alte Jahreskarte des FCV

Tradition bewahren: Vorwärts Frankfurt vs. Stahl Riesa in Planung

Zweiter Spieltag der DDR-Oberliga-Saison 1971/72. Nachdem der FC Vorwärts im Sommer 1971 von Ost-Berlin nach Frankfurt (Oder) zog, empfing er im Rahmen des ersten Pflichtspiels am Mittwoch, den 01. September 1971, im Stadion der Freundschaft die BSG Stahl Riesa. Vor rund 8.000 Zuschauern konnte Vorwärts die Partie mit 3:1 für sich entscheiden. Wolfgang Strübing erzielte die Treffer zum 1:0 und 2:1, Reinhard Hauptmann glich zwischenzeitlich für Stahl Riesa aus, Horst Wruck machte in der 89. Minute mit seinem Tor zum 3:1 die Angelegenheit rund.

FCV-Fans in Frankfurt (Oder)
FCV-Fans in Frankfurt (Oder)

    55 Jahre später wird es am 01. August 2026 zu einem Wiedersehen im Stadion der Freundschaft kommen. Die Stadiontore werden um 10 Uhr öffnen, es wird vor und nach dem eigentlichen Freundschaftsspiel gegen die BSG Stahl Riesa ein Rahmenprogramm geben, eine historische Vereinsausstellung wird die Geschichte des Vereins erlebbar machen, und die erste Mannschaft des 1. FC Frankfurt (Oder) wird in Retro-Vorwärts-Sondertrikots auflaufen.

    Stadion der Freundschaft in Frankfurt (Oder)
    Stadion der Freundschaft in Frankfurt (Oder)

    Ein zartes rot-gelbes Blümchen blüht, und wir dürfen gespannt sein, ob dieses Blümchen noch richtig gedeihen wird. Aus dem Fenster lehnen wollen wir uns an dieser Stelle nicht, vielmehr wollen wir einen Blick auf die Geschichte des ASK / FC Vorwärts werfen, dessen Geschichte einst in der Messestadt Leipzig begann und anschließend in der Hauptstadt der DDR definitiv glorreich wurde.

    Altes Programmheft von Vorwärts Berlin
    Altes Programmheft von Vorwärts Berlin

    Immerhin wurde der ASK / Vorwärts Berlin DER Verein in den 1960er Jahren. Nach dem ersten DDR-Meistertitel 1958 folgten in den 60er noch fünf weitere (1960, 1962, 1965, 1966, 1969). 1970 wurde das Viertelfinale des Europapokals der Landesmeister und 1971 das Viertelfinale des Europapokals der Pokalsieger erreicht, doch auch nach dem Umzug nach Frankfurt (Oder) gab es punktuelle Erfolge zu vermelden. So wurden im Herbst 1974 daheim die Stars von Juventus Turin mit 2:1 geschlagen, 1983 wurde Vorwärts Frankfurt immerhin DDR-Vizemeister, und 1980/81 wurde die zweite Runde des UEFA-Pokals erreicht.

    Nach dem Fall der Mauer wurde aus dem FC Vorwärts Frankfurt zunächst im Februar 1991 der FC Victoria 91 Frankfurt, nach dem 5. Spieltag der Saison 1992/93 wurde der Verein in Frankfurter FC Viktoria 91 umbenannt. Sehr zum Ärgernis der älteren FCV-Fans erfolgte im Juli 2012 der Zusammenschluss mit der MSV Eintracht Frankfurt zum 1. FC Frankfurt (Oder) E.V. Die Farben waren fortan Schwarz und Rot, und für viele war der alte geliebte Verein zunächst gestorben.

    alte Programmhefte des FCV
    alte Programmhefte des FCV

    In jüngerer Vergangenheit tauchten allerdings die alten Farben Geld und Rot wieder im altehrwürdigen Stadion der Freundschaft auf. So unter anderem im vergangenen Herbst beim Heimspiel gegen die BSG Stahl Brandenburg, als mehrmals lautstark das „Hier regiert der FCV!“ ertönte. Das sehenswürdige Stadion, die Nähe zu Slubice (Stichwort futtern gehen), die Tradition des Vereins und das gesamte Ambiente – in Frankfurt (Oder) gibt es viel Potential. Aber dies schrieb ich in den vergangenen Jahren allzu oft. Schauen wir mal!

    FCV-Fans in Frankfurt (Oder)
    FCV-Fans in Frankfurt (Oder)

    Was ich auch schrieb, war 2021/22 ein Fußballroman über den ASK / FC Vorwärts Berlin / Frankfurt (Oder), der im Frühjahr 2022 als Band in der Reihe der Fußballfibeln erschien. Leider machte der Verlag die Grätsche, und ich persönlich habe keine Exemplare meines Buches, auf dessen Cover die rot-gelbe Flagge prangt, mehr auf Lager. Das ruft ganz klar nach einer Neuauflage unter einem neuen Titel! Folgend ein Kapitel aus meinem Fußballroman:

    Vorwärts, wann kommst du?

