„An diesem Tag vor 33 Jahren warst Du hier“, meint die App. Und wo? Auf dem Gladbacher Bökelberg! Geilomat! Am 28. August 1992 war ich zu Gast bei Borussia Mönchengladbach und bekam eine 0:4-Klatsche zu sehen! Nein, nicht gegen Bayern München oder Borussia Dortmund. Haltet Euch fest! Der Gegner war kein Geringerer als der FC Bayer 05 Uerdingen. Quasi das kleine ungeliebte Brüderchen des TSV Bayer 04 Leverkusen, das in der Grotenburg zu Hause war und einen Grotifanten als Maskottchen hatte.

Also wenn dieses Spiel mal keinen Anlass für einen knackigen Rückblick bieten dürfte. Zugegeben, ich muss ganz schön in den Tiefen meines Hirns wühlen, um das Ganze zusammenzubekommen. Erinnerungen an jenes Bundesligaspiel? Sehr vage. Überlagert von den anderen Erlebnissen und knüppelreichen Touren zum Bökelberg. Gladbach war damals – genauso wie Bochum – berühmt berüchtigt für eine sehr prügelfreudige Polizei. Der Gummiknüppel wurde gern geschwungen, wenn die angetrunkenen Gästefans hinunter zum Bahnhof getrieben wurden.

Jawoll, in Gladbach wurde mir zum ersten und einzigen Mal ein Fußballschal geklaut. Es war an einem Freitagabend im Herbst 1991, als mir mein zwei Monate zuvor frisch gekaufter Leverkusen-Schal von hinten weggezogen wurde. Ich war jung, ich war gerade zugezogen in meiner neuen Wahlheimat am Rhein (das große Werk rief zur Elektroniker-Ausbildung) und ich musste mich in der großen bunten Fußballwelt erst einmal zurechtfinden.

Ich lernte schnell die Gesänge, das Öffnen einer Kölsch-Büchse ohne sich vollzuplörren, das Trinken aus einer Bierflasche ohne am aufsteigenden Schaum zu Ersticken und verbal auszuteilen. Was mir (noch) an den Oberarmen ein wenig fehlte, wusste ich mit meinem losen Ost-Berliner Mundwerk locker wettzumachen. Nachdem wir auswärts in Bochum und Gladbach von den Behelmten die Knüppel zu spüren bekamen und wie das letzte Viehzeug zum Bahnhof getrieben wurden, bot ich ihnen mal an, in der Mainzer Straße in Berlin-Friedrichshain vorbeizuschauen, denn dort würde es richtig auf die Fresse geben! Oha!

Gut, in meiner ersten Fußball-Saison 1991/92 hatte ich in NRW viel dazu gelernt und wurde recht schnell flügge. Am 02. Mai 1992 stand ich das erste Mal mit dem F.C. Hansa Rostock im langgezogenen Gästeblock des alten Müngersdorfer Stadion und ab jenem Zeitpunkt nahm ich so ziemlich alles mit, was sich auf dem reich gedeckten Fußballtablett in Ost und West bot. Wuppertaler SV gegen Salmrohr und Meppen, Fortuna Köln gegen Waldhof Mannheim und VfB Leipzig! Kaum ein Tag an den Wochenenden verging, ohne ihn mit Fußball gefüllt zu haben.

Parallel dazu trainierte ich seit März 1992 in einer Leichtathletik-Leistungsgruppe der LG Bayer 04 Leverkusen und bekam dort ab und zu Heike Henkel und Dieter Baumann zu sehen. Dreimal die Woche durfte ich auf der Sportanlage massig „Boxerrunden“ absolvieren und zum Warmmachen eine Runde durch Schlebusch flitzen. Kurzzeitig schien es, als könnte es mit Fußball, Party und Bier etwas weniger werden, doch dann flog ich mit einer Gruppe der Jungen Gemeinde im Sommer 92 zwei Wochen nach Irland. Am Lough Ree sollte ich jeden Tag ein Läufchen machen, erklärte mir mein Trainer im Vorfeld, doch stattdessen hob ich mit den anderen Kumpels die Guinness-Gläser in den örtlichen Pubs von Glasson, Ballykeeran und Athlone.

Nach den Ferien stand ein Leistungstest an, doch schwänzte ich ihn und ging lieber zum Fußball. Das Kapitel „Leistungssport im Verein“ wurde abgeschlossen, stattdessen trieb ich bis heute auf eigene Faust Sport und hielt mich somit fit. Apropos fit. Fett werden konnte man im damaligen Ausbildungswohnheim in Leverkusen-Schlebusch eh nicht. Für das kommende Wochenende erhielten wir eine weiße Papiertüte, in der die Fressalien für zwei Tage drin waren. Also für Frühstück und Abendbrot. Welch ein Grauen! Abgepacktes Discounter-Mischbrot, Leberwurst, Scheiblettenkäse und weitere delikate Leckereien füllten die Tüte, die meist achtlos in den Kühlschrank gehauen und paar Tage später entsorgt wurde.

Ein Blick in den „Fantreff“, ein Blick in den Statistik-Teil der „Sportbild“. Was steht an – was könnte interessant sein? Gladbach an einem Freitagabend geht immer! Also nix wie hin zum Erstligaspiel Borussia Mönchengladbach vs. FC Bayer 05 Uerdingen. Wenngleich Bayer 05 Uerdingen eher nicht für eine pralle Fankultur bekannt war, so erhoffte man sich aufgrund der räumlichen Nähe doch ein akzeptables Ambiente. Schließlich sind es von Uerdingen bis zum Bökelberg mit dem Auto gerade mal 30 Kilometer.

Was fällt uns älteren Fußballfreunden spontan ein, wenn wir an Bayer 05 Uerdingen denken? Richtig! Der DFB-Pokalsieg 1985 gegen den FC Bayern München, das legendäre 7:3 gegen die SG Dynamo Dresden – und. Und?! Friedhelm Funkel! Von 1973 bis 1980 sowie von 1983 bis 1990 spielte er in Uerdingen, im Anschluss war er zunächst ein Jahr Co-Trainer und dann von 1991 bis 1996 Cheftrainer. Coole Sache, als ich im Sommer 1973 geboren wurde, wechselte Friedhelm Funkel vom Heimatverein VfR Neuss zum FC Bayer 05 Uerdingen. Ich liebe solche Aufhänger! Im gleichen Sommer wurde Heinz Werner – der ein paar Häuser von mir entfernt wohnt – Cheftrainer beim F.C. Hansa Rostock. Um es rund zu machen, von 2000 bis 2001 war Friedhelm Funkel auch kurzzeitig Trainer bei Hansa. Liebe Grüße gehen somit raus an Friedhelm und Heinz!

Gedanklich zurück zum August 1992. Die erste gesamtdeutsche Saison 1991/92 schloss Borussia Mönchengladbach mit Rang 13 und einer Niederlage gegen Hannover 96 im DFB-Pokalfinale ab. Der FC Bayer 05 Uerdingen feierte als Tabellenführer der Gruppe Nord der 2. Bundesliga den Aufstieg ins Fußballoberhaus. In Erinnerung blieb das Auswärtsspiel der Uerdinger bei Stahl Brandenburg. Einfach mal bei YouTube „Skandalspiel 1992“ eingeben, dann wird man sofort fündig und darf beim Anblick der Bilder staunen.

In jener Spielzeit waren in der 2. Bundesliga Nord unter anderen Blau-Weiß 90 Berlin, der FC Remscheid, der SV Meppen und der VfB Oldenburg mit von der Partie, in der Gruppe Süd tummelten sich unter anderen der FC 08 Homburg, der TSV 1860 München und der VfB Leipzig. Die Bambule am Rande der Begegnung VfB Leipzig vs. 1860 München war damals im „Fantreff“ ein großes Thema, von Bayer 05 Uerdingen gab es indes eher weniger zu lesen, was wilde Laufereien und Raufereien betraf.

So blieb es auch am Abend des 28. August 1992 auf dem Bökelberg verhältnismäßig ruhig. Allerdings lagen nach der Partie durchaus bei einigen Gladbacher Kutten und Hools die Nerven blank, da ihre Borussia gegen den bis dato sieglosen Aufsteiger aus der Grotenburg eine katastrophale Leistung bot. Da konnte noch so laut das lautstark gebrüllte „VfL! VfL!“ über die Ränge hallen und Manolo noch so doll auf die Trommel hauen – an jenem Sommerabend ging einfach gar nix aus Sicht der Gladbacher Fohlen.

Nach Vorarbeit durch Gorlukovich machte Dirk Bremser bereits nach fünf Minuten das 1:0 für die Uerdinger, und nur fünf Minuten später konnte Heiko Peschke zum 2:0 aus Sicht der Gäste nachlegen. Gladbach-Trainer Jürgen Gelsdorf und der Großteil der 19.941 Zuschauer konnten es nicht fassen. Manch ein vor Wut geworfener Bierbecher hatte sich zusammen mit den weißen Papierschlangen in den Netzen verfangen, auf der extrem steilen Gästetribüne konnten indes die Uerdinger Fußballfreunde ihr Glück kaum fassen.

Kurz vor der Pause konnte Dirk Bremser mit seinem zweiten Treffer des Abends auf 3:0 für Uerdingen erhöhen, und auch nach dem Pausentee lief es bei Gladbach einfach nicht rund. Ein Treffer wollte nicht fallen, vielmehr machte Andreas Sassen in der 88. Minute das 4:0 für die Gäste klar und ließ die Zuschauer in Scharen vorzeitig das Stadion verlassen. Welch ein Albraum aus Sicht der Borussia! Bayer 05 Uerdingen war quasi das Meppen der 1. Bundesliga – und genau gegen die setzte es eine 0:4-Klatsche! Gladbach rutschte ab auf Rang 17 und Bayer 05 Uerdingen kletterte auf den 12. Platz.

Der große (ungeliebte) Bruder aus Leverkusen konnte an jenem Freitagabend ebenfalls einen Auswärtssieg einfahren. Dank des 1:0 beim 1. FC Nürnberg war der TSV Bayer 04 Leverkusen hinter dem FC Bayern München auf Rang zwei zu finden. Den Treffer des Abends im Frankenstadion erzielte Ulf Kirsten in der zweiten Spielminute. Voller Dampf im Bayer-Kessel!

Und wie es damals weiterging? Natürlich mit Fußball! Am kommenden Wochenende wurde zunächst am Freitagabend das Duell Borussia Dortmund vs. 1. FC Dynamo Dresden (3:0) mitgenommen, und am Tag darauf folgte das Spiel Bayer 04 Leverkusen vs. Karlsruher SC (5:1) im Ulrich-Haberland-Stadion. „Schäfer raus! Schäfer raus!“ Winnie durfte wieder vor Wut seine berühmte helle Jacke durch die Gegend schleudern. Schön war’s, Freunde! Auf die alten Zeiten!
Fotos: Claude Rapp, Marco Bertram, turus-Archiv

Der Bökelberg war Legende. Beim Jubel ging es gleich 10 Stufen runter.
Was für ein Flashback. Und mit einem Mal ist alles wieder präsent.👀❤️