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Tour de France-Bilanz vor dem ersten Ruhetag nach der 10. Etappe

 
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BM 17 Juli 2019
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Nach der Dominanz des niederländischen Teams Jumbo-Visma in den ersten beiden Etappen in Brüssel, kam schon auf der dritten Etappe der Wechsel an der Spitze des Gesamtklassements. Kein Geringerer als der Franzose Julian Alaphilippe von Deceuninck-Quick Step, bislang mit nunmehr 11 Siegen auch noch Führender der Weltrangliste, trumpfte erstmals auf und fuhr sich ins Gelbe Trikot. Im Finale gelang ihm ein Alleingang, mit dem er 26 Sekunden Vorsprung ins Ziel rettete, nachdem eine fünfköpfige Spitzengruppe mit dem Belgier Tim Wellens von Lotto Soudal und vier Franzosen früh ausgerissen war und dann wie üblich kurz vor dem Ziel gestellt wurde, bevor dann Julian Alaphilippe zum Angriff blies. 

Ähnliches Bild am Tag danach, als der Schweizer Michael Schär vom CCC Team mit zwei Fahrern vom Wanty-Gobert Cycling Team, Frederik Backaert aus Belgien und Yoann Offredo aus Frankreich, gleich nach Beginn ausgerissen war. Nach langer Alleinfahrt wurden sie alle wieder eingefangen und im folgenden Massenspurt war es dann der Italiener Elia Viviani, der von seinen Teamkameraden von Deceuninck-Quick Step bestens unterstützt, die Ziellinie als Sieger überquerte. Es war eine riesige Genugtuung für den sympathischen Italiener, der noch beim Giro d´Italia ohne Sieg vorzeitig ausgestiegen war. Für sein Team war es bereits der 48. Saisonsieg und sein Teamgefährte Julian Alaphilippe verteidigte das Gelbe Trikot erfolgreich. „Der letzte Kilometer war schon chaotisch, aber Dank an Michael Mörköv und Maximiliano Richeze, die alles richtig gemacht haben“,  äußerte sich Elia Viviani überglücklich.

Die 5. Etappe nach Colmar führte die Fahrer schon durch die hügelige Landschaft der Vogesen. Von einer frühen, vierköpfigen Gruppe wieder mit dem kampffreudigen, das Bergtrikot des besten Kletterers tragenden Belgier Tim Wellens, der weitere Punkte für dieses Trikot herausfuhr, wurde als Letzter der Lette Toms Skujins von Trek-Segafredo vom Feld geschluckt. Ein letzter Ausreißversuch des Portugiesen Rui Costa vom UAE-Team Emirates scheiterte, bevor in einem auch von Maximilian Schachmann vorbereiteten Zielsprint sein Teamkamerad von BORA-hansgrohe Peter Sagan aus der Slowakei unwiderstehlich an allen Gegnern vorbeizog, die Etappe gewann und die Führung im Grünen Trikot weiter ausbaute. „Man braucht Geduld, dann kommt auch der Sieg. Danke an alle Teamkollegen, wir haben das Rennen kontrolliert von Anfang an. Manchmal brauchst du auch ein wenig Glück“, waren die ersten Worte des Slowaken nach dem Rennen. 

Hammerhart dann der folgende Tag, der nach La Planche des Belles Filles führte und mit einem Schlussanstieg endete. Eine 7 km lange, durchschnittlich 8,7 % steile Auffahrt auf 1.139 m Höhe, da war schon einmal für die Favoriten ein Abtasten angesagt, zumal schon vor dem Schlussanstieg einige Berge zu erklimmen waren. Die 6. Etappe über nur 160,5 km konnte somit schon eine Vorentscheidung im Hinblick auf das Gesamtklassement bringen, zumindest durfte sich keiner der Favoriten auf dieser Etappe eine Schwäche leisten. Mit dem Neuseeländer Patrick Bevin vom CCC Team, der nicht am Start erschien, verzeichnete die diesjährige Tour ihren ersten Ausfall. Eine 14-köpfige Spitzengruppe mit den Deutschen André Greipel vom Team Arkea Samsic, Nikias Arndt vom Team Sunweb und Nils Politt vom Team Katusha Alpecin bildete sich recht schnell mit zeitweise um die 8 Minuten Vorsprung. Zu ihr gehörte auch wieder der Belgier Tim Wellens von Lotto Soudal, der sein Auge weiter auf das Bergtrikot richtete und gleich weitere 10 Punkte an der ersten Bergwertung Le Markstein und nochmals später am Ballon d’Alsace holte.

