
  • Ausblick
  • Vorstellung
Radrennen-Art:
  • Bahnradsport
  • Straßenrennen
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