Waldhof Mannheim vs. Hansa Rostock

Ryan Naderi: Von Rostock nach Glasgow – Shortbread statt Götterspeise

Von der Warnow an den Clyde. Gewöhnungsbedürftiger Haggis (Innereien mit Haferflocken) und Shortbread anstatt Mecklenburger Götterspeise und Aal in Dillsoße für Ryan Naderi, der vom Drittligisten F.C. Hansa Rostock zum schottischen Erstligisten Glasgow Rangers wechselt und somit für einen Ablöserekord in der 3. Liga sorgt. Von 5,5 Millionen bis 6 Millionen Euro ist in den Medien die Rede – und eine mögliche Ausleihe für die restliche Saison ist auch vom Tisch.

Ryan Naderi im Hansa-Trikot
Ryan Naderi im Hansa-Trikot

Vom Tisch scheint mit dem in sportlicher Hinsicht bedauerlichen Weggang Naderis für manch einen Hansa-Fan auch der angepeilte Aufstieg in die 2. Bundesliga. Ryan Naderi war Dreh- und Angelpunkt. Was er drauf hatte, zeigte er zuletzt beim souveränen 4:0-Auswärtssieg bei den Waldhof-Buben. Seine Vorarbeit zur 2:0-Führung der Rostocker wird sich wohl bei allen eingebrannt haben. Naderi kann beides: Vorbereiten und Vollenden. Kein Wunder, dass die Glasgow Rangers kurz vor Ende des Zeitfensters noch einmal tiefer in die Tasche griffen, um den im Juni 2003 in Dresden geborenen Naderi nach Schottland zu lotsen.

Nun denn, eigentlich wollte ich am heutigen Nachmittag mit einem Rückblick über kalte Extrem-Winter, arg frostige Auswärtsfahrten und eingefrorene Rohre in einer Prenzelberger Altbau-Bude meine ab nun (fast) täglichen Kolumnen hier im turus-Magazin einläuten. Der spektakuläre Transfer von Ryan Naderi von Hansa Rostock zum Rangers Football Club schreit jedoch danach, ein paar Zeilen zu schreiben. Nicht, dass dies bereits genügend Medien taten, vielmehr interessiert mich persönlich, an wie vielen Toren seit der sportlichen Wende in Duisburg Naderi direkt beteiligt war und welche weitere Optionen / Varianten zuletzt zu sehen waren.

Hansa gucken am Stammtisch
Hansa gucken am Stammtisch

Fangen wir also einmal mit dem erkämpften 2:2 in Duisburg an. Unvergessen und bereits ein-, zweimal in meinen Berichten erwähnt, weil es so kurios und wunderschön zugleich war. Nach einem 0:1-Rückstand spielte Benno Dietze den Ball rüber zu Cedric Harenbrock, der zuvor einige Zeit bei Rot-Weiss Essen eine verlässliche Kraft war. Das Leder versprang ein wenig, und neben mir hörte ich bereits den „Paddenwirt“ laut schimpfen. Dann jedoch haute Harenbrock einfach mal aus beachtlicher Distanz den Ball platziert ins Zebra-Gehäuse! Hammer! Ebenso klasse war der 2:2-Ausgleichstreffer von Harenbrock aus dem Getümmel heraus in der 67. Minute. Wieder hatte Dietze die Vorarbeit geleistet.

Beim folgenden souveränen 3:0-Sieg gegen den SV Wehen Wiesbaden machte Ryan Naderi das 1:0 in der 12. Minute, nachdem der Ball von einem Gegenspieler abgeprallt war. Schnell geschaltet – rein das Ding! Das 2:0 machte Jan Mejdr nach Vorarbeit durch Kenan Fatkic, das 3:0 war ein Eigentor von Jakob Lewald. Beim folgenden 4:2-Sieg beim FC Viktoria Köln zeigte sich, wie wichtig Ryan Naderi für den F.C. Hansa war. In Form eines Doppelpacks machte er in der 20. und 24. Minute das 1:0 und 2:0 für die Rostocker klar und legte somit dem Grundstein für den Auswärtssieg. Das 3:1 erzielte Fatkic sehr mustergültig vom Elfmeterpunkt aus, das 4:1 machte Fatkic ohne direkte Vorarbeit aus dem Spiel heraus. 