Am Ende blieben drei Fahrer aus der ehemaligen Spitzengruppe mit dem Italiener Giulio Ciccone von Trek-Segafredo, den Belgiern Dylan Teuns von Bahrain Merida und Xandro Meurisse vom Wanty-Gobert Cycling Team übrig, die den letzten, bis zu etwa 20 % steilen Anstieg in Angriff nahmen. Dylan Teuns setzte sich von seinem letzten Begleiter Giulio Ciccone noch mit 11 Sekunden ab, der sich aber als neuer Träger des Gelben Trikots feiern lassen durfte, während als Dritter Xandro Meurisse noch etwas mehr als eine Minute verlor. Ein tolles Finale auch vom Briten Geraint Thomas vom Team INEOS, dem Franzosen Thibaut Pinot von Groupama-FDJ und von Julian Alaphilippe, die mit 1:44 bzw. 1:46 Minuten Rückstand auf den Plätzen 4 bis 6 einkamen, bevor mit weiteren fünf Sekunden Rückstand Emanuel Buchmann von BORA-hansgrohe die Ziellinie als Achter überquerte. 

Die 7. Etappe mit 230 km Länge war eine Etappe für die Sprinter und so begann sie wie gewohnt mit einer frühen Attacke durch die zwei Franzosen Yoann Offredo vom Wanty-Gobert Cycling Team und Stephane Rossetto von Cofidis, Solutions Credits, die nach 30 km bereits über 4 Minuten Vorsprung hatten, Berg- und Sprintwertungen unter sich ausmachten, um am Ende das übliche Schicksal zu erleiden und vom Hauptfeld geschluckt zu werden. Zumindest die Sponsoren konnten sich freuen im Rampenlicht zu stehen, bevor die beiden Helden des Tages ihre lange Flucht 12 km vor dem Ziel beenden mussten. In einem wieder faszinierenden Spurt gab es durch den Niederländer Dylan Groenewegen für das Team Jumbo-Visma bereits den dritten Tagessieg auf der längsten Etappe der diesjährigen Tour de France, der den Australier Caleb Ewan von Lotto Soudal und Peter Sagan auf die Plätze verwies. „Es war so hart und so eng, aber Caleb Ewan ist halt ein starker Sprinter. Ich habe gesehen, dass er kam, aber es hat gereicht“, waren die erste Worte des überglücklichen  Niederländers, der seinen insgesamt 4. Etappensieg bei der Tour herausfuhr. 

Genau 30 Kilometer weniger betrug die Distanz der 8. Etappe von Macon nach Saint-Etienne gegenüber dem Vortag, aber dafür mit 7 Bergwertungen eine sehr anspruchsvolle, zu der der US-Amerikaner Tejay van Garderen von EF Education First nicht mehr antrat, da er bei einem Sturz am Tag vorher einen Handgelenkbruch erlitten hatte, der ihn zur Aufgabe zwang. Die erste Attacke starteten der Belgier Thomas de Gendt von Lotto Soudal, der Niederländer Niki Terpstra vom Team Total Direct Energie und der US-Amerikaner Benjamin King vom Team Dimension Data, denen bald der Italiener Alessandro de Marchi vom CCC Team folgte. Zwischen drei und vier Minuten betrug ihr Vorsprung, bis Benjamin King und Niki Terpstra dem Tempo 65 km vor dem Ziel nicht mehr folgen konnten und zurückfielen. Der Niederländer hatte die einzige Sprintwertung des Tages vor Thomas de Gendt gewonnen, der sich seinerseits auf die Bergwertungen konzentrierte, die er alle gewann. Die letzte am Cote de la Jalliere nahm Thomas de Gendt allein in Angriff, als auch der Italiener nichts mehr zuzusetzen hatte, zurückfiel und eingeholt wurde. Als der Belgier auch diese Bergwertung gewann, waren es Julian Alaphilippe und Thibaut Pinot, die bei der Verfolgung auf Thomas de Gendt gemeinsame Sache machten. Chapeau, Thomas de Gendt, der sich mit einer Bravourleistung als Erster mit sechs Sekunden Vorsprung ins Ziel rettete, bevor Thibaut Pinot im Zweiersprint Julian Alaphilippe auf Platz drei verwies, wobei Letzterer sich aber dadurch das Gelbe Trikot zurückholte.

