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Deutsche Profis auf der Überholspur: Buchmann, Schachmann, Politt, Brennauer & Co. überzeugen

 
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BM 17 April 2019
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Im letzten Jahr wurde hierzulande die Deutschland-Rundfahrt wiederbelebt und das gewaltige Interesse bei den Zuschauern hat deutlich gemacht, dass der Radsport durchaus auch in unserem Land für Euphorie sorgen kann. Aber an Belgien, Frankreich, Italien, Spanien oder die Niederlande darf man dabei nicht denken, wo der Radsport einen ganz anderen Stellenwert genießt. Das hat mit vielerlei Dingen zu tun, die bei uns zum Beispiel das Installieren von Veranstaltungen immer mehr durch oftmals nicht nachvollziehbare Auflagen erschwert. Gerade auch hier in Berlin hat sich die Zahl der genehmigten Radrennen auf ein Minimum reduziert und die fehlende Lobby hat dabei viele Ursachen. Die Kommunikation mit der Politik, aber auch mit den Sicherheitsbehörden hat in den letzten Jahren oft nicht funktioniert bzw. wurde nicht gerade intensiv betrieben. Wie ist es sonst möglich, dass eine traditionelle Rundfahrt wie die Tour de Berlin im Jahre 2017 sang- und klanglos aus dem Veranstaltungskalender verschwunden ist? 

Gerade diese Rundfahrt für Fahrer der Klasse U 23 war für die Nachwuchsfahrer eine Plattform, von der sie den Absprung in die oberste Kategorie des Weltradsports, der UCI WorldTour, schaffen konnten. Das hat jetzt gerade eines der größten Radsporttalente aus unserer Stadt, der beim Marzahner RC 94 und dem SC Berlin groß gewordene Maximilian Schachmann bewiesen, der nach seinem schon recht erfolgreichen letzten Jahr beim belgischen Team Quick-Step Floors u.a. Etappensieger beim Giro d’Italia wurde und seine ersten drei Profisiege errang. Das hat er in der noch jungen Saison 2019 in seinem neuen Team BORA-hansgrohe noch toppen können mit seinen fünf Siegen, darunter allein drei Etappensiege bei der gerade beendeten Baskenlandrundfahrt und einem ausgezeichneten 10. Platz in der Gesamtwertung sowie dem Sieg in der Punktwertung. Noch im Jahre 2016 war er Zweiter der Gesamtwertung der Tour de Berlin hinter dem Franzosen Remi Cavagna und vor dem Dänen Kasper Asgreen sowie Nathan van Hooydonck aus Belgien, die alle heute ebenfalls in der WorldTour unterwegs sind!

Unabhängig der erschwerten Bedingungen in Deutschland haben sich neben Maximilian Schachmann zu Beginn der Saison aus deutscher Sicht noch weitere Radsportler prächtig in Szene setzen können und dabei im Ausland bislang beachtliche Erfolge erzielt. Das waren weniger die etablierten Fahrer wie Andre Greipel vom Team Arkea Samsic mit einem Etappensieg bei der La Tropicale Amissa Bongo, Marcel Kittel vom Team Katusha-Alpecin mit dem Sieg bei der Trofeo Palma, John Degenkolb von Trek-Segafredo mit seinem Etappensieg bei der Tour de la Provence und dem zweiten Platz bei Gent-Wevelgem oder Tony Martin vom Team Jumbo-Visma, sondern vielmehr die aufstrebenden, jüngeren Fahrer wie Pascal Ackermann und  Emanuel Buchmann von BORA-hansgrohe, Jasha Sütterlin vom Movistar Team und vor allem Nils Politt vom Team Katusha-Alpecin, die alle ihren Karrierehöhepunkt noch nicht erreicht haben. Auch ein Phil Bauhaus hat bei seinem neuen Team Bahrain Merida mit einem zweiten Etappenplatz bei der Katalonien-Rundfahrt hinter dem Australier Michael Matthews vom Team Sunweb für ein Achtungszeichen gesorgt. Dazu zählt auch der schnelle Max Walscheid vom Team Sunweb, der mit zwei zweiten Plätzen beim Scheldeprijs und auf der 1. Etappe der Santos Tour Down Under seine Klasse bewiesen hat.

Während Pascal Ackermann die Clasica de Almeria und die Bredene Koksijde Classic gewann, war Emanuel Buchmann Sieger der Trofeo Andratx-Lloseta und behauptete sich im Alleingang auf der 5. Etappe der Itzulia Basque Country, als er von Maximilian Schachmann das Führungstrikot nach taktisch ganz hervorragender Fahrweise übernahm. Die starken Teams Astana und UAE Emirates entrissen am letzten Tag der Rundfahrt dem Deutschen zwar die Führung in der Gesamtwertung, doch der 3. Platz hinter dem Spanier Ion Izagirre vom Astana Pro Team und dem Iren Dan Martin vom UAE-Team Emirates konnte sich mehr als sehen lassen.

Einen gewaltigen Sprung nach vorn hat der sympathische, gebürtige Freiburger Jasha Sütterlin gemacht, der als Helfer in den letzten Jahren im Team von Weltmeister Alejandro Valverde aus Spanien und dem Kolumbianer Nairo Quintana wertvolle Helferdienste geleistet hat. Bereits im Jahre 2014 gab er seinen Einstand bei den Profis und fährt seitdem ununterbrochen im Movistar Team. Einem ausgezeichneten 4. Platz beim Einzelzeitfahren bei der Tour de la Provence, folgten bei diversen Eintagesrennen in Belgien jetzt beeindruckende Leistungen, u.a. mit Platz 9 beim E3 BinckBank Classic, wo er gemeinsam mit Nils Politt an der Spitze des Feldes wiederholt in Erscheinung trat.