Hansa-Fans in Regensburg
Hansa-Fans in Regensburg

Vor sagenhaften 24.407 Zuschauern folgte im Ostseestadion ein hart umkämpftes 2:2 gegen den SC Verl. Bei jener Partie war Naderi nicht direkt an den Toren beteiligt. Nach einer Ecke durch Marco Schuster brachte Florian Carstens nach fünf Minuten den Ball unter. Nachdem Hansa Rostock in 1:2-Rückstand geriet war es der Edel-Joker Christian Kinsombi, der in der 70. Minute für Voglsammer ins Spiel kam und in letzter Sekunde in der 90.+7. Minute den frenetischen 2:2-Ausgleichstreffer erzielte. Nach einer weiteren Ecke von Schuster kam er an den Ball und brachte ihn im Nachsetzen unter. Allerdings wurde dieser Treffer offiziell als Eigentor vom Verl-Torwart Schulze gewertet.

SSV Ulm 1846 vs. F.C. Hansa Rostock
SSV Ulm 1846 vs. F.C. Hansa Rostock

Ohne Probleme konnte in der Woche darauf im Donaustadion mit 5:0 beim SSV Ulm 1846 gewonnen werden. Ryan Naderi bereitete das 2:0 von Andreas Voglsammer vor und machte in der Folge die Treffer drei und vier selbst mit dem Kopf. Den Treffer zum 1:0 erzielte Fatkic vom Elfmeterpunkt aus, das 5:0 besorgte Emil Holten, der in Minute 66 ins Spiel kam, in der 81. Minute nach Vorarbeit von Nico Neidhart.

Beim 2:0-Heimsieg gegen Schlusslicht FC Schweinfurt 05 war es Jan Mejdr, der die späten Tore von Marco Schuster und Emil Holten vorbereitet hatte. Naderi ging in jener Partie in der 80. Minute vom Platz, für ihn kam Maximilian Krauß ins Spiel. Beim Auswärtsspiel in Regensburg bereitete Naderi den Rostocker Führungstreffer von Voglsammer nach etwas über einen halben Stunde vor, und nachdem in der 66. Minute Emil Holten für Naderi ins Spiel kam, durfte er unter Beweis stellen, dass er auch einiges kann. Zuerst machte Holten nach Vorarbeit von Harenbrock das 2:0, dann bereitete er kurz vor Schluss den 3:0-Treffer von Kinsombi vor.

Hansa Rostock vs. 1. FC Schweinfurt 05
Hansa Rostock vs. 1. FC Schweinfurt 05

Wieder etwas schwerer taten sich die Rostocker im heimischen Ostseestadion gegen Alemannia Aachen. Nach 0:1-Rückstand war nach einem Handspiel wieder Fatkic am Elfmeterpunkt zur Stelle, in der 90.+5. Minute köpfte Ahmet Gürleyen nach Vorarbeit durch Schuster zum frenetisch gefeierten gefühlten 2:1-Siegtreffer ein, doch dann konnte Ademi in der 90.+7. Minute noch für die „Kartoffelkäfer“ ausgleichen.

Den goldenen Treffer des Tages erzielte Ryan Naderi nach Vorarbeit durch Franz Pfanne in der 53. Minute beim VfB Stuttgart II. Wieder nur ein Unentschieden gab es beim folgenden Heimspiel gegen den 1. FC Saarbrücken. Bereits in der 5. Minute machte Jonas Dirkner, nachdem Voglsammer die Latte getroffen hatte, das 1:0 mit dem Kopf, nur acht Minuten später konnte Hansa-Keeper Benjamin Uphoff einen Elfmeter und den Nachschuss halten, doch im dritten Versuch brachte Rizzuto den Ball zum 1:1 unter. Nach etwas über einer Stunde kam Emil Holten für Naderi ins Spiel, doch blieb es am Ende beim umkämpften 1:1.

Choreo 60 Jahre Hansa Rostock
Choreo 60 Jahre Hansa Rostock

Beim zweiten Heimspiel in Folge sprang endlich mal wieder ein Sieg heraus. Nach der imposanten Choreo auf allen vier Tribünen anlässlich des 60. Geburtstages des F.C. Hansa Rostock war dieser Sieg auch wirklich fällig. Gegen den abstiegsbedrohten FC Erzgebirge Aue wurde dieser Sieg allerdings kein Selbstläufer. Aber jenes Spiel bekam ein phantastisches denkwürdiges Sahnehäubchen! Kein geringerer als Ryan Naderi war es, der in allerletzter Sekunde nach Vorarbeit von Nico Neidhart den Ball direkt nahm und irgendwie zum 2:1 unter die Latte setzte! Sensationell! Ebenso klasse war jedoch auch der Treffer zum zwischenzeitlichen 1:0 in der 44. Minute! Über die linke Außenbahn schickte Naderi seinen Mitspieler Viktor Bergh, dieser spielte rüber zum bereitstehenden Jonas Dirkner, und dieser brachte den Ball sehr cool im Gehäuse unter.