    „Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag, Samstag, Sonntag. Jeder Tag vergeht ohne Ziel. Für mich sieht der Sonntag wie Montag aus … Oh-oh-oh-oh-oh-oh, wann kommst du? … Wenn du gehen willst, lass ich dich gehen. Woran du glaubst werd‘ ich verstehen. … Oh-oh-oh-oh-oh-oh, wann kommst du?“ Das Lied der in Haifa geborenen Sängerin Daliah Lavi war 1970 wochenlang ganz oben in den deutschen Charts zu finden und betörte Millionen Ohren. Manch ein Kindergartenkind lernte mit Hilfe dieses Lieds die Wochentage, und manch ein Mann verliebte sich unsterblich in ihre sagenhaft dunkle, erotische Stimme und ihre wunderbare charismatische Ausstrahlung.

    „Wann kommst du?“, fragten sich auch die Genossen in der Bezirkshauptstadt Frankfurt (Oder) monatelang. Nun war er da, der FC Vorwärts! Erich Mückenberger, 1. Sekretär der Bezirksleitung der SED, befragte bereits im Herbst 1970 die anderen Genossen, was sie vom Plan halten würden, die erfolgreichen Armeefußballer an die deutsch-polnische Friedensgrenze zu holen, in eine Stadt in welcher bereits viele Fußballherzen, vermutlich seit Generationen, an die Schlosserjungs aus Köpenick vergeben waren. Die einen zeigten sich begeistert, die anderen waren skeptisch. Am 4. November 1970 wurde eine Art Vorhut nach Ost-Berlin geschickt, um im Rahmen des EC-Duells FC Vorwärts Berlin vs. Benfica Lissabon ein wenig die Lage zu sondieren.

    Stadion der Freundschaft in Frankfurt (Oder)
    Stadion der Freundschaft in Frankfurt (Oder)

    Hinter vorgehaltener Hand war vielen klar, dass viele Ost-Berliner Genossen in Zukunft eher den BFC Dynamo als sportlichen Platzhirsch in der Hauptstadt der DDR sehen würden. Für eine mögliche Delegierung des FC Vorwärts waren sogar die Standorte Suhl und Potsdam-Babelsberg im Gespräch. Der Stadtbaudirektor aus Frankfurt (Oder) machte sich zunächst in Ost-Berlin ein Bild, schließlich müssten für den Umzug einige Grundlagen geschaffen werden. Angefangen von der Neugestaltung des Stadiongeländes bis hin zur Schaffung von Wohnraum für die Spieler und ihrer Familien.

    Nachdem die ersten Sondierungsgespräche erfolgt waren, schickte der FC Vorwärts Berlin die Spielerfrauen nach Frankfurt (Oder), damit diese sich ein Bild von der möglichen neuen Heimat machen könnten.

    Die Begeisterung hielt sich in Grenzen. Ost-Berlin war die große bunte Stadt, Frankfurt (Oder) war aus Sicht der Hauptstädter halt typische Provinz. Trotz der Vorbehalte ging Anfang 1971 alles ganz schnell. Am 6. Januar 1971 fasste das Sekretariat der SED-Bezirksleitung den Beschluss, den FC Vorwärts nach Frankfurt (Oder) zu holen, am 13. Januar 1971 gab die Bezirksleitung ihren Segen, und zwei Tage später beschloss die Leitung des Ministeriums für Nationale Verteidigung (MfNV) in Abstimmung mit dem DTSB und dem DDR-Fußballverband, den FC Vorwärts von Ost-Berlin in die Oderstadt zu verlegen. Noch einige Zeit wurde in der Öffentlichkeit der mögliche Umzug von der Armeeführung dementiert, erst nach und nach wurden sämtliche Personen in die Pläne eingeweiht. Der Plan stand: Bis zum 1. August 1971 sollten in Frankfurt (Oder) die optimalen Voraussetzungen für den Oberliga-Fußball geschaffen werden.

    Um den Frankfurtern ihren so plötzlich vorgesetzten Fußballclub schmackhaft zu machen, wurde im Sommer 1971 das rot-gelbe Heft „FC Vorwärts – Gruß unseren Freunden“ herausgebracht. Allerdings diente dieses Heft auch dazu, den Ost-Berlinern die ihnen eher unbekannte Stadt an der Oder vorzustellen. So verfasste Siegfried Gottschalk von der Zeitung „Neuer Tag“ den Text „Das ist Frankfurt/O.“. So war unter anderen zu lesen: „Durch den ASK Vorwärts Frankfurt (Oder), der seit zwei Jahren das sportfreudige Publikum im Hallenhandball, Boxen und Judo ‚betreut‘, ist das Stimmungsbarometer verständlicherweise noch erheblich gestiegen. Recht lange wartete man hingegen auf den einen neuen Fußballfrühling, nachdem der einheimische Nachwuchs einmal den ‚Junge-Welt‘-Pokal und den Wanderpokal des Staatlichen Komitees für Körperkultur und Sport errang. Doch nun ist er in die Mauern der Bezirksstadt schöner denn je eingezogen – durch den FC Vorwärts, was das fußballhungrige Publikum ganz sicher zu würdigen weiß.“