Der mit 1,92 m hochgewachsene Kölner Nils Politt hat in diesem Jahr den endgültigen Durchbruch in die Weltspitze des Profiradsports geschafft. Nach seinem ersten Sieg im vergangenen Jahr auf der 4. Etappe der Deutschland Tour hat er Mitte März bei Paris-Nizza mit seinem zweiten Platz im Einzelzeitfahren hinter dem Briten Simon Yates von Mitchelton-Scott ein erstes Ausrufezeichen gesetzt. Was er allerdings zuletzt bei den Rennen in Belgien und Frankreich abgeliefert hat, war Spitzenradsport erster Güte. Der 6. Platz beim E3 BinckBank Classic, der 5. Platz bei der Flandern-Rundfahrt und nun am vergangenen Sonntag die brillante Vorstellung bei Paris-Roubaix mit dem zweiten Platz hinter dem belgischen Sieger Philippe Gilbert von Deceuninck-Quick Step sprechen eine deutliche Sprache. Die nächste Generation deutscher Spitzenfahrer ist stark im Kommen, auch wenn noch ein Fahrer zu fehlen scheint, der einmal als Tour de France- oder Giro-Sieger in Erscheinung treten kann!?

Nicht unerwähnt dürfen auch die deutschen Frauen bleiben, die einige Topplatzierungen eingefahren haben. Zunächst war es Clara Koppenburg von WNT-Rotor Pro Cycling als Etappen- und Gesamtsiegerin der Setmana Ciclista Valenciana und auch ihre Teamkameradin Lisa Brennauer konnte als Etappensiegerin der Healthy Ageing Tour und mit Platz 8 bei der Flandern-Rundfahrt überzeugen. Eine bislang starke Vorstellung bot auch Lisa Klein von Canyon SRAM Racing mit dem Gesamtsieg der Healthy Ageing Tour und den 2. Plätzen dort im Einzelzeitfahren und auf der 1. Etappe sowie beim Eintagesrennen Danilith Nokere Koerse. Aber auch weitere Spitzenleistungen von Romy Kasper von Ale Cipollini mit dem 6. Platz beim Le Samyn und Platz 9 bei der Ronde van Drenthe sowie dem zweiten Platz hinter Mieke Kröger vom Team Virtu Cycling auf der 2. Etappe der Healthy Ageing Tour sollen nicht unerwähnt bleiben. Mit ihren erst 21 Jahren hat auch Liane Lippert vom Team Sunweb eine vielversprechende Zukunft noch vor sich, nachdem sie bereits im letzten Jahr drei Siege feiern und dabei die Gesamtwertung der Lotto Belgium Tour gewinnen konnte.

Die bislang äußerst erfreulichen Ergebnisse deutscher Profi-Radsportler-/innen lassen für die nächsten Wochen noch einiges erwarten und hoffen, dass sie sich weiterhin auf internationaler Ebene gut behaupten können. Für die Frauen gibt es vom 27. Mai bis 02. Juni 2019 mit der Internationalen Lotto Thüringen Ladies Tour das einzige Rennen in Deutschland, während bei den Männern mit Eschborn-Frankfurt am 01. Mai 2019 und den EuroEyes Cyclassics Hamburg am 25. August 2019 auch nur zwei Rennen im Rahmen der WorldTour stattfinden. Im Rahmen der Europe Tour finden hier allerdings mit Rund um Köln am 02. Juni 2019, der Deutschland Tour vom 29. August bis 01. September 2019 sowie dem Sparkassen Münsterland Giro am 03. Oktober 2019 noch drei weitere Rennen statt. 

Es bleibt zu hoffen, dass sich in unserem Land weitere Organisatoren finden, die trotz der enormen, bürokratischen Hindernisse wieder ein Radsportevent veranstalten. Für uns hier in der Bundeshauptstadt, wo fast wöchentlich Straßenfeste unter Polizeiaufsicht stattfinden, der Kurfürstendamm für Oldtimer mehrere Tage gesperrt wird und sogar schon Autorennen in der Stadt ausgetragen wurden, sollte es doch auch Platz für eine Radsportveranstaltung ohne unüberwindbare Hindernisse geben. Nur die kids-tour außerhalb von Wohngebieten kann es doch nicht sein, hier muss das Finale eindeutig auf dem Kurfürstendamm stattfinden! Das neue Präsidium des Berliner Radsport Verband e.V., das seine Arbeit mit Vehemenz aufgenommen hat, ist dabei gefordert, um auch darüber nachzudenken, wie die Tour de Berlin wieder aufleben kann. Rundfahrten hierzulande mit internationaler Beteiligung sind für unsere Nachwuchsfahrer dahingehend wichtig, dass sie umgekehrt auch Einladungen für ausländische Rennen erhalten und sich nicht nur im Nationalkader präsentieren können. Dann werden auch in Zukunft wieder Fahrer wie zum Beispiel Maximilian Schachmann oder Nils Politt ins Rampenlicht treten, die sich gerade bei der Tour de Berlin ihre ersten Sporen verdient haben.  

Bericht: Bernd Mülle     

Fotos: Arne Mill (frontalvision.com) 

Inhalt der Neuigkeit:
Rennbericht
Radrennen-Art:
Straßenrennen
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