Einmal hatte der F.C. Hansa Rostock die Ehre, auswärts im Sportpark der Freundschaft bei der BSG Motor Suhl auflaufen zu dürfen. Man schrieb den 15. Dezember 1984, als die Jungs mit der Kogge auf der Brust in den kleinsten Bezirk der DDR fuhren und die zwei Punkte in der Waffen- und Simson-Stadt Suhl mitnahmen. Den Treffer des Tages zum 1:0-Auswärtssieg des FCH erzielte Rainer Jarohs in der 18. Minute – und ganz klar, diese Sause war für die Hansa-Fans eine wahrlich kultige Angelegenheit. Doch dazu später mehr!

Eine einzige Saison spielte die BSG Motor Suhl in der DDR-Oberliga – und der Aufstieg ins Fußballoberhaus war quasi ein echter „Betriebsunfall“. Suhl ist und war ein Zentrum des Wintersports, und der Fußball stand auch zu DDR-Zeiten hinten an. Allerdings lief in der DDR-Liga-Spielzeit 1983/84 sportlich betrachtet alles rund, sodass am Ende mit einem Punkt Vorsprung vor der BSG Motor Nordhausen der Meistertitel in der Liga-Staffel E gefeiert wurde.

Auf in die Aufstiegsrunde! Das war ein Ding! Kamen im Ligaalltag noch 1.386 Zuschauer im Schnitt zu den Heimspielen, so waren es in der Aufstiegsrunde zur DDR-Oberliga immerhin 4.300. Die BSG Stahl Brandenburg, die ASG Vorwärts Dessau, die BSG Sachsenring Zwickau und die SG Dynamo Schwerin waren die Gegner, und am Ende stieg Motor Suhl unter Trainer Ernst Kurth als Tabellenzweiter gemeinsam mit Stahl Brandenburg ins Fußballoberhaus auf.

In der Stadt Suhl war man wahrlich überrascht vom Aufstieg, doch wurden innerhalb weniger Wochen Fakten geschaffen im Sportpark der Freundschaft. Zäune wurden hochgezogen, errichtet wurden eine Anzeigetafel, ein Sprecherturm, ein neuer Bau für die Umkleidekabinen, Toilettenhäuschen, weitere Eingänge und eine hölzerne Haupttribüne, die heute leider nicht mehr anzutreffen ist.
Das Team des DDR-Fernsehens suchte sich indes ein gutes erhöhtes Plätzchen im nahen Plattenbau, der heute ebenfalls nicht mehr steht. Von den Balkonen des Neubauriegels schauten bei Heimspielen hunderte Fußballfreunde zu, und als Fans des 1. FC Union Berlin aus Jux und Dallerei vor der Partie bei unzähligen Anwohnern Klingelstreiche vollzogen, gab es von oben ein paar Eimer Wasser als nette Dusche.

Die BSG Motor Suhl war Kult und eine echte Abwechslung für die Fans der anderen Oberliga-Vereine. Meist waren es die typischen Fahrstuhlmannschaften, die runter gingen und wieder hoch kamen. Da brachten Vertreter wie Chemie Böhlen, Stahl Riesa und Motor Suhl mal etwas Abwechslung in den DDR-Oberliga-Alltag.
Am ersten Spieltag (18. August 1984) empfing die BSG Motor Suhl vor rund 9.000 Zuschauern den FC Vorwärts Frankfurt (Oder), kämpfte wacker und musste sich denkbar knapp mit 0:1 geschlagen geben. Lothar Enzmann schoss in der 75. Minute das Tor für den FCV. Andere Oberligamannschaften erlebten indes gleich ganz andere Desaster. So verlor die BSG Chemie Leipzig mal eben mit 1:9 bei der SG Dynamo Dresden, und der andere Aufsteiger BSG Stahl Brandenburg verlor gegen den 1. FC Magdeburg mit 1:5.

Deutlicher mit 0:4 verlor die BSG Motor Suhl das folgende Auswärtsspiel beim FC Carl Zeiss Jena. Der erste Punkt wurde am dritten Spieltag vor ebenfalls 9.000 Zuschauern in Form eines 0:0 gegen Chemie Leipzig eingefahren, die ersten beiden Oberliga-Tore schoss die BSG Motor beim 2:3 gegen die BSG Stahl Riesa. Erhard Mosert und Dieter Kurth erzielten vor 5.500 Zuschauern in der 36. und 67. Minute die jeweiligen Anschlusstreffer zum 1:2 und 2:3.
Den einzigen Sieg in jener Oberliga-Saison fuhr Motor Suhl am 09. März 1985 gegen die BSG Wismut Aue ein. Roman Seyfarth (zwei Treffer) und Gerd Schellhase brachten Suhl mit 3:0 in Führung – und der frenetische Jubel bei den 4.500 Zuschauern ist bei der TV-Zusammenfassung prima zu hören. Die an jenem Tag desaströs spielenden Jungs aus dem Schacht konnten nur noch vom Elfmeterpunkt aus auf 1:3 verkürzen. Die BSG Motor Suhl feierte einen Oberliga-Sieg für die Ewigkeit.

Mit einer 0:4-Niederlage beim F.C. Hansa Rostock verabschiedete sich die BSG Motor Suhl aus der DDR-Oberliga und spielte in der Folgezeit bis zum Mauerfall in der DDR-Liga. Immerhin gab es beim letzten Oberliga-Heimspiel im Sportpark der Freundschaft am 24. Mai 1985 vor rund 5.000 Zuschauern ein achtbares 2:2 gegen den FC Rot-Weiß Erfurt. Uwe Weidemann hatte damals die FC RWE zweimal in Führung gebracht, Jens Pfahl (55. Minute) und Falk Zschiedrich (85. Minute) glichen jeweils aus.
In der folgenden Spielzeit 1985/86 konnte man froh sein, in der Staffel B die Liga halten zu können. Mit 31:37 Punkten hatte Motor Suhl am Ende nur drei Punkte Puffer zur Abstiegszone, die Heimspiele wurden im Schnitt von 1.263 Zuschauern besucht.

Als in der Saison 1990/91 die Weichen für den gesamtdeutschen Fußball gelegt wurden, war die Mannschaft aus Suhl, die nun als 1. Suhler SV ins Rennen ging, in der Staffel B der Liga am Ende auf Rang 12 zu finden. Staffelsieger wurde damals der FSV Zwickau vor Wismut Aue. Bemerkenswert: Am 18. Spieltag trat Suhl in Zwickau nicht an, demzufolge wurde die Partie mit 2:0 für die Westsachsen gewertet. Spielte man in der Folgezeit noch zwei Jahre in der NOFV-Oberliga Süd, so waren in der jüngeren Vergangenheit nur noch die Landesklasse Thüringen und Kreisoberliga Rhön-Rennsteig im Auestadion der Stand der Dinge.

Allerdings ist im einstigen Sportpark der Freundschaft noch immer der Duft der alten Zeiten zu spüren, und so hieß es für mich vor Ort in Suhl auf Spurensuche zu gehen. Unterstützt wurde ich von einem Hansa-Fan des Hansa-Fanclubs „Kartell Südthüringen“, der mich zum Auftakt durch das Neubaugebiet auf dem Ziegenberg – von den Einheimischen auch „Meckerhügel“ genannt – führte.

In dem Plattenbaugebiet, das von Ende der 1970er bis Ende der 1980er errichtet wurde und zu DDR-Zeiten als Aushängeschild galt, wohnten einst bis zu 14.000 Menschen. In der Gegenwart sind es nur noch knapp eintausend. Zahlreiche Neubaublöcke wurden inzwischen abgerissen und vielerorts streben junge Bäume gen Himmel.

Geht man dort spazieren und blickt auf verlassene Kaufhallen, das verwaiste Einkaufscenter und verrammelte Plattenbauten, hat man das Gefühl, in der bekannten ukrainischen Geisterstadt Prypjat nahe Tschernobyl zu sein. War Suhl bis zur Wende bekannt für seine Waffenschmiede und die allseits beliebte Simson, so erfolgte anschließend der Absturz schlechthin. Stieg die Einwohnerzahl zu DDR-Zeiten in Suhl auf bis zu 56.000, so sind es derzeit nur noch 34.700. Rekord in ganz Deutschland, was das Schrumpfen der Einwohnerzahl betrifft.

Und ja, Suhl ist etwas besonders. Als Kind überlegte ich beim Betrachten der Landkarten im Haack-Atlas immer, wie wohl dieses geheimnisvolle Suhl, das irgendwo hinter dem Thüringer Wald liegt, aussehen mag. Meine Eltern hatten mit mir in den 1980ern in der Deutschen Demokratischen Republik wahrlich viele Orte und Städte besucht, doch in Suhl waren wir nie!

Nun konnte auch diese Lücke geschlossen werden. Während die hübsch sanierte Innen- / Altstadt durchaus zu überzeugen weiß, kam in Suhl-Nord ein beklemmendes Gefühl auf. Und hey, als wir zu zweit dort spazieren gingen, schien die Sonne und es blühten die Butterblumen und Kirschbäume. Ich möchte nicht wissen, wie es ist, dort bei diesigem Herbstwetter bei Dämmerung an einem Novemberabend dort entlangzustiefeln.

Wohl denn, ich übergebe an dieser Stelle das Wort – und wir begeben uns gedanklich auf eine Zeitreise. Wir schließen den Kreis und denken an den 15. Dezember 1984, als der F.C. Hansa Rostock zu Gast in der Waffen-Metropole Suhl war.

Auszug aus dem Interview mit „Dick Turpin“ aus dem Buch „Kaperfahrten II – 65 Grad Kurs Ost-Nordost“
Dick Turpin: Suhl war eine Motto-Fahrt. Lustigerweise kommen schon wieder Indianerhauben ins Spiel. Mit diesen Hauben und Äxten und Beilen sind wir runter nach Suhl gefahren und hatten vorgehabt, als Indianer ins Stadion zu gehen. Es ging über Erfurt, wo wir gegen sieben Uhr erstmal einen Frühschoppen einlegten. Später auf dem Marktplatz von Suhl stand ein LKW-Hänger, von dem Weihnachtsbäume verkauft wurden. Wir sind kurzerhand raufgeklettert und haben die Bäume dem Volk gespendet. Sämtliche Tannenbäume, die drauf lagen, warfen wir unters Volk. Da kam der ABV mit der Schwalbe und fragte, was wir denn dort auf dem Hänger machen. Wir erklärten ihm dann glaubhaft, dass man uns beauftragt hatte, die Bäume zu verteilen.

Dann folgte halt das Übliche. Hübsch rumgedallert und Spaß gehabt, und als im Stadion das Spiel anfing, haben wir die roten Plastik-Tomahawks aufs Spielfeld geschmissen. Die hatte ja wohl jedes DDR-Kind in seinem Zimmer. Ich muss sagen, wir hatten an diesem Tag extrem viel gesoffen und ich hatte mich nach dem Spiel gerade so zum Zug geschleudert. In Erfurt mussten wir umsteigen, und auf der einen Seite stand „Berlin“ dran und auf der anderen Seite stand ein Zug in den Westen. Da bin ich prompt auf der falschen Seite eingestiegen. Im Zug hatte ich noch ein Bierchen getrunken und bin dann eingeschlafen.
Aufgeweckt wurde ich dann vom DDR-Zoll und von der Trapo. Sie hatten mich dann gefragt, wo ich hin wolle. Ich so: „Na, nach Rostock!“ Was ja auch wirklich stimmte. „Wissen Sie überhaupt, wo Sie sind?“, wurde ich gefragt. „Ja, im Zug …“, gab ich als Antwort. „Hören Sie mal, dieser Zug ist kurz vor der Staatsgrenze zur BRD!“ Sie haben dann Handschellen angelegt und mich später in eine Zelle geschmissen.

Das war schon eine Hausnummer, so ist das nicht! Dann hatte mich ratzfatz die Stasi verhört, und mein Glück war, dass ich denen glaubhaft machen konnte, dass ich vom Fußball kam, einfach nur zu viel gesoffen hatte und nach Hause wollte. Zwei, drei Stunden später hatten sie mich in den nächsten Zug gesetzt und beim westdeutschen Schaffner abgeliefert. Da merkte ich erstmal, dass es ein Interzonen-Zug war. Auf Hessisch hatte er mich erstmal gefragt: „Bub, was machst du für Sachen? Kannst froh sein, dass sie dich nicht eingesperrt haben!“
Bis Erfurt durfte ich im bequemen Bundesbahn-Abteil sitzen und er hatte mir noch was zu Essen gegeben. In Erfurt hatte er mich dann rausgelassen, und du wirst es nicht glauben, auf dem Bahnhof saßen noch die ganzen Schwaaner und haben hübsch in der Mitropa gesoffen. Das waren alles Touren!

Anmerkung: Das gesamte Interview mit „Dick Turpin“ aus Bad Doberan ist im 512-seitigen Buch „Kaperfahrten II – 65 Grad Kurs Ost-Nordost“ nachzulesen. Das Hansa Rostock-Buch kam Ende 2024 auf den Markt und ist für 29,65 Euro (nur) direkt beim Herausgeber & Autor Marco Bertram zu haben.
Direkt über Mail: marco.bertram@gmx.de
Infos & Bestellmöglichkeit: www.marco-bertram.de


Fotos: Marco Bertram, Hansa-Fans Schwerin