Hansa-Fans in Mannheim
Hansa-Fans in Mannheim

Beim eingangs erwähnten 4:0-Erfolg beim SV Waldhof Mannheim bereitete Ryan Naderi mal eben die drei Tore von Dirkner, Voglsammer und Holten vor, den 4:0-Gewaltschuss von Christian Kinsombi bereite in der 85. Minute Cedric Harenbrock vor. Mega war in dieser Partie auch der Treffer zum 1:0 nach 12 Minuten von Jonas Dirkner. Alter Schwede! Einfach mal von der Strafraumgrenze abgezogen und unter die Latte gesetzt! Ja, es war der Treffer, bei dem sich der Magenta-Kommentator nicht mehr einkriegte: „Der sitzt! Der sitzt wie! Wie er sitzt!“ 

Und ja, genau diese Treffer machen Hoffnung für den weiteren Saisonverlauf! In der Mannschaft des F.C. Hansa Rostock gibt es einige Spieler, die Partien entscheiden und / oder einfach mal maßgerecht abziehen können. Der Knaller von Harenbrock in Duisburg und der Knaller von Dirkner in Mannheim zeigten: Es muss nicht mehr gefühlt tausendmal hin- und hergespielt und die Verantwortung lieber auf andere abgegeben werden. Abziehen! Vollenden! Keine Bange, sondern Selbstvertrauen haben.

Hansa Rostock vs. Erzgebirge Aue 2:1
Hansa Rostock vs. Erzgebirge Aue 2:1

So immens wichtig Ryan Naderi für Hansa Rostock auch war, der Kader ist weiterhin erster Güte. Meine persönliche Hoffnung ist Adrien Lebeau, der aufgrund einer Verletzung in der laufenden Saison noch nicht allzu oft spielen konnte. Fünfmal kam er bislang im Ligabetrieb zum Einsatz, insgesamt 193 Minuten stand er bislang auf dem Platz. Im Geiste hängen blieb mir eine von ihm getretene Ecke, bei der die Eckfahne wackelte und im weiteren Verlauf zu einem Treffer führte. So wollen wir Lebau sehen! 

Und was den wirtschaftlichen Aspekt betrifft, so können wir allesamt froh sein, dass die Kogge inzwischen in ruhigeren Gewässern schwimmt. Unvergessen die finanziellen Schräglagen nach dem Abstieg aus der 2. Bundesliga im Sommer 2012 und im späteren Verlauf im Zeitraum 2014 bis 2016. Finanziell und auch sportlich (2015 quasi sportlich bereits in die Regionalliga abgestiegen und nur Dank Erfurts Sieg gegen Unterhaching die Klasse gehalten) drohte schwerer Schiffbruch, umso erfreulicher, wenn unser Verein aktuell für solch tolle Schlagzeilen sorgen kann. Viel Glück in Glasgow, Ryan!

Zu Gast in der Roten Erde
Zu Gast in der Roten Erde

Anmerkung: Ab morgen schreibe ich dann wie geplant meine Kolumnen über die große bunte Fußballwelt und eingefrorene Rohre. Wer mich / uns unterstützen möchte – wir bleiben auch weiterhin eine werbefreie Seite -, der darf gern eines meiner Fußballbücher erwerben! Schaut einfach im turus-Shop oder direkt auf meiner persönlichen Webseite vorbei! Ahu!

Fotos: Bildagentur frontalvision.com, Heiko Neubert, Jochen S., Marco Bertram

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4 Gedanken zu „Ryan Naderi: Von Rostock nach Glasgow – Shortbread statt Götterspeise“

  1. Ich schätze mal, daß am Ende der Saison Cotbus es schaffen wird. Dazu tippe ich auf Essen als direkten Aufsteiger. Rostock spielt in der Relegation gegen Dresden…

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