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Roger Kluge und Theo Reinhardt verteidigen WM-Titel im Madison

 
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BM 04 März 2019
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War das ein Finale bei den Weltmeisterschaften in Pruszkow/Polen mit dem Madison über 50 km, das die Titelverteidiger Roger Kluge und Theo Reinhardt vom Bund Deutscher Radfahrer (BDR) auf der 250 Meter Piste hinlegten! Sie sorgten schließlich mit ihrer erfolgreichen Titelverteidigung noch für die heißersehnte Goldmedaille für den BDR, mit dessen Abschneiden bei diesen Titelkämpfen man durchaus zufrieden sein konnte. Mit zwei Silber- und drei Bronzemedaillen konnte man zwar den überragenden Niederländern (6x Gold, 4x Silber, 1x Bronze) und Australiern, die nur eine Silbermedaille weniger herausfuhren, nicht das Wasser reichen, aber im Jahr eins nach Kristina Vogel waren insgesamt sechs Medaillen dennoch ein Fingerzeig in die richtige Richtung. Hinzu kamen etliche gute Platzierungen der deutschen Athleten, die immerhin auf einen aus bekannten Gründen fehlenden Maximilian Levy verzichten mussten und auch noch auf Medaillengarant Joachim Eilers krankheitsbedingt nicht setzen konnten.

Äußerst fokussiert aber auch relativ locker gingen die Titelverteidiger Roger Kluge/Theo Reinhardt an den Start, wollten mal sehen, was geht, nachdem Roger Kluge gerade erst gut drei Stunden vor Beginn des Finales in Pruszkow von der UAE Tour aus Dubai angereist kam, wo er für den Sprinterzug für den Australier Caleb Ewan vom Team Lotto Soudal eine ganz wichtige Rolle spielte. Unter diesen Voraussetzungen legten sie sich keine Taktik zurecht, die auch aufgrund ihrer jahrelangen Erfahrungen nicht notwendig war. Einzig gute Beine waren erforderlich, ansonsten konnte man sich auf die beiden Berliner Jungs blind verlassen, die gerade in dieser Sechstagesaison in Gent und mit dem Sieg in Berlin dominant und weltmeisterlich aufgetreten waren. Die 200 Runden auf dem Lattenoval waren gespickt mit 20 Wertungen in jeder zehnten Runde und so war von Beginn an höchste Aufmerksamkeit geboten, um nicht schnell ins Hintertreffen zu geraten. 

Roger Kluge und Theo Reinhardt wollten sich hier positiv präsentieren und das gelang dann schließlich auch ohne gemeinsame Vorbereitung. Der erste Spurtsieg von insgesamt sieben (!) gelang ihnen erst nach 40 Runden, aber dann ging die berühmte Post ab und der erste Rundengewinn mit den Polen Wojciech Pszczolarski/Daniel Staniszewski gelang ihnen, nachdem die Polen nach 50 Runden einen Vorstoß fuhren, dem nur die Deutschen folgen konnten. In den Wertungsspurts gaben die Berliner nun eindeutig den Ton an und so mussten ihre schärfsten Kontrahenten Lasse Norman Hansen/Casper von Folsach aus Dänemark, Kenny de Ketele/Robbe Ghys aus Belgien und die Australier Leigh Howard/Cameron Meyer auf der Hut sein und den Fokus auf Rundengewinne richten. Aber nicht nur Roger Kluge mit guter Übersicht wusste zu überzeugen, auch sein kongenialer Partner Theo Reinhardt zeigte einmal mehr, dass aus ihm ein ganz starker Madisonfahrer geworden ist. Sie konterten die Rundengewinne der Konkurrenz souverän und machten mit dem dritten, eigenen Rundengewinn den Sieg perfekt. Nur die Dänen und die Belgier hatten ebenfalls drei Rundengewinne erzielt und mussten sich in dieser Reihenfolge mit den weiteren Podiumsplätzen zufrieden geben. Die hoch gehandelten Australier Leigh Howard/Cameron Meyer landeten nur auf dem undankbaren vierten Platz, nachdem sie zwischenzeitlich einmal den Anschluss verpasst hatten. Aber auch ein ebenfalls dritter Rundengewinn der Australier hätte die Deutschen nicht vom Thron stoßen können.  