Nach vielen Attacken aus dem Feld heraus bildete sich auf der 9. Etappe von Saint-Etienne nach Brioude über 170 km nach etwa 16 Kilometern eine Gruppe von nicht weniger als 15 Fahrern, zu denen auch der Deutsche Tony Martin vom Team Jumbo-Visma gehörte, die schnell einen Vorsprung von mehr als 10 Minuten herausfuhren. Bewegung kam in diese Gruppe, als der Österreicher Lukas Pöstlberger von BORA-hansgrohe etwa 40 Kilometer vor dem Ziel mit neun Sekunden Vorsprung in Führung lag und das Hauptfeld sogar 11 Minuten zurücklag. Für den  Österreicher war es ein Versuch, der aber umgehend im Keim erstickt wurde. Die ursprüngliche Gruppe zersplitterte danach zusehends und zum Schluss blieben an der Spitze nur noch der Südafrikaner Daryl Impey von Mitchelton-Scott und der Belgier Tiesj Benoot von Lotto Soudal übrig, der dem Südafrikaner den Sieg überlassen musste. Zwischen 10 Sekunden für den Drittplatzierten Jan Tratnik von Bahrain Mérida und 7:24 Minuten für den 15. und Letzten der ehemaligen Spitzengruppe Tony Martin betrug am Ende der Rückstand, während das Hauptfeld mit den Favoriten erst mit 16:25 Minuten Verspätung das Ziel erreichte. Das Gelbe Trikot behielt Julian Alaphilippe ebenso wie Peter Sagan das Grüne Trikot, der mit 21:22 Minuten Rückstand als Letzter ins Ziel rollte. „In dieser Gruppe dabei zu sein, war nicht unbedingt beabsichtigt von mir, aber es lief zunächst ganz gut. Am Ende war ich ziemlich müde und es fehlte mir die Spritzigkeit“, war der nüchterne Kommentar von Tony Martin gegenüber den Journalisten. Am französischen Nationalfeiertag gab es zwar keinen Etappensieg eines Franzosen, aber als Entschädigung blieb zumindest die Führung in der Gesamtwertung in der Hand von Julian Alaphilippe.

