Sind wir ehrlich: Der vor drei Wochen noch greifbare Aufstieg in die 2. Bundesliga kann zu den Akten gelegt werden. Das ursprüngliche Saisonziel von Rot-Weiss Essen war zwar nicht der Aufstieg, aber wenn man oben schon einmal dran schnuppert… Vor dem 34. Spieltag sah es noch gut aus. Vier Punkte vor Platz drei, dann kam das Spiel von RWE in Cottbus. Okay, spektakulär nach 70 Spielminuten abgeschenkt. Kann passieren, darf aber nicht. Mund abwischen, weiter machen. Aber denkste: Was dann folgte, damit war nun wirklich nicht zu rechnen.

Vor zwei Wochen gegen Saarbrücken ging man in Führung, um dann trotz vieler Chancen als Verlierer vom Platz zu gehen. Platz drei war dann immer noch gesichert. Aber es kam noch schlimmer. Nicht nur verlor man gegen die zweite Mannschaft vom VfB Stuttgart, man versaute sich auch das Torverhältnis. Ja, Stuttgart spielte wettbewerbsverzerrend mit dem 7,5-Millionen-Euro-Profi-Neuzugang Jeremy Arevalo, der Essen mit drei Toren nahezu im Alleingang auseinandernahm, aber er allein war nicht der Grund für den „Schlag in die Fresse“ der 3.000 mitgereisten Fans. Falsche Taktik, überforderter Trainer und ebenso überforderte Spieler. Das Spiel war das Ende aller Zweitligaträume – vorerst, denn der letzte Spieltag schürte bei manchen noch einmal ein paar kleine Hoffnungen.
Erst ließ Duisburg Freitags Punkte beim Absteiger Aue liegen, wobei auch ein Sieg für die Veilchen drin gewesen wäre, dann legte Rot-Weiss Essen selbst nach. Sieg gegen den Angstgegner SC Verl. Der erste Dreier seit zehn Jahren – und das vor knallvoller Hütte (19.517 Zuschauer), bei der der Gästesteher erstmals auch komplett ausverkauft an RWE ging. Die 500 mitgereisten und gut gelaunten Verler Fans nahmen im Sitzplatzbereich Platz.

Aber schon fünf Stunden vor dem Anpfiff sangen sich die RWE-Fans warm. In der altehrwürdigen Dubois-Arena, wo man schon im vergangenen Jahr ein Warm-up zum Saisonfinale machte, ging es heiß her. Erstaunlich: Trotz der sportlichen Situation kamen weit mehr Fans zum Einsingen als im vergangenen Jahr. Gut 2.000 bis 3.000 waren es am Ende. Die Capos wollten eine kurze Rede halten, kamen aber gar nicht dazu, denn die Fans auf den Rängen überstimmten sie mit beeindruckender Lautstärke. 30 Minuten Dauersupport mit ordentlich Rauch und farbenfrohen Fackeln. Gänsehaut. Wir haben ein Video dazu auf unserem YouTube-Kanal:
Die gute Stimmung übertrug sich ins Stadion. Es wurde teilweise richtig laut. So kann man nur erahnen, welche „Wucht“ das Stadion bei den bald geschlossenen Ecken aufs Spielfeld bringen kann. Sportlich ist der SC Verl immer ein sehr unangenehmer Gegner. Jedes Jahr – egal wie schmerzvoll die Abgänge waren – steht immer eine sehr gute Truppe auf dem Platz und ist immer sehr schwierig zu bespielen, so auch an diesem Spieltag. Aber RWE hatte ordentlich etwas gutzumachen und spielte trotz personeller Probleme einen guten Ball. Viele waren überrascht über die Aufstellung von Gianluca Swajkowski, aber hier hatte der Mann der vielen Worte, Trainer Uwe Koschinat, ein gutes Händchen. So war es Gianluca Swajkowski, der in der 50. Spielminute mit einem sehenswerten Treffer den 1:0-Sieg ermöglichte.

Ein Spiel ist noch zu gehen und das Ziel ist es, Platz vier und damit die Qualifikation für die erste Runde des DFB-Pokals zu erreichen. Beim schon abgestiegenen SSV Ulm muss man weitermachen und darf nicht das Gesicht aus dem Spiel gegen Stuttgart II zeigen. Theoretisch gibt es eine „Mini-Aufstiegschance“. Aber realistisch gesehen ist der Aufstiegszug trotz der aktuell 67 Punkte abgefahren, da man es aufgrund des miserablen Torverhältnisses nicht mehr in der eigenen Hand hat.

Energie Cottbus mit 69 Punkten auf Platz zwei gastiert in Regensburg und das wird sich das Team um Claus-Dieter Wollitz wohl nicht mehr nehmen lassen, zumal die teilweise überdrehte Schiedsrichterkritik-Taktik des Trainers aufgegangen zu sein scheint und man sicherlich auch in Regensburg wohlwollende Entscheidungen zugunsten von Cottbus sehen wird. So wie in den letzten Wochen: Sowohl bei den Spielen in Osnabrück (nicht gegebene Karten) als auch zu Hause gegen Essen und Wiesbaden (keine Elfmeter und Platzverweise) kam es zu Fehlentscheidungen, von denen Energie profitierte. Aber das ist nicht der Grund warum Cottbus auf dem Sprung in die zweite Liga steht, sondern die starke sportliche Leistung des Klubs in den letzten Jahren. Und wenn es dann so kommt, dann haben sie es sich einfach ehrlich verdient.

Bliebe noch der MSV Duisburg, der den Schwung aus der Regionalliga West mitgenommen hat und kurz vor dem Durchmarsch in die 2. Bundesliga steht. Eine starke Leistung. Duisburg und Essen sind punktgleich (67 Zähler), aber die Zebras haben ein um sechs Tore besseres Torverhältnis. Das ist nicht aufholbar. RWE kann nur noch auf einen Ausrutscher des MSV hoffen. Aber das wird wohl nicht passieren. Der MSV ist zu Hause ultrastark: Keine Heimniederlage in dieser Saison und nur vier Unentschieden. Dazu kommt mit Viktoria Köln eine Mannschaft, die die Saison langsam austrudeln lässt und am vergangenen Spieltag zu Hause von Aachen unter die Räder genommen wurde. Dazu hat Viktoria Köln ein starkes Interesse daran, dass der MSV Duisburg in die 2. Bundesliga aufsteigt. Bekommt man doch dann noch eine 75.000-Euro-Nachzahlung für den im Januar nach Duisburg gewechselten Lex-Tyger Lobinger. Geld, das die Viktoria sicher gut gebrauchen kann. Ja, das hat ein Geschmäckle, aber so ist das.

Für Rot-Weiss Essen heißt es jetzt: Fokus auf Ulm und mit mindestens einem Unentschieden Platz vier sichern. Nicht das man diesen Platz noch an den F.C. Hansa Rostock verliert. Sollte doch mehr herausspringen, dann ist man natürlich auch noch für zwei weitere Spiele bereit – egal gegen wen und wo.
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