Theo Reinhardt ließ seine niederländischen Kritiker, die ihn nach dem Rotterdamer Sechstagerennen unsachlich zerrissen hatten, mehr als verstummen und war an diesem neuerlichen Erfolg maßgeblich beteiligt. Vielmehr dürfte auch durch die überragenden Leistungen des Berliners in der abgelaufenen Sechstagesaison, wo er in der Saisonstatistik Platz 1 vor dem Niederländer Wim Stroetinga einnimmt, sein künftiger Marktwert erheblich gestiegen sein, so dass in Zukunft die Sechstageveranstalter sich darauf einstellen sollten, etwas tiefer in die Tasche zu greifen!

Bei aller Euphorie über die Goldmedaille der beiden Berliner dürfen die anderen deutschen Athleten nicht unerwähnt bleiben, denn auch sie zeigten zum Teil ganz hervorragende Leistungen. Eine Bronzemedaille von Stefan Bötticher im Keirin, wo er den Halbfinallauf mit taktisch ganz toller Fahrweise gewann und auch im Viertelfinale bzw. der 1. Runde jeweils seinen Lauf dominierte, unterstrich einmal mehr seine Klasse, die er auch im Teamsprint mit Timo Bichler und Maximilian Dörnbach mit Rang vier zeigte, während er im Sprint leider schon im Achtelfinale äußerst knapp und unglücklich gegen Nicholas Paul aus Trinidad und Tobago den Kürzeren zog. Im Kurzzeitbereich war noch Marc Jurczyk ein Lichtblick, der beim Keirin in der 1. Runde seinen Lauf gewann und dabei den Briten Jack Carlin und den späteren Weltmeister Matthijs Büchli aus den Niederlanden distanzieren konnte. Endstation war für ihn das Viertelfinale, wobei er aber als Achter im 1000 m Zeitfahren nochmals seine gute Entwicklung unter Beweis stellte. 

Während der BDR im Punkterennen und Scratch keine Starter stellen konnte, war der Berliner Moritz Malcharek nach zuletzt sehr guten Leistungen im Omnium am Start. Hier muss ganz klar konstatiert werden, dass die von ihm in Pruszkow gezeigten Leistungen nicht dem letztlich errungenen 16. Platz entsprachen. Bei starker Konkurrenz reichte es für ihn im Scratch nur zu Platz 21, um danach bei den Temporunden einen guten fünften Platz zu erzielen. Platz 12 im Ausscheidungsfahren und Platz 13 im Zwischenstand waren durchaus akzeptabel, um noch im abschließendem Punkterennen über 25 km zumindest einen einstelligen Rang zu erzielen. Aber ohne Rundengewinn und nur drei Punkten aus den Wertungsspurts war letztlich nicht mehr drin für den jungen Berliner, der dennoch ein gutes Omnium fuhr und in Zukunft noch alle Chancen für Topergebnisse haben wird. 

Bleibt noch bei den Männern die Einzelverfolgung und die Mannschaftsverfolgung und hier setzte insbesondere Domenic Weinstein ein dickes Ausrufezeichen, als er in der Qualifikation der Einerverfolgung mit 4:09,091 Minuten nicht nur auf Platz zwei hinter dem Italiener Filippo Ganna fuhr, sondern gleichzeitig auch einen neuen deutschen Rekord erzielte, der dazu führte, dass Bundestrainer Sven Meyer seinen Bart preisgeben musste. Auch die Zeiten der weiteren deutschen Starter Leon Rohde als 10. und Felix Groß als 11. konnten sich mit 4:19,838 bzw. 4:19,937 Minuten mehr als sehen lassen. Im Finale um Gold hatte Domenic Weinstein dann gegen Filippo Ganna keine Chance und unterlag deutlich mit mehr als vier Sekunden Rückstand. Die drei Genannten fuhren in der Mannschaftsverfolgung gemeinsam mit Theo Reinhardt in der Qualifikation in 3:57,276 Minuten auf Rang sechs, steigerten sich in der 1. Runde auf 3:56,897 Minuten beim Sieg über die Schweiz und konnten sich noch auf Platz fünf im Endergebnis verbessern. Zur absoluten Spitze in Gestalt der Australier, die mit 3:48,012 Minuten im Finale gegen Großbritannien einen neuen Weltrekord fuhren, ist es noch ein weiter Weg, aber zumindest die Olympiateilnahme 2020 sollte doch gesichert werden können. 

Die Frauen mussten erstmals bei einer Weltmeisterschaft auf ihr Aushängeschild Kristina Vogel verzichten, aber dennoch erzielten auch sie einige beachtenswerte Ergebnisse. Im Sprint zeigte die junge Lea Sophie Friedrich ein überragendes Rennen, als sie nur knapp im Kampf um Bronze gegen die Französin Mathilde Gros unterlag und einen ausgezeichneten vierten Platz belegte. In der Qualifikation hatte sie bereits mit 10,712 Sekunden die viertbeste Zeit erzielt, während die stärker eingeschätzte Emma Hinze mit 10,766 Sekunden Platz sieben belegte, später im Achtelfinale gegen die clevere Russin Anastasiia Voinova den Kürzeren zog und auch im Keirin vorzeitig im Hoffnungslauf ausschied. An der Seite von Miriam Welte aber konnte sich Emma Hinze im Teamsprint steigern und am Ende freuten sich beide über eine Bronzemedaille, als sie Mexiko distanzierten und nur den Australierinnen und den Russinnen den Vortritt lassen mussten. Für Miriam Welte war der 4. Platz im 500 m Zeitfahren (Dritte in der Qualifikation) dann nicht das Gelbe vom Ei, da sie hier Titelverteidigerin war und sowohl der Russin Daria Shmeleva als auch der Ukrainerin Olena Starikova und der Australierin Kaarle McCulloch unterlag. Einen guten siebten Platz im Finale erreichte hier Lea Sophie Friedrich, während Pauline Sophie Grabosch als 15. die Qualifikation nicht überstand. 

In den Wettbewerben Madison und Omnium war der BDR nicht am Start, während im Scratch die junge Franziska Brauße zum Einsatz kam, den sie auch voll und ganz rechtfertigte. Hinter so namhaften Gegnerinnen wie die Britin Elinor Barker, der Niederländerin Kirsten Wild, der Belgierin Jolien d’Hoore und der Französin Laurie Berthon sprang ein ausgezeichneter fünfter Platz für sie heraus, wenn auch überwiegend sturzbedingt zehn Fahrerinnen ausschieden. Im Punkterennen durfte man auf die routinierte Berlinerin Charlotte Becker hoffen, aber sie war gesundheitlich angeschlagen, so dass sie ihre berechtigten Chancen nicht wahrnehmen konnte und sogar vorzeitig ausschied. Auch in der Mannschaftsverfolgung mit Lisa Brennauer, Lisa Klein und Franziska Brauße lief es für Charlotte Becker nicht rund, so dass sie nach dem 6. Platz in der Qualifikation mit 4:24,568 Minuten durch Gudrun Stock, die ebenfalls angeschlagen war, in der 1. Runde ersetzt wurde, wo der Vierer sich gegen die USA zwar mit 4:21,252 Minuten steigern konnte, aber dennoch sich platzmäßig nicht mehr verbesserte. Im spannenden Finale um Gold siegten die Australierinnen mit 4:14,333 Minuten äußerst knapp mit 0,204 Sekunden Vorsprung gegen die Britinnen, die sich beide ein heißes Gefecht geliefert hatten, während Bronze an Neuseeland ging. 

Nach langer Durststrecke gab es aber in der Einzelverfolgung über 3 km gleich zwei Medaillen für den BDR. Nicht weniger als 19 (!) Jahre mussten vergehen, bis nach der Silbermedaille von Judith Arndt im Jahre 2000 wieder deutsche Fahrerinnen eine Medaille erringen konnten und dann gleich zwei. In der Qualifikation fuhr darüber hinaus als Zeitschnellste Lisa Brennauer mit 3:25,697 Minuten neuen deutschen Rekord und auch Lisa Klein als Dritte mit 3:27,670 Minuten sowie Franziska Brauße mit 3:31,252 Minuten als Siebte wussten zu überzeugen. Im Finale um Gold war Lisa Brennauer dann allerdings der Australierin Ashlee Ankudinoff relativ klar unterlegen, aber Silber für sie und Bronze für Lisa Klein, die die Neuseeländerin Kirstie James klar besiegte, zeigten einmal mehr die deutliche Aufwärtsentwicklung im Ausdauerbereich der Frauen. 

Spektakuläre Wettkämpfe sollten uns auch im nächsten Jahr bei der Weltmeisterschaft im Berliner Velodrom erwarten, wo dann hoffentlich die Zuschauerränge gut gefüllt sein werden. Man kann mit Sicherheit davon ausgehen, dass auch einige Berliner Lokalmatadoren für den BDR mit guten Aussichten am Start sein werden und allein deshalb lohnt es sich vor allem für das lokale Publikum, diesem besonderen Event beizuwohnen und für gute Stimmung zu sorgen. Die einen Monat vorher stattfindenden 109. Six Day Berlin sollten dabei auch als gute Einstimmung für das WM-Spektakel dienen.  

Bericht: Bernd Mülle        

Fotos: Arne Mill

> Fotos von der Bahn-WM 2019 auf frontalvision

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