Slavia Sofia vs. Rilski Sportist Samokow (2006)

Zeitreise 2006: Slavia Sofia als Abschluss der Balkan-Radtour

Levski Sofia gegen CSKA Sofia als Sahnehäubchen einer grandiosen rund 800 Kilometer langen Radtour durch den Balkan – das wäre es wohl gewesen! Bambule und Randale in bulgarischer Reinform nach zwei Wochen weitgehender Ruhe, Stille und Abgeschiedenheit. Die bulgarischen Behörden machten jedoch einen Strich durch die Rechnung und verschoben im September 2006 kurzerhand das Sofia-Derby auf einen Termin, an dem wir bereits wieder zurück in Deutschland waren.

bulgarisches Polizeifahrzeug
bulgarisches Polizeifahrzeug

Da war nix zu machen! Was uns blieb? Das Erstligaduell Slavia Sofia vs. Rilski Sportist Samokov im Stadion Aleksandar Shalamanov am 16. September 2006. Eine soooo schlechte Hausnummer war auch jene Partie nicht, wenngleich es keine große Kulisse und sportlich eine dürftige 0:1-Nummer zu sehen gab. 

Erfrischungspause
Erfrischungspause

Ich liebe Rückblicke. Und damit ich manches besser auf dem goldenen Tablett serviert bekomme, trug ich mich vor ein paar Monaten in der futbology-App ein und hämmerte rund 1.500 Fußballspiele, die ich noch im Geiste zusammen bekam, in der persönlichen Datenbank ein.

Polizei am Wegesrand
Polizei am Wegesrand

Der tagelange Aufwand hatte sich gelohnt! 16.09.1992: 1. FC Köln gegen Celtic. 16.09.1995: Hertha BSC vs. VfL Bochum. 16.09.2000: Ein Jugendturnier im Nationalstadion von Ulaanbaatar. 16.09.2012: BSC Marzahn vs. Lichtenrader BC. 16.09.2016: BFC Dynamo vs. FSV Wacker Nordhausen. 16.09.2017: FC Viktoria 1889 Berlin vs. SV Babelsberg 03. Und dazwischen am 16.09.2006 das besagte Heimspiel von Slavia Sofia.

unterwegs in Bulgarien
unterwegs in Bulgarien

Ich nahm die Gelegenheit wahr und stöberte ein wenig in den im Herbst 2006 aufgenommenen Fotos. Zweimal ging es damals auf den Balkan. Im September 2006 erfolgte mit dem Rad die Tour vom ungarischen Szeged aus über Serbien, Rumänien und nochmals Serbien bis hinunter nach Bulgarien, wo Kjustendil das Ende der eigentlichen Radtour und Sofia das Ende der gesamten Reise bildeten. Im November 2006 folgte eine weitere Tour mit Auto und Fahrrad durch Bulgarien, Mazedonien, Griechenland und Türkei bis ans Schwarze Meer.

mit dem Fahrrad unterwegs auf dem Balkan (2006)
mit dem Fahrrad unterwegs auf dem Balkan (2006)

Der Sinn des Ganzen? Ich arbeitete damals die möglichen Routen für den europäischen Fernradwanderweg Iron Curtail Trail (Abschnitt Ostsee bis Schwarzes Meer) aus – und im Nachhinein betrachtet war dies schlichtweg ein grandioser Auftrag!

mit dem Fahrrad unterwegs auf dem Balkan (2006)
mit dem Fahrrad unterwegs auf dem Balkan (2006)

Was für ein geiles Abenteuer! Zwar hatte man im Gegensatz zu früheren Reisen in den 90ern ein Handy dabei, aber halt kein Smartphone. Die Orientierung und Planung der Route erfolgte allein mit Hilfe des mitgenommenem Kartenmaterials aus Papier. Vorn am Lenker hinein in die Folie – und ab ging’s!

mit dem Fahrrad unterwegs auf dem Balkan (2006)
mit dem Fahrrad unterwegs auf dem Balkan (2006)

Von Horgoš aus ging es anfangs über Kanjiza und Kikinda nach Vrsac und Bela Crkva. Wir übernachteten in Hotels, die den alten Charme Jugoslawiens verströmten, waren abseits der Touristenpfade die einzigen Gäste, erlebten vor allem in Serbien eine unglaubliche Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft und erfreuten uns an all den kleinen Dorfläden und urigen Einkehrmöglichkeiten. 

ein kleiner Kiosk in Serbien
ein kleiner Kiosk in Serbien

Hier eine Cola, dort ein Bier – am Abend ließen wir es kulinarisch krachen und bestellten Fleisch- und Čevap-Platten. Stießen wir am Wegesrand auf einen Sportplatz, fertigten wir selbstverständlich Fotos an. Gab es im Hotel XY einen Rechner zur allgemeinen Nutzung, informierten wir uns über das sportliche Geschehen in der Heimat. 

