„Kommste rüber? Ein Länderspiel steigt bei uns im Stadion der Freundschaft!“, fragte mich Jan, der in Frankfurt (Oder) aufwuchs und als kleiner Knirps bereits die Heimspiele des FC Vorwärts Frankfurt besucht hatte. Hinter mir lag gerade eine vierwöchige Reise quer durch Irland und der Alltag am VHS-Kolleg in Berlin-Schöneberg hatte mich wieder voll in Beschlag genommen. Da zudem in einer Scheune vor den Toren Berlins die Arbeiten an zwei acht Meter langen Segelbooten intensiviert wurden, nahm die Zahl der besuchten Fußballspiele zu jenem Zeitpunkt deutlich ab. Das U21-Länderspiel Deutschland vs. Portugal lockte jedoch, und es sollte nach dem Freundschaftsspiel zwischen der Frankfurter Viktoria und Borussia Mönchengladbach mein zweiter Besuch im Stadion der Freundschaft in Frankfurt (Oder) sein.

Apropos zwei. Das am 12. Juli 1953 mit dem Freundschaftsspiel SV Dynamo Frankfurt vs. Gwardia Kraków eingeweihte Stadion der Freundschaft war Schauplatz von zwei Länderspielen der Nationalmannschaft der DDR. Am 9. Oktober 1974 bekamen rund 2.000 Zuschauer das Heimspiel gegen Kanada zu sehen, immerhin 6.000 Zuschauer waren es am 17. April 1985 beim Duell DDR vs. Norwegen.
Deutlich mehr Zuschauer waren es am 18. September 1974, als der drei Jahre zuvor von Ost-Berlin nach Frankfurt (Oder) umgezogene FC Vorwärts im UEFA-Pokal gegen den italienischen Vertreter Juventus Turin spielte. Dank einer extra errichteten Zusatztribüne waren es 20.000 Fußballfreunde, die den grandiosen 2:1-Sieg des FC Vorwärts Frankfurt (Oder) gegen die „Alte Dame“ bestaunen und bejubeln durften. Gerd Schuth erzielte nach nur drei Minuten den 1:0-Führungstreffer, und nach dem zwischenzeitlichen Ausgleich durch Fabio Capello war es Horst Krautzig, der in der 74. Minute (!) das historische Tor zum 2:1 schoss.
Anfang der 1980er Jahre gab es noch weitere Europapokal-Schlachten zu sehen, die in meinem Fußballroman über den FC Vorwärts Berlin / Frankfurt (Oder) beschrieben sind. Gegner waren Ballymena United, der VfB Stuttgart, der SV Werder Bremen, Nottingham Forest und der PSV Eindhoven.

In den 90er Jahren gab es im altehrwürdigen Stadion der Freundschaft noch zwei Heimspiele der deutschen U21-Nationalmannschaft zu sehen. Vor 7.000 Zuschauern besiegte die deutsche Elf am 14. November 1995 Bulgarien mal eben mit 7:0. Markus Feldhoff erzielte zwei Treffer, und auch die Namen der anderen Torschützen dürften wohlbekannt sein: Alexander Zickler, Dietmar Hamann, Carsten Ramelow (2x) und Matthias Hagner.
Zwei Jahre später sah die Startelf bereits völlig anders aus. Am Freitag, den 05. September 1997 waren es unter anderen Frank Baumann, Ronny Ernst, Mustafa Dogan, Thomas Cichon. Andreas „Zecke“ Neuendorf, Kai Michalke, Lars Ricken und Michael Ballack, die gegen Portugal ran durften. Allesamt Namen, die noch immer wie nix flutschen.

Jan und ich hatten gerade mit einem Bierchen gemeinsam mit 8.000 anderen Zuschauern die Plätze eingenommen, als Markus Schroth bereits nach einer Minute den Treffer zum 1:0 für Deutschland erzielte. Wieder ein Kantersieg wie gegen Bulgarien zwei Jahre zuvor? Não! Trotz roter Karte für Delfim in der 48. Minute blieben die Portugiesen am Drücker und erzielten in der 57. Minute den Ausgleichstreffer zum 1:1-Endstand, erzielt durch Carlitos. Jener Carlitos ist allerdings nicht zu verwechseln mit dem Carlitos, der 1982 geboren wurde und unter anderen von 2010 bis 2012 für Hannover 96 gespielt hatte. Vielmehr handelte es sich um den im März 1977 in Barcelos geborenen Carlitos, der in seiner Laufbahn gleich dreimal bei Gil Vicente unter Vertrag stand.

In der damaligen U21 EM-Qualifikation 1996/97 hatte die deutsche U21-Nationalmannschaft in der Gruppe 9 einen guten Lauf und setzte sich locker mit 20 geholten Punkten gegen die Ukraine, Portugal, Albanien und Armenien durch. Bei der U21-EM 1998 schied Deutschland allerdings im Viertelfinale gegen Griechenland mit 0:1 aus. Ein Vorgeschmack auf die spätere Europameisterschaft der A-Nationalmannschaften?! Europameister wurde am 31. Mai 1998 allerdings Spanien, das die Griechen mit 1:0 schlug.
Zu jenem Zeitpunkt hatte ich jedoch ganz anderes im Sinn und baute fleißig mit den anderen drei Jungs weiter an den beiden acht Meter langen Segelbooten, mit denen wir im Oktober 1999 am Strelasund in See stachen. Zu jenem Zeitpunkt stand Michael Ballack bereits bei Bayer 04 Leverkusen unter Vertrag. Eine feste Größe im Kader wurde er ab den 20. November 1999, als die Werkself daheim keinen Geringen als den F.C. Hansa Rostock empfing …
Fotos: Marco Bertram

Ich war dabei. Die ganze Stadt schien elektrisiert zu sein – und gefühlt im Stadion. Zusammen mit Freunden sahen wir der alten Dame am Vortag auf dem Nebenplatz beim Training zu.
Damals war das noch möglich. Dino Zoff stand 2 Meter vor uns im Tor, als man ihm die Bälle um die Ohren drosch. Die Mannschaft von Juventus war zu dieser Zeit fast identisch mit der italienischen Nationalmannschaft.
Unvergessen die Paraden von Kreutzer im Tor der Frankfurter, der das Spiel seines Lebens spielte. Und das, obwohl er eigentlich der 2. Torhüter war. Causio stand auf dem Platz und applaudierte ihm. Ein unvergessliches Erlebnis. Wie das ganze Fussballjahr 1974.