Bevor die Fahrer am Dienstag den ersten Ruhetag einlegen können, ging es auf der 10. Etappe von Saint-Flour nach Albi über 217,5 Kilometer aus dem Zentralmassiv heraus. Ein zum überwiegenden Teil flaches Gelände mit vier Bergwertungen der Kategorien  3 und 4 ließ eine weitere Massenankunft der Sprinter erwarten und so gab es den für diesen Fall fast schon üblichen Verlauf mit einer frühen Ausreißergruppe. Bereits nach fünf Kilometer lösten sich fünf Fahrer aus dem noch 171-köpfigen Fahrerfeld, zu denen noch der Schweizer Michael Schär wenig später aufschließen konnte. Er fuhr gemeinsam mit den Franzosen Tony Gallopin von AG2R La Mondiale und Anthony Turgis vom Team Total Direct Energie, dem Norweger Odd Christian Eiking vom Wanty-Gobert Cycling Team, dem Dänen Mads Würtz Schmidt vom Team Katusha Alpecin und Natnael Berhane aus Eritrea von Cofidis, Solutions Credits einen Vorsprung von über drei Minuten heraus, aber im Feld ließen die Sprinterteams nicht viel mehr zu, so dass schließlich 25 km vor dem Ziel der Zusammenschluss mit dem aus etwa 50 Fahrern bestehenden Peloton erfolgte. Danach folgte ein spannendes Finale insbesondere auf Initiative des Teams INEOS mit Unterstützung von BORA-hansgrohe, die für eine enorme Tempoverschärfung bei gleichzeitiger Zersplitterung des Feldes unter starkem Windeinfluss sorgten, so dass längst nicht alle Favoriten vorn vertreten waren. Es war ein Rennen, das so nicht zu erwarten war und in der Gesamtwertung für einige Bewegung sorgte, da Fahrer wie Thibaut Pinot, der Däne Jakob Fuglsang vom Astana Pro Team, der Australier Richie Porte von Trek-Segafredo oder der Kolumbianer Rigoberto Uran von EF Education First Zeitrückstände in Kauf nehmen mussten. Ein toll aufgebauter Zug vom Team Sunweb für Michael Matthews reichte nicht für den Etappensieg, den der Belgier Wout van Aert vom Team Jumbo-Visma vor Elia Viviani und Caleb Ewan mit einem phänomenalen Sprint errang.

„Wir haben alles gegeben, man gewinnt aber nicht immer, dennoch können wir stolz sein, auf das, was wir geleistet haben“, bekannte Lennard Kämna vom Team Sunweb kurz nach dem Zieleinlauf und sein Teamkamerad Nikias Arndt ergänzte: „Es war eine superschwere Etappe vor dem Ruhetag, die besseren Sprinter waren halt schneller, obwohl wir eigentlich alles richtig gemacht“. Dagegen war der Berliner Maximilian Schachmann mit dem Verlauf der Etappe durchaus zufrieden, unabhängig davon, dass er mit 8:45 Minuten Rückstand ins Ziel kam. „Es war für uns ein guter Tag, was die Gesamtwertung mit Platz 5 für Emanuel Buchmann betrifft. Er ist in der Lage konstant zu fahren und so ist ihm noch einiges zuzutrauen. Bei mir wird es langsam besser, ich hoffe nach dem Ruhetag auf die kommende Woche“, äußerte sich Maximilian Schachmann durchaus optimistisch. Auch Emanuel Buchmann schaute zufrieden in die Runde, als er seinen vorläufigen 5. Platz in der Gesamtwertung vernahm: „Hört sich gut an der 5. Platz, wir haben heute gut gearbeitet und waren vorn dabei, wenn es wichtig war. Das Ziel bleiben die Top Ten und dafür sieht es jetzt ganz gut aus. Nach dem Ruhetag beginnt die Tour erst richtig für mich“, gab er den Journalisten zuversichtlich zu verstehen.

In Gelb fährt weiterhin Julian Alaphilippe, der mit Geraint Thomas und dem Kolumbianer Egan Bernal zwei Fahrer des Teams INEOS hinter sich weiß, die ihre Klasse einmal mehr unter Beweis stellten. Das Grüne Trikot trägt weiterhin Peter Sagan mit 229 Punkten, der Michael Matthews mit 62 und Elia Viviani mit 76 Punkten Rückstand hinter sich weiß. Die Nachwuchswertung wird von Egan Bernal angeführt, die Bergwertung dominiert Tim Wellens vor seinem Teamkameraden Thomas de Gendt und in der Mannschaftswertung liegt jetzt das Movistar Team in Führung. Auf eine interessante, weitere Woche nach dem Ruhetag dürfen sich die vielen Radsportfans schon jetzt freuen, wenn es in die Pyrenäen geht.

Bericht: Bernd Mülle

Fotos: Arne Mill (frontalvision.com), Serge W.

Inhalt der Neuigkeit:
Rennbericht
Radrennen-Art:
Rundfahrt
Name des Radrennens
Tour de France
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