FK Slavia gibt es viele in Serbien ...
FK Slavia gibt es viele in Serbien …

Während wir zu zweit an der Donau entlang der serbisch-rumänischen Grenze radelten, wurde in heimatlichen Gefilden die erste Runde des DFB-Pokals 2006/07 ausgetragen. Westfalia Herne musste sich dem FC Erzgebirge Aue denkbar knapp mit 1:2 geschlagen geben, und ja, welch eine Schande, dass kürzlich das Dach der Haupttribüne abgerissen wurde. Rot-Weiss Essen konnte damals den FC Energie Cottbus mit 1:0 schlagen, und der F.C. Hansa Rostock verlor beim SV Babelsberg 03 mit 1:2. Ebenfalls am Start waren die Amateure von Hansa Rostock, und diese kamen gegen den FC Schalke 04 immerhin nicht zweistellig unter die Räder. 1:9 lautete der Endstand vor 3.500 Zuschauern im Ostseestadion. Ehre, wem Ehre gebührt! Der 1984 in Rostock geborene Robert Franke erzielte damals den zwischenzeitlichen 1:5-Anschlusstreffer.

Zwischenstopp ...
Zwischenstopp …

19 Jahre liegt das Ganze nun bereits zurück – und ich befand mich quasi noch in meiner zweiten Findungsphase. Nach dem Schiffbruch auf einem Segelboot bei Windstärke 11 und meterhohen Wellen im November 1999 und dem zerplatzten Lebenstraum, die Welt zu umsegeln, musste ich im Neuen Jahrtausend neue Wege finden. Ich studierte ein paar Semester an der HU, fuhr mit der Transsibirischen Eisenbahn zweimal durch Asien und machte mich 2004 schließlich selbständig. 

mit dem Fahrrad unterwegs auf dem Balkan (2006)
mit dem Fahrrad unterwegs auf dem Balkan (2006)

Nach den wilden Jahren in den 90ern im Rheinland und im Osten kam ich Anfang der Nuller Jahre fußballtechnisch erst wieder langsam in die Spur. Manche Entwicklungen im Profifußball behagten mir nicht und ich sehnte mich zurück in die verrückte Ära kurz nach dem Mauerfall. Allerdings wurde ab 2004/05 wieder langsam Fahrt aufgenommen. Die erste eigene Digitalkamera wurde gekauft, und im eigenen Forum wurden stolz die Fotos und kurzen Berichte im World Wide Web präsentiert. Logisch, dass damals vor Ort auf dem Balkan von den Internetcafés aus ein paar top aktuelle Beiträge vom Stand der Dinge ins Netz gestellt wurden.

Zu Gast beim FK Rajac
Zu Gast beim FK Rajac

Viele Grüße aus dem serbischen Rajac! Während wir – ich hatte mir am Abend zuvor etwas den Magen verstimmt – in Grenznähe zu Bulgarien eine einsame Landstraße entlang strampelten, wurden wir auf das Treiben auf einem kleinen gemütlichen Sportplatz aufmerksam. Der FK Rajac hatte gerade ein Heimspiel, und wir ließen uns nicht lange bitten. Ein paar Neugierige hatten ihre Räder an den Zaun gelehnt, und jemand verkaufte vom Klapptisch aus ein paar Getränke. Wäre ich nicht so angeschlagen gewesen, hätten wir auch einmal dem dortigen Restaurant einen Besuch abgestattet. Ein „Jelen Pivo“ geht schließlich immer. Außer, am Abend zuvor war irgendwas mit dem Essen nicht in Ordnung!

Zu Gast beim FK Rajac
Zu Gast beim FK Rajac

Mehr Glück hatten wir auf der Radtour nicht. Zwar stießen wir noch auf den einen oder anderen Sportplatz, doch ließ die Spielpläne keine weiteren Zufallstreffer zu. Wie gesagt, vor 19 Jahren war nix mit einem Smartphone – und zudem war der unterklassische Fußball in Serbien und Bulgarien so gut wie gar nicht im Netz zu finden.

ein Fußballplatz in der serbischen Provinz
ein Fußballplatz in der serbischen Provinz

Über die serbischen Städte Knjazevac und Pirot führte unsere Route ins serbische (!) Dimitrovgrad, von dem aus es mit der Bahn rüber nach Bulgarien gehen sollte. Das Fahren entlang der Hauptstraße nach Dragoman war damals definitiv zu gefährlich, und somit hievten wir die beiden Räder in den D-Zug und hofften auf Verständnis des Schaffners. Ein Gepäck- oder Rad-Abteil gab es nicht, und somit standen die Drahtesel im schmalen Gang. Leider wurde irgendwann diese Zugverbindung – wie so viele andere – eingestellt. 

unterwegs in Bulgarien
unterwegs in Bulgarien

Vom abends arg gruselig wirkenden Dragoman aus ging es durch verwegene bulgarische Dörfer bis hinunter nach Kjustendil, wo zwei Monate später die Tour in Richtung Schwarzes Meer fortgesetzt wurde. Für uns hieß es erst einmal eine Nacht die Beine hoch im sehr schmucken Kjustendil – und dann ging es im modernen Regionalzug in die bulgarische Hauptstadt Sofia.

Stadion von Levski Sofia
Stadion von Levski Sofia

Wie bereits eingangs erwähnt, wurde es mit dem angepeilten Besuch des Sofia-Derbys Dank der bulgarischen Polizei und Behörden nichts. Stattdessen führte uns der Weg in die altehrwürdige Spielstätte des 1913 ins Leben gerufenen PFK Slavia Sofia. Ich zitiere an dieser Stelle gern Wikipedia: „Der Verein wurde am 10. April 1913 unter gleichzeitiger Fusion mit den Vereinen ‚Botew Sofija‘ und ‚Raswitie Sofija‘ von jungen Leuten in einem Kaffeehaus in der bulgarischen Hauptstadt als erster professioneller Klub unter dem Namen ‚SK Slawija Sofija‘ gegründet.“

Slavia Sofia vs. Rilski Sportist Samokow (2006)
Slavia Sofia vs. Rilski Sportist Samokow (2006)

Wer beim Namen des 1930 eröffneten Slavia-Stadions ein wenig überrascht ist: Im Oktober 2021 benannte Slavia Sofia das Stadion nach der kurz zuvor verstorbenen Vereinslegende Aleksandar Stefanow Schalamanow. Von 1962 bis 1974 absolvierte er bei Slavia Sofia 263 Spiele und erzielte als Verteidiger immerhin zehn Treffer.

Slavia Sofia vs. Rilski Sportist Samokow (2006)
Slavia Sofia vs. Rilski Sportist Samokow (2006)

Und ja, man staune! Immerhin siebenmal wurde Slavia Sofia bulgarischer Meister (1928, 1930, 1936, 1939, 1941, 1943, 1996) und zweimal wurde der bulgarische Pokal geholt (1996 und 2018). Dass Slavia zu sozialistischen Zeiten andere Namen trug, werden viele sicherlich vermuten. Und richtig, so hieß der Club unter anderen Anfang der 50er Jahre „GUTP-DSO Udarnik Sofija“. Den größten Erfolg auf europäischer Bühne gab es 1966/67 im Europapokal der Pokalsieger, als erst im Halbfinale Schluss war. Zweimal mit 0:1 musste man sich den Glasgow Rangers geschlagen geben. Einen deutschen Gegner gab es bislang einmal, im September 1972 spielte Slavia Sofia gegen den FC Schalke 04 1:2 und 1:3.

Slavia Sofia vs. Rilski Sportist Samokow (2006)
Slavia Sofia vs. Rilski Sportist Samokow (2006)

Am Ende der Saison 2006/07 wurde Slavia Sofia immerhin Tabellenfünfter, an der Tabellenspitze fochten Levski und CSKA mal wieder einen Zweikampf aus, bei dem letztendlich Levski mit fünf Punkten Vorsprung die Nase vorn hatte. Der 1947 gegründete PFK Rilski Sportist Samokow, der am 16. September 2006 zu Gast bei Slavia Sofia war, musste als Aufsteiger wieder absteigen. Bis heute blieb es bei den beiden einzigen Erstliga-Spielzeiten 2002/03 und 2006/07.

Slavia Sofia vs. Rilski Sportist Samokow (2006)
Slavia Sofia vs. Rilski Sportist Samokow (2006)

Wie an jedem Tag unserer Balkan-Tour schien auch am Spieltag bei Slavia die Sonne, und wir drehten im weiten Rund eine ausgedehnte Runde, als wir nach zwei Wochen urplötzlich neben uns die erste deutsche Stimme vernahmen. „Seid Ihr auch Hopper?“ – „Wat? Sind wir nicht!“ Wir gingen wieder rüber zur Haupttribüne, holten uns ein paar übliche Sonnenblumenkerne und beobachteten das Spielgeschehen und die Zuschauer.

Slavia Sofia vs. Rilski Sportist Samokow (2006)
Slavia Sofia vs. Rilski Sportist Samokow (2006)

Die Kost war mager, das Spiel ging vor geschätzten 500 Fußballfreunden 0:1 aus, doch fühlte ich mich nach jenem Tag – nach jener Tour – wieder mehr zurück im (Fußball-)Leben. Jene Balkan-Tour gab enormen Antrieb. Privat und beruflich. Folge dieses Antriebs war unter anderen zwei Jahre später die Eröffnung der Fußballrubrik von turus.net! Dobrodošli! Idemo!

Slavia Sofia vs. Rilski Sportist Samokow (2006)
Slavia Sofia vs. Rilski Sportist Samokow (2006)
mit dem Fahrrad unterwegs auf dem Balkan (2006)
mit dem Fahrrad unterwegs auf dem Balkan (2006)

Fotos: Marco Bertram, privat / turus-Archiv

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

3 Kommentare zu „Zeitreise 2006: Slavia Sofia als Abschluss der Balkan-Radtour“

  1. Hallo gesagt,

    die Schilderungen gefallen mir sehr, eine wunderbare Vorstellung auf diesem Wege die Länder der Balkanregion zu erkunden. Sehr gern mehr davon.

    Lieben Gruß
    Josefine

Nach oben scrollen