    Auf den Seiten 28 und 29 wurde von all den Reisen berichtet, welche die Armeefußballer bereits unternommen hatten. Leningrad 1954, Lidice 1962, Manchester 1965, Damaskus 1967, Rotterdam 1970. So seien die Erinnerungen aus Damaskus unauslöschlich. Die Armee-Elf hatte unter anderen einer syrischen Fallschirmjäger-Einheit und einem exklusiven Orient-Klub einen Besuch abstatten dürfen. Was den Auftritt in Rotterdam betraf, so schwärmte der Autor Klaus Weidt von der fast südamerikanischen Fußballatmosphäre im Feyenoord-Stadion. Und damit die Frankfurter Fußballfreunde auch wirklich Lust bekommen auf ihren neuen FC Vorwärts, gab es auf den Seiten 4 und 5 „Eine stolze Bilanz“ und auf den Seiten 6 und 7 die „Europapokal-Reminiszenzen“ zu lesen. Verfasst wurden die Texte von Günther Wirth und Horst Kohle.

    Das Vorwort durfte Mannschaftskapitän Jürgen „Kuppe“ Nöldner schreiben, der sich für die treue Unterstützung in Berlin bedankte und betonte, dass er sich freuen würde, wenn die Freunde aus der Hauptstadt den Weg nach Frankfurt (Oder) finden. Am Ende stand zudem geschrieben: „Wir wissen: Hohe sportliche Leistungen werden überall ein begeisterungsfähiges Publikum finden. Wir wissen: Eine schnelle und stabile Leistungsentwicklung des FCV ist erforderlich, um unseren Beitrag zur Entwicklung des Fußballsports der DDR und seiner Nationalmannschaft zu leisten. Das ist unser wichtigstes Ziel. So beginnen wir den neuen Abschnitt unserer Entwicklung, und in diesem Sinne grüßen wir alle unsere Anhänger. Ihr Jürgen Nöldner.“

    Stadion der Freundschaft in Frankfurt (Oder)
    Stadion der Freundschaft in Frankfurt (Oder)

    Am Samstag, den 14. August 1971 wurde schließlich die Vorwärts-Mannschaft im Stadion der Freundschaft vorgestellt, und die Zeitung „Neuer Tag“ titelte in blauen Lettern: „Glanzvolle Premiere unseres FC Vorwärts“. Über 16.000 Zuschauer hatten sich in dem seit Tagen restlos ausverkauften Stadion eingefunden und erfreuten sich am vierstündigen Programm. „Salut 25 – jederzeit gefechtsbereit!“ Rund 500 Musiker eines Korps der NVA bildeten auf dem Rasen verschiedene Figuren und spielten diverse Melodien vor. Der „Neuer Tag“-Redakteur kriegte sich in seinem Artikel gar nicht mehr ein und schwärmte von der Verbundenheit zur Arbeiterklasse und zur Partei. Der Großteil des Publikums wird sich jedoch einfach nur gefreut haben, dass in der damals eher tristen Oderstadt mal was los war und bald der Oberliga-Rummel beginnen würde. Wären eine BSG Chemie oder ein FC Stahl nach Frankfurt (Oder) gewechselt, hätte man sich sicherlich genauso gefreut.

    alte Jahreskarte des FCV
    alte Jahreskarte des FCV

    Ein Fallschirmspringer brachte kurz vor Anpfiff den Spielball in den Mittelkreis, und der FC Vorwärts Frankfurt ließ nach dem Ehrenanstoß von Oberbürgermeister Fritz Krause gegen den bulgarischen Erstligisten Cherno More Varna zum allerersten Mal das runde Leder rollen. Den Zuschauern wurde wahrlich was geboten. Jürgen Piepenburg (2x), Jürgen Nöldner, Wolfgang Andreßen und Heinz Dietzsch schossen die Tore, nach 90 Minuten endete das Freundschaftsspiel mit 5:4.

    Nun durften Lutz, der mit dem Zug extra aus Ost-Berlin angereist war und schräg unter der Anzeigetafel saß, und all die anderen 16.000 Zuschauer gespannt sein, wie zwei Wochen später der Auftakt der Oberliga-Saison 1971/72 verlaufen würde.

    Stadion der Freundschaft in Frankfurt (Oder)
    Stadion der Freundschaft in Frankfurt (Oder)

    Fotos: Marco Bertram, Vorwärts-Archiv, privat

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