Endlich mal wieder ein richtiger Winter! Freude einerseits über hübsche Winterlandschaften, Ärger andererseits über spiegelglatte Bürgersteige, ausgefallene Straßenbahnen und komplett ausgefallene Spieltage in den unteren Ligen. Zwar geht es in den tiefen Amateurliegen meist erst Ende Februar oder gar Anfang März weiter, doch wäre beispielsweise in der Regionalliga bereits einiges gegangen. Die einzelnen für die kommenden Tage angesetzten Oberliga-Spiele wurden auch bereits abgesetzt.

Zwar gab / gibt es hier in Berlin eine Generalabsage des BFV, doch sind rein theoretisch Freundschaftsspiele möglich, wenn die Anlage geräumt wurde und die Angelegenheit beim entsprechenden Amt angemeldet wird. Aber gut, wer hat schon Lust, verkrustete Eisflächen zu entfernen, ohne den darunter liegenden Rasen bzw. Kunstrasen zu beschädigen?! Einige Groundhopper, denen im harschen Winter die Decke auf den Kopf zu fallen droht, klammern sich an die App des Vertrauens, suchen sich ein ursprünglich angesetztes Testspiel raus und versuchen es vor Ort einfach mal auf gut Glück. In den meisten Fällen darf man auf dem verwaisten Sportplatz eine weiße Fläche und ein abgeschlossenes Tor bestaunen.
Aber tröstet Euch, es gab bereits viel strengere Winter! Wir müssen gar nicht vom Katastrophenwinter 1978/79 sprechen, ein Blick zurück auf das Jahr 2010 genügt. Wochenlang durfte man sich auf den Bürgersteigen an den tiefgefrorenen Schnee- und Eisresten erfreuen, weil zuvor nicht vernünftig geräumt wurde – in der Annahme, dass das Zeug sicherlich in Kürze wegtauen würde.

Meine „Lieblingswinter“ liegen allerdings drei Jahrzehnte zurück. Die Winter 1995/96 und 1996/97 haben sich bei mir sehr gut eingeprägt, da ich damals in meiner damaligen Erdgeschoss-Bude in der Bornholmer Straße in Prenzlauer Berg eine wahre Freude hatte. Nordseite, unter einem nur der frostige Keller, Kachelheizung im Wohnzimmer, in der Küche quasi keine Heizmöglichkeit. Prima! Zustände wie in meiner frühesten Kindheit im Holzhaus in Waldesruh, wo Schnee und Kälte zur echten Herausforderung wurden. Wir hatten bis 1984 nur ein in einem Verschlag befindliches Plumpsklo, zu dem man nachts im Schlafanzug und übergezogener Wattejacke durch den Schnee tapsen musste, und in der Küche einen Handpumpe und einen Tauchsieder, mit dem man sich das Wasser für das Zähneputzen aufwärmen konnte. Gewaschen wurde sich kalt.
Ganz so arg war es meiner damaligen Prenzelberger Zweiraumwohnung nicht, doch lauerten auch in jener eine Menge Gefahren. Die Toilette befand sich in der einstigen Speisekammer, und die Badewanne stand in der Küche direkt am Fenster. Vom Fahrradständer konnte man abends quasi durch die Jalousie direkt in meine Wanne schmulen, wenn ich in der frostigen Küche unter Schaumbergen im warmen Wasser lag. Da ich ständig unterwegs war, ging der Kachelofen immer wieder aus und die Temperatur sank im Wohnzimmer in Windeseile unter zehn Grad. In der nicht zu heizenden Küche – manchmal ließ ich für eine halbe Stunde wenigstens den Backofen mit offener Klappe laufen – fror in der Spüle am Tag X sogar das Geschirr ein. Mega!

Dass es im Vorjahr nicht ganz so arg war, beweist die Tatsache, dass wir heute vor exakt 31 Jahren am 05. Februar 1995 zu zweit mit dem Auto nach Leipzig-Leutzsch fuhren, um die Regionalliga-Partie FC Sachsen Leipzig vs. 1. FC Union Berlin zu sehen. Von Schnee war keine Spur, der Gästekäfig war proppenvoll, und auf Heimseite ließen besonders die älteren Chemiker ihren Emotionen freien Lauf. „Auf die Fresse, Ihr Sau-Preußen!“, „Nur ein Leutzscher ist ein Deutscher!“ Das sächsisch-preußische Duell hatte viel Schönes, zog über 8.000 Zuschauer an und endete – begleitet von ein paar Rauchtöpfen und emotionalen Ausbrüchen an der Nahtstelle zur Haupttribüne – nach 90 hitzigen Minuten 1:1.

Der Winter 1995/96 hatte indes mehr Strenge zu bieten. Unvergessen bleibt unsere nächtliche Tour mit der Eisenbahn zu zweit von Frankfurt (Oder) nach Warschau. Selbst die klirrende Kälte hielt all die Schnorrer und Taschendiebe nicht davon ab, auf den Gängen und Abteilen nachts ihr Unwesen zu treiben. Meine Geldbörse packte ich mir vorn in die grüne Jeans, Jan machte indes den Fehler, Portemonnaie und Jacke nur unter seinen Kopf zu packen. Am kommenden Morgen durfte er im frostigen Warschau vor dem Kantor feststellen, dass Unholde es geschafft hatten, unbemerkt in unser Abteil zu kommen und einfach mal hundert Mark aus seiner Geldbörse zu entwenden.

Nikolaustag 1995. Abends empfing im alten Stadion Wojska Polskiego der polnische Meister Legia Warszawa den russischen Vertreter Spartak Moskau. Bis dahin galt es, sich tagsüber in der polnischen Hauptstadt bei gefühlten minus 25 Grad Celsius zu amüsieren. Harscher Ostwind ließ viel Freude aufkommen – die Kälte spottete wirklich jeder Beschreibung. Auf der Weichsel türmten sich die Eisschollen, und trotzdem herrschte auf dem damaligen Jamark auf dem Oberring des alten verwaisten Nationalstadions reges Treiben. Unzählige Busse aus Litauen, Weißrussland und der Ukraine wurden geparkt, und an den teils windschiefen Büdchen wurde alles verkauft, was das osteuropäische Herz begehrte.

War es tagsüber bereits bitterkalt, so wurde abends beim CL-Duell im Stadion Wojska Polskiego das Ganze noch getoppt. Nie zuvor und auch nie danach hatte ich dermaßen gefroren wie am dortigen Abend. Zwar hatte ich unter der Jeans eine Jogginghose und in den Wanderstiefeln zwei Sockenpaare an, doch half es nix. Der eisige Ostwind pfiff durch jede Faser und ließ einen 90 Minuten lang bibbern und mit den Füßen stapfen. Egal! Ein einmaliges Erlebnis wurde das Spiel trotzdem. Neben uns standen polnische Soldaten mit Wintermützen und weiter hinten wurden Bengalische Fackeln angezündet. Es entstand eines meiner Lieblingsfotos der vergangenen 35 Fußball-Jahre.

Als ich nach Hause kam, durfte ich mich in meiner Prenzelberger Bude an eingefrorenen Wasserrohren erfreuen. Wasserhahn auf – nix ging mehr. Ich kam damals auf die dämliche Idee, mit einem Heizlüfter, der in der Regel im Wohnzimmer im spontanen Einsatz war, die gefrorenen Rohre anzutauen. Schon bald durfte ich mich an einem netten Springbrunnen unter der Spüle erfreuen. Hätte ich es nicht bemerkt, hätte ich am nächsten Morgen Schlittschuh laufen können. So aber drehte ich den Haupthahn zu und informierte kleinlaut den Vermieter.

Nicht ganz so herb wie in Warschau, aber auch recht knackig kalt war es bei zwei besuchten Fußballspielen im Winter 2009/10. Zum einen blieb am 16. Dezember 2009 das Europapokal-Duell Hertha BSC vs. Sporting Lissabon hängen, bei dem ich im Gästeblock vorbeigeschaut hatte, zum anderen durfte man sich am 23. Januar 2010 beim Spiel Hertha BSC vs. Borussia Mönchengladbach an wunderbarer Eiseskälte im weiten Rund erfreuen. Warum? Warum bin ich eigentlich hier? Dies fragte ich mich immer wieder und durfte feststellen, dass das Berliner Olympiastadion bei richtigem Frost ein Hort der absoluten Ungemütlichkeit ist.

Was bleibt? Die Vorfreude auf den kommenden Frühling! Dieser wird sich in diesem Jahr wieder ganz besonders angenehm anfühlen nach Wochen voll Frost und vereisten Bürgersteigen! Sport frei!

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Fotos: Marco